Interview: Jasper Fforde
 
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Interview mit Jasper Fforde

Und nächsten Donnerstag ein anderes Buch - zwischen den Seiten des Jasper Fforde

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Die Gefahr für die Welt ist übergroß: Eine junge Spezialagentin ändert leichtfertig das Ende von Jane Eyre! Ein Happy-End!

Dabei handelt es sich nur scheinbar um unsere Welt, die da zugrunde gerichtet wird. In einer gar nicht so parallelen Parallelwelt haben Bücher eine andere Bedeutung, ist Lesen wichtiger, als ein Kinobesuch oder Computerspiele. Für die bibliophile Gesundheit der Gesellschaft sind Spezialagenten zuständig, deren entzückendste Vertreterin Thursday Next ist. Sie schlittert durch die Seiten der verschiedensten Bücher, erlebt Abenteuer in Raum und Zeit, die das Gefüge des Kosmos erschüttern und aus dem Leser einen Sklaven ihrer Kapitel macht.

Man sollte den hinterlistigen Erfinder dieses Gräuels zur Rechenschaft ziehen.

Genau das haben wir getan!

Lest, was der Übeltäter zu seiner Rechtfertigung zu sagen hat und blättert in den Rezensionsakten der beider ersten Bücher:

 

Interview mit Jasper Fforde

Übersetzerin: Inge Lütt

 

FantasyGuide: Hallo, Mr. Fforde! Danke für Ihre Bereitschaft, unsere Fragen zu beantworten. Bitte stellen Sie sich doch einmal vor - Wer steckt hinter Jasper Fforde?

 

Jasper Fforde: Es steckt niemand dahinter. Ich fürchte, was Sie sehen, ist, was es gibt. Alles, was ich bin, und alles, wofür ich mich interessiere, ist mein Schreiben – von den intellektuellen Betrachtungen über klassische Belletristik bis zu den Furzwitzen und den Kämpfen mit den Untoten.

 

FantasyGuide: In Deutschland denken die meisten an Ihren Prinzen, wenn sie von Wales hören. Was müssen wir über Ihr Land wissen, was ist sein besonderer Reiz?

 

Jasper Fforde: "Prince of Wales" ist der Titel, der traditionell dem Thronfolger verliehen wird. Da Wales im 13. Jahrhundert unterworfen wurde, empfand man das früher als heftige Beleidigung. Heute reicht die Gefühlsskala von ambivalent bis zum glühenden Royalismus. Wales ist ein ausnehmend schönes Land – gebirgig und zu gewissen Zeiten unfruchtbar, aber saftig und grün, sobald der Sommer kommt – und das feuchte Wales kriegt all den Regen vom Atlantik ab, den die Iren verschmäht haben.

 

FantasyGuide: "Die Volksrepublik Wales" – ist das ein Witz, oder steckt mehr dahinter?

 

Jasper Fforde: Es ist eigentlich ein Witz, obwohl einige betonen werden, dass Wales eine Sozialistische Republik ist – wir haben es den Engländern nur noch nicht mitgeteilt.

 

FantasyGuide: Sie verwenden in Ihren Büchern auffallende Namen wie Schitt-Hawse oder Walken & Deadman. Ist es schwer, solche Namen zu finden, oder haben Sie dafür eine besondere Begabung?

 

Jasper Fforde: Die britische Literatur pflegt eine lange Traditionslinie ulkiger Namen, seit Shakespeare, Swift, Dickens und Sheridan. Ich führe diese Tradition lediglich weiter. Wenn ein Name so klingt, als ob er einer sein könnte, es aber ganz deutlich nicht ist, dann benutze ich ihn gern. Solche Namen fassen auch den Charakter des Protagonisten zusammen – manchmal jedenfalls.

 

FantasyGuide: Der enorme Wortwitz Ihrer Bücher kommt bei uns über den Umweg einer Übersetzung zum Tragen. Kennen Sie Ihre deutschen Übersetzer, Lorenz und Joachim Stern? Wie wichtig ist Ihnen überhaupt eine adäquate Übersetzung Ihrer Werke?

 

Jasper Fforde: Ich kenne die Übersetzer nicht. Manchmal ist das hilfreich, manchmal nicht. Ich werde es nie wissen, ob die Übersetzung etwas taugt oder nicht, weil ich absolut kein Deutsch kann. Ein Schriftsteller muss auf die Urteilskraft der Lektoren und Übersetzer vertrauen – schließlich wollen auch sie das bestmögliche Buch.

 

FantasyGuide: Mit ihren Büchern sind sie ein Botschafter der britischen Literatur. Ist die "Welt der Thursday" in dieser Sache ein erreichbares Ideal?

 

Jasper Fforde: Das war so nie geplant. Die ganze Angelegenheit begann damit, die britischen Klassiker bei allem Respekt ein bisschen zu verulken. Sie gelten hier als etwas verstaubt und als etwas, das man nur zu Studienzwecken liest, niemals zum Vergnügen. Wenn ein paar Leute "Jane Eyre" oder "Große Erwartungen" aus Neugier in die Hand nehmen, wird meine Arbeit nicht vergebens gewesen sein.

 

FantasyGuide: Leseförderung durch leichte Unterhaltung – auch mich haben sie dazu verlockt, Jane Eyre zu lesen. Schreiben Sie nur, um Ihre Lieblingsbücher bekannt zu machen? Was können wir da noch erwarten?

