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Leseprobe: Ischtar - Das Volk der Nacht Bd.15

Ischtar

Titel: Ischtar

Autor: Uwe Voehl

Reihe: Das Volk Der Nacht Bd.15

Verlag: Zaubermond

Erscheinungsdatum: März 2003

geb. Ausgabe - 352 Seiten

ISBN: 3-931407-92-6

Erhältlich bei: Amazon

 

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

 

 

LESEPROBE

Zweites Kapitel

Die Funde im Eis

 

„Wo du steckst, grab tief hinein!

Drunten ist die Quelle!

Lass die dunklen Männer schrein:

Stets ist drunten – Hölle.“

 

Friedrich Nietzsche

 

 

Arktisches Meer, 1869

 

Es war zwar arktischer Frühling, doch die Dunkelheit der Nächte legte sich wie eine Haube aus ewiger Schwärze auf die Gemüter der Mannschaft. Die Temperatur tat ihr Übrigens. Selten kletterte sie höher als 30° Minus. In alle vier Himmelsrichtungen erstreckte sich das ewige Eis unter einem sternenklaren Firmament. Weiß und unergründlich umschloss es das Schiff. Das Kreischen des Windes war so stark, dass man nur, wenn er für einen Augenblick neuen Atem schöpfte, das Ächzen des Eises vernahm.

Ischtar stand an der Reling und lauschte den Stimmen des Windes und des Eises. Selbst unter der an Bord üblichen Kleidung ließ sich ihre Schönheit nicht verstecken. Ihr Gesicht, das aus der eng anliegenden Kapuze herausragte, schimmerte in einem bronzenem Hautton. Ihre Züge waren leicht orientalisch angehaucht, aber gerade nur so, dass es ihnen einen geheimnisvollen, noch anziehenderen Charakter gab. Die glutend schwarzen Augen und die vollen Lippen hatten bereits mehr als einen Mann in den letzten Monaten auf dieser Reise von ihr träumen lassen.

Solange es bei Träumen blieb, sollte es ihr Recht sein.

Ihre außergewöhnliche Größe tat ein Übriges, um sie in jeder Hinsicht herausragen zu lassen. Sie war eine Göttin, und die Männer an Bord behandelten sie als solche.

Während sie hinaus auf das Eis schaute, erzitterte das kleine Schiff immer wieder von den Eismassen, die von der Ferne her immer weiter zusammengepresst wurden. Der hölzerne Rumpf des Schiffes stand derart unter Druck, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, dass er zu zerbrechen drohte.

Sie hörte plötzlich Schritte hinter sich.

„Nun, Lady Ishtar, spüren Sie, wann es mit unserer Expedition zu Ende gehen wird?“

Es war Sir Stephen Livingston, der diese Frage an sie stellte. Augenblicklich bedachte Ischtar, welche Rolle zu spielen sie sich verpflichtet hatte. Sie galt als Medium an Bord des Schiffes. Sir Stephen Livingston war der Expeditionsleiter und Finanzier dieser Reise. Er war spleenig genug, nicht nur eine erfahrene Mannschaft und ein Team von unerschrockenen Experten auszuwählen, sondern auch ein Medium mitzunehmen. Er betrachtete es als geniale Idee, dass sie versuchen sollte, mit den Geistern vor ihm gescheiterter Expeditionsteilnehmer aufzunehmen, um mehr von ihnen zu erfahren. Vor allen Dingen, um genau jene Gefahren zu umgehen, die jenen zum Verhängnis geworden waren.

Als Ischtar davon gehört hatte, dass der bekannte Arktisforscher Livingston für seine nächste Expedition ein begabtes Medium suchte, war es ihr nicht schwer gefallen, ihn davon zu überzeugen, dass sie die richtige war. Sie hatte ihn hypnotisiert und ihm jeden Geist, den er hatte sehen wollen, sehen lassen.

Lange hatte sie zuvor überlegt, wie sie ihre Mission am besten anpackte. Zunächst hatte sie daran gedacht, ein eigenes Schiff auszurüsten und mit einer Mannschaft von Vampiren und Dienerkreaturen zu besetzen. Es hätte seine Vorteile gehabt, gewiss. Das Versteckspiel an Bord und ihre Maskerade als Medium hätte sich dann erübrigt. Doch es wäre vielleicht auch zu offensichtlich gewesen, dass sie nach etwas ganz Bestimmtem suchte.

Daher war ihr Livingstons Angebot gerade recht gekommen. Dass sie unter dem Denkmantel dieser Expedition ihr eigenes Süppchen kochte, konnte keiner ahnen. Auch dass sie seit Wochen ganz allmählich die Richtung des Schiffes änderte, bemerkte niemand.

Mit der Kelchmagie hatte sie sämtliche Kompasse an Bord manipuliert. Nur ein einziger, MacDonovan, hatte sich gewundert. Livingston hatte ihn als Astronomen und Fotografen mit an Bord genommen. Das riesige Teleskop, das er dabeihatte, musste ständig von zwei Männern nach seinen Anweisungen hin und her geschleppt werden. Er hatte sofort gemerkt, dass die Sternenkonstellationen, nach denen er Kurs und Zeit bestimmte, nicht mit den Angaben des Kompasses übereinstimmten.

Doch auch hier hatte Ischtar nachgeholfen, bevor er seine Zweifel allzu öffentlich zu Gehör bringen können. Sie hatte ihn kurzerhand hypnotisiert und ihn fortan glauben lassen, dass alles seine Richtigkeit habe.

Ohne zunächst Livingstons Frage zu beantworten, wandte ihm Ischtar wieder den Rücken zu und schaute abermals auf die Eisfläche hinaus.

„Das Ende scheint nah. Die Northern Star wird diesem Druck nicht mehr lange standhalten können. Vielleicht dauert es nur wenige Tage, vielleicht aber auch einige Wochen. Doch was das Eis einmal zu fassen bekommt, behält es auch...“

„Manchmal glaube ich, diese ganze Reise steht unter einem schwarzen Stern“, fluchte Sir Livingston. Eigentlich hatte er vorgehabt, in die Annalen der Geschichte einzugehen und als erster Mensch direkt auf der nördlichen Polkappe die Flagge des Empires zu hissen. Doch von Anfang an hatten sie unter ungewöhnlich schlechten Wetterbedingungen zu kämpfen gehabt. Immer wieder hatten Eisschollen die Fahrt der Northern Star zum Erliegen gebracht.

Doch stets hatten sie sich einen Weg aus dem Eis bahnen und ihre Reise wieder aufnehmen können.

Bis der bislang letzte Sturm über sie hinweggefegt war. Fünf Tage und Nächte lang hatte er getobt und das tödliche Packeis gegen das Schiff gedrückt. Seitdem saßen sie hier fest.

„Zudem werden die Leute immer unruhiger, fuhr Livingston fort. „Weniger die Wissenschaftler als die Mannschaft.“

Ischtar spürte seinen zwingenden Blick in ihrem Rücken, doch sie ließ sich nichts anmerken. Sollte sie den Bogen überspannt und ihren Einfluss auf die Männer überschätzt haben? Insgeheim lächelte sie. Nein, sie waren ihr unterlegen. Jeder einzelne und alle zusammen. Sie hatte sich bereits einige unterwürfige Diener innerhalb der Mannschaft geschaffen. Starke Männer, deren Blut sie getrunken hatte, um selbst bei Kräften zu bleiben. Sie hatte gerade so viel getrunken, dass die Männer nicht davon starben und zu Dienerkreaturen mutierten. Aber auch so waren sie ihr verfallen.

„Einer der Matrosen will gestern Nacht eine große Fledermaus gesehen haben. Ist das nicht seltsam?“

„Vielleicht hat er zu viel getrunken“, entgegnete Ischtar. Sie würde sich den Burschen vorknöpfen müssen, damit er seine Entdeckung als Hirngespinst ansah.

Tatsächlich hielt es sie in letzter Zeit selten an Deck. Wann immer sie konnte und niemand sie vermisste, verwandelte sie sich in ihre Fledermausgestalt und erkundete die Umgebung. Jedes Mal flog sie weiter, doch außer der endlosen Eisfläche hatte auch sie noch nichts entdeckt.

Manches Mal in diesen letzten Tagen hatte sie ihre Mission in Zweifel gezogen. Was immer sie auch zu entdecken hoffte, es hatte sich ihr bislang nicht offenbart. Doch es war zu wichtig, als dass sie sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zuwenden konnte. Die Welt mit dem Lilienkelch zu bereisen und unheiliges Leben zu schenken, indem sie neue Vampirsippen gründete, musste warten. Sie ahnte, dass diese Expedition weit wichtiger war – sie konnte sich als schicksalhaft für die Zukunft der gesamten Alten Rasse erweisen.

„Haben Sie noch immer keinen Kontakt?“, wechselte Livingston das Thema. Ischtar wusste, was er meinte. Vor einigen Tagen hatte er ihr den naiven Vorschlag gemacht, doch einige erfahrene Arktisforscher zu beschwören, um von deren Geistern einen eventuellen Rat zu holen, wie sie aus der vertrackten Situation herauskamen.

Abgesehen davon, dass Ischtar selbst keinen Rat gewusst hätte, fühlte sie sich nicht in der Stimmung, für Livingston einen derartigen Mummenschanz zu veranstalten. Also hatte sie sich bislang damit herausgeredet, dass das Packeis ihre seherischen Fähigkeiten beinträchtige.

Bislang hatte sich Livingston damit zufrieden gegeben, doch nun sagte er unwirsch: „Wofür bezahle ich Sie, Lady Ischtar? Wir werden heute Abend noch eine Séance einberufen. Das ist ein Befehl!“

Er stampfte von dannen. Ischtars schöne Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Er wollte ihr befehlen? Also gut, sie würden ihre Séance bekommen! Anscheinend lagen nicht nur Livingstons Nerven blank. Vielleicht war es wirklich Zeit, nicht mehr länger untätig zu verharren.

Sie spürte, dass sie ihrem eigentlichen Ziel nicht mehr allzu fern war. Vielleicht sollte sie noch einmal einen Erkundungsflug unternehmen...

Ischtar vergewisserte sich, dass niemand mehr in der Nähe war und transformierte in ihre Fledermausgestalt. Für den Fall, dass sie wieder keinen Anhaltspunkt entdecken sollte, begann sie zu durchdenken, inwieweit sie ihre ursprünglichen Planungen noch in dieser Nacht umwerfen und den Gegebenheiten anpassen sollte. Immerhin hatte sie es bis hierher geschafft.

Sie stieg in die Lüfte hinauf und sah unter sich die riesige Eisfläche. Nirgendwo war mehr eine eisfreie Zone zu entdecken. Die Northern Star lag leicht schräg, und es sah aus, als schwebe sie auf dem Eis. Tatsächlich lag sie noch immer in Wasser.

In einer Meile Entfernung vom Schiff entdeckte sie drei kleine Punkte. Drei Männer stapften dort auf Skiern durch den Schnee. Es war ein kleines Vorauskommando, das Livingston bereits am Morgen losgeschickt hatte. Sie sollten auskundschaften, wie weit das Packeis vorgedrungen und ob es vielleicht doch irgendwo einen kleine Kanal gab.

Ischtar wusste, dass sie – wie schon so oft – mit keinen guten Nachrichten ankommen würden. Ihr Radius war ungleich weiter, und niemand wusste besser als sie, dass sie hoffnungslos eingeschlossen waren. Dennoch hatte sie sich gehütet, ihr Wissen preiszugeben. Es hätte die Mannschaft nur noch mehr deprimiert.

Auch so waren die dreißig Männer in einer Stimmung, wie sie schlechter nicht sein konnte. Da das Schiff still lag, war praktisch nichts zu tun. Sie langweilten sich und es gab ständig irgendwelche Streitereien. Da war jede Abwechslung willkommen. Insofern gab es genügend freiwillige, die sich für Livingstons tägliche Expeditionen meldeten.

Ischtar hatte die drei Männer mittlerweile fast erreicht und stieg höher, damit sie sie nicht bemerkten. Unbeirrt glitten sie auf ihren Skiern in Richtung der Northern Star, die in der beginnenden Dunkelheit mit ihren Masten wie das Skelett eines monströsen, vorsintflutlichen Ungeheuers dalag.

Ischtar korrigierte ihren Kurs leicht. In einigen Meilen Entfernung hatte sie etwas geortet. Es musste ein größeres Objekt sein. Vielleicht ein Eisberg. Sie hielt darauf zu. Das weiße Eis huschte unter ihr dahin. Nirgendwo sah sie irgendeinen Hinweis auf eine Fahrrinne noch erblickte sie auch nur ein Lebewesen. Ein Eisbär wäre zumindest ein sicheres Indiz dafür gewesen, dass das Eis über weite Entfernung fest genug war, um die Northern Star zu verlassen und sich auf dem Eis weiter fortzubewegen.

Die Ortung des Objektes wurde immer präziser. Ischtars Neugier war geweckt. Vielleicht war es ja auch etwas ganz anderes. Sie rief sich ihre eigentliche Mission wieder ins Gedächtnis zurück.

Am Rande ihres Blickfeldes sah sie die Spitzen ihrer schwarzen Schwingen auf und niedersirren. Sie hätte nie gedacht, dass sie diese für sie so selbstverständliche Fortbewegungsart einmal derartig schätzen würde. Es wäre ihr unerträglich gewesen, wie all die Männer an Bord der Northern Star praktisch bewegungslos und untätig verharren zu müssen. Diese Ausflüge gaben ihr jedes Mal die Lebensenergie zurück, die sie an Bord des Schiffes wieder verlor. Außerdem bestärkten sie sie in der Zuversicht, dass es ihr noch immer gelingen konnte, die Mission zu einem positiven Ende zu bringen. In ihrer Fledermausgestalt fühlte sie sich mehr noch als in ihrem menschlichen Körper mit dem Universum verbunden. Sie war die Herrin der Nacht, und sie beherrschte den Luftraum ohne Konkurrenz. Es gab viele, die sich als gute Flieger brüsteten, doch niemand war darin so perfekt wie die Kelchhüterin.

Schließlich sah sie ihr Ziel unter sich. Es waren fünf Erhebungen inmitten der endlosen Fläche. Mit ihrem Sonarsinn versuchte sie zu ergründen, ob es sich um ganz normale Eisberge handelte oder ob sich etwas unter der Eisschicht befand. Doch zumindest war die Eisschicht dick genug, dass sie nichts anderes darunter orten konnte.

Ischtar konnte nichts Verdächtiges ausmachen. Dennoch war ihr Interesse geweckt. Geschickt legte sie sich in die Kurve und flog einen weiten Bogen, um sich zunächst einen gesamten Überblick über die fünf Erhebungen zu machen. Drei von ihnen waren nahezu gleichförmig und gleich hoch. Ischtar schätzte, dass sie jeder um die 200 Meter hoch waren. Ihre Spitzen waren kegelförmig gerundet, während sie nach unten leicht in die Breite gingen. Rechts von den drei kegelförmigen Gebilden erstreckte sich ein ungleich längerer Eisberg. Ein fünfter daneben war ähnlich den ersten dreien, war jedoch nicht derart hoch. Insgesamt bedeckten sie eine Fläche von vielleicht einer halben Meile.

Von ihrem Flugpunkt aus assoziierte Ischtar die drei Erhebungen mit den hochgestreckten Knöcheln einer menschlichen Hand, während der langgestreckte Eisberg an einen Zeigefinger erinnerte. Sogar der fünfte der Berge, der noch am wenigstens eine klare Form aufwies, passte dazu. Er sah aus wie ein gekrümmter Daumen.

Ischtar lächelte über ihre Assoziation. Manchmal war es seltsam. Was einem die Einöde vorgaukelte oder welche Gebilde man in die Eisberge hinein interpretierte: Tiere, menschliche Gesichter, dämonische Fratzen...

Während ihrer Reise hatte sich die Mannschaft des öfteren den Spaß gemacht, ihre jeweiligen Interpretationen kundzutun, während die Northern Star sich einen Weg durch viele Meter hohe Eisberge gebahnt hatte.

Ischtar entschloss sich, sich einen der Berge aus der Nähe anzuschauen . Doch ihre instinktive Vorsicht ließ sie den Berg noch immer nicht direkt ansteuern. Sie umrundete ihn mehrmals und ließ sich schließlich wie ein Stein nach unten fallen. Noch immer spürte ihr Sonarsinn nichts weiter als eine dicke Eisschicht.

Geschickt fing sie ihren Schwung im letzten Moment wieder ab und krallte sich auf der Eisschicht fest. Als Landepunkt hatte sie den mittleren der drei an Knöcheln erinnernden Berge gewählt.

Der Ausblick war eher enttäuschend. Von der Luft aus hatten die Berge weit geheimnisvoller und imposanter gewirkt. Sie blickte den Abgrund hinab in die Tiefe, die von zweien der Berge gesäumt war. Zumindest das war erstaunlich: Sie schienen weit tiefer hinabzureichen, als es von weiter oben ausgesehen hatte.

