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Julian Comstock von Robert Charles Wilson

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Mit Julian Comstock wagt der US-amerikanische Schriftsteller Robert Charles Wilson ein ganz besonderes Experiment. So dreht er zwar die Uhr seiner Handlung mehr als 150 Jahre in die Zukunft, das soziale Umfeld seines Amerikas im 22. Jahrhundert allerdings siedelt er rund 150 Jahre in der Vergangenheit an.

Nach Krisen, Anhebung des Meeresspiegels und dem Ende der Ölressourcen bestimmen erzkonservative Kräfte die USA. Eine adlige Elite thront über halbfreie Pächter und Sklaven. Eine Art vereinigte Kirche, das Dominion, bestimmt die ethischen und kulturellen Werte auf der Grundlage der USA nach dem Bürgerkrieg. Demzufolge ist, von den demokratischen Grundwerten angefangen bis hin zum größten Teil des technischen Fortschritts, alles verboten oder gar vergessen, was unsere heutige Zivilisation ausmacht. Gleichzeitig steht das Land in diversen militärischen Konflikten mit anderen Nachfolgestaaten, darunter auch Deutschland.

Adam Hazzard ist der Sohn einer Pächterfamilie, die für ein Gut im Norden des ehemaligen Kanadas arbeitet. Durch die Klimaerwärmung ist dieser neue Bundesstaat Athabasca zum typischen Bestandteil der USA geworden. Es wird Landwirtschaft betrieben, Kohle und Erz in Minen gefördert und in den Resten der vergangenen Zivilisation nach Verwendbarem gesucht. Hier wächst Adam als ganz normaler Farmerboy auf, bis er die Bekanntschaft von Julian Comstock macht, Neffe des Präsidenten der USA. Da Julians Vater in die politische Schusslinie von Deklan dem Eroberer geriet, gilt Julian als mehr oder weniger gefährdet. Kein Wunder also, dass er hinter einer Mobilisierungsaktion der Armee den Wunsch seines Onkels vermutet, ihn an der Front loswerden zu können. Adam hilft seinem Freund bei der Flucht und schon bald müssen sie sich nicht nur im Krieg mit den Mitteleuropäern um Labrador bewähren, sie reifen auch zu Männern, denen das Schicksal ganz eigene Pläne bereitet ...

 

Der kurze Einstieg in den Inhalt deutet es schon an, "Julian Comstock" ist eher ein Bildungs- als ein SF-Roman. Wilson erzählt im Stil des 19. Jahrhunderts und wandelt ziemlich deutlich in den Traditionen von Dickens, Twain und Hawthorne, was wohl auch der Zeit geschuldet ist, die er seiner Zukunft aufpfropft.

Mit grandioser Leichtigkeit zeichnet Wilson zu Beginn der Geschichte eine postmoderne Gesellschaft. Wir erfahren zügig, wie das ganze funktioniert, wie die politische Macht verteilt ist, welche Klassen wie und warum zusammen leben, welche ökonomischen Grundlagen das ganze am Laufen halten und was mit der bekannten Welt geschah.

Auch die von Spin bekannte Erzählweise gefällt, sie wurde jedoch noch konsequenter ausgeführt. Durch auktoriale Fußnoten wird der Eindruck verstärkt, hier eine sorgfältig editierte Biografie zu lesen. (Obwohl die Notwendigkeit etlicher dieser Hazzard-Fußnoten zumindest diskussionswürdig ist, hätten die Übersetzer sich auch dazu hinreißen lassen können, die niederländischen und französischen Textteile in den Fußnoten als Übersetzung anzubieten, was vielleicht wichtiger gewesen wäre, als die Markierung von Gedichtzitaten.)

 

Leider kann Wilson aus dem furiosen Auftakt kein vollständiges Meisterwerk entwickeln, im Gegenteil sogar. Er scheitert erstaunlich deutlich am Stoff und den Figuren, wie man es von ihm wohl nicht erwartet hätte.

Irgendwie vergisst Wilson etwas Neues zu erzählen oder den Leser durch Überraschungen bei Stange zu halten. Dass Julian Comstock etwa seinen Onkel im Amt beerbt, wusste man durch Hazzards frühe Hinweise. Das Wie jedoch wird nur in Nebensätzen erzählt. Im Fokus der Handlung steht immer mehr das doch recht triviale Privatleben Adam Hazzards.

Während der Anfang des Romans noch durch spannende Ideen zur Alternativwelt aufwartete, wird der Rest zum typischen Entwicklungsroman, zwar gut erzählt, aber nichts, dass man nicht schon etliche Male in ähnlichen Werken unter die Augen bekam.

 

Wilson hatte offenbar das Ziel, gegen eine Denkrichtung im eigenen Land anzuschreiben, die von Darwin bis zum Computer alles verteufelt und die Uhr zurückdrehen will.