 

Jasper Fforde: Der dritte Band wird sich an ein paar sachdienlichen Fragen hinsichtlich "Sturmhöhe" versuchen und der vierte stellt diesen verwirrten Dänen Hamlet ins Rampenlicht.

 

FantasyGuide: Ein wichtiges Detail Ihrer Bücher ist der sarkastische Zank mit dem Goliath-Konzern. Am Ende von Band 2 deuten Sie an, dass es auch in der wirklichen Welt einen "Goliath" gibt. Ist das eine allgemeine Globalisierungskritik oder meinen Sie bestimmte Firmen?

 

Jasper Fforde: Goliath ist viel schlimmer als irgendein Konzern, der mir einfällt. Ich glaube, es ist ziemlich zwecklos, gegen Konzerne zu zetern. Wenn wir alle sie nicht schweigend guthießen, gäbe es sie nicht. Die Macht, die wir mit unserer Konsumentscheidung ausüben können, dürfte wohl größer sein als unsere Wählerentscheidung. Wir könnten den mächtigsten Konzern innerhalb eines Monats in die Knie zwingen, wenn wir seine Produkte boykottierten – aber wir tun es nicht, also nehme ich an, dass die meisten Leute die Konzerne gutheißen.

 

FantasyGuide: Mycroft ist das Vorbild eines genialen Wissenschaftlers, der die Welt mit seinen Erfindungen zerstört. Haben Sie noch Hoffnung für die Menschheit?

 

Jasper Fforde: Hoffnung gibt es immer. Ich hoffe nur, dass wir wieder zu Verstand kommen, bevor wir den Planeten getoastet haben. Letztendlich ist es gleich. Der Planet wird uns überleben. Ich beklage nur all das verlorene Wissen und die Kunst, die wir in diesen wenigen tausend Jahren an Mord und Blutvergießen zustande gebracht haben.

 

FantasyGuide: Die Storyline ihrer Bücher ist sehr komplex, es gibt nichts Unwichtiges und jedes Detail trägt zum Ganzen bei. Haben sie eine festgelegte Storyline, wenn sie mit der Arbeit beginnen? Oder fällt Ihnen das Meiste beim Schreiben ein?

 

Jasper Fforde: Nein, ich fange einfach an zu schreiben und schaue, was passiert. Während meine Leser nicht wissen, was als Nächstes passiert, habe ich erst recht keine Ahnung. In der ersten Fassung enthalten meine Bücher im Allgemeinen sehr viel mehr. Die zweite Fassung dient dann dem Kantenversäubern, damit das Buch weniger verwirrend ist.

Mir fallen Ideen sozusagen aus dem Stegreif ein. Oft schreibe ich das ganze Buch komplett um, kurz bevor es fertig ist, einfach weil ich einen neuen und besseren Einfall habe.

 

FantasyGuide: Nun gut. Lassen Sie uns über ihre Vorbilder und stilistischen Einflüsse sprechen. Ich glaube, Sie mögen Terry Pratchett und Douglas Adams. Stimmt das? Oder haben Sie andere Idole?

 

Jasper Fforde: Ich habe Pratchett nie gelesen. Adams war eine Inspiration, aber nie jemand, den ich als Idol beschrieben würde.

Wenn Sie meine Bücher lesen, sehen Sie, dass da eine Menge Einflüsse von überall her kommen. Die Klassiker, Science Fiction, Fernsehen, Filme, Bücher, Radio, Monty Python, Sitcoms – alles. Wenn es mir gefällt, packe ich es ins Buch. Ich las einmal ein Buch über den "Angriff der Leichten Brigade"* und entschied mich, sie auch zu verwenden.

 

FantasyGuide: Können Sie uns sagen, wann "Something Rotten" und "The Well of Lost Plots" in Deutschland veröffentlicht werden?

 

Jasper Fforde: Das weiß ich nicht. "Well of Lost Plots" ist gekauft. Es wird wohl in diesem Jahr erscheinen. Bei "Something Rotten" sind wir noch nicht sicher.

 

FantasyGuide: Ihre Homepage bietet jede Menge Artikel und Speziales über und um Thursday. Fürchten Sie, dass Kritiker oder Fans hoffen, Sie würden sich auf nur einen Teil ihres Oeuvres beschränken?

 

Jasper Fforde: Es ist ein großer Teil meines Oeuvres, sicher – aber nicht der einzige. Ich hab noch eine ganze Menge Bücher in mir und hoffe, dass Fans und Kritiker mir treu bleiben, wenn ich von Thema zu Thema wechsle.

 

FantasyGuide: Was können wir in der nächsten Zeit erwarten? Haben Sie Ihr neues Buch abgeschlossen? Und was können Sie uns über den nächsten Top-Ten-Bestseller erzählen?

 

Jasper Fforde: Das nächste Fforde-Buch wird "The Big Over Easy" heißen und im Juli 2005 in England erscheinen. Es ist ein Krimi, mit Humpty Dumpty als Mordopfer. Es war das erste Buch, das ich versuchte, veröffentlichen zu lassen, vor zehn Jahren. Und nun hat es einen Herausgeber gefunden. Komisch, wie die Sachen manchmal ausgehen.

 

FantasyGuide: Herzlichen Dank für die freundlichen Auskünfte. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft. Danke!

 

* (Anm. d. Übersetzerin: Krimkrieg, Schlacht bei Balaclava, am 25. 10 1854)

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240227202335db887697
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Erstellt: 08.07.2005, zuletzt aktualisiert: 16.10.2023 21:13, 526