Ischtar ließ ihren Sonarsinn in die Tiefe gleiten, doch er stieß auf kein Hindernis. Das war seltsam. Sie verstärkte die Sonarwirkung und konzentrierte sich mit all ihren Sinnen darauf. Noch immer nichts.

Auch mit ihren scharfen Augen konnte sie nicht viel erkennen. Das Mondlicht, das die Berge in ein geheimnisvolles Glitzern tauchte, gelangte noch nicht einmal bis in die Senke, geschweige denn in die Tiefe hinein.

Sie musste weiter hinunter.

Abermals erhob sie sich in die Lüfte. Doch diesmal bewegte sie sich in einem kreisförmigen Sinkflug. Irgend etwas ließ sie zögern, sich ohne weiteres in die Tiefe zu stürzen. Sie vertraute ihrem Instinkt.

Langsam und vorsichtig ging sie immer tiefer. Die beiden Eisberge rechts und links von ihr ragten über ihr auf und schienen sie erdrücken zu wollen. Ischtar sandte erneut ihren Sonarsinn aus, doch noch immer stieß sie unter sich auf kein Hindernis. Es war rätselhaft. Selbst wenn die Eisschicht geborsten war, so musste es zumindest Wasser geben. Auch das hätte sie geortet.

Sie flog tiefer und tiefer. Die Schwärze schien dabei mit jedem Meter, die sie hinabsank, immer erdrückender zu werden – wie ein Strudel, der sie in seinen Bann zog.

Plötzlich hatten ihre Wahrnehmungssinne etwas erfasst. Doch es währte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann war es wieder fort. Ischtar vermochte noch nicht einmal zu sagen, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Wenn überhaupt, dann musste es sich in einer unerhörten Tiefe befinden.

Sie hatte nun fast den Fuß des Berges erreicht. Ein selten gekanntes Schwindelgefühl erfasste sie. Für einen Moment verlor sie die Orientierung, wusste nicht mehr, was oben und was unten war. Das ganze Universum schien sich gedreht zu haben. Die Spitzen der Berge und der sternenklare Himmel waren tief unter ihr, während die schwarze Tiefe sich über ihrem Kopf erhob.

Eine seltsame Lethargie erfasste sie und trieb sie der Schwärze entgegen.

Allein ihr Instinkt ließ sie dagegen ankämpfen. Ihre Flügel verstärkten den Schlag, so dass sie wieder nach oben (unten?)gelangte. Mit jedem weiteren Meter gewann sie ihre Orientierung zurück. Als sie einen bestimmten Punkt erreichte, schien das Universum erneut zu kippen, und alles war wieder so, wie sie es gewohnt war. Der Himmel befand sich oben und die Tiefe lauerte unter ihr.

Auch der seltsame Sog war nicht mehr zu spüren.

Während sie wieder in die Höhe schoss, versuchte sie zu begreifen, was soeben passiert war. Die Welt hatte sich für einen Augenblick gedreht, während der Schwindel, der sie erfasst hatte, sie fast in die Tiefe hatte abstürzen lassen.

War dies ein Zeichen darauf, dass ihre Suche hier beendet war? Nein, eher war es ein erstes Zeichen, ein Hinweis darauf, welche unergründlichen, unermesslichen Mächte hier im Spiel sein mochten.

Sie kreiste nun wieder über dem Berg. Seltsamerweise sah die Senke zwischen den Bergen nun wieder ganz normal aus. Dort, wo die Schwärze lauerte, vermutete man nur den Mondschatten des Berges.

Obwohl ihre Neugier aufs Äußerste geweckt war, wagte sie nicht, sich noch einmal allein in die Tiefe gleiten zu lassen. Sie musste mehr über diese Eisberge herausfinden. Von hier oben erinnerten sie die fünf Erhebungen wieder an eine Hand – wenngleich auch an eine leicht verformte und in die Länge gezogene.

Doch abermals sagte sie sich, dass dies nur Zufall sein konnte.

Es war Zeit für den Rückflug.

Er dauerte länger, als sie eigentlich geplant hatte. Als hätte die unbekannte Tiefe doch mehr an ihren Kräften gezerrt als sie sich eingestehen wollte. Endlich sah sie vor sich wieder die skelettartigen Masten der Northern Star. Allein inmitten der riesigen Eisfläche wirkte das Schiff gleichermaßen verletzlich wie grotesk.

Gemäß ihrer Gewohnheit umkreiste sie das Schiff einmal und tastete mit ihrem Sonarsinn nach möglichen Gefahrenquellen. Erst als sie sich vergewissert hatte, dass sich wirklich niemand an Deck befand, ging sie zum Sinkflug über.

Das Deck war menschenleer. Dazu war es nach wie vor viel zu stürmisch. Wahrscheinlich hatten sich die meisten der Männer bereits in ihre Kojen verkrochen und kämpften gegen die Kälte an. Ihr selbst machte die Kälte nichts. Auch dies war etwas, was sie vor dem Rest der Mannschaft verbergen musste. Allzuschnell konnte sie unachtsam werden und es vergessen.

Auch jetzt ließ ihre Magie rasch wieder ihre warmen, unförmigen Kleider entstehen, bevor sie sich ebenfalls unter Deck begab.

In der Kapitänskajüte brannte Licht.

Ischtar gedachte sich daran vorbeizumogeln. Doch ehe sie es geschafft hatte, öffnete sich die Tür und Sir Livingston schaute hinaus.

„Lady Ischtar, wo haben Sie gesteckt? Wir haben das ganze Schiff abgesucht?“ Er schien ehrlich besorgt.

„Ich habe nur einen kleinen Ausflug unternommen.“ Das war noch nicht einmal gelogen.

„Wir alle haben uns Sorgen gemacht um Sie! Ich dachte schon, unser Streit an Deck hätte sie zu irgendeiner Dummheit veranlasst.“

„Dummheit?“

„Nun ja...“ Er druckste herum. „Dies ist beileibe nicht meine erste Expedition, wie Sie wissen. Ich habe vergleichbare Situationen mehrfach erlebt. Die Tage und Nächte, eingeschlossen im ewigen Eis, können ganz schön auf die Nerven schlagen. Ich habe die robustesten Kerle erlebt, die plötzlich einen Koller bekamen, das Schiff verließen und nie wieder gefunden wurden...“

„Da müssen Sie bei mir keine Sorge haben“, lächelte Ischtar. Sie sandte einen leichten Gedankenbefehl, der Livingston veranlasste, nicht weiter zu bohren, wo sie sich aufgehalten hatte.

Er runzelte nur kurz die Stirn und kam dann auf ein anderes Thema. „Wenn es wegen der Séance ist, so weiß ich natürlich, dass ich dazu kein Recht habe, Sie zu zwingen..“

Ach ja? dachte Ischtar nur amüsiert. Sie wusste genau, wie sehr er darauf erpicht war. Und da er sie nun schon einmal abgefangen hatte, beschloss sie, das Spiel mitzumachen. Umso leichter würde es vielleicht sein, ihn und die anderen Männer noch mehr unter ihre Kontrolle zu bekommen.

„Dennoch“, fuhr Livingston fort, „ist bereits alles vorbereitet. Doch wenn Sie müde sind...“

„Ich bin bereit“, unterbrach ihn Ischtar. „Wenn Sie erlauben, werde ich mich zuvor nur umkleiden.“

Livingston konnte sein Freude darüber kaum verbergen. Endlich würde etwas passieren! Die letzten Tage waren zum Verzweifeln gewesen. Die Untätigkeit zerrte auch an seinen Nerven. Vor allen Dingen aber war er von den Kräften seines Mediums überzeugt.

Er war niemals einem talentierterem Medium als Lady Ischtar begegnet. In sämtlichen Salons und Zirkeln war es damals Mode, Séancen stattfinden zu lassen und mit den Geistern der Verstorbenen Kontakt aufzunehmen. Obwohl sich Livingston in mehreren Logen und Geheimbünden umgesehen hatte, hatten sich die meisten, die sich als Medium ausgaben, als Scharlatane entpuppt. Doch Lady Ischtar hatte seine Vision, dass ein Medium an Bord eine Bereicherung für die Expedition sein konnte, mit Leben erfüllt. Sie vermochte tatsächlich mit dem Geisterreich in Kontakt zu treten. Davon hatte er sich mit eigenen Augen überzeugt.

Ischtar begab sich in ihre Kabine. Sie schälte sich aus ihrer unförmigen Kleidung und wählte ein eng anliegendes Samtkleid, das ihre tadellose Figur vollendet zur Geltung brachte. Das tiefe Dekolleté zeigte den Ansatz ihrer vollen, festen Brüste. War es vielleicht doch zu gewagt? Immerhin hatten diese Männer seit Wochen keine Frau mehr gesehen. Andererseits verlieh es ihr eine geheimnisvolle, betörende Aura, die ihr gefiel. Ihr langes, von weißen Strähnen durchlaufenes, schwarzes Haar umfloss sanft ihre Schultern.

Noch während sie sich umzog, überlegte sie, wie sie weiter vorgehen sollte.

Nach fünf Minuten war sie soweit und begab sich wieder zur Kapitänskajüte.

Livingston erwartete sie bereits an der Tür.

„Bitte treten Sie ein“, sagte er. Er hielt Ischtar die Tür auf und sie betrat die enge Kajüte. Sie schenkte den Männern mit ihren makellos weißen Zähnen ein betörendes Lächeln.

Mehr oder weniger freundlich wurde sie begrüßt.

Die Kabine war eigentlich viel zu klein für die Personen, die sich bereits darin befanden.

Natürlich war MacDonovan, der Astronom und Fotograf anwesend. Wenn überhaupt jemand neben Livingston, so interessierte sich MacDonovan für alles Übersinnliche. Er war eigentlich schon zu alt für solch eine anstrengende Reise, doch Livingston hielt ihn für den besten seines Fachs und hielt ihm die Treue. Bislang hatte es ganz gut funktioniert. MacDonovan besann sich vorwiegend auf seine astronomischen und fotografischen Aufgaben, dafür wurde er von den normalen Diensten, die an Bord anfielen, entbunden. Außerdem stellte Livingston jedes Mal zwei Matrosen ab, wenn es galt, das schwere Teleskop und die anderen Geräte zu transportieren.

Der zweite Mann in der Kajüte war Dr. Craddle, der Schiffsarzt. Er war ein düsterer, wortkarger Geselle, mit dem Ischtar bislang wenig zu tun gehabt hatte. Jedenfalls schien er Frauen nicht besonders zu mögen, denn er hatte sie auf der bisherigen Reise nicht ein einziges Mal angesprochen.

Der dritte im Bunde war Kapitän Usher. Er war der bestaussehendste Mann an Bord – und dabei ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Sein markantes Gesicht sah ihr zerknirscht entgegen. Ischtar wusste aus dem letzten Gespräch mit ihm, dass er sich einen Teil der Schuld gab, dass sie hier festlagen.

Zusammen mit Livingston und ihr waren sie also zu fünft.

Zudem war die Kajüte mit einem runden Tisch ausgefüllt, den Livingston eigens zum Zwecke der Séance hatte aufstellen lassen. Das übrige Mobiliar hatte dafür weichen müssen.

„Setzen Sie sich doch wieder, meine Herren“, sagte Ischtar. Sie alle hatten sich bei ihrem Eintritt erhoben.

Sie nahmen wieder Platz und auch Ischtar setze sich in den für sie bereitgestellten Stuhl.

„Beginnen wir sogleich“, sagte sie. „Ich bin in der richtigen Stimmung dafür.“

„Umso besser“, sagte Livingston. „Verlieren wir keine Zeit. Wir sitzen schon lange genug hier fest.“

Dr. Craddle gab ein verächtliches Schnauben von sich. „Sir Livingston, Sie wollen uns doch nicht wirklich weismachen, dass diese Dame hier gleich irgendwelche Geister beschwören wird? Ich halte dies für Humbug, mit Verlaub gesagt.“

Livingston fixierte ihn scharf. „Was erlauben Sie sich, Craddle? Ich habe Sie eingeladen, weil ich glaubte, dass gerade Sie als Arzt an der Weiterentwicklung der Wissenschaften interessiert sind...“

„Wissenschaft? Pah!“

„Ich muss Ihnen nicht erzählen, dass selbst die Königliche Akademie sich zur Zeit mit der Erforschung des Paranormalen befasst.“

„Alles Hirngespinste, wenn Sie mich fragen“, beharrte der Arzt.

„Dann weiß ich nicht, ob Sie in diesem Raum noch der Richtige sind“, entgegnete Livingston. „Ihre Zweifel könnten einen schädigenden Einfluss auf die Séance haben. Ich glaube, ich spreche da auch in Lady Ischtars Interesse.“

„Er stört mich nicht, im Gegenteil“, sagte Ischtar. „Ich finde es jedes Mal amüsant, einen Zweifler davon zu überzeugen, dass das Jenseitige genauso existent ist wie unsere eigene Welt.“

Dr. Craddle erwiderte nichts darauf, aber seinem spöttischen Lächeln war anzumerken, was er davon hielt.

Ischtar nahm sich vor, ihn bei nächster Gelegenheit loszuwerden. Unruhestifter wie er nahmen viel zu viel ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch.

„Bitte legen sie nun alle ihre Hände auf den Tisch!“, sagte sie. Sie selbst legte die Hände mit weitgefächerten Fingern auf die Tischkante, so dass sich die beiden Daumen berührten.

„Sollten wir nicht das Licht abdämpfen?“, fragte Livingston, doch Ischtars Blick ließ ihn schweigen.

Die Männer taten, was von ihnen verlangt worden war und legten ihre Hände auf die Tischplatte. Ihre jeweils kleinen Finger berührten sich, so dass die Hände einen geschlossenen Kreis bildeten.

Links neben Ischtar saß Livingston. Ischtar spürte, dass er leicht zitterte. Wahrscheinlich vor innerer Erregung.

Zu ihrer Rechten saß Kapitän Usher. Von ihm gingen nicht die geringsten Gefühlswellen aus. Als Mann der Tat war er wahrscheinlich genauso skeptisch wie der Arzt, aber er ließ es sich nicht anmerken. Andererseits würde ihn auch nichts erschüttern, was immer auch an diesem Abend stattfinden würde.

Die beiden anderen Männer, Dr. Craddle und MacDonovan, saßen ihr gegenüber. Craddles Blick war finsterer denn je.

Ischtar fing seinen Blick auf und versetzte ihn in eine leichte Hypnose, so dass er noch immer bei Bewusstsein war, jedoch alles sehen würde, was sie ihm in Gedanken suggerierte.

Dann begann sie, einen leisen Gesang anzustimmen. Sie wusste selbst nicht genau, auf was sie sich hier einließ. Doch es war wichtig, zumindest einige dieser Männer als Verbündete für ihre weitere Mission zu gewinnen und sie bei Laune zu halten.

Die Spannung, die in der Luft lag, war fast greifbar. Selbst Ischtar spürte eine eigenartige Erregung. Bislang waren die Séancen, die sie für Livingston veranstaltet hatte, nur Mittel zum Zweck gewesen. Allein ihren hypnotischen Fähigkeiten war es zu verdanken, dass die anderen, vor allen Livingston, etwas gesehen zu haben glaubten.

Doch warum sollte es ihr nicht möglich sein, tatsächlich die Geister von Toten zu beschwören? Sie hatte eine vage Idee, wie sie sie für ihre eigenen Zwecke einsetzen konnte.

Sie versetzte sich in eine leichte Trance. Sie konnte die Spannung der anderen fühlen und nahm sie wie einen Katalysator in sich auf. Die Energiefelder der Fingerkuppen sprühten vor Elektrizität. Das Licht im Raum schien plötzlich dunkler zu werden.

Sie schloss die Augen. Hinter der Schwärze der Lider glaubte sie, sich bewegende Schatten zu erkennen. Und dann entstand ein Bild vor ihren Augen:

Nach und nach bildete sich eine Küste heraus. Es war ein fast schwarzes Meer, dessen stürmische Wellen an einen ebenso schwarzen Strand aufschlugen. In diesem Meer erhoben sich riesenhafte rostige Gebilde, die sie im ersten Moment für uralte Schiffwracks hielt.

Aber die Sicht darauf war schlecht, so dass sie den Eindruck hatte, dass die Gebilde ständig ihre Form wechselten. Über allem thronte ein noch höheres Gebilde von kubischer Form.

Ischtar wusste nicht, was es war. Es erinnerte an das Stahlträgergerüst eines riesenhaften schwimmenden Hochhauses, und es war ebenso verrostet wie die schiffsähnlichen Strukturen. Auch das gerüstähnliche Gebilde schwankte hin und her, so dass Ischtar mehrmals befürchtete, es würde von den schwarzen Wellen verschluckt.

