Interview: Michael Szameit – Von Hölzchen auf Stöckchen Teil 1
 
Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Von Hölzchen auf Stöckchen – Teil 1

Interview mit Michael Szameit

 

von Ralf Steinberg

 

Die folgenden Seiten sind transkribierte Auszüge von einem Zwei-Stunden-Mittschnitt.

 

Ich traf Michael Szameit 2011 auf seinem Boot in Zeuten. Nach einer sehr herzlichen Begrüßung, schaltete ich das Diktiergerät ein und begann mit der ersten Frage von meinem Zettel – das letzte Mal während dieses Gesprächs, das immer wieder von Hölzchen auf Stöckchen führte, wie er es selbst nannte …


 

Fantasyguide: Ist Drachenkreuzer Ikaros ein Perestroika-Roman? Gab es eine Zensur bei der Veröffentlichung des Romans?

 

Michael Szameit: Wir haben im Prinzip Selbstzensur geübt. Jeder; es gab natürlich auch welche, die vollkommen unpolitisch geschrieben haben.

Was mich regelrecht erschüttert hat: In meiner Stasi-Akte stand zum Thema Staatsfeindliche Äußerungen in etwa »Was Szameit schreibt, hält sich in den Grenzen des Tolerierbaren.«

Als ich das gelesen habe, war ich fix und fertig. Ich Idiot hätte noch mehr machen können! Denn ich hatte das auch schon anders erlebt. Mit »Das Geheimnis der Sonnensteine«. Als das veröffentlicht werden sollte, ist ein paar Wochen vorher Breschnew gestorben. In dem Buch ist alles nicht so politisch. Da wird ein bisschen der Konflikt zwischen Alt und Jung thematisiert und da kam dann der Cheflektor vom Neuen Leben zu mir und sagte »Michael, das können wir nicht machen. Entweder du musst das jetzt drastisch überarbeiten oder wir können es so nicht veröffentlichen. Das geht jetzt nicht.« Ich war dann ein bisschen bockig und hab gesagt »Nö, dann eben nicht!« Da sagte mein Lektor, der Helmut Fickelscherer: »Pass auf Micha, ich mach das.«

Dann hatte er nach eigenen Bekunden so um die hundert- oder zweihundertmal, das weiß ich jetzt nicht mehr genau, das Wörtchen alt herausgestrichen. Aber wie ich dann festgestellt habe, ich hatte das offensichtlich so redundant geschrieben, dass es die Geschichte nicht beschädigt hat. Dann ist es halt doch erschienen. Aber das war für mich ein Signal dafür, wie sensibel auf manche Dinge reagiert wird, deshalb ging ich auch davon aus, dass ich die Grenze erkannt hätte, bis zu der man ging. Aber hab ich nicht! Man hätte viel mehr machen können!


Fantasyguide: Dabei sind die Angriffe auf die Stasi im »Drachenkreuzer« so deutlich, allein MOBS (Medizinischer Observationsdienst) …

 

 

Michael Szameit: Na eben! Ich hatte ja auch noch überlegt, wie kann ich eine verächtliche Bezeichnung finden, die etwa dem »Bulle« gleicht oder »Cop«, obwohl Cop ist ja eigentlich nicht so verächtlich. Bis ich auf diese Konstruktion mit dem M O B S gekommen bin, kann man, glaub ich, nachvollziehen, dass der Volksmund das aus den Mops macht.

 

Fantasyguide: Eigentlich ist das auf den ersten beiden Seiten schon definiert.

 

Michael Szameit: Entweder hat’s niemand begriffen …

Wobei, es könnte sein …

Der Cheflektor Walter Lewerenz hat einmal durchblicken lassen, ich hätte einen Gönner in der HV (Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV) im Ministerium für Kultur der DDR, eine literaturpolitische Superbehörde – Anm. der Red.). Er wollte sich dazu, verständlicher Weise, auch nicht weiter äußern, aber er sagte, »Da ist dir jemand sehr wohl gesonnen.«

Ich habe nicht rausgekriegt, wer es war, auch nach der Wende nicht. Aber ich hab so eine Ahnung, vielleicht war es sogar der Höpcke persönlich (Klaus Höpcke, 1973 bis 1989 stellv. Minister für Kultur und Leiter der HV, der »Bücherminister« und damit oberster Zensor – Anm. der Red.).