Das untersucht Wilson. Was passiert, wenn wir uns in die Hand einer gottesfürchtigen Konter-Evolution begeben?

Der spannende Ansatz, diese Gottesfürchter zum Zug kommen zu lassen als die Welt von heute an ihren Problemen scheitert, ist durchaus noch gut gedacht. Aber Wilson hätte hier weit mehr herausholen können, es globaler betrachtet müssen. Der etwas launige Vorwurf an die amerikanische Literatur, nur Nabelschauen zu produzieren, lässt sich hier trefflich wiederholen.

 

So begibt sich Wilson viel lieber auf eine Figurenbildungsreise die mit Fortschreiten der Handlung immer unspannender und in sich beliebig wird. Warum etwa wird der Darwin-Film als Finale platziert, obwohl dessen Handlung einige Kapitel vorher schon ausreichend skizziert wurde? Vielleicht muss man US-Amerikaner sein, um die Brisanz dahinter zu verstehen, aber nicht jeden reizt eine Filmbeschreibung über Darwin in epischer Länge.

Auch das zweite Finale, in dem es zum Showdown zwischen Julian und seinem Dominion-Widersacher kommt, ist unbefriedigend. Mal auf die Schnelle Motive und Lösungen aus dem Hut gezaubert. Diese ganze Pastors-Tochter Geschichte ist so lahm, dass man noch nicht mal gähnen mag. Julian die Pocken aufzudrücken erscheint zudem als billiger Trick des Autors, die Figur zu einem Zeitpunkt zu entsorgen, an dem es hätte interessant werden können.

Warum eigentlich heißt der Roman "Julian Comstock"? Zu einer richtig großen Figur schafft sie es nicht. Während Julian zu Beginn rätselhaft genial erscheint, wird er zum Ende hin dumm und weltfremd. Wilson lässt ihn nicht einmal ansatzweise mehr als den weitplanenden Machtmenschen erscheinen, der er anfangs war und im Laufe der ersten Kriegsepisode auch heranreifte. Wenn man vergleicht, wie er sich in der Armee hocharbeitete, unter Beachtung der Befehlskette und den gesellschaftlichen Regeln, versteht man später nicht, warum er es als Präsident nicht vermag, Kirche, Politik, Armee und Industrie gleichsam unter Kontrolle zu halten. Hier wird die Figur arg unglaubwürdig und zieht damit den gesamten Background mit in die Tiefe.

 

Wilson hätte durchaus an diversen Punkten strenger und brutaler sein können. Sieht man etwa Gegen den Tag von Thomas Pynchon als eine Alternativwelt, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund aufweist, wird offensichtlich, um wie vieles stringenter Pynchon mit der menschlichen Natur umgeht. Da gibt es die ganze Palette vom Dynamit werfenden Anarchisten über skrupellose Söldner bis hin zum Wanderverkäufer. Bei Wilson beschränkt sich die Gesellschaft auf wenige Schablonen, die auch oft nur in Nebensätzen erwähnt werden. Folter, Aufstand, Verrat usw. finden kaum oder in weiter Ferne statt, die größte Aufregung ist ein Exsoldat im Selbstmitleidstrip. Nichts was der noble Adam nicht mühelos richten könnte.

Anstatt mehr von den Auswirkungen im Dominon-Amerika zu berichten, endet der Roman schließlich rührselig im französischen Happy-End-Exil. Man könnte fast vermuten, der Verlag hätte ähnlich wie bei Hollywood-Blockbustern auf ein nettes Ende und Erwähnung Chinas bestanden, um den weltweiten Verkaufserfolg sicher zu stellen.

 

Das Titelbild ist, wie von Heyne gewohnt, nur vage zum Inhalt passend, jedoch widerstand der Verlag der Versuchung das ohnehin schon umfangreiche Werk als Ziegelstein herauszugeben.

 

Fazit:

Tolle Idee, gelungener Anfang und danach ein ungewohnt heftiger Abfall - "Julian Comstock" ist letztlich eine herbe Enttäuschung. Ohne Frage kann man Wilson einen stilsicheren Erzähler nennen, hier jedoch gelingt es ihm nicht, den Stoff in eine befriedigende und spannende Handlung zu verpacken, die bis zum Schluss durchhält..

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Buch:

Julian Comstock

Original: Julian Comstock - A story of 22nd Century America, 2009

Autor: Robert Charles Wilson

Übersetzer: Marianne und Hendrik P. Linckens

Heyne, September 2009

Taschenbuch, 670 Seiten

 

ISBN-10: 3453525663

ISBN-13: 978-3453525665

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.10.2009, zuletzt aktualisiert: 31.05.2017 20:09