Dann änderte sich ihr Sichtfeld, so dass sie die Szenerie hinter dem Strand betrachten konnten. Sie erkannte eine weiße Hochhaus-Siedlung, wie sie sie noch nirgendwo gesehen hatte. Sie ragten wie riesige Grabsteine in einen schwarzen, wolkenübersäten Himmel hinein. Hinter allen Fenstern brannte helles Licht. Und dahinter konnte sie hinter jedem Fenster ein Gesicht ausmachen.

Der Gedanke, in diesen Häusern zu wohnen und Tag für Tag oder Nacht für Nacht auf jenes schwarze Meer mit den rostzerfressenden Gebilden darin Ausschau zu halten, hinterließ in ihr eine seltsame Traurigkeit.

Dann wurde ihr bewusst, dass in diesem Augenblick alle Gesichter aus den Fenstern heraus sie anstarrten.

Abermals wanderte ihr Blick weiter und verursachte in ihr den Eindruck, dass sie nun selbst auf diesem schwarzen Strand stand und langsam weiter ging. Sie bewegte mich auf die weißen Häuser zu.

Sie gelangte zu einer Art riesigem stählernen Torbogen, der in seiner rostzerfressenden Beschaffenheit gut zu den Artefakten im Meer gepasst hätte. Vielleicht hatten ihn die Bewohner dieser Siedlung geborgen und ihn derart zweckentfremdet.

Sie ging durch den Bogen hindurch und sah vor sich einen niedrigen Bungalow. Auch er war schneeweiß und bestand aus einem ihr unbekannten Stein.

Irgendetwas zog sie in den Bungalow hinein, und sie war überrascht, hier eine Art Gasthaus zu finden. Die Menschen darin unterhielten sich scheinbar angeregt, der Wirt huschte hin und her und bediente die Gäste dienstbeflissen mit Getränken und kleinen Speisen.

Im Gegensatz zu dem schwarzen Meer, dem unwirtlichen Strand und den kalten Bauten herrschte hier drinnen eine fast warme Atmosphäre.

Ischtar erblickte einen der wenigen freien Plätze und setzte sich auf eine Bank. Neben ihr saß eine junge hübsche schwarzhaarige Frau. Es handelte sich um keinen Menschen, aber auch nicht um eine Vampirin. Sie schien ein Zwitterwesen zu sein.

Auch sie unterhielt sich angeregt mit ihren Nachbarn. Ischtar verstand nicht, was. Außer einer weit entfernten, sphärischen Musik, dem Rauschen und den walfischähnlichen Sirenenlauten war nichts zu hören.

Plötzlich schien eine Art Unruhe die Gäste zu packen. Mehr und mehr der Plätze wurden frei. Ishtar konnte nicht erkennen, wohin sie gingen, da ihr Blickfeld nach wie vor begrenzt war.

Dennoch spürte sie die Angst, die sich hier breit gemacht hatte, selbst am eigenen Körper. Die Frau neben ihr presste sich fast schutzsuchend an sie. Ishtar erwiderte ihren Druck.

Aus den Augenwinkeln sah sie sich die Frau genauer an. Sie war schön, mit markanten, katzengleichen Gesichtszügen und langen schwarzen Haaren. Sie kam ihr bekannt vor. Irgendwo hatte sie sie schon einmal gesehen. Sie zerbrach sich den Kopf darüber, während sie gleichzeitig die Wärme ihrer Nähe genoss.

Schließlich erhob auch sie sich und verschwand.

Alle anderen Gäste waren bereits fort.

Ischtar war allein in jenem Raum.

Eine nie gekannte Angst machte sich in ihr breit. Die Erde erzitterte leicht. Sie spürte, dass etwas im Anmarsch war. Etwas Gewaltiges, Ungeheuerliches. Etwas, das sie weder in Worte noch in Bilder zu fassen vermochte...

Sie schrie auf.

Augenblicklich erwachte sie aus ihrer Trance. Hatte sie tatsächlich geschrieen? Die seltsame Vision war noch immer derart gegenwärtig, dass sie einen Moment lang noch immer glaubte, sich in jenem Raum zu befinden.

Auch das Schiff vibrierte leicht, jedoch kam dies von dem Packeis, das nach wie vor seine weißen Krallen nach dem Schiff ausstreckte.

Ischtar betrachtete die anderen. Alle vier Männer waren ebenfalls in Trance gefallen. Livingston stöhnte, als durchlebe er einen besonders bedrückenden Traum. Sie alle berührten sich noch immer an den Fingerspitzen.

Auch Ischtar wollte den Kreis nicht zerstören, auch wenn sich ihre Gedanken noch immer in dem seltsamen Traum verfangen hatten. Die Szenerie war derart fremdartig gewesen, dass es sich nur um die Zukunft handeln konnte. Vieles darin war ihr völlig unverständlich vorgekommen. Und wer war die seltsame Frau gewesen, halb Mensch, halb Vampirin, deren Nähe sie gespürt hatte? Die Menschen und Vampire in dem Traum schienen alle die gleiche Angst vor etwas zu haben. Vor etwas Titanischem.

Ischtar konzentrierte sich darauf, die seltsame Vision als solche erst einmal in ihren Hinterkopf zu verbannen. Sie konnte nicht ahnen, dass sie die Frau, die sie darin gesehen hatte, mehr als ein Jahrhundert später unter merkwürdigen Umständen kennen lernen würde.

Sie hatte Lilith gesehen.

Ischtars Blick verweilte auf den in Trance versunkenen Männern. Sollte sie es tatsächlich noch einmal wagen...?

Sie war unschlüssig, ob sie sich noch einmal in Trance versetzen sollte. Irgendetwas hatte die Kontrolle über sie gewonnen. Es war zu gefährlich.

Da spürte sie, dass etwas im Raum war. Sie konnte das Wesen weder sehen noch sonstwie orten. Gleichzeitig stöhnten nun alle Männer auf. Sie schienen furchtbare Qualen zu erleiden. Aber etwas hinderte sie daran, den Kreis zu unterbrechen.

Ischtars Nackenhärchen stellten sich auf. Ihr natürlicher Fluchtinstinkt wollte sie aufspringen und sie aus der Kajüte laufen lassen.

Doch es ging nicht. Sie saß wie angeklebt auf ihrem Platz. Noch nicht einmal die Fingerspitzen konnte sie bewegen. Hilflos war sie der Präsenz ausgeliefert.

Zumindest fast hilflos. Sie fühlte sich noch nicht derart bedroht, dass sie wirklich alle ihre Kräfte zum Gegenangriff nutzte. Erst einmal wollte sie abwarten, was geschehen würde. Welches Wesen sie unfreiwillig beschworen hatten.

Ein weißer Umriss manifestierte sich. Genau ihr vis-à-vis. Die Präsenz war so wenig greifbar wie ein Nebelschwaden. Die Konturen veränderten ständig ihre Form. Mal waren sie entfernt menschlich, dann wieder schienen sie bis zur Decke der Kajüte zu reichen und erinnerten dabei an einen Saurier.

„Wer bist du?“, fragte Ischtar. Sie sandte gleichzeitig ihre Gedanken aus, um mehr zu erfahren. Doch so wenig greifbar das Wesen war, so wenig fand Ischtar einen Anhaltspunkt auf irgendeine Art von Intelligenz.

Dennoch empfingen ihre Gedanken eine Art Antwort. Die Stimme erinnerte sie ein wenig an das Zischen in ihrem Traum, doch dann formten sich konkrete Worte daraus.

„Ihr – sollt – kommen.“

„Wohin sollen wir kommen?“

„Du – warst – bereits – dort.“

Konnte es sein, dass das Wesen die fünf Eisberge meinte, auf die sie gestoßen war? Sie fragte es danach.

„Du – kennst – den – Weg.“

„Warum willst du, dass wir zu dir kommen?“

„Will – euch – helfen.“

Ischtar sandte einen Gedankenpfeil in die amorphe Masse hinein, stieß jedoch nur auf eine Schwärze und Fremdheit, die sie entfernt an ihren Traum erinnerte.

„Und du verlangst nichts – für deine Hilfe?“, fragte sie misstrauisch.

„Kommt – und – ihr – werdet – sehen.“

Das Wesen begann sich zu verflüchtigen.

„Halt!“, rief Ischtar. „Wobei willst du uns helfen?“ Meinte das Wesen, dass es ihnen dabei behilflich sein wollte, sich von dem Packeis zu befreien oder wusste es mehr? Ahnte es, in welcher Mission Ischtar an Bord war?

Doch anstatt zu antworten, wurde es innerhalb von Sekunden unsichtbar.

„Halt! Du hast mir noch immer nicht verraten, wie ich dich finde!“

„Du – hast – die – Antwort – gegeben.“

Mit diesen Worten verstummte es. Ischtar versuchte, es mit ihren sämtlichen Sinnen zu orten, aber es schien tatsächlich verschwunden.

Die Männer wanden sich wie unter Krämpfen. Doch noch immer bestand der Kreis. Es schien, als würde eine unbekannte Macht sie zwingen, ihn noch immer aufrechtzuerhalten.

Ischtar überlegte nicht lange. Es war eine günstige Gelegenheit sich eines Widersachers zu entledigen. Sie löste sich aus dem Kreis. Die Männer verblieben in ihrer Trance. Mit wenigen Schritten war sie auf die andere Seite des Tisches gelangt.

Dr. Craddles Gesicht war angespannt. Seine Muskeln zuckten. Die Augenlider zitterten. Ischtar beugte sich zu ihm herunter. Mit einer einzigen geschickten Bewegung schob sie den Kragen seines Rollis nach unten. Seine Halsschlagader lag pochend vor ihr. Gierig schlug sie die Zähne in sein Fleisch. Blut spritzte hervor, doch sie verschloss die Wunde mit ihren Lippen, so dass kein Tropfen des kostbaren Lebenssaftes verloren ging. Sie labte sich daran und spürte sich mit jeder Sekunde mächtiger. Wer immer sich ihr in den Weg zu stellen wagte, würde so oder ähnlich enden.

Sollte sie ihn sterben lassen? So oder so würde er nichts weiter als ihr gehorsamer Diener sein. Im Leben wie im Tode.

Nein, vielleicht war es besser, ihn am Leben zu lassen. Zumindest vorerst. Von nun an würde er ihr gehorchen. Selbst wenn sie ihm befahl, über Bord zu springen.

Sie ließ von dem Arzt ab und schob seinen Rollkragen wieder hoch. Niemand hatte etwas bemerkt. Rasch huschte sie zu ihrem Platz zurück und führte ihre Finger wieder mit denen ihrer Sitznachbarn zusammen.

Nach und nach erwachten die anderen.

Livingston rieb sich verwundert die Augen. „Was ist – passiert? Ich hatte einen seltsamen Traum...“

Auch die anderen Männer hatten seltsame Visionen und Träume gehabt. Von der riesigen Eisfläche und für sie unbegreifbaren Manifestationen darauf.

„Jemand hat mich durch diesen Traum geführt“, sagte Livingston. „Doch wann immer ich meine Augen auf ihn richtete, wurde er für mich unsichtbar. Nur aus den Augenwinkeln vermochte ich ihn zu erkennen. Aber ich kann ihn nicht beschreiben, so merkwürdig war seine Gestalt. Er führte mich über eine schier endlose Eisfläche. Ich hatte Furcht, denn unter dem Eis konnte ich seltsam monströse Schatten ausmachen. Sie bewegten sich... Dann bin ich erwacht.“

Auch die anderen Männer hatten mehr oder weniger den gleichen Traum gehabt. Sie alle sprachen durcheinander. Nur Dr. Craddle hielt sich zurück. Seine Lippen blieben stumm, während seine Augen einen imaginären Punkt in der Ferne zu fixieren schienen.

„Nun, Doktor, welche Vision hatten Sie?“, fragte Livingston von Neugier getrieben.

Dr. Craddles ausdrucksloses Gesicht wandte sich dem Expeditionsleiter zu. Ischtar sandte ihm auf gedanklichem Wege ihre Befehle zu und übermittelte ihm, was er zu sagen hatte.

„Der gleiche Führer nahm auch mich mit über das Eis. Aber mein Traum endete nicht, wo Ihrer endete, sondern er ging weiter. Wir gelangten zu einer Ansammlung von fünf Eisbergen, die von oben Ähnlichkeit mit einer Hand aufwiesen...“

„Von oben? Wieso konnten Sie sie von oben sehen?“, fragte MacDonovan erstaunt.

„Lassen Sie ihn ausreden!“, befahl Livingston. „Bedenken Sie, dass es eine Vision war, nicht die Wirklichkeit.“ Er hatte sich gespannt vorgebeugt. In seinen Augen war ein seltsames Glitzern.

„Ich konnte plötzlich fliegen“, antwortete Craddle. „Zusammen mit meinem Führer schwebte ich auf dieses eiserstarrte Gebilde zu...“

„Und weiter?“, bohrte Livingston.

„Und erwachte.“

Enttäuscht lehnte sich Livingston wieder zurück. Er sah zu Ischtar.

„Und sie, Lady Ischtar? Was haben Sie gesehen?“

„Nichts.“

„Und wie erklären Sie sich unsere Visionen oder Träume? Ist es nicht seltsam, dass sie sich derart ähneln?“

„Ich kann das, was ich hervorrufe, nicht erklären“, antwortete Ischtar. „Ihr Traum weist jedenfalls darauf hin, dass es hier irgendwo in der Nähe etwas geben muss, wovon wir Hilfe erwarten können.“

„Aber was?“, fragte Kapitän Usher. Sein Traum und die Tatsache, dass auch die anderen Männer ähnliches geträumt hatte, hatte ihn nachdenklich werden lassen. Auch er hatte zuvor seine Zweifel gehabt, was den Sinn dieser Séance betraf. Doch nun geriet sein Weltbild ins Wanken.

„Die Vision, der Traum oder als was auch immer Sie es bezeichnen wollen, ist sicherlich verschlüsselt. Wir müssen nach dem Schlüssel suchen.“

Livingston sprang auf. „Wo haben Sie die Karten, Käpten?“, rief er.

Der Kapitän holte eine Karte herbei und entrollte sie auf dem Tisch.

„Hier ungefähr ist der Punkt, an dem wir feststecken“, erklärte er und zeigte darauf. Sein Finger wanderte weiter. „Es könnte aber auch hier – oder hier sein. Da noch niemand dieses Gebiet exakt vermessen hat, sind es alles nur Anhaltspunkte. Es ist sogar anzunehmen, dass an der Stelle, an der wir uns befinden, noch kein Mensch vorher war.“

„Das brauchen Sie uns alles nicht zu erklären“, unterbrach ihn Livingston. „Vieles auf diesen Karten entstamm mehr der Legende oder den Erzählungen irgendwelcher Seefahrer als wirklicher Forschung. Deswegen sind Expeditionen wie die unsere umso wichtiger...“

Er beugte sich über die Karte und studierte sie genau. „Nirgendwo sind hier Erhebungen eingezeichnet. Noch etwas, dass auch nur entfernt an die fünf fingerförmigen Eisberge erinnert, wie Sie sie gesehen haben, Doktor.“

„Und wenn es sie aber gibt?“, fragte Ischtar.

„Das wäre eine Sensation“, gestand Livingston ein. „Wobei ich mir noch immer nicht erklären kann, um was es sich handeln sollte. Ein urzeitliches Artefakt? Oder nur eine zufällige Laune der Natur? Es ist müßig, darüber nachzugrübeln...“

„Aber vielleicht unsere einzige Chance“, sagte Dr. Craddle. „Was haben wir zu verlieren? Ob wir hier untätig herumsitzen oder uns ein wenig in der Gegend umsehen?“

„Wir haben bereits einige Suchtrupps losgeschickt, das wissen Sie genau wie ich. Niemand hat bisher irgendetwas auch nur annähern ähnliches entdeckt, wie Sie es schildern, lieber Doktor.“

„Die bisherigen Expeditionen waren nur mit Skiern ausgerüstet und kamen nicht sehr weit. Meistens waren sie nur einen Tag lang unterwegs“, erinnerte ihn Dr. Craddle.

„Sie denken an die Hundeschlitten?“, fragte Livingston. Er versank in Schweigen. Die Schlitten und die sechzehn Hunde an Bord waren sein Trumpf, auf den er setzte. Bis zum Nordpol würde es die Northern Star nicht schaffen. Weit davor begann das ewige Eis. Für diesen Fall hatte er vorgesehen, mit den Hundeschlitten weiter vorzustoßen. Niemandem vertraute er die Schlitten an. Er allein machte damit bisweilen seine Ausflüge. Aber auch nie weiter als nötig, jedes Risiko vermeidend. Gerade so viel, dass die Hunde im Training blieben. Auch das Futter, das er ihnen gönnte und die Pflege, die er ihnen angedeihen ließ, waren weit fürstlicher, als es der Mannschaft zustand.