Denn da hatte ich mal etwas sehr seltsames erlebt. Ich bin davon ausgegangen, dass der überhaupt nicht weiß, wer ich bin. Aber wir hatten einmal eine Veranstaltung in Cottbus. Da sind wir zusammen im Fahrstuhl im Hotel nach oben gefahren und ich habe einfach mal so flapsig, als ich vor ihm aussteigen musste gesagt: »Tschüss Chef!« Und er: »Wiedersehen, Herr Szameit!« Oh Gott!, dachte ich. Das war jetzt nicht Eitelkeit oder so. Im Gegenteil, ich habe eher einen Schrecken gekriegt. Ich dachte, meine Güte der kennt mich. Damals hatte ich das aber noch nicht im Zusammenhang mit der Bemerkung von Lewerentz gebracht, dass ich einen Gönner in der HV hätte, denn dass der »Drachenkreuzer« so ohne jede Beanstandung durchgegangen ist, hat mich auch überrascht.


Fantasyguide: Ich hatte vermutet, dass der Roman gerade diese fröhliche Perestroika zeigt. Ich habe überlegt, was bei mir damals gerade aktuell war, das war Der Tag zieht den Jahrhundertweg und Die Richtstatt von Tschingis Aitmatov. Das waren ziemlich offene Texte und da hatte man das Gefühl, dass gerade die Öffnung beginnt, 1987.

 

Michael Szameit: Ja und nicht jeder hat sich so explizit zu erkennen gegeben, der an dieser Öffnung beteiligt war.

 

Fantasyguide: So große Verhärtungen kamen ja eigentlich erst dann wieder 89, als die Ausreisen begannen. Da wurde dann der Sputnik verboten.

 

Michael Szameit: Ja, das war auch die Zeit, wo mir in einer Fernsehsendung das Wort abgewürgt wurde, gerade als ich anfangen wollte, über Perestroika und Glasnost zu reden. Das war zu Beginn einer Kindersendung, zu der ich eingeladen worden bin und ich hatte, das war vielleicht der Fehler, in einer Lesung vorher gesagt, dass ich die Chance nutzen werde. Dass ich da mal was zu Gorbi sagen werde.

Ich war sehr aufgeregt. Weil ich immer auf die Chance gewartet habe. Ich hatte mir auch was zurecht gelegt. Ich wusste ja, es kommt die Frage: »Wie kommen Sie auf ihre Einfälle und Ideen?« Die kommt in jeder Lesung und jeder Veranstaltung und die wollte ich zum Anlass nehmen, um über diese Frage auf Gorbatschow und alles drum herum zu sprechen zu kommen. Und als es soweit war und ich das erste Mal das Wort Perestroika oder Glasnost in den Mund nahm, da fiel mir auf einmal der Moderator ins Wort und hat mich abgewürgt, aber wie! Dermaßen rigide und das hat mich so überrascht und ich war so perplex – ich konnte nicht reagieren. Das war es dann. Na ja, der hat das gewusst, ich glaube nicht, dass der so schnell reagiert hat. Der war vorbereitet. Der hat so, so wie ich auf mein Stichwort gewartet habe, hat der darauf gewatet, dass ich anfange, nehme ich mal an. Das war eine schlimme Zeit!

 

Fantasyguide: Gab es denn grundsätzlich Eingriffe in das Buch?

 

Michael Szameit: Nein, also da erinnere ich mich jetzt, was den »Drachenkreuzer« angeht, an nichts.


Fantasyguide: Ich war wieder fasziniert, wie offen doch das Buch ist. In viele Richtungen.

 

Michael Szameit: Da hat mal jemand eine Rezension auf Amazon veröffentlicht, über die ich mich sehr gefreut habe. Da habe ich mich sogar ein bisschen geschmeichelt gefühlt. Der Autor hat es auf den Punkt gebracht. Der hat gesagt, dass er nicht verstehen kann, wie das alles durchgegangen ist, weil es lauter Themen waren, die in der DDR nicht en vogue waren. Hedonismus, die politischen Geschichten sowieso und Homosexualität und solche Sachen. Ich muss ganz ehrlich sagen, so bewusst ist mir das beim Schreiben gar nicht gewesen, dass ich da einige heilige Kühe geschlachtet oder zumindest angespuckt habe.


