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Kolumne: Unabhängigkeit von Allem!

Autor: Holger M. Pohl

 

Manchmal ist man faul. Oder hat keine Zeit. Oder es gibt wichtigeres zu tun. Kurz gesagt: Obwohl es was zu sagen gibt, kommt man nicht dazu es zu sagen. Und in der Phantastik gibt es eigentlich immer etwas zu sagen. Hin und wieder ist es etwas, was nur kurzzeitig aktuell ist und dann seine Bedeutung verliert; wie etwa der Shitstorm um einen selbsternannten Schriftsteller namens John Asht zu Hohl und Leer. Dann sind es aber auch immer wieder Dinge, die ihre Aktualität nicht verlieren; wie etwa die Millionen Bestseller-Autoren mit ihren selbstverbrochenen E-Books. Wobei sich die Frage stellt, ob sie überhaupt von Bedeutung sind.

 

Irgendwann erhebt man sich dann aus der Ruhepause und fängt wieder an etwas zu sagen. Weil es die Sache wert ist … oder weil sie einem einfach auf den Geist geht. Wobei sich das eine von dem anderen manchmal nicht so einfach trennen lässt.

 

Hin und wieder wird mir vorgeworfen, ich hätte etwas gegen Indies. Besonders in der einen oder anderen Diskussion auf Facebook mache ich diese Erfahrung. Dabei habe ich gar nichts gegen Indies - ich nehme sehr viele nur nicht ganz so ernst, wie sie es gerne hätten und wie sie sich selbst nehmen. Von daher befürchte ich, wird diese heutige Kolumne die Meinung der Indies über mich nicht verbessern.

 

Was ist eigentlich ein Indie? Grundsätzlich kann man es so sagen: Ein Indie veröffentlicht ein Werk ohne Zuhilfenahme eines Verlages. Indies sind Selbstverleger - aber nicht jeder Selbstverleger ist ein Indie.

 

Das wesentliche Merkmal eines Indie ist also: ich veröffentliche mein Buch selbst, weil ich keinen Verlag dazu brauche. Verlage sind also überflüssig (wozu ich hier schon mehr gesagt habe). Das Wort “Verlag” ist für sie sogar ein Reizwort, auf das sie oft genug sehr allergisch reagieren.

Daneben gibt es noch ein paar andere Merkmale, die den Indies gemeinsam sind, doch dazu an anderer Stelle etwas mehr. Denn zunächst gilt es festzuhalten, dass Indie nicht gleich Indie ist (und das sogar unter Indies manchmal zu kleinen Kriegen führt. Nennen wir es Unabhängigkeitskriege.). Indies gibt es in mehreren Ausprägungen.

 

Der Nindie, auch Null-Indie genannt:

Nindies wissen zwar, dass es so etwas wie Verlage gibt, das ist aber dann auch schon alles, was sie über Verlage wissen. Nindies schreiben ein Buch und veröffentlichen es. Dank Amazon (und anderen) ist das heute so einfach. Und Dank CreateSpace (und anderem) heute sogar nicht mehr nur als E-Book sondern auch als Print. Nindies veröffentlichen also richtig gehend Bücher und sind dabei nicht mehr auf solche Dinge wie BoD oder DKZV angewiesen. Wobei sie die wahrscheinlich auch nur vom Hörensagen (wenn überhaupt) kennen, denn das ist das typische Merkmal des Nindie: alles, was auch nur nach Verlag riecht, ist unbekannt. Denn diese Art von Indie hat sich damit nie beschäftigt; nie wurde auch nur ein Verlag angeschrieben; nie wurde sich darüber informiert, was alles vor dem Veröffentlichen eines Buches beachtet werden muss: Korrektorat, Lektorat, Layout, Satz usw. Infolge der mittlerweile wunderbaren Welt des Internets lassen sich Programme, die ein E-Book oder ein Printbuch erstellen, kostenlos herunterladen. Unabhängigkeit in jeder Beziehung.

Dass in der Regel dabei auch die Unabhängigkeit von Qualität im handwerklichen Bereich herauskommt, sei nur mal so am Rande erwähnt.

 

Der Findie, auch Frust-Indie genannt:

Im Gegensatz zum Nindie kennt der Findie Verlage. Sie aber ihn nicht. Oder sie wollen ihn nicht kennen. Der Findie hat sein wunderbares Manuskript sehr wohl an Verlage geschickt. Vielleicht nur an einen, vielleicht sogar an mehrere, doch in der Regel kam etwas in der Art von “Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen …” zurück. Eine Absage also. Gut, Absagen frustrieren, viele Absagen frustrieren noch mehr, ohne Zweifel. Manche verzweifeln dann und schreiben nie wieder ein Wort. Andere gehen verzweifelt andere Wege: sie veröffentlichen selbst. Denn - und ich wiederhole mich - Dank Amazon (und anderen) ist das heute so einfach. Und Dank CreateSpace (und anderem) heute sogar nicht mehr nur als E-Book sondern auch als Print.

Und so wie ehemalige Raucher die militantesten Nichtraucher sind, so sind Findies jene, die die ganze vermaledeite Verlagswelt gerne mal schlecht reden und sie aus ihrem Frust heraus für noch überflüssiger halten.