„Also schön“, sagte er schließlich. „Wir werden das Risiko eingehen. Aber wehe Ihnen, Doktor, wenn sich Ihre Vision nur als Hirngespinst herausstellt!“

Ischtar musste insgeheim lächeln. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Allein hatte sie das Rätsel der Eisberge nicht lösen können. Aber vielleicht würde es ihr mit diesen Menschen gelingen. Vielleicht würde die Schwärze ihnen weniger anhaben können als ihrem hochentwickelten sensorischen Fähigkeiten. Selbst der Lilienkelch hatte nicht reagiert, als sie ins Taumeln geraten war.

Und wenn sie die Männer nur dazu bringen konnte, in jenes schwarze Loch vorzudringen, während sie sie dabei beobachten konnte, was mit ihnen geschehen würde.

„Ich würde gerne mitkommen“, sagte sie.

Die Männer sahen sie erstaunt an.

„Das kommt nicht in Frage, Lady Ischtar. Sie sind hier an Bord der Northern Star weit sicherer aufgehoben. Ausflüge, wie wir sie morgen vorhaben, sind nicht für Frauen geeignet. Basta!“, erklärte Livingston.

„Ich glaube, dass uns dort draußen etwas bedrohen könnte, wovor wir im Augenblick alle noch nicht die geringste Ahnung haben“, sagte sie geheimnisvoll. „Sie alle sollten auf meine Kräfte als Medium nicht verzichten.“

„Was sollte uns bedrohen?“, fragte Kapitän Usher. „Hier gibt es noch nicht einmal Eisbären.“

„War die Vision, die Sie alle empfingen, nicht merkwürdig genug?“, fragte Ischtar. „Vielleicht ist es nicht nur Hilfe, die wir zu erwarten haben. Vielleicht müssen wir uns diese Hilfe erst erobern.“

Livingston kratzte sich den Bart und sah sie nachdenklich an. Doch schließlich hatte er sich zu einem Entschluss durchgerungen. „Also schön“, sagte er. „Ich vertraue auf Ihre Intuition, Lady Ischtar. Sie kommen mit.“

Er schaute in die Runde. „Auf wen kann ich noch zählen? Käpt’n?“

„Wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich lieber an Bord“, sagte Usher. „Ich verlasse mein Schiff nur ungern in einer solchen Situation. Außerdem ist die Mannschaft bereits unruhig geworden. Sie bedarf einer harten Hand. Wenn dort draußen etwas passieren sollte – wovor uns Gott behüte – läuft hier alles aus dem Ruder.“

„Das ist ein Argument. Also schön, Käpten, Sie bleiben hier. Was ist mit Ihnen, MacDonovan?“

„Ich bin an Ihrer Seite“, sagte der Astronom. „Wo Sie sind, bin ich nicht fern.“ Er lächelte verschmitzt.

„Dann sind wir schon zu dritt. Eine Person können wir noch mitnehmen. Nun, Dr. Craddle?“

Der Arzt musste nicht lange mit sich ringen. Ischtar gab ihm den gedanklichen Befehl, zuzustimmen. „Immerhin ist es meine Vision, Sir Livingston. Glauben Sie im Ernst, ich würde es mir entgehen lassen, sie auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen?“

Sir Livingston erhob sich.

„Sehr schön, meine Herren – und meine Dame. Damit sollten wir es für heute bewenden lassen. Ich werde alle Vorbereitungen treffen, damit unser Ausflug morgen in aller Frühe stattfinden kann. Ich bitte Sie noch, über alles, was heute Abend passiert ist, vorerst Stillschweigen zu bewahren. Unnötige Gerüchte könnten die anderen noch stärker verunsichern, als es die Untätigkeit bereits vermag. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Sie alle nickten.

„Nun dann – gute Nacht!“ Er erhob sich und verließ die Kapitänskajüte. Nicht, ohne Ischtar noch einmal höflich zuzunicken und einen Moment lang vor ihr zu verharren.

„Sie sind eine mehr als bemerkenswerte Frau, Lady Ischtar“, sagte er. „Wussten Sie eigentlich, dass Ischtar die akkadische Göttin der Liebe, des Kampfes und des Krieges ist? Eine seltsame Zusammenstellung, oder?“

„Man nennt sie auch die Venussterngöttin“, gab Ischtar zurück. „Aber interpretieren Sie nicht zuviel in meinen Namen hinein. Es ist nichts weiter als die Laune meiner Eltern, die mir diesen Namen gaben.“

Sir Livingston drehte sich um und ging den Gang hinunter in seine Kammer.

MacDonovan folgte ihm, und auch Dr. Craddle verließ die Kajüte. Sein Gang wirkte seltsam unbeholfen.

Ischtar schenkte dem Kapitän noch ein bezauberndes Lächeln und begab sich ebenfalls in ihre Kabine.

 

Es war ein elender Tag. Dichter Schneefall hatte eingesetzt. Der Sturm trieb die Schneeflocken vor sich her. Die Temperaturen waren plötzlich gestiegen, so dass eine matschige Fläche auf dem Eis lag.

Auch für die Hunde waren dies alles andere als optimale Bedingungen. Der Boden war völlig uneben. Jeder Quadratzentimeter war mit einem Labyrinth von Buckeln und Kammern übersät

Livingston rang mit sich, die Expedition wieder abzublasen.

„Gefällt mir überhaupt nicht, dieses Wetter“, bestärkte ihn MacDonovan. Wahrscheinlich hatte er in erster Linie Angst um seine Instrumente. Obwohl sie in dicken Tüchern gewickelt und in Kisten verpackt waren, bedachte er sie mit sorgenvollen Blicken.

„Stellen Sie sich nicht an wie eine Memme“, sagte Dr. Craddle. Ischtar hatte ihn entsprechen instruiert, dass er alles unternehmen sollte, um den Ausflug stattfinden zu lassen. „Wenn Sie kneifen wollen, sagen sie es geradeheraus. Dann fahren wir eben ohne sie.“

MacDonovan brummte etwas in seinen Bart und fuhr fort, seine Kameras und Teleskope sicher auf einem der Schlitten zu verstauen.

„Wir wissen noch nicht einmal die Richtung, in die wir suchen müssen“, sagte Livingston. „Es ist, als ob wir die Vision einer Vision ausfindig machen wollen.“

„Wir müssen uns Richtung Norden halten“, sagte Ischtar.

„Wieso sind Sie sich dessen so sicher, Lady Ischtar.

„Auch mir ist unser Führer erschienen. Ich sah ihn, während Sie alle sich in tiefer Trance befanden. Er gab mir die Richtung an und ich spüre noch immer, dass der Kontakt zu ihm nicht vollständig abgebrochen ist.“

Die anderen sahen sie gespannt an. „Warum haben Sie uns davon nichts erzählt?“, bohrte MacDonovan.

„Hätten Sie es nicht als Beeinflussung gedeutet? Ich wollte, dass Sie alle aus freien Stücken diese Erkundung unternehmen.“

„Also gut, halten wir uns Richtung Norden“, sagte Livingston. „Ihre Aufgabe, MacDonovan, ist es, den Kurs zu bestimmen.“

Schließlich war es soweit. Die gesamte Mannschaft der Northern Star stand an Deck und verabschiedete die drei Männer und die eine Frau, als die Hundeschlitten loszogen – mitten hinein in das dichte Schneetreiben.

Sie alle spürten, dass es vielleicht die letzte Hoffnung war, doch noch einen Weg aus dem verhängnisvollen Packeis zu finden.

Ischtar teilte sich den Schlitten mit Livingston. Während sie es sich einigermaßen bequem gemacht hatte, stand Livingston hinter ihr und lenkte den Schlitten. Die Hunde waren außer Rand und Band.

„Was ist nur mit den verfluchten Hunden?“, brüllte Livingston. Obwohl er seine Peitsche knallen ließ, ließen sie sich kaum lenken. Es war, als zöge jeder in eine andere Richtung.

Ischtar schaute zum zweiten Schlitten hinüber. Auch Dr. Craddle, der ausgebildet und trainiert genug war, um einen Schlitten zu lenken, hatte seine Mühe, das Rudel auf Kurs zu bringen.

Auch Ischtar kam das Verhalten der Hunde seltsam vor. Lag es vielleicht daran, dass sie in dem Schlitten saß und die Hunde ihre Fremdheit spürten?

Doch nach wenigen hundert Metern hatte Livingston den Schlitten einigermaßen unter Kontrolle. Auch das Wetter wurde nach ein paar Meilen wieder besser.

„Kommt Ihnen das nicht auch eigenartig vor?“, fragte Livingston. Tatsächlich hatte das Schneetreiben aufgehört. Ischtar schaute zurück. Sie hatte die eigenartige Vision, dass der Schnee wie eine riesige Glocke nur über dem Gebiet niederging, in dem die Northern Star eingeschlossen lag.

Sogar die Sonne war plötzlich zu sehen. Ein Ereignis, auf das sie tagelang vergeblich gewartet hatten.

Nach einer Stunde machten sie die erste Rast.

„Nun, Doktor, wie weit glauben Sie, müssen wir noch?“

Dr. Craddle zuckte nur mit den Achseln.

MacDonovan hatte seine Kamera ausgepackt und machte ein paar Fotos.

„Was soll das, MacDonovan?“, zog ihn Livingston auf. „Die Fotos werden alle gleich. Die kauft uns kein Magazin ab.“

Nach wie vor war außer einer riesigen Eisfläche kein Anhaltspunkt zu erkennen. Auch Ischtar spürte den Keim der Verunsicherung aufsteigen. Waren sie wirklich in die richtige Richtung gefahren? Normalerweise war ihr Orientierungssinn unübertrefflich. Doch konnte es sein, dass die Berührung mit der Schwärze ihren Instinkt nachträglich beeinträchtigt hatte?

Sie ließ sich ihre Verunsicherung nicht anmerken, sondern stellte nach wie vor Selbstsicherheit zur Schau.

Nach einer Weile fuhren sie weiter. Das Eis wurde ebener und war nicht mehr mit jenen Buckeln übersät. Es ging schneller voran als zuvor. Und dennoch waren die Hügel nirgendwo in Sicht.

Gegen Mittag legten sie eine längere Rast ein. Die Hunde waren erschöpft. Noch immer waren sie nicht auf irgendein Anzeichen gestoßen. Ischtar war längst überzeugt davon, dass sie die Männer in eine falsche Richtung geleitet hatte.

Nachdem sie die Hunde versorgt hatten und sich selbst eine karge Ration Zwieback mit Nusspaste gegönnt hatten, sprach Livingston den Misserfolg ihrer Expedition direkt an:

„Nun, wir sollten uns eingestehen, dass wir alle uns da in etwas hineingesteigert haben.“ Er schaute dabei insbesondere Ischtar an. „Unter uns gesagt, nehme ich ein gutes Stück Verantwortung dafür auf mich. Schließlich habe ich Sie mehr oder weniger zwingen wollen, diese unsägliche Séance zu veranstalten...“

„Ich weiß, was ich gesehen habe“, beharrte Dr. Craddle.

„Was ist mit Ihnen, MacDonovan. Sind Sie sich ebenfalls noch sicher?“

„Wenn Sie meinen Rat hören wollen: Wir sollten umkehren, sobald die Hunde wieder bei Kräften sind. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es gerade noch bis zum Einbruch der Dunkelheit.“

Livingston nickte. „Zwei Meinungen gegen eine. Wie steht es mit Ihnen, Lady Ischtar?“

„Ich weiß, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, beharrte sie. Natürlich war dies nicht der Fall. Aber notfalls würde sie solange weitersuchen, bis sie wieder auf die eigenartige Felsengruppe stoßen würde. Sich wieder zurück zur Northern Star zu begeben und dort in Untätigkeit zu verharren, dieser Gedanke erschien ihr unerträglich. Sie begleitete ihre Antwort mit einem leichten Gedankenbefehl an Livingston, so dass dieser nicht mehr widersprach.

„Also schön, nach dem Mittag fahren wir weiter“, entschied er.

MacDonovan sah ihn ungläubig an.

„Aber das ist Wahnsinn“, wandte er ein. „Wir sind kaum dafür ausgerüstet, eine Nacht auf dem Eis zu verbringen...“

Der finstere Blick Livingstons ließ ihn schweigen.

Ischtar wusste, wen sie als Erstes opfern würde. Auch sie bedachte MacDonovan mit ihrem Blick. Zu seinem Glück bemerkte er es nicht.

Es hätte ihn sonst noch nachdenklicher bestimmt.

So schnappte er sich seinen Fotoapparat und machte ein paar weitere Aufnahmen von ihrem provisorischen Lagerplatz. Er fotografierte die Hunde, Livingston beim Mahl, Dr. Craddle, wie er die Landkarte studierte, und schließlich wollte er auch von Ischtar ein Foto machen.

„Ich glaube, Sie sollten das lassen“, sagte sie barsch.

„Warum sträuben Sie sich derart, Lady Ischtar?“, fragte er. „Es ist doch nichts dabei. Sie sind die Einzige, die ich noch nicht für die Nachwelt verewigt habe.“

Es machte ihm Spaß, nicht locker zu lassen.

„Ich will es nicht, und das sollte Ihnen genügen.“ Das fehlte noch, dass er plötzlich feststellen würde, dass sie auf den Fotos nicht zu sehen war. Seit der Erfindung der Fotografie vor einigen Jahrzehnten hatte Ischtar das seltsame Phänomen festgestellt, dass sie auf den Fotos nachher nicht zu sehen war. Es schien generell alle Vampire zu betreffen. Vor allen Dingen in den letzten Jahren war die Fotografie derart populär geworden, dass sie zu einer echten Gefahr für ihre Rasse geworden war, was ihre mögliche Entdeckung anbetraf. Seit jeher lebten sie im Verborgenen – zwar mitten unter den Menschen, auf deren Blut sie angewiesen waren, jedoch nicht mit ihnen. Würde die Menschheit eines Tages die Wahrheit erfahren, so würde es eine gnadenlose Auseinandersetzung geben.

Und Ischtar war sich sicher, wer daraus als Sieger hervorgehen würde.

Die Menschheitsrasse, dies hatte die Evolution gezeigt, hatte bislang alle natürlichen Feinde ausgerottet, während das Volk der Nacht noch nicht zahlreich genug war, um wirklich dagegen bestehen zu können.

Es war ihre Mission dafür zu sorgen, dass mit Hilfe des Lilienkelches neue Vampirsippen gegründet wurden. Seit ihrem Erwachen im Dunklen Dom war sie unermüdlich unterwegs. Genaugenommen seit 142 Jahren.

MacDonovan trollte sich verstimmt davon, um noch einige letzte Aufnahmen von der Umgebung zu machen. Ischtar beachtete ihn nicht weiter.

Doch plötzlich hörte sie ihn überrascht aufschreien. „Ich habe etwas entdeckt. Schnell! Ein Fernrohr!“

Da im Gegensatz zu sonst kein Matrose in der Nähe war, der ihm zu Diensten war, sprang er selbst zu seinem Schlitten und zog ein Fernrohr hervor. Angespannt hielt er es vor sein Auge und schaute hindurch.

„Was sehen Sie?“, fragte Livingston. „Reden Sie schon, MacDonovan!“

MacDonovan reichte ihm das Fernrohr. „Schauen Sie selbst!“

„Eine Bergkette!“, entfuhr es Livingston. Er setzte das Fernrohr wieder ab und riss Dr. Craddle die Karte aus der Hand.

Nach einer Weile schaute er wieder hoch. „Diese Bergkette ist nirgendwo verzeichnet“, sagte er schließlich. „Kein Mensch vor uns scheint dieses Gebiet jemals betreten zu haben.“

„Hätte ich nicht noch einmal diese Gegend fotographieren wollen, wäre es mir gar nicht aufgefallen“, sagte MacDonovan.

Auch Ischtar spürte die eigenartige Erregung, von der die Männer ergriffen wurden. Zwar hatten sie die Eisbergkuppen bislang nicht gefunden, doch ihr Forscherdrang war geweckt.

Sie beeilten sich, die Hunde wieder vor die Schlitten zu spannen und zogen weiter. Doch sie alle hatten sich getäuscht. Die Bergkette war viel weiter entfernt als sie gedacht hatten. Stunde um Stunde zogen sie dahin, nur unterbrochen von den notwendigsten Pausen für die Hunde, doch die Bergkette rückte kaum näher.

Als die Dämmerung hereinbrach, war zumindest von Livingstons und MacDonovans zwischenzeitlicher Euphorie nicht mehr sehr viel zu spüren. Dr. Craddle stand nach wie vor unter Ischtars Einfluss. Er besaß keinen eigenen Willen mehr. Ischtar selbst fühlte weder Erschöpfung noch Mutlosigkeit. Wenn es allein nach ihr gegangen wäre, wären sie weitergefahren, bis die Hunde vor Erschöpfung zusammengebrochen wären. Sie wäre sogar allein weitergeflogen, wenn sie nicht noch immer geglaubt hätte, dass die Männer ihr letztlich würden helfen können.

Schließlich ließ Livingston anhalten.