Fantasyguide: Gerade was die Homosexualität betrifft, ich glaube das ist der erste oder einzige SF-DDR-Roman.

 

Michael Szameit: Nein! »Der Glanz der Sonne Zaurak« war ja früher und da ist der Chefnavigator schwul.

Für mich war das eigentlich nicht so spektakulär, vielleicht liegt das daran, dass ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis auch den einen oder anderen Schwulen hatte so war das für mich normal. Wobei das damals alles ein bisschen anders war als heute. Man hat es gewusst, man hat aber auch nicht darüber geredet und das habe ich nicht mit irgend einem Hintergedanken und mit Kalkül gemacht. Es war einfach so.

 

Fantasyguide: Im »Drachenkreuzer« hingegen verstärkt der Elloraner die Beziehungsprobleme.

 

Michael Szameit: Ja, den habe ich ja gebraucht. In diesem Falle habe ich einen Schwulen wirklich gebraucht, um den Konflikt noch zu vertiefen. Das Anderssein habe ich in diesem Falle gebraucht. Die Mungos waren ein Symbol für das Anderssein und das Anderssein war ein Symbol für das Andersdenken. Es ging um den Konflikt, es war für mich sehr politisch, stark verfremdet, aber sehr politisch. Wie geht man mit Andersdenkenden um. Anderssein und Andersdenken kann man fast synonym füreinander verwenden. Und da habe ich dann den Marek ganz bewusst als Schwulen eingesetzt und handeln lassen, weil ich den Konflikt auch noch von einer etwas anderen Seite und einem anderen Aspekt des Andersseins beschreiben wollte.

Aber andererseits, wie gesagt, für mich gehört es zum Leben einfach dazu, dass es auch Andersseiende gibt, mit denen man normal umgehen muss, was unser System halt nicht konnte. Woran es ganz sicher auch gescheitert ist, auch daran.


Fantasyguide: Du hast mit dem MOBS und mit der Idee der moralischen Optimierung ein bisschen versucht eine Idee zu schaffen, man könne theoretisch auch die Gesellschaft verändern. Man könne was verbessern. Das war ja auch die grundsätzliche Stimmung als die Mauer fiel. Die Leute wollten ja nicht unbedingt übertreten zur BRD, die wollten eine andere DDR haben.

 

Michael Szameit: Davon ging ich aus. Auch ich war in Leipzig involviert Zum Teil schmerzhaft und ich bekenne mich dazu, ich hatte nicht die Abschaffung des Systems auf dem Zettel, sondern die Reformierung. Ich hatte damals tatsächlich geglaubt, es war ein sehr blauäugiger Glaube, inzwischen wissen wir es. Aber ich hatte wirklich geglaubt, man könnte das System reformieren, man könne es auf die Ideale verpflichten, die es für sich immer beansprucht hat. Die aber ständig verraten wurden. Ich dachte es ginge, deshalb war ich auch ein bisschen schockiert, als die schöne Revolution dann von denen aus den Händen genommen wurde, die aus »Wir sind das Volk« gemacht haben »Wir sind ein Volk«. Das war der Augenblick, wo ich sehr deprimiert war.

 

Fantasyguide: Sind wir jetzt nicht in einer ähnlichen Situation. Wir haben ja auch politische Ideale, die verraten wurden.

 

Michael Szameit: Ja wir sind vom Regen in die Traufe gekommen. Es geht uns lediglich ein bisschen besser. Das ist alles.


Fantasyguide: Könnte man da nicht auch wieder so ein Buch wie den »Drachenkreuzer« machen?

 

Michael Szameit: Nein. Das will heutzutage keiner mehr lesen. Also keinen Science-Fiction-Roman, der sich so einem Thema widmet. Glaube ich nicht. Außerdem gibt es die Klassiker.

 

Fantasyguide: Siehst Du Dich denn als Klassiker?

 

Michael Szameit: Nein, ich sehe mich nicht als Klassiker. So unbescheiden bin ich nicht. Aber 1984 ist zeitlos, ist auf jedes System, das ich kenne, anwendbar. Im Gegenteil ich finde sogar das wir wesentlich intensiver in »1984« leben als damals in der DDR und Huxley, zweifellos auch ein Klassiker. Sehe ich genauso, obwohl Huxley wirklich den Kommunismus auf dem Zettel hatte mit seiner Beschreibung, mit seinem Gesellschaftsmodell, das er da persifliert.

