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Kinder der Nacht von Dan Simmons

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Rumänien war Jahrzehnte lang ein Ort, der für eine der striktesten Diktaturen stand, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Ceauşescu hatte in brutaler Alleinherrschaft das Land ausgeblutet uns seinen wahnwitzigen Allüren geopfert. Die Armut zeichnete sich in vielen Extremen ab, von Bespitzelung über Kinderhandel bis zu offenem Mord und Totschlag, stand Land am Rande des Untergangs. Die Wirtschaft existierte quasi nicht mehr, die Landwirtschaft zu Grunde gerichtet durch irrsinnige Großprojekte und die Bevölkerung mit historischen ethnischen Problemen untereinander verfeindet.

Der Roman beginnt mit einer Rundreise eine Gruppe von Menschen, die das Ausmaß der notwendigen westlichen Interventionen ermitteln sollen. Darunter ein amerikanischer Milliardär und ein Priester. Sie besichtigen auch jene berüchtigten Waisenhäuser, in denen Kinder wie Vieh gehalten wurden - ein gigantischer Skandal in der Weltpresse damals, falls sich noch jemand erinnert.

Dan Simmons schrieb seinen Rumänien-Roman 1992, als die Schlagzeilen schon verblassten, das Material aber noch frisch war. Heute, 15 Jahre später liest man die Beschreibungen über die Gräuel und ist erschüttert, wie schnell derartiges aus dem Gedächtnis verschwindet.

Überhaupt ist die besondere Stärke des Romans dieses Bild, das Simmons über das Rumänien der postsozialistischen Ära zeichnet. Er verwendete dazu eine ganze Menge authentischer Quellen, die er im Nachwort benennt, gerade auch die Verwendung der Ceauşescu-Witze durch Lucian fördern die Plastizität dieses aus heutiger sicht historischen Gemäldes.

 

Aber das bildet nur den Hintergrund für eine gänzlich andere Story. wir erfahren, dass der Milliardär in Wahrheit Vlad Ţepeş, also Dracula, ist, der sich entschlossen hat, sein Leben durch Nahrungsentzug irgendwie zu beenden und einem Nachfolger den Weg frei machen will.

Doch der muss erst geboren werden.

Dieses Baby gelangt auf mysteriöse Weise in ein Krankenhaus, dass vom Westen unterstützt wird. Hier arbeitet die Ärztin Kate Neumann. Als ihr das merkwürdige Baby auffällt, mit einer seltenen Krankheit, die in Rumänien nicht geheilt werden kann, wohl aber in den USA, adoptiert sie mit viel Mühen und der Hilfe des Priesters O’Rourke das Kind und kehrt nach Amerika zurück. Joshua, wie sie das Kind nennt, wird untersucht und bald schon stellt man fest, dass er die Fähigkeit besitzt, alle Krankheiten zu besiegen, er braucht bloß regelmäßige Bluttransfusionen. Ein Heilmittel für AIDS und etliche andere Krankheiten scheint greifbar.

Doch dann wird Joshua nach Rumänien entführt. Kate und O’Rourke eilen hinterher.

 

Über weite Strecken liest sich der Roman wie ein typischer Thriller. Simmons geizt mit Einfällen und so halten sich Überraschungsmomente dezent zurück, zum großen Teil entwickelt die Handlung genau so, wie man es als Leser erwartet. Die bei Simmons üblichen Längen werden nur deshalb nicht langweilig, weil er sich in einem extrem interessanten Hintergrund bewegt.

Einzig die eingestreuten Erinnerungen Draculas, sind durchgängig spannend.

Im Vergleich zu anderen Vampirgeschichten versucht Simmons tatsächlich neue Ideen unterzubringen, die Blutsauger vom Grund auf zu modernisieren. Er bietet schlüssige Gründe an, warum sie in dieser Art leben, warum es so wenige gibt und wie sie in das rumänische Umfeld hineinpassen. Hier beweist Simmons große Fantasie und vielleicht wäre ein anderer Mainplot besser, ein anderes Genre dienlicher gewesen.

 

Mike O'Rourke sollten Simmons-Fans übrigens aus Sommer der Nacht kennen, hier endlich erfahren sie was aus ihm wurde, es gibt aber auch einige Rückschlüsse auf sein jugendliches Alter Ego.

 

Joachim Körbers Arbeit als Übersetzer muss man auch hoch anerkennen, er wird an vielen Stellen ebensoviel nachgelesen haben müssen, wie der Autor.

 

Fazit:

Ohne Zweifel ist dieser Roman ein Zeitdokument über das Rumänien kurz nach Ceauşescu. Simmons verbindet seine dunkle Reise durch das zerrüttete Land mit einer faszinierenden Historie der Vampire, der er durchaus Neues hinzuzufügen weiß. Lediglich der eigentliche Handlungsbogen ist zäh und wenig inspirierend.

 

Eure Meinung:

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Buch:

Kinder der Nacht

Autor: Dan Simmons

Original: Childrens of the Night, 1992

Übersetzer: Joachim Körber

Heyne, 2007

Paperback, 671 Seiten

ISBN-10: 345352165X

ISBN-13: 978-3453521650

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.11.2007, zuletzt aktualisiert: 10.10.2020 16:25