„Es hat keinen Zweck“, sagte er. „Die Hunde sind ausgelaugt. Wenn wir sie weiter schinden, verlieren wir noch den ein oder anderen von ihnen. Wir werden hier rasten.“

Sie stiegen ab und versorgten zunächst die Hunde. Danach versuchte Dr. Craddle ein kleines Feuer zu entfachen, doch der Wind blies es immer wieder aus. Auf einen wärmenden Trunk würden sie also verzichten müssen.

Sie deponierten die Schlitten so, dass sie als Windstopper dienten. Dazwischen schlugen Sie ihr Lager auf. Sie spannten eine riesige Leinwand auf und darunter vier winzige Zelte.

Gerade rechtzeitig vor der Dunkelheit hatten sie es geschafft. Sie hüllten sich in ihre Schlafsäcke und warteten den Morgen ab.

Ischtar hörte trotz des Windes mit ihrem feinen Gehör die Atemzüge der anderen. Livingston und MacDononvan versanken fast augenblicklich in einen erschöpften Schlaf.

Dr. Craddle war jedoch wach. Nach einiger Zeit hörte sie, wie er sich erhob und seine Schritte langsam in die Richtung ihres Zeltes bewegte. Schließlich hielt er direkt davor. Sie konnte seine Gedanken spüren.

Dieser Narr!

„Lassen Sie mich hinein, Lady Ischtar!“, flehte er.

Was, glaubst du, erwartet dich hier? übertrug sie ihm ihre Gedanken.

„Wärme. Mein Körper ist kälter als das Eis. Ich habe das Gefühl, das Eiswasser durch meine Adern fließt – und nur Sie können es erwärmen, Lady Ischtar.“

Das Einzige, was ich vermag, ist, dich von all dem zu erlösen, teilte sie ihm mit. Doch diesen Zeitpunkt bestimme ich.

„Wenn nicht meinen Körper, so erwärmen Sie mir mein Herz!“, flehte der Arzt.

Was ist mit deinem Herz?

„Ich spüre es nicht mehr. Es pocht noch, doch ich habe das Gefühl, dass dort, wo es schlägt, in Wahrheit nur ein leeres Loch ist.“

Auch dein Herz kann ich nicht wärmen, dachte Ischtar. Was habt ihr Menschen für romantische Ansichten.

„Ich verzehre mich nach Ihnen, Lady Ischtar.

Aber nicht, weil du mich liebst, sondern weil du mir hörig bist. Bald wirst du es verstehen. Und nun begib dich zurück in dein Zelt.

„Darf ich nicht bleiben und vor Ihrem Zelt wachen?“

Meinetwegen, aber pass auf, dass die anderen dich nicht bemerken. Sie könnten sich sonst so ihre Gedanken machen...

Sie unterbrach die Verbindung und fiel in einen leichten Schlaf.

In der Nacht wurde sie plötzlich von einem Schrei geweckt. Sie schreckte hoch und war augenblicklich auf den Beinen. Als sie aus dem Zelt huschte, war Dr. Craddle verschwunden.

Auch Livingston und der Fotograf kamen schlaftrunken aus ihren Zelten gekrochen.

„Was ist passiert?“, fragte Livingston argwöhnisch. Er schaute sich um. „Wo ist der Doktor?“ Dessen Zelt stand offen. „Weshalb hat er geschrieen?“

Also hatte sich Ischtar nicht getäuscht. Auch sie war sich sicher gewesen, dass es Dr. Craddle gewesen war, den sie hatte schreien hören.

„Suchen wir nach ihm“, bestimmte sie.

„Nicht so überstürzt, Lady Ischtar. „Ich möchte nicht, dass wir alle in unser Verderben laufen...“

Doch Ischtar hörte nicht auf ihn. Sie war bereits losgestürmt. Der Mond brach sich in diesem Moment Bahn durch die Wolken und beleuchtete die grenzenslose Eisfläche mit einem gespenstisch wirkenden Licht.

Weit vor sich sah Ischtar eine Gestalt laufen.

Craddle.

Entweder lief er davon oder er verfolgte etwas. Sein zichzackartiger Kurs sprach eher für die erste Möglichkeit. Nun konnte Ischtar einen weißen Körper erkennen, der sich kaum von dem Eis abhob. Es handelte sich um ein Tier, doch sie vermochte nicht zu sagen, um was für eine Rasse. Fast glaubte sie, dass es sich um einen kleinen Wolf handelte.

Doch es gab hier keine Wölfe.

Sie versuchte, gedanklichen Kontakt mit Craddle aufzunehmen, doch auch dies gelang ihr nicht. Also blieb ihr nichts weiter, als ihm nachzustürmen.

Hinter sich hörte sie Livingston und MacDonovan rufen. Sie waren zu nah hinter ihr, als dass sie gewagt hätte, sich in ihre Fledermausgestalt zu verwandeln.

Da der Arzt nach wie vor seinen Zickzackkurs beibehielt, kam sie rasch näher, da sie auf direktem Weg in seine Richtung lief.

Doch noch bevor sie ihn erreichte, blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen.

Ischtar erreichte ihn. Er atmete noch immer schwer.

„Was ist passiert?“, herrschte sie ihn an. „Du benimmst dich auffälliger, als es in meinem Interesse sein kann.“

Er wich ängstlich zurück angesichts ihres offensichtlichen Zorns.

„Verzeihen Sie, Lady Ischtar. „Aber es wollte in Ihr Zelt.“

„Was wollte in mein Zelt?“

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sein Mund blutverschmiert war. Ihr Blick wanderte zurück, und sie bemerkte die winzige Blutspur, die den Weg markierte.

„Dieses Tier“, antwortete Craddle. „Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es hatte kein Fell. Seine Haut war völlig weiß. Auch hatte es weder Augen noch Ohren. Allein die spitzen Zähne...“

„Hat es dich gebissen?“

Craddle grinste. „Ich habe es gebissen.“

„Wohin ist es verschwunden?“ Ischtar zweifelte nicht an den Worten des Arztes. Er stand unter ihrem Bann und hätte niemals die Unwahrheit gesagt. Selbst wenn es nur eine Halluzination war, so blieb noch immer das Blut. Es sei denn, es stammte von Craddle.

„Es war plötzlich weg“, antwortete Craddle. „Es hat sich in Luft aufgelöst.

„Nichts kann sich in Luft auflösen“, sagte Ischtar verärgert. „Du solltest dir das Blut von den Lippen wischen“, riet sie ihm. „Die anderen wären sicherlich verwundert, wenn sie wüssten, dass du neuerdings Tiere – und seien sie auch noch so merkwürdig – beißt.“

Sie suchte das Eis mit ihren scharfen Augen ab. Auch sie hatte dieses Ding ja gesehen. Doch auch sie konnte nirgendwo mehr eine Spur davon erblicken. Die einzige Erklärung war, dass es irgendwo in dieser Eisfläche eine Mulde oder gar eine Höhle gab, worin es sich verkrochen hatte.

Am meisten irritierte sie, dass dieses Tier in ihr Zelt hatte eindringen wollen.

Sie zuckte die Schultern. „Gehen wir zu den anderen zurück!“, bestimmte sie. „Und kein Wort zu den anderen darüber. Sie sind schon verunsichert genug.“

Craddle nickte gehoram. Er wischte sich das Blut von den Lippen. Ischtar ging voran, und er folgte ihr ergeben

„Was ist passiert?“, fragte Livingston, als sie das provisorische Lager wieder erreichten.

„Nichts“, antwortete Ischtar anstelle des Arztes. „Dr. Craddle hat einen Alptraum gehabt.“

Der Arzt lächelte gequält, doch er hielt den Blicken der beiden Männer stand.

„Mein Gott, Doktor, Sie bluten ja!“, sagte MacDonovan.

„Ich habe mir wohl auf die Zunge gebissen. Es geht schon wieder.“

„Na, dann schlage ich vor, dass wir uns noch ein paar Stunden Schlaf gönnen – sofern das bei dieser Kälter überhaupt möglich ist“, schlug der Fotograf vor.

„Eine gute Idee“, sagte Ischtar.

Es war Livingston anzumerken, dass ihm noch etwas auf der Zunge lag, aber auch er sah keinen konkreten Grund, sich nicht wieder hinzulegen.

Als sie alle wieder in ihren Zelten lagen, horchte Ischtar erneut auf die Atemzüge der Männer. Als sie sicher sein konnte, dass niemand mehr in ihre Quere kommen würde, stahl sie sich aus ihrem Zelt und transformierte in einer einzigen fließenden Bewegung in ihre Fledermausgestalt.

Wenige Sekunden später erhob sie sich in den fast schwarzen Nachhimmel und suchte mit ihrem Sonarsinn das Eis ab. Sie stieg höher und höher und erweiterte den Radius immer mehr. Doch nirgendwo stieß sie auf irgendeine Form von Leben. Noch stieß sie auf das Tier, das Dr. Craddle beschrieben hatte.

Nach einer Stunde kehrte sie zurück in das Lager und schlich sich in ihr Zelt.

Als die Sonne aufging, war sie als Erste auf den Beinen. Sie trat aus dem Zelt und konnte ihren Augen kaum glauben, was sie dort sah.

Sie weckte die Männer. Es war fast beiläufig, dass sie nun die treibende Kraft war und praktisch das Kommando übernahm.

„Was ist nun schon wieder passiert?“, fragte MacDonovan. Er rieb sich schlaftrunken die Augen. Die ganze Nacht lang hatte er sich vor Kälte hin und her gewälzt und hatte kaum ein Auge zugemacht. Erst kurz vor Sonnenaufgang war er vor Ermüdung in einen unruhigen Schlummer gefallen.

„Schauen Sie selbst!“, sagte Ischtar.

Schließlich waren sie alle auf den Beinen und sahen zu der Bergkette hinüber.

„Die Berge sind plötzlich zum Greifen nah!“, entfuhr es MacDonovan.

Tatsächlich schien es, als wäre die Bergkette höchstens noch wenige Meilen entfernt. Deutlich waren einzelne Konturen zu erkennen.

„Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!“, stellte Livingston fest. Er war mit seinem Latein am Ende. Das, was er dort mit eigenen Augen sah, war entgegen aller Logik und mit normalem Menschenverstand nicht zu messen. Sie alle hatten am Vorabend die Berge in deutlicher Entfernung gesehen.

„Wie ist so etwas möglich?“, fragte der Fotograf.

„Vielleicht haben wir uns alle geirrt“, stellte Dr. Craddle fest. „Oder dies ist eine Luftspiegelung.“

„Ich habe von diesen Luftspiegelungen gehört“, sagte Livingston. „Man soll die eigenartigsten Dinge erblicken, die sich plötzlich in Luft auflösen oder als Berge entpuppen. Häuser, Paläste, ganze Städte...“

„Ich werde es fotografieren“, sagte MacDonovan. „Und wenn es sich als Luftspiegelung herausstellt, wird nachher auch nichts zu sehen sein.“

Ischtar hielt es an der Zeit, sich einzumischen. „Es ist keine Luftspiegelung“, sagte sie. „Diese Bergkette ist genauso real wie wir alle.“ Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Dennoch ergriff Livingston noch einmal das Wort: „Dann können Sie uns wohl auch erklären, wieso die Berge gestern so weit weg und heute so nah erscheinen. Sagen Sie nicht, die Berge sind gewandert....“

„Ich denke, wir sollten dieses Rätsel so schnell wie möglich lösen“, sagte sie. Auch sie hatte keine Erklärung für dieses Schauspiel. Sollten sie sich alle so geirrt haben? Sie drängte zur Eile, doch gestattete sie den anderen noch ein karges Frühstück.

Ganz selbstverständlich hatte sie das Kommando übernommen.

Während die anderen zum Frühstück etwas Dörrfleisch herunterwürgten, brachte es Livingston zur Sprache:

„Sie frühstücken nicht, Lady Ischtar.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Ich habe das Gefühl, dass Sie sich verändert haben...“

Ischtar warf ihm ein unergründliches Lächeln zu. „Ach, habe ich das?“

„Sie sind nicht mehr die Frau, die Sie auf der Northern Star waren. Sie wirken so, als würden Sie hier plötzlich das Kommando haben. Was verheimlichen Sie uns?“

Ischtar dachte nicht daran, ihm weiterhin eine Rolle vorzuspielen. „Das werden Sie zur gegeben Zeit erfahren. Und nun lassen Sie uns aufbrechen.“

Livingston erhob sich. „Eines wüsste ich trotzdem gern: Was haben Sie mit Dr. Craddle angestellt? Ich erkenne ihn nicht wieder!“

Hab ein wenig Geduld und du wirst Craddles Schicksal am eigenen Leibe spüren, dachte Ischtar.

Sie brach das Gespräch ab, indem sie sich einfach umdrehte und zu ihrem Schlitten ging. Craddle hatte die Hunde inzwischen angespannt. Die Ungeduld seiner Herrin hatte sich auch auf ihn übertragen.

Ischtar wartete auf Livingston und MacDonovan, dann ließ sie die Hunde antraben.

Die Sonne war nur wenige Minuten zu sehen gewesen. Ein böiger Wind brachte einen unangenehmen Schneeschauer mit sich. Dennoch waren die Berge deutlich zu erkennen. Auch als der Schauer immer mehr in einen Schneesturm überging und die Hunde Mühe hatten, sich gegen den Wind zu stemmen.

Nach einer Stunde hatten sie es geschafft. Vor ihnen erhob sich einer der Hügel. Jetzt, aus der Nähe betrachtet, war die ganze Bergkette nicht annähernd so hoch, wie sie aus der Ferne gewirkt hatte. Sämtliche Sinne schienen hier verrückt zu spielen.

Dennoch waren die Berge real.

„Nun, Doktor, glauben Sie noch immer an ein Luftspiegelung?“, fragte Livingston triumphierend. Er bückte sich und ließ den feinen Schnee durch seine Finger rieseln. Sie standen direkt am Fuße des Hügels.

Doktor Craddle ließ sich nicht auf ein Streitgespräch ein. Er und MacDonovan kümmerten sich um die Hunde, die seltsam nervös waren. Als Craddle sie an einem in den Schnee geschlagenen Pfahl anbinden wollte, gebärdeten sie sich wie verrückt.

„Es scheint fast, als würden sie sich vor irgendetwas fürchten“, stellte Craddle fest. Wie zur Untermauerung seiner Worte biss ihm einer der Hunde in die Hand.

„Verflucht, ich...!“

Er schlug nach dem Hund, doch dieser ließ sich nicht beruhigen. Auch die anderen Hunde fielen in ein entnervendes Geheul und Gekläffe ein. Einem gelang es, das Lederband zu zerreißen. Ehe einer der Männer ihn daran hindern konnte, nahm er Reißaus und lief wie von Teufeln gehetzt in die Schneewüste hinein.

„Vielleicht spüren sie mehr als wir“, sagte MacDonovan. „Ehrlich gesagt, auch mir ist nicht ganz wohl in meiner Haut.“

Die Hunde ließen sich nicht beruhigen, so dass sie sich schließlich nicht weiter darum kümmerten, sondern ihnen nur noch einmal Futter gaben.

„Beginnen wir mit dem Aufstieg!“, befahl Ischtar und ging voran. Hinter ihr begannen die Männer den Schneehang zu erklimmen.

Sie hatten beschlossen, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, um möglichst schnell voranzukommen. Selbst MacDonovan hatte auf seinen geliebten Fotoapparat verzichten müssen. Sie hatten weder Schlafsäcke dabei noch genügend Proviant. Sie hatten sich darauf geeinigt, nur eine Ein-Tages-Ration für jeden von ihnen mitzunehmen. Dazu kamen noch ein Kompass, ein Fernrohr, vierzig Meter Seil und ein Beil, dass als Eisaxt benutzt werden konnte. MacDonovan hatte darauf bestanden, zumindest seinen Chronometer mitzunehmen, den er um den Hals trug.

Je höher sie stiegen, desto kälter wurde es. Allein Ischtar machte die Kälte nicht viel aus.

MacDonovan war der Erste, der sich beklagte. „Ich habe das Gefühl, dass mir meine Füße abfrieren. Dieser Aufstieg ist einfach fürchterlich. Wir sollten umkehren!“ Sein dichter Bart war ein einziger Eiszapfen.

„Wir kehren um, sobald wir wissen, was es mit diesen Hügeln auf sich hat!“, sagte Ischtar. „Vielleicht können wir von dort oben mehr erkennen.“

Trotz der Kälte hatte sich der Boden durch den Schneefall in ein tückisches Gelände verwandelt. Bei jedem Schritt sanken sie knöchel- bis knietief ein.

Nach zwei Stunden hatten sie eine Höhe von 300 Metern erreicht. Endlich lichtete sich der Schneesturm ein wenig und sie konnten über die gesamte Eisfläche blicken, von der sie gekommen waren.

Als sie weiter dem Bergsattel entgegensteigen, kam plötzlich dichter Nebel auf.