Dass in der Regel dabei auch die Unabhängigkeit von Qualität im handwerklichen Bereich herauskommt, sei nur mal so am Rande erwähnt. Ebenso wie die Tatsache nur beiläufig erwähnt werden soll, dass es wahrscheinlich seine Gründe hat, weshalb der oder die Verlage das Manuskript abgelehnt haben.

 

Der Hindie, auch Hoffnungs-Indie genannt:

Hindies sind nur vordergründig Indies. Sie legen zwar Wert darauf, ein Indie zu sein, sind es aber insgeheim nicht wirklich und schon gar nicht zufrieden damit. Wie der Nindie und der Findie nutzen sie die Möglichkeiten des Selbstverlegens, denn - erneute Wiederholung - Dank Amazon (und anderen) ist das heute so einfach. Und Dank CreateSpace (und anderem) heute sogar nicht mehr nur als E-Book sondern auch als Print.

Dabei hat der Hindie nur eines im schielenden Auge: von einem Verlag entdeckt zu werden und dann die große Karriere zu starten. Natürlich in einem Verlag und durch einen Verlag. Gerne kommen dabei Argumente wie “Es gibt Indies, die von Verlagen entdeckt wurden, weil ihr unabhängig verlegtes E-Book erfolgreich war” und als Beispiel wird gerne auf “Shades of Grey” verwiesen. Ja, das ist in der Tat möglich, doch Verlage haben Besseres zu tun, als auf irgendwelchen Plattformen nach erfolgreichen E-Books zu suchen. Verlage erhalten in der Regel genügend unverlangte Manuskripte, aus denen sie die Perlen heraussuchen können. Nichtsdestotrotz, hin und wieder kommt so etwas vor und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dass aber - sofern Verlage so etwas tatsächlich tun - diese Verlage sich sehr genau anschauen, was denn da so selbstveröffentlicht wurde, sei mal am Rande erwähnt. Sie werden sich sicher bei keinem Hindie melden, der sein Werk voller Fehler der lesenden Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat. Auch ein Hindie sollte das Handwerkszeug Schriftsprache einigermaßen beherrschen. Dazu noch ein paar Regeln einhalten. Andernfalls bleibt auch der Hindie unabhängig für den Rest seines Schreiberdaseins … was auch nicht immer von Übel ist.

 

Kommen wir schließlich und endlich noch zum Bindie, auch Bewusst-Indie genannt.

Dabei handelt es sich zahlenmäßig um eine sehr, sehr kleine Unterart des Indie. Bindies entscheiden sich sehr bewusst, ihr Buch selbst zu veröffentlichen. Gut, das tun die anderen auch, aber der Bindie achtet auf Qualitätskriterien, wie sie auch bei einer Verlagsveröffentlichung üblich sind. Er lässt von dritter Seite (und oft auf eigene Kosten) korrigieren und lektorieren. Der Bindie ist daher auch der einzige, dem es nicht ausschließlich darum geht, sein Werk einfach zu veröffentlichen. Ihm liegt auch daran, dass das in einer akzeptablen Qualität geschieht.

Aber wie gesagt, Bindies gibt es wenige. Ich gestehe offen, sie sind auch die Einzigen, die ich einigermaßen ernst nehme.

Gut, auch Bindies können etwas vom Nindie, Findie oder Hindie an sich haben, aber dennoch bemühen sie sich wenigstens um Qualität. Oh, nicht dass die anderen das nicht auch versuchen würden, aber die sind oft genug auch Unabhängig davon, sind sie ja Indies.

 

Gibt es noch mehr Spielarten des Indie? Wahrscheinlich, aber in der Regel handelt es sich dabei um Unterarten der bereits genannten. Oder um Mischformen.

 

Dabei - und das übersehen alle Spielarten des Indie gerne - sind sie gar nicht so unabhängig wie sie denken. Ja, dank Amazon und Createspace (und anderen) können sie heute in der Regel scheinbar unabhängig veröffentlichen. Was aber, wenn diese Veröffentlichungs-Plattformen eines Tages anfangen sollten, nur noch Veröffentlichungen nach bestimmten Qualitätsmerkmalen zuzulassen? In verschiedenen Foren werden solche Gedanken (aufgrund der minderwertigen Veröffentlichungen) bereits diskutiert. Und wer weiß, vielleicht kommen diese Plattformen eines Tages auf die Idee, dass Qualität vielleicht doch ein Bestandteil der Strategie sein sollte; zumindest was handwerkliche Qualität betrifft. Dann hat es sich was mit der Unabhängigkeit der Indies. Aber vielleicht wäre das gar nicht schlecht. Sehr, sehr viel Spreu würde sich dann nämlich vom Weizen trennen. Und jene Indies, die es verdient hätten, würden nicht in der gewaltigen Masse jener untergehen, die das Bild der so genannten Indies prägen: Ich habe geschrieben und werde veröffentlichen - was interessiert mich Qualität?

 

Doch bis dahin ist es ein weiter, ein sehr weiter Weg.

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Holger M. Pohl

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Erstellt: 08.12.2012, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59