 

Fantasyguide: Das ist ja dann eigentlich demotivierend, wenn man sich sagt, die wichtigen Romane sind schon geschrieben. Da kann man nichts draufsetzen.

 

Michael Szameit: Nein, auf die beiden kann man keinen draufsetzen, finde ich. Aber das soll ja nicht der Grund sein, so etwas nicht zu schreiben. Nein, aber es findet sich kein Publikum mehr für solche ambitionierten Themen!


Fantasyguide: Kein Publikum oder gibt es dafür keinen Verlag?

 

Michael Szameit: Beides. Das mit den Verlagen hat sich erledigt, weil man jetzt eBooks veröffentlichen kann. Jeder Depp kann jetzt ein eBook veröffentlichen.

Was so etwas wie ein zweiseitiges Schwert ist, weil der Markt jetzt von billigstem, trivialstem Unfug geflutet wird. Sodass anspruchvolle Literatur immer weniger Chancen hat, überhaupt wahrgenommen zu werden. Zumindest auf dem eBook-Sektor.

 

Es gibt ein sehr schönes Buch von Thomas Wieczorek Die verblödete Republik. Dringend zu empfehlen. Ich empfehle selten Bücher, weil ich auch nicht mag, wenn mir ständig Bücher empfohlen werden. Denn so viel kann man gar nicht lesen, wie einem empfohlen wird.

Aber den Wieczorek musst du einfach mal lesen. »Die verblödete Republik« – der Titel ist ein bisschen unglücklich gewählt, weil der suggeriert eher oberflächliche Auseinandersetzungen mit dem Thema. Ich habe lange, lange kein Buch mehr gelesen, bei dem ich auf jeder Seite in schallendes aber bitterböses Gelächter ausgebrochen bin. Also den empfehle ich unbedingt und uneingeschränkt und unrelativiert. Der hat das auch sehr gut herausgearbeitet, wie über Jahrzehnte hinweg, zielgerichtet, dieses Volk verblödet wird. Und da arbeiten Politik, Medien, Werbung und weiß der Teufel, wer noch alles, Hand in Hand.

Ganz allgemein, die Zielrichtung ist klar: Man will den Untertan, den richtigen klassischen Untertan, der artig sein Kreuzchen macht, nach Möglichkeit noch da, wo die Medien ihm das suggerieren. Der soll nicht gebildet sein, denn gebildete Menschen sind demokratiefähig. Und eine Demokratie kann mit demokratiefähigen Menschen überhaupt nichts anfangen. Ich glaube Churchill war es, der sagte: »Demokratie ist gut, um an die Macht zu kommen, aber nicht, um an der Macht zu bleiben.« (Zitat ohne Beleg – Anm. der Red.)

Der hat, obwohl ich ihn nicht leiden kann, viele gute Dinger gesagt.

Er hat auch gesagt:»Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.« Hat er auch Recht, der Bursche.

Ich würde sagen, Phase Eins ist abgeschlossen: Das Volk ist so verblödet, dass man es mit anspruchsvollen Gedanken, ich will jetzt nicht nur von Literatur reden, kaum noch erreicht. Das kann fast schon zu einer Schreibhemmung führen, wenn man das ständig vor Augen hat.

Um mal wieder zu unserem Thema Science-Fiction zurückzukommen, ein sehr gutes Bespiel dafür sind auch diese an Billigkeit und Fantasielosigkeit nicht zu überbietenden – oder sollte ich vielleicht sogar sagen: zu unterbietenden – Serien, Fernsehserien wie Stargate oder Kampfstern Galactica. Es ist ja entsetzlich, was den Leuten da zugemutet wird.


weiter zum zweiten Teil unseren Interviews

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 2024022723450459edd96c
Platzhalter

Das Michael Szameit Interview

Teil Eins

Teil Zwei

Buch:

Planet der Windharfen

Reihe: Das neue Abenteuer 441

Verlag Neues Leben, 1983

Heft, 31 Seiten

Cover und Illustrationen: Reiner Schwalme

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 2024022723450434f460f2
Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 21.10.2014, zuletzt aktualisiert: 16.10.2023 21:13, 13741