Livingston fluchte. „Es hat keinen Zweck. Wir kommen nie oben an. Von hier aus ist noch nicht einmal zu erkennen, wie hoch wir noch klettern müssen!“

Wir müssten es gleich geschafft haben“, sagte Ischtar.

„Selbst wenn wir hier irgendwo ein Stück offene See sehen, wie sollen wir die Bote so weit hierher schleppen? Wenn wir überhaupt hier lebend wieder runter kommen!“

Ischtar gebot ihn zu schweigen. „Vergessen Sie nicht, dass es Ihre Expedition ist, Sir Livingston“, erinnerte sie ihn. „Haben Sie nicht geschworen, alles dafür zu geben, um für Ihr Vaterland den Nordpol zu erobern?“ Sie lächelte süffisant.

Sie mühten sich weiter bergan. Und schließlich hatten sie es geschafft! Selbst MacDonovan jubelte, als sie oben auf der Kuppe standen. Links und rechts von ihnen erhoben sich noch höhere Berge, deren Spitzen sich irgendwo im Nebel verloren. Doch vor und hinter ihnen hatten sie klare Sicht.

Doch während die Richtung, aus der sie gekommen war, aus einem völlig ebenen Schneefeld bestanden hatte, war das Gelände hinter dem Hügel von völlig anderer Beschaffenheit. Sie schauten auf eine Landschaft, die sich ausnahmslos aus Höhen und Senken zusammensetzte. Einige tückisch wirkende Steilhänge waren darunter zu erkennen.

„Soweit zu dem Thema, eine offene Meerstelle zu finden“, sagte Livingston. Er setzte sich erschöpft.

Auch Ischtar war enttäuscht. Sie hatte sich mehr von dem Aufstieg erhofft. Ihre Augen suchten den Horizont ab, während die Männer ausnahmslos niedergesunken waren.

Plötzlich glaubte sie etwas zu sehen. Inmitten der Landschaft erkannte sie ein Gebilde, wie sie es bereits einmal gesehen hatte. Sie konzentrierte ihren Blick darauf. Dann war sie sich sicher.

„MacDonovan! Richten Sie einmal Ihr Fernrohr dort hinten hin!“ Sie wies ihm die Richtung.

MacDonovan trat neben sie und schaute durch sein Fernrohr.

„Was sehen Sie?“

„Es ist eine kleinere Ansammlung von Bergen. Drei nebeneinander, die fast identisch aussehen, daneben ein langgestreckter Hügel und neben diesem ein weiterer kleiner Berg.“

„Wie würden Sie es bezeichnen, wenn es keine Berge und Hügel wären?“

„Ich würde sagen, dass sich dort unten eine riesige Hand mit einem ausgestreckten Zeigefinger befindet.“

Livingston kam herangestürzt und riss dem Fotograf das Fernrohr aus der Hand.

„Zeigen Sie! Das ist... unglaublich!“, stammelte er, nachdem er sich ebenfalls von dem steinernen Gebilde überzeugt hatte. Schließlich setzte er das Fernrohr ab. „Hier, Doktor, schauen Sie auch einmal hindurch!“

Craddle winkte ab. „Ich glaube es Ihnen auch so.

„Aber es verhält sich genauso wie in Ihrer Vision, Doktor. Es muss Sie doch interessieren!“ Irritiert wandte er sich Ischtar zu. „Was hat das alles zu bedeuten? Wann endlich erfahren wir die Wahrheit von Ihnen?“

Ischtar war noch selbst zu überrascht, um selbst eine Erklärung zu haben. Weshalb konnte die steinerne Hand plötzlich dort unten sein – an einem völlig anderen Standort. Als sie das erste Mal darauf gestoßen war, war dies nicht allzu weit entfernt von der Northern Star gewesen... Doch dann erkannte sie die Wahrheit:

Das Gebilde dort unten glich der ersten Ansammlung wie ein Haar dem anderen. Doch bei dem ersten war der Hügel, der den Zeigefinger markierte, rechts der drei Kuppen angeordnet gewesen. Nun lag der Zeigefinger links.

Das erste Mal war es eine linke Hand gewesen. Dort unten hatte sie das rechte Pendant dazu gefunden!

„Doktor Craddle, reichen Sie mir noch einmal die Karte!“, befahl sie. Craddle kam eilfertig heran und breitete sie vor ihr auf dem Boden aus.

„Zeigen Sie mir, wo hier die Northern Star liegt.“

Craddle zeigte auf einen Punkt. Nicht weit davon hatte sie das erste steinerne Gebilde entdeckt. Sie markierte den ungefähren Fundort mit einem kleinen Riss auf der Karte.

„Schauen Sie, das Gebirge, auf dem wir uns befinden, könnte dieses hier sein.“ Sie zeigte auf die entsprechende Eintragung auf der Karte. „Hier hört die Karte auf. Anscheinend hat sich noch niemand dort hinunter getraut. Jedenfalls könnte die Hand, die wir dort unten sehen, ungefähr – hier auf der Karte sein. Sie markierte auch diese Stelle mit einem kleinen Riss.“

MacDonovan reichte ihr einen Stift. „Neben Sie bitte diesen, bevor sie mir die ganze Karte zerreißen, Lady Ischtar. Bedenken sie, wir haben nur diese eine.“

Sie nahm den Stift und zeichnete mit geschickten Strichen die beiden Hände nach. So, wie sie die eine in Erinnerung hatte und wie sie die andere nun vor sich sahen.

„Nun? Fällt Ihnen etwas auf?“

„Die ausgestreckten Zeigefinger...“, begann Livingston.

„Sie bilden gemeinsam ein Dreieck“, vollendete Ischtar. Nach oben hin ist es jedoch geöffnet. Wenn ich die Linien nun verlängere, dann treffen sie sich genau am Nordpol.“

Sie zeichnete es auf der Karte nach.

„Das ist ein Bluff!“, widersprach MacDonovon. „Woher wollen Sie das ohne exakte Messungen wissen? Außerdem ist die erste Hand, die Sie dort eingezeichnet haben, nichts weiter als Craddles Vision gewesen...“

Ischtar beachtete ihn nicht weiter. Sie war sich ihrer Sache zu sicher. Die beiden Zeigefinger wiesen genau auf den nördlichen Pol.

„Wir schauen uns diese Hand einmal aus der Nähe an!“, befahl sie. Sie spürte den Anflug der Rebellion, doch sie war es Leid, ständig weitere Erklärungen abgeben zu müssen. Sie ließ Craddle für sie handeln.

Er zog plötzlich ein Messer und hielt es den beiden anderen Männern unter die Nase.

„Sie sollten nun beide gehorche, was Lady Ischtar befiehlt!“, drohte er. Seine Stimme klang seltsam abwesend.

„Was hat das zu bedeuten?“, begehrte Livingston auf. Doch nur kurz, dann stach Craddle zu. Die Messerklinge fuhr in seinen Arm und kam hinten wieder heraus. Mit ungläubigem Blick verfolgte Livingston das Geschehen.

Unberührt zog Craddle das Messer wieder aus Livingstons Arm. Die Wunde blutete stark, doch Craddle ließ keine weitere Verzögerung zu. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Hand fest auf die Wunde gepresst, machte sich Livingston an den Abstieg. Auch MacDonovan wagte keinen Widerspruch mehr.

Der Abstieg erwies sich als ungleich leichter als der Aufstieg. Auch die Wetterbedingungen waren auf dieser Seite besser. Der von dem Schneetreiben hervorgerufene Dunst verringerte sich immer mehr. Die Sonne kam sogar hervor.

Nach einer Stunde bemerkten sie einige Spalten und stellten fest, dass sie sich auf einem schneebedeckten Gletscher befanden. Noch vorsichtiger als zuvor stiegen sie weiter bergab.

Schließlich hatten sie es geschafft. Schweratmend kamen sie zum Stehen. Livingstons Wunde blutete nicht mehr. Dennoch war er am Ende seiner Kräfte. Ischtar überlegte, ob sie ihn sich selbst überlassen sollte. Doch sie entschied sich dagegen. Er mochte ihr noch andere Dienste leisten.

Ohne Rast marschierten sie weiter. In der Mitte des Weges gelangten sie an einen kleinen zugefrorenen See. Es war seltsam genug, dass er nicht schneebedeckt war. Auch Ischtar hatte keine Erklärung dafür, dass sein Wasser offenbar wärmer war als alles andere in der Umgebung. Er war fast kreisrund.

Eine Weile standen sie am Ufer des Sees. Jeder machte sich seine eigenen Gedanken. Jedes Gespräch war verstummt. Livingston und MacDonovan wussten nun, dass sie nichts weiter als Gefangene waren. Wenngleich sie auch nicht durchschauten, warum dies passiert war.

Ischtar überlegte, ob sie den direkten Weg über den See wählen sollten. Er war zwar nur von einer dünnen Eisschicht bedeckt, doch schien diese dick genug, sie alle zu tragen. Instinktiv wollte sich Ischtar gegen den direkten Weg entscheiden, doch ein Blick auf Livingston und MacDonovan sagte ihr, dass diese nicht mehr lange durchhalten würden.

Sie setzte einen Fuß auf das Eis und ging vorsichtig voran. Es knirschte leicht, doch schien dieses Knirschen von der hauchdünnen Schneeschicht zu stammen, die das Eis bedeckte.

Livingston und der Fotograf folgten. Daran an schloss sich Craddle, der die beiden die ganze Zeit im Auge behielt.

Je weiter sie auf das Eis hinausgingen, desto dünner schien es zu werden. Einmal glaubte sie sogar, eine Bewegung unter dem Eis wahrzunehmen. Eine dahinhuschende schwarze Gestalt wie von einem Seehund. Doch dies war sicherlich eine Täuschung gewesen. Es existierten in dieser Gegend keine Seehunde.

MacDonovan schrie plötzlich auf. Mit vor Schreck geweiteten Augen wies er auf die Eisschicht unter sich. „Dort hat sich etwas bewegt!“, rief er. „Wie in der Vision!“

Ischtar drängte die Männer zur Eile. Ihr war dieser See nicht geheuer.

„Ich gehe keinen Schritt weiter!“, beharrte der Fotograf. Dr. Craddle bohrte die Messerspitze in seine dicke Kleidung, so dass sie seine Haut leicht ritzte.

„Das würde ich mir an Ihrer Stelle noch einmal überlegen, MacDonovan“, sagte er kühl.

Ischtar achtete nicht auf die Auseinandersetzung. Ihre Sinne waren gespannt. Mit ganzer Aufmerksamkeit konzentrierte sie sich auf die immer dünner werdende Eisschicht unter ihren Füßen.

Ein erneuter Schrei ließ sie herumfahren. Livingston war mit einem Bein eingebrochen. Er steckte bis zum Oberschenkel im Eis fest.

„Hilfe! So helfen Sie mir doch!“, schrie er. Er versuchte, sich abzustützen. Seine Hände rutschten auf dem glatten Eis ab.

Dr. Craddle ließ sich vorsichtig nieder und robbte sich zu Livingston hin.

„Beeilen Sie sich, ich...“

Was der Expeditionsleiter hatte sagen wollen, ging in einem weiteren Schrei unter. Livingston schrie, als würde jemand mit einem glühenden Messer in seinem Leib herumbohren. „Mein Bein!“, war alles, was sie verstanden. Der Rest wurde von seinem verzweifelten Schreien verschluckt.

Ischtar reagierte als Erste.

„Doktor! MacDonovan! Rasch, Sehen Sie beide zu, dass Sie so schnell wie möglich ans andere Ufer gelangen!“

Der Fotograf schaute entsetzt auf Livingston. „Was –passiert – mit – ihm?“, fragte er. Seine Stimme klang, als stünde er unter einem Schock.

„Doktor! Kümmern Sie sich um ihn! Ich sehe zu, dass ich Livingston freibekomme.“

Doktor Craddle schob Livingston vor sich her. Doch immer wieder sah sich der Fotograf um.

Livingston schrie noch immer wie am Spieß. Ischtar sprang zu ihm, bereit, sich jeden Moment in ihre Fledermausgestalt zu verwandeln, wenn das Eis unter ihr brechen würde. Doch sie schaffte es. Die Eisdecke knirschte zwar bedenklich, doch sie hielt.

„Geben Sie mir Ihre Hand, Livingston!“, verlangte sie.

Ihre Worte schienen nicht zu ihm vorzudringen. Sein Gesicht war zu einer Fratze des Schmerzes verzerrt. Schaum und Blut quollen aus seinem Mund.

Da sah Ischtar die Schwärze unter dem Eis. Die Schwärze war genau unter ihnen, und sie hatte Livingstons Bein umhüllt. Plötzlich kam Livingston frei. Sein Körper fiel nach vorne. Dort, wo sich zuvor sein Bein befunden hatte, war nur ein sauber abgetrennter, blutiger Stumpf zu sehen.

Dieser Anblick währte nur einen Augenblick. Im nächsten Moment kam Livingston hart auf dem Eis auf, das sofort unter ihm nachgab. Bevor Ischtar nach ihm greifen konnte, sank er schreiend unter Wasser. Sein Schrei ging in ein Gurgeln über. Die Oberfläche warf Blasen. Und plötzlich kam etwas herausgeschossen.

Selbst Ischtar hatte so etwas noch nicht gesehen.

Es war eine Art Fangarm – wie von einem riesigen Polypen. Das Stück, das aus dem Wasser peitschte, war allein vier Meter lang. Doch anstelle von Saugnäpfen besaß der Arm Dutzende von Krebsscheren.

Ischtar warf sich zurück und brachte sich in Sicherheit.

Der Polypenarm zuckte wie eine Peitsche hin und her. Die Krebszangen öffneten und schlossen sich permanent.

Was für ein Monster lauerte dort unter ihnen? Wenn dies nur eines seiner Arme war, wie musste es dann erst in Gänze aussehen. Ischtar war nicht erpicht darauf, es herauszufinden.

Es genügte, dass es sich Livingston geschnappt hatte. Wer mochte wissen, welche dunklen Geheimnisse dieser See noch zu bieten hatte...

Rasch schloss sie zu den beiden Männern auf. Sie trieb sie zur Eile an. Dr. Craddle schwieg, und auch MacDonovan verlor nicht ein Wort. Offensichtlich stand er nun tatsächlich unter Schock.

Als Ischtar noch einmal zurückschaute, war der Polypenarm verschwunden. Dafür hatte sie den Verdacht, dass er jeden Moment vor ihr aus dem Eis schießen könnte. Selbst ihr graute davor.

Endlich erreichten sie das andere Ufer, ohne das ein weiterer Angriff erfolgt war. Was auch immer für eine Spezies dort unten lauerte, es schien mit dem armen Livingston vorerst genug zu tun zu haben.

Sie stapften weiter. Der Weg wurde immer beschwerlicher, da er nicht mehr über ebene Schneefelder führte, sondern über ausgeprägte Höhen und Senken mit tückischen Steilhängen. Die Achillesferse war MacDonovan, aber Ischtar wollte nicht auf ihn verzichten. Dafür legte sie sogar die ein oder andere Rast mehr ein und erlaubte ihm, Livingstons Tagesration zu essen.

Ganz allmählich schien er sich von seinem Schock zu erholen. Doch über das, was passiert war, sprach er noch immer nicht.

Schließlich hatten sie sich ihrem Ziel so weit genähert, dass es nur noch eines letzten Auf- und Abstiegs bedurfte, um dort anzukommen.

Als sie direkt davor standen, sahen die Eisberge genauso aus wie alle anderen um sie herum auch. Niemals hätte man von hier unten vermutet, dass sie die Umrisse von fünf Fingern bildeten.

Auf den ersten Blick hätte Ischtar dennoch gewettet, dass diese Berge völlig identisch waren mit denen, die sie zuerst gesehen hatte. Auch schienen sie genauso hoch zu sein. Sie wählte eine Stelle, die auch für die Männer zu erklettern nicht unmöglich war.

Craddle und MacDonovan seilten sich an. Auch Ischtar befestigte das Seil um ihre Taille. Sie konnte zwar besser klettern als alle anderen und hätte der Absicherung keineswegs bedurft, doch so konnte sie im Notfall die beiden Männer abfangen.

Sie kletterte voran, jede auch noch so kleine Spalte und jeden noch so winzigen Vorsprung nutzend. Hinter ihr kletterte der Fotograf. Mehr oder weniger zog sie ihn mit hoch. Den Schluss bildete Dr. Craddle.

Schließlich hatten sie es geschafft. Schweratmend ließen sich die beiden Männer oben auf der Kuppe nieder, während Ischtar noch bei vollen Kräften war und sich aufmerksam umschaute. Auch von hier oben schienen die Berge absolut identisch mit ihrer ersten Entdeckung zu sein. Sie schaute hinab in die Tiefe. Jetzt war sie gespannt, ob es hier auch diesen weit in die Erde reichenden Schacht gab, der ihr beim ersten Mal fast zum Verhängnis geworden wäre.

Es gab ihn.

Als sie hinunterblickte, sah sie unter sich nur ein schwarzes, gähnendes Loch. Nur von hier oben konnte man es sehen. Ringsum war es eingefasst von hohen Eiswänden. Es erinnerte sie an einen hohlen Zahn.

Triumphierend verzogen sich ihre vollen Lippen zu einem Lächeln. Nun würde es sich zeigen, ob sich der Weg gelohnt hatte. Nur aus diesem einen Grunde hatte sie die Männer mitgebracht. Ihre Vampirsinne hatten versagt, als sie den anderen Schacht hatte ergründen wollen. Ihre Hoffnung war, dass es normalen Menschen, deren Sinne weit weniger entwickelt waren als ihre, vielleicht möglich sein würde, hinabzuklettern.

Sie begab sich wieder zu den Männern. Dr. Craddle hatte sich bereits wieder erholt, während der Fotograf mit den Kräften am Ende war. Er saß apathisch und lutschte an einem Eiszapfen. Ischtar gedachte ihn vorerst zu schonen. In diesem Zustand nützte er ihr wenig.

„Komm!“, befahl sie. „Ich habe dir etwas zu zeigen!“

Craddle gehorchte augenblicklich. Nach wie vor stand er unter ihrem Bann. Ischtar führte ihn in die Nähe des Abgrunds.

„Traust du dir zu, dort hinabzuklettern?“

„Ich traue mir alles zu, wenn Sie es nur wünschen“, sagte Craddle ergeben.

Ischtar nickte befriedigt. „Ich werde dich das erste Stück begleiten. Doch es kann sein, dass du dann allein weiterklettern musst. Ich weiß nicht, was du dort finden wirst, aber sei auf alle Fälle vorsichtig! Es ist mir wichtiger, dass du wieder heil heraufkommst und mir Bericht erstatten kannst, was du dort unten gesehen hast, als dass du dich unnötig in Gefahr begibst. Hast du alles verstanden?“

Craddle nickte. „Ich habe verstanden, Lady Ischtar. Wenn Sie wollen, werde ich bis zur Hölle hinabklettern und wieder herauf.“

So war es Recht! Noch einmal schaute sie zu MacDonovan. Sie entschied, dass nicht die geringste Gefahr bestand, ihn dort allein sitzen zu lassen. Er war viel zu apathisch, um auf dumme Gedanken zu kommen.

Sie nahmen nur das Seil und die Axt mit sich. Ischtar kletterte vorsichtig voran. Unter ihr gähnte der schwarze Abgrund. Sie verspürte ein leichtes Schaudern, als sie daran dachte, welches Grauen dort unten lauern mochte

Craddle dagegen schien es nichts auszumachen. Weil er unter ihrem Bann stand, ignorierte er jegliche Furcht. Der Abstieg gestaltete sich zunächst relativ einfach. Es waren genügend Vorsprünge und Vertiefungen vorhanden. Doch je tiefer sie kletterten, umso glatter wurde die Eisfläche.

Als Ischtar hinaufschaute, sah sie den Himmel wie durch einen Kamin. Der Abstieg wurde immer beschwerlicher. Schließlich gelang es ihr nur noch mit Hilfe der Axt überhaupt weiter zu gelangen, indem sie tiefe Kerben in das Eis schlug, die ihnen Halt boten.

Sie mussten sich nun am Fuße des Hügels befinden, doch der Schacht führte weiter in eine unergründliche Tiefe. Ischtqar spürte plötzlich den leichten Schwindel, den sie bereits kannte.

Dennoch kletterte sie weiter. Erst als sie kurz davor war, dass sie die Orientierung zu verlieren drohte, verhielt sie. Ein Blick auf Craddle zeigte ihr, dass dieser nach wie vor keine Probleme hatte.

„Was ist mit Ihnen, Lady Ischtar?“

„Mir ist schwindelig. Es geht irgendetwas von dieser Tiefe aus.. Spürst du es nicht auch?“

Craddle verneinte. „Ich spüre nichts.“

„Ich werde hier warten. Du wirst allein weiterklettern müssen.“

„Kein Problem.“

„Aber denke daran, was ich dir sagte: Bring dich nicht in Gefahr. Ich muss wissen, was sich dort unten befindet!“

„Sie können sich auf mich verlassen, Lady Ischtar,“ versprach er.

Sie befahl ihm, sich anzuleinen, damit er sich das erste Stück bequem abseilen konnte. Sie besaß Kräfte, die weit über die einer normalen Frau, in deren Gestalt sie auftrat, hinausgingen. Mühelos hielt sie sich an der Eiswand umklammert, während sie mit der anderen Hand das Seil hielt, an dem sich Craddle hinab in die Tiefe sinken ließ.

Nach zwanzig Metern hatte ihn die Dunkelheit bereits verschluckt. Dennoch konnte sie ihn noch hören. Sie vernahm die schleifenden Geräusche, wie er sich mit den Beinen an den Eiswänden abstieß.

Schließlich war das Seil zu Ende. Sie spürte es straff in ihrer Hand.

„Lady Ischtar!“ Obwohl er nur vierzig Meter unter ihr war, klang seine Stimme weit entfernt.

„Was siehst du?“, rief sie in die Tiefe hinab.

„Dort unten sehe ich einen roten Schein. Aber ich muss noch viel tiefer hinab!“

„Versuch es!“, rief sie ihm zu. „Ich warte hier auf dich!“

„Bis bald!“, hörte sie seine Stimme wie von einer weiten Entfernung zu ihr hinaufhallen, dann vernahm sie nichts mehr.

Was für ein rotes Leuchten hatte er gesehen? Sie konnte sich daran nicht erinnern. Entweder hatte dieser Schacht in dieser Hinsicht ein Geheimnis mehr zu bieten oder sie war gar nicht erst so tief gekommen. Nach wie vor spürte sie den leichten Schwindel, der sie erfasst hatte. Als sie etwas höher kletterte, verflog er sofort wieder. Es war ein Phänomen, das tatsächlich mit dem Grat der Tiefe zusammenhängen schien.

Sie holte den Lilienkelch hervor und versuchte, seine Magie zu erwecken. Doch er half ihr hier nicht weiter.

Sie wartete zunächst eine halbe Stunde, ohne dass sich etwas tat. Wie weit hinab reichte dieser Schacht? Wie tief würde Craddle klettern müssen, bis er dessen Grund erreichte?

Allmählich begann sie sich Sorgen zu machen. Nicht um Craddle, sondern darum, dass ihr Wissensdurst nicht befriedigt werden würde. Vielleicht lauerten dort unten noch weit andere Gefahren, als sie sich vorstellen konnte. Sie musste an den Polypenarm denken. Für sie wäre ein solches Wesen sicherlich nicht allzu gefährlich, doch Craddle hatte noch nicht einmal eine Waffe dabei. Allein seine Axt mochte ihn aus der ein oder anderen bedrohlichen Situation befreien.

Als sich nach einer weiteren viertel Stunde noch immer nichts getan hatte, entschloss sie sich zum Handeln. Versuchsweise kletterte sie wieder einige Meter in die Tiefe, doch abermals erfasste sie der Schwindel. Dennoch kletterte sie weiter. Erst, als sich das bekannte Phänomen wieder bemerkbar machte, dass der Himmel über ihr zu kippen schien, kehrte sie im letzten Moment wieder um. Also hatte sie richtig vermutet: Auch in ihrer menschlichen Gestalt war sie den hier wirkenden Kräften hilflos ausgeliefert.

Sie entschloss sich, noch eine weitere viertel Stunde zu warten, bevor sie wieder hinaufklettern würde. Da zuckte etwas am Seil!

Es erzitterte leicht.

Craddle! Hatte er es geschafft? Sie blickte in die Tiefe, konnte jedoch nach wie vor nichts erkennen?

„Hallo? Hörst du mich?“, rief sie hinab.

Allein ihr eigenes Echo antwortete ihr.

Das Seil wurde straff gezogen. Offensichtlich hatte Craddle es erfasst. Stück für Stück zog sie das Seil in die Höhe. Ihr kam in den Sinn, dass es auch jemand – etwas – anderes sein könnte als der Arzt, der am anderen Ende des Seiles hing, doch sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder.

Dennoch war sie auf der Hut.

Wer immer sich jedoch von ihr herausziehen ließ, er machte nicht die geringsten Anstalten, zu helfen. Endlich tauchte unter ihr die vertraute Gestalt des Arztes auf. Er hatte das Seil um seinen Körper geschlungen und hing wie ohnmächtig daran. Ischtar beeilte sich, ihn wieder ganz hochzuziehen.

Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Endlich hatte sie ihn auf gleiche Höhe gezogen. Sofort sah sie, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmte. Obwohl er sie ansah, ging sein Blick durch sie hindurch. Er registrierte sie überhaupt nicht.

„Was hast du dort unten gesehen?“, fragte sie.

Craddle reagierte nicht. Sie ohrfeigte ihn, aber auch das half nichts. Ihre Gedanken fuhren in seinen Geist, schreckten aber sofort wieder zurück. Sein Geist war ein einziges Meer aus Chaos und Dunkelheit, das auch sie zu verschlingen drohte, wenn sie sich zu tief dort hinein begab.

Dr. Craddle hatte seinen Geist aufgegeben. War der gleiche Effekt, der auch bei ihr den Schwindel ausgelöst hatte, dafür verantwortlich, oder gab es noch einen anderen Grund?

Hatte er dort unten vielleicht irgendetwas gesehen, was ihn hatte so enden lassen?

Sie versuchte noch einmal, mit ihm zu reden, aber er gab nur lallende Laute von sich.

Was sollte sie mit ihm machen? Am liebsten hätte sie ihn einfach erneut in die Tiefe fallen lassen. Doch vielleicht kam er ja auch wieder zu sich und konnte ihr mehr erzählen.

Also entschied sie sich für den schwierigeren Teil und schleppte ihn mit hinauf. Selbst für sie war dieses Unterfangen nicht gänzlich unbeschwerlich. Doch endlich hatte sie den Gipfel wieder erreicht.

Als sie beide dort oben auftauchten, warf ihnen MacDonovan nur einen flüchtigen Blick zu. Weder schien er überrascht, dass sie es überhaupt geschafft hatten, noch kommentierte er Craddles eigenartigen Zustand.

Ischtar überlegte kurz, was sie mit dem Arzt anstellen sollte. Sie konnte ihn zwar fesseln, doch es gab keine Möglichkeit ihn irgendwo anzubinden. Er schien völlig willenlos zu sein, also bugsierte sie ihn neben eine Schneewehe und legte ihn dort hin.

„MacDonovan, kommen Sie her!“, befahl sie.

Der Fotograf brach in ein Winseln aus, das tatsächlich an einen verängstigten Hund erinnerte. Er wich so weit zurück, wie er es vermochte.

Ischtar fing seinen Blick auf und hypnotisierte ihn leicht. Augenblicklich brach sein Gewinsel ab. Der Widerstand war gebrochen.

MacDonovan war ihre letzte Chance. Sie war überzeugt davon, dass Craddle versagt hatte, weil er zu sehr unter ihrem Einfluss gestanden hatte. Sie hatte von seinem Blut getrunken. Zwar hatte sie ihn am Leben gelassen, doch der Keim war in ihm. Latent zwar, doch unwiderruflich. Vielleicht hatte der Schwindel ihn erst viel weiter unten erfasst und er hatte sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen können.

MacDonovan war ein Mensch. Wenn ihre Theorie stimmte, würde er immun gegen diese merkwürdige Kraft sein. Sie hütete sich, noch mehr auf ihn einzuwirken. Die leichte Hypnose, die ihm nur seine Angst nahm, ihn aber nicht unter ihren Einfluss stellte, musste genügen.

„Nur Mut, MacDonovan, ich bin ja bei Ihnen!“, sprach sie beruhigend auf ihn ein. Wieder stieg sie als Erste hinab. Diesmal ging es schneller, denn sie hatte sich sämtliche Vorsprünge und Vertiefungen gemerkt. Auch der Fotograf war trotz seines Alters ein guter Kletterer. Livingston hatte seine Leute auch danach ausgewählt, wie sie im Extremfall mit den Widrigkeiten der Eiswüste fertig werden würden.

Schneller als zuvor erreichten sie jene Barriere, an der Ischtars Schwindelgefühle wieder einsetzten.

„Sie werden jetzt allein weiterklettern. Vielleicht werden Sie gleich einen roten Schein sehen. Klettern Sie darauf zu! Aber wenn Sie einen Schwindel oder sonst etwas Außergewöhnliches spüren, kommen Sie sofort wieder hinauf!“

MacDonovan nickte. Dann verschwnad er, wie zuvor Craddle, in der Tiefe.

Abermals richtete sich Ischtar auf eine längere Wartezeit ein. Es machte ihr nichts aus, festgekrallt in dem eisigen Schacht zu hängen. Sie hoffte nur, dass der Fotograf durchhalten würde. Die letzten Stunden hatte sie wieder vor Augen geführt bekommen, wie schwach doch die Menschen waren – wie sehr ihre Rasse der ihren unterlegen war. Es war ihre gewaltige Anzahl, die sie dennoch so gefährlich machte und weshalb sie und ihresgleichen im Verborgenen agieren mussten.

Vorerst...

Nach einer Weile hörte sie Geräusche aus dem Schacht. Sie schaute hinab und glaubte nun selbst, ein rotes Leuchten zu sehen. Es kam höher und höher. Sie hatte sich nicht getäuscht. Es war ein pulsierender, rötlicher Schein.

Endlich sah sie auch MacDonovan unter sich auftauchen. Das rote Licht stammte von einem Gegenstand, den er mit den Fingern der linken Hand fest umschlossen hielt. Es hinderte ihn beim Klettern, doch es schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen, es in seinen Taschen zu verstauen.

Wie gebannt schaute Ischtar auf das pulsierende Licht. Sie konnte sich nicht erinnern, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Es verströmte eine Aura, die selbst ihr völlig fremd war. Fast magisch wurde sie davon angezogen.

„MacDonovan, fangen Sie das Seil!“, rief sie dem Fotografen zu.

Er schaute zu ihr hoch. Sie erkannte in seinen Augen einen merkwürdigen Funken. Sein Geist war nicht verwirrt wie Craddles. Er hatte den Abstieg in den Schacht offensichtlich nicht mit Irrsinn bezahlen müssen. Dennoch hatte er sich verändert. Sein Blick war tückisch und berechnend.

„Ich schaffe es schon!“, antwortete er von unten. Dabei erschien es Ischtar offensichtlich, dass er am Ende seiner Kräfte war. Allein würde er den weiteren Aufstieg nicht bewältigen können. Sie hatte plötzlich Sorge, er könnte abstürzen – und mit ihm dieses rote, magische Licht für immer unerreichbar für sie in den Tiefen des Schachtes verschwinden.

„Nun nehmen Sie schon das Seil!“, sagte sie ärgerlich.

„Und dann lassen Sie mich hinabfallen, was?“, brüllte er. „Oder stellen das Gleiche mit mir an, was Sie mit Craddle angestellt haben!“ Er schützte das Gebilde, von dem das Licht ausging, mit seinem Körper. Der rote Schein schien durch ihn hindurch zu gehen, denn ein Abglanz davon erhellte nun den gesamten Schacht in seiner Umgebung. Überhaupt schien es intensiver zu werden, je näher es dem Tageslicht kam.

„Keine Angst, ich will Ihnen nur helfen!“, beruhigte sie ihn. Sie versuchte ihn zu hypnotisieren, doch es gelang ihr nicht. Entweder lag es an dieser Umgebung oder an dem Artefakt, das MacDonovan in Händen hielt.

Der Fotograf schien unschlüssig. Einerseits war er am Ende seiner Kraft, andererseits traute er Ischtar nicht über den Weg. Fast nachdenklich betrachtete das Gebilde in seiner Hand.

„Was haben Sie dort unten gefunden?“, bohrte Ischtar. „Das können Sie mir doch zumindest sagen.“

„Eine sonderbare Höhlenöffnung, annähernd quadratisch, auf keinen Fall natürlichen Ursprungs. Ich bin ein Stück hineingegangen, dem roten Licht entgegen. Ich gelangte in eine riesige Kammer. Sie schien herausgehauen aus einem einzigen zyklopischen Quader. Die Wände waren ungewöhnlich glatt. Ich ging auf das rote Licht zu. Es war eine in einer blauen Ummantelung rotierende Kugel...“

„Zeigen Sie es mir!“, befahl Ischtar.

Zögernd hielt er ihr die Kugel entgegen. Doch als hätte er einen unbewussten Mechanismus betätigt, begann die Kugel in seiner Hand zu rotieren. Der rötliche Schein schien dabei noch einmal an Intensität zu gewinnen und fokussierte zu einem Strahl. MacDonovan gab einen überraschten Schrei von sich. Ischtar schloss die Augen zu schmalen Schlitzen.

Wo immer der Strahl die Schachtwand berührte, schmolz das Eis augenblicklich! Ischtar erkannte die Gefahr!

„Stellen Sie es ab!“, rief sie MacDonovan zu. Doch der Fotograf war offensichtlich machtlos. Er schaute fassungslos auf das Objekt in seiner Hand.

„Es – ist gewaltig!“, stammelte er.

„Richten Sie den Strahl wenigstens nach unten!“, schrie Ischtar. MacDonovan reagierte nicht. Er schien sich jenseits irgendeiner Aufnahmefähigkeit zu befinden.

Die Wände begannen zu schmelzen und zu bröckeln. Auch von oben fielen nun Eiszapfen herab.

Ischtar reagierte. Wie der Blitz kletterte sie nach unten. MacDonovan beachtete sie nicht. Wie traumverloren starrte er allein auf das Gebilde in seiner Hand. Dann hatte Ischtar ihn erreicht.

Sie umschloss seine Hand und entriss ihm seinen Schatz.

MacDonovan schrie vor Wut. Ischtar beachtete ihn nicht weiter. Schneller, als es jedes menschliche Wesen vermocht hätte, war sie bereits wieder einige Meter höher geklettert. Es kam ihr vor, als würde der gesamte Schacht hin und her wanken. Immer mehr Eissplitter stürzten von oben herab. Von unten erklang ein gewaltiges Grollen, als würden auch dort große Massen Eises niedergehen.

Sie dachte an den Rat, den sie MacDonovan gegeben hatte und richtete den Strahl hinab in die Tiefe. Es verhielt sich tatsächlich so, wie sie gedacht hatte: Nur dort, wo der Strahl auf Eis traf, begann dieses zu schmelzen.

Einen Moment lang nahm sie sich die Zeit, den Fund in ihrer Hand genauer zu betrachten. Es war so, wie der Fotograf es beschrieben hatte: Die Ummantelung bestand aus einem kobaltblauen steinartigen Material, das kühl und schmeichelnd in der Hand lag. Darin befand sich das rotierende Licht, das aus einer Öffnung herausschien.

Sie versuchte zu ergründen, wie sie dieses Licht in seiner Intensität beeinflussen konnte, doch es gelang nicht. Allein die Richtung konnte sie bestimmen.

Ein wahrer Eishagel ging auf MacDonovan nieder. Er hielt schützend den dick vermummten Arm über seinen Kopf. Als ihn ein fast faustgroßer Eisklotz traf, verlor er den Halt.

Er hatte keine Kraft mehr, sich zu halten.

Schreiend fiel er hinab in die Tiefe.

Ischtar zögerte nicht länger. Wenn sie nicht ebenso umkommen wollte, musste sie nun handeln. Innerhalb eines Augenblicks verwandelte sie sich in ihre Fledermausgestalt. Mit einer Kralle hielt sie die Kugel fest umschlossen. Es war nicht einfach für sie, darauf zu achten, dass der Lichtschein nach unten gerichtet war. Sie kämpfte gegen den immer heftiger werdenden Eishagel an, der auf sie einprasselte. Ihre ledernen Schwingen peitschten sie empor. Der Eishagel steigerte sich zu einer Lawine. Das Grollen aus dem Untergrund war so betäubend, dass es ihr schien, als würde es den Untergang der Welt begleiten.

Sie stieg höher und höher. Ihre Sinneswahrnehmungen waren aufs Äußerste geschärft. Mehr als einmal entging sie nur knapp einem gewaltigen Eisbrocken, dem auch sie nicht gewachsen gewesen wäre.

Endlich sah sie über sich inmitten des herabstürzenden Eises den Himmel auftauchen. Sie verstärkte den Flügelschlag. Endlich erreichte sie den Eingang des Schachtes. Schweratmend blieb sie zunächst dort hocken und regenerierte neue Kräfte.

Sie schaute hinab, konnte aber nur noch eine weiße Eisgischt erkennen, die höher und höher stieg. Innerhalb von Augenblicken stürzte der Schacht in sich zusammen. Ischtar spürte das gewaltige Beben, das den gesamten Boden erschütterte. Sie barg den Kopf schützend unter ihren Schwingen und wartete ab. Erst nach einigen Minuten verebbte es und sie wagte wieder, in den Schacht zu schauen

Es gab ihn nicht mehr. Dort, wo zuvor eine unergründliche Tiefe gewesen war, war nur noch eine Mulde von wenigen Metern. Ischtar zweifelte nicht daran, dass nicht nur der Schacht, sondern auch die Höhle, von der MacDonovan gesprochen hatte, nun verschüttet war. So, wie das Beben geklungen hatte, musste es sogar ein ganzes Höhlensystem gewesen sein, dass dort unten zusammengebrochen war.

Sie betrachtete die Kugel in ihrer Hand. Der rote, pulsierende Schein war nun fast in sich zusammengesunken. Konnte es sein, dass irgendjemand ihn bewusst so geschaffen hatte, dass er, wenn ihn jemand fand, er hinter sich dieses Höhlensystem zerstören würde?

Jedenfalls war es ein mächtiges Werkzeug. Hatten seine Erschaffer es gewollt, dass es in ihre oder eines Menschen Hände gelangte? War es vielleicht gar kein Zufall gewesen, dass sie die handförmigen Felsformationen gefunden hatte? Hatte etwas ihr dieses Werkzeug in die Hände spielen wollen? Oder war es nur ihre eigene Intuition gewesen, die sie auf die richtige Spur gebracht hatte?

Dann jedoch musste sie wieder an die Vision denken, die sie in der Séance heraufbeschworen hatte.

Wie auch immer: Wenn es ihr gelingen würde, die Kraft des Lichtes zu steuern, würde es ihre Mission, die sie in die Arktis gezogen hatte, erheblich erleichtern.

Nachdem sie ihre Kräfte wiedererlangt hatte, stieß sie sich erneut in die Luft. Sie überlegte, welchen Sinn es machte, Dr. Craddle und die Hunde mitzunehmen. Es bedeutete Mühe und Anstrengung und vor allen Dingen einen nicht unerheblichen Zeitverlust. In ihrer Fledermausgestalt war sie weitaus schneller.

Doch dann entschied sie sich für den umständlicheren Weg. Craddle war der Einzige, der ihr vielleicht erzählen konnte, was er dort unten in dem Schacht gesehen und gespürt hatte. Natürlich nur, wenn sein verwirrter Geist über kurz oder lang wieder aus seiner Umnachtung erwachte.

Die Hunde waren wichtig, wenn sie abermals einige Menschen benötigte, die sie schnell von einem Ort zu einem anderen transportieren musste, um ihr zu Diensten zu sein.

Als sie die Bergkuppe erreichte, hatte sie sich entschieden. Der Doktor hockte noch immer apathisch an seinem Platz. Er reagierte noch nicht einmal, als Ischtar sich vor seinen Augen zurück verwandelte.

„Steh auf und folge mir!“, befahl sie.

Craddle gehorchte wie ein Roboter.

So schnell wie möglich begann sie mit dem Abstieg. Ihre Gedanken waren dabei bei ganz anderen Dingen. Sie beschäftigten sich damit, weshalb die Gesetzmäßigkeiten hier so völlig anders waren, als sie sie kannte. Es war eine Geometrie, die dem gewohnten völlig entgegengesetzt stand. Berge, die zu wandern schienen. Täler, die in einem Moment weit entfernt und im nächsten wieder nur einen Steinwurf weit entfernt lagen.

Es war eine Geometrie, die sie mit ihren Sinnen nicht erfassen mochte. Im Gegenteil, die ihr sogar gefährlich werden konnte. Wer war so mächtig, etwas Derartiges in die Welt zu setzen?

Sie erreichten wieder den See. Diesmal umrundeten sie ihn. Ischtar hatte keine Lust auf eine weitere Konfrontation mit jenem Ungeheuer, das dort lauerte. Hatten jene, die die Geometrie verändert und dieses Licht erschaffen hatten, auch jenes Ungeheuer in die Welt gesetzt? Oder lag es an jenen veränderten Gesetzmäßigkeiten, dass Dinge wie in dem See entstehen konnten? Sie musste an das weiße Tier denken, das Craddle verfolgt hatte. Wenn es tatsächlich so ausgesehen hatte, wie der Arzt es beschrieben hatte, dann gehörte es ebenso wenig in diese Welt wie das Monster aus dem See.

Endlich hatten Sie den Bergkamm erreicht, der die Grenze zwischen den Hügeln und Tälern und jener endlos wirkenden Eisfläche markierte. Ischtar rutschte den Steilhang hinunter. Craddle folgte ihr gehorsam.

Als sie den Fuß des Berges erreichten, stießen sie auf ihr Lager. Die Hunde bellten und winselten wie wahnsinnig. Ischtar konnte kaum glauben, was sie sah:

Nur noch sechs der Hunde waren am Leben. Die anderen waren völlig zerfleischt. Von einigen waren nur noch die Knochen übrig. Das ganze Gepäck lag verstreut herum.

Craddle kicherte nur wirr, als er die Zerstörung sah.

Ischtar bückte sich. Überall im Eis befanden sich krallenartige Spuren. Sie hatte solch eine Spur schon einmal gesehen. Den Spuren nach zu urteilen, musste ein ganzes Rudel der von Craddle beschrieben weißen Tiere hier gewütet haben.

Sie versuchte die Hunde zu beruhigen, was ihr nach einiger Zeit gelang. Vor allen Dingen als sie sie losband und vor einen der Schlitten spannte. Craddle suchte die herumliegenden Gepäckstücke zusammen.

Nicht alles konnten sie auf einen Schlitten unterbringen. Auch ließ Ischtar nur ungern den zweiten Schlitten zurück. Sie ließ Craddle auf dem Schlitten Platz nehmen, während sie selbst ihn lenkte.

Sie spürte ein eigentümliches Gefühl der Erleichterung, als sie den Befehl zum Losfahren gab.

Der Weg zurück kam ihr fast wie eine Landpartie vor, so problemlos gestaltete er sich. Die Sonne schien vom Himmel herab und verwandelte die Eisfläche in einen einzigen glitzernden Traum.

Endlich erkannte sie weit in der Ferne die Masten der Northern Star. Die Männer, die sich an Deck befanden, winkten ihnen zu. Schnell sprach sich ihre Ankunft herum, und als sie endlich das Schiff erreichten, standen die gesamte Mannschaft und die anderen Expeditionsteilnehmer an Deck.

Ganz vorne stand Kapitän Usher. Er bemerkte sofort, dass etwas passiert sein musste.

„Wo sind die anderen?“, fragte er. „Craddle! So sprechen Sie doch! Was ist mit Ihnen?“

Ischtar stieg von dem Schlitten. „Veranlassen Sie, dass sich jemand um die Hunde kümmert. Es sind die einzigen, die uns noch geblieben sind.“

„Aber was ist mit Craddle?“, beharrte der Kapitän.

„Er steht unter Schock“, sagte Ischtar. „Wir wurden von einer Lawine überrascht. Die anderen sind darin umgekommen.“

„Von einer Lawine? Aber wo gibt es hier Berge?“

Ischtars Blick ließ ihn verstummen. „Ich wäre Ihnen dankbar, Kapitän Usher, wenn Sie die Fragen nachher stellten.“

Der Kapitän sah ein, dass zunächst einmal das Notwendigste unternommen werden musste. Er gab einigen Männern den Befehl, sich um die Hunde und den Schlitten zu kümmern. Zwei andere Matrosen führte Craddle aufs Schiff. Er stammelte unverständliche Worte, ließ sich aber widerspruchslos führen.

Ischtar selbst wehrte jede Hilfe ab. Sie kletterte auf das Schiff und begab sich in ihre Kammer.

Sie musste zunächst allein sein – egal, wie groß der Wissensdurst der Männer dort draußen war.

Sie verschloss die Tür hinter sich und holte die Kugel hervor. Nachdenklich betrachtete sie sie. Der rote Schein war nur noch ein leichtes Glühen. Sie wog die Kugel in ihrer Hand und augenblicklich wurde das Licht intensiver.

Nach einer Weile hatte sie das Prinzip durchschaut. Allein mit ihrer rotierenden Handbewegung konnte sie das Innere der Kugel zum Erglühen und Pulsieren bringen. Es war ein wahrhaft mächtiges Werkzeug.

Es hielt sie nun nicht mehr in der Enge ihrer Kabine. Sie begab sich an Deck und schritt direkt auf Kapitän Usher zu, der noch immer dabei war, die Mannschaft zu beruhigen.

„Ich möchte Sie einen Augenblick allein sprechen“, sagte Ischtar.

Kapitän Usher schaute sie überrascht an. „Sie scheinen so – verändert.“

„Machen Sie sich keine Gedanken darüber. Lassen Sie die Männer antreten und ihre Posten besetzen. Wir werden noch in der nächsten Stunde unsere Fahrt fortsetzen.“

Der Kapitän sah sie wie eine Verrückte an. „Das Packeis hat uns fest im Griff. Es hat sich nichts geändert, seitdem sie weg waren. Schauen sie dort vorne: Dort haben sich bereits einige Eisblöcke übereinandergeschoben. Es wird nicht mehr lange dauern und das Schiff wird dem Druck nicht mehr viel entgegenzusetzen haben.“

Ischtar hatte keine Lust, sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Sie fing seinen Blick auf und versetzte ihn Hypnose.

„Gehorchen Sie!“, befahl sie ihm. „Und machen Sie, was ich Ihnen gesagt habe.“

„Jawohl, Lady Ischtar.“

Mit staksigen Schritten begab er sich wieder zu den Männern. Bald gellten Befehle über Bord, überall wurden Vorkehrungen getroffen, dass das Schiff auslaufen konnte. Niemand wagte es, aufzubegehren. Vielleicht auch war es die Hoffnung, die sie alle wie ein tropisches Fieber gepackt hatte.

Ischtar begab sich zum Bug. Dort stand sie an der äußersten Spitze und schaute auf das Eis hinaus. Sie streckte den Arm und entfaltete die Finger, mit denen sie die magische Kugel umfasste. Nur ein leichtes Glühen ging von ihr aus. Ischtar brachte die Kugel zum Rotieren und der magische Schein schoss wie ein Strahl in die Höhe.

Schreie der Verwunderung machten sich unter den Männern breit.

Ischtar wirkte wie eine vom Himmel gesandte Göttin, als sie erneut den Arm ausstreckte und den roten Strahl auf das Eis richtete. Der Strahl fraß sich durch das Eis, brachte es zum Dampfen und schmolz es innerhalb von Sekunden.

Vor ihnen lag ein freier Kanal. Das Wasser darin brodelte.

Und dann passierte das kaum für möglich gehaltene: Es gab ein Knacken und Krachen und ein gewaltiger Ruck ging durch die Northern Star. Im nächsten Augenblick lag das Schiff frei.

Obwohl es ein Grund zum Jubeln hätte sein müssen, war es totenstill. War es Wirklichkeit oder Traum, was sie dort miterlebten?

Als Erstes fasste sich Kapitän Usher wieder. Seine Befehle trieben die Männer erneut aus ihrer Starre. Das Schiff gewann an Fahrt.

 

In der Nacht erhob sich ein Sturm. Die harten, mit Schnee vermischten Böen waren stärker als alles, was sich ihnen bislang entgegengestellt hatte. Schwere Wogen schwappten an Deck und rissen die Männer von den Beinen. Wie ein Spielzeug wurde die Northern Star hin und hergetrieben. Längst waren sie dem Eis halbwegs entflohen und auf offenes Meer gelangt. Die Northern Star leistete Widerstand. Sie stöhnte und ächzte, und die Spannten und Deckbalken krümmten sich unter der Wucht des Sturms.

Irgendwann hielt es Ischtar nicht mehr in ihrer Kabine. Sie stürzte hoch ans Deck. Und wurde sofort von einer Welle auf die Dielen geschleudert. Kapitän Usher war plötzlich neben ihr und half ihr hoch. Er drückte sie in eine schützende Ecke.

„Sie müssen wieder zurück in Ihre Kabine!“, schrie er. „Hier oben tobt der Tod!“

Sie schüttelte seine helfende Hand ab und schickte ihn wieder fort. Nein, dort unten fühlte sie sich wie lebendig begraben. Auch wenn sie nichts ausrichten konnte, so war doch ihr Platz hier oben an Bord.

Sie betrachtete die Kugel, die sie noch immer fest umfasst hielt. Angesichts des Sturmes half sie ihr nichts.

Ihre Lippen verzogen sich zu einem resignierenden Lächeln. War es nicht Ironie, dass sie dieses Schiff aus dem Packeis befreit hatte, nur um ihren Herrn und Meister in diesem Sturm zu finden?

Würde diese Nacht das Ende ihrer Mission bedeuten?

Selbst wenn, sie hätte nicht anders handeln können. Im Angesicht des Todes, der sie in dieser Nacht erwartete, schweiften ihre Gedanken zurück zu dem Ausgangspunkt ihrer Reise ...

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Erstellt: 22.04.2005, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 01:34