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Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Auch 250 Jahre nach seinem Entstehen ist »Tristram Shandy« ein Wunderwerk, eine verrückte, helle Lesefreude. Den Titelhelden lernt der Leser auf einer Abfolge von Umwegen kennen und wird dabei höchst unterhaltsam mit Abschweifungen, Reflexionen und Anzüglichkeiten jeder Art eingedeckt – angefangen mit der Geschichte, wie Tristrams Nase von der Geburtszange eingedrückt wurde. Laurence Sterne erprobt hier alles, was Sprache und Einfallsreichtum vermögen. Damit wurde er zu einem Begründer der modernen Literatur und sein Roman zu einem Meisterwerk der Fabulierlust.

 

Rezension:

Wenn ein Roman als ganz besonders modern gilt, weil er bewusst der Mode seiner Zeit entgegen verfasst wurde und dieser Roman 250 Jahre auf dem Buckel hat, sollte man meinen, Autor und Titel seien wohlbekannt.

Jedoch gilt Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne hierzulande und heutzutage als Geheimtipp, obwohl er so berühmte Fans aufzuweisen hat. Von Goethe über Nietzsche und Heine bis hin zu Arno Schmidt reicht die Liste der Bewunderer von Sternes Hauptwerk.

Das liegt vor allem am sehr experimentellen Aufbau und Stil des Ganzen.

 

Obwohl der Titel den Anschein erweckt, eine Art Lebensgeschichte eines Mannes namens Tristram Shandy zu sein, geht es genau darum eher nur am Rande. Der Icherzähler versucht zunächst drei Bände lang, den logischen Anfang einer Biographie zu Papier zu bringen, nämlich seine Geburt.

Während Tristram im Bauch seiner Mutter auf sein Erscheinen wartet, sitzen unten in der Halle Vater Shandy und dessen Bruder, Onkel Toby genannt, und vertreiben sich die Zeit. Weil Shandy Senior der Hebamme nicht traut, lässt er nach dem Geburtshelfer schicken. So lernen wir noch den Arzt, Dr. Slop, die Diener Obadiah und Korporal Trim sowie den Pastor Yorick kennen. Meist mitsamt Lebensgeschichte, Marotten und Besonderheiten, wobei der Erzähler jede Art der Ablenkung nutzt, um das nächste spannende Thema zu behandeln. Oder darüber zu schreiben, dass er es behandeln möchte.

Ständig wird das Erzählte, aber auch die Schreibsituation reflektiert. Es gibt zwar diverse Themenstränge, aber kaum einer wird geradlinig verfolgt. Das zeigt sich auch in der meist willkürlichen Kapitellänge. Manche gehen über zwanzig Seiten, andere sind nur einen Satz lang oder fehlen gleich ganz.

Es gibt diverse Stellen in denen einfach Sternchen als Zeichen der Auslassung stehen, was natürlich irgendwann auch wieder thematisiert wird.

 

In dieses vermeintliche Wirrwarr packt Sterne eine unglaubliche Menge an Geschichten. Etwa die von seiner, bei der Geburt durch Dr. Slops selbsterfundene Geburtszange eingedrückten, Nase. Was für Vater Shandy eine Katastrophe darstellt, garantieren große Nasen für ihn doch Erfolg im Leben. Das Thema Nase ist dann auch gleich mehrfach Anlass, anzügliche Geschichten einzuflechten, oder erstaunliche Kriegssituationen zu erklären.

 

Ähnlich desaströs verläuft auch Tristrams Namensgebung, die natürlich ebenfalls für den philosophischen Vater äußerst unglücksversprechend verläuft. Das dritte Unglück im Bunde wird durch ein herabsausendes Fenster ausgelöst, welches den jungen Tristram an entscheidender Stelle beschneidet.

Was wiederum mit den Steckenpferd von Onkel Toby zusammenhängt, der mit seinem Diener im Garten diverse Festungsschlachten nachspielt und auch sonst das Thema Belagerungen und Festungen über alles liebt und in die Gespräche einfließen lässt.

 

Ganz nebenbei breitet sich so vor den LeserInnen ein buntes und vergnügliches Treiben im England des 18. Jahrhunderts aus. Geprägt von der Aufklärung geht es frivol und philosophisch zu.

Selbst der Glaube steht auf dem Prüfstand und Tristram gibt dem Christentum keine fünfzig Jahre mehr. Da Sterne anglikanischer Priester war, gibt es auch einige religiöse Betrachtungen, deren Witz wahrscheinlich für Kenner der Materie, aber garantiert für Zeitgenossen ersichtlich war, etwa als in einer Art Wettstreit versucht wird herauszubekommen, ob eine Predigt katholisch oder anglikanisch sei.

 

Aus dem erzählerischen Rahmen heraus fällt das siebte Buch, in der eine Reise durch Europa geschildert wird. Allerdings so amüsant, voller Seitenhiebe und skurriler Geschichtchen, dass es fast der stringenteste Teil des Romans zu sein scheint. Aber auch hier gibt es Kapitel, die jegliche Form sprengen und eher an dadaistische Texte als an Prosa erinnern.

 

Am Ende kann man nur Lessing zustimmen, der am liebsten einige seiner Lebensjahre geopfert hätte, wenn dafür nur Sterne noch etwas mehr geschrieben hätte. Doch bereits ein Jahr nach dem letzten Tristram-Buch starb Laurence Sterne.

 

Mit Tristram Shandy hinterließ er ein Werk, dass aus seiner Zeit heraussticht, so ungewöhnlich ist es und diese Außergewöhnlichkeit hat der Roman bis heute behalten. Die Zelebrierung der gepflegten Abschweifung, das Treibenlassen von Gedanken und Themen, das Spiel mit der Leserschaft, die Diskussion der Metaebene und eine charmante Gelehrsamkeit, die vor unverständlichen Zitaten nicht zurückschreckt – moderner kann die Postmoderne auch nicht mehr werden. »Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman« von Laurence Sterne sollte wieder zum Kultbuch werden!

 

Die Ausgabe des Anaconda Verlag verwendet die inzwischen gemeinfreie Übersetzung von Ferdinand Adolph Gelbcke aus den Jahren 1865-70 und wurde nur in der Rechtschreibung angepasst. Zu einem günstigen Preis erhält man eine gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag. Zum Wiederlesen also bestens geeignet.

 

Fazit:

»Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman« von Laurence Sterne ist ein ungewöhnliches Buch und stilistisch seiner Zeit weit voraus. Folgt man den fröhlichen Wendungen und Sprüngen in Tristrams Shandys Bericht über seine Geburt, wird man mit Vater Shandy und Onkel Toby zwei Männer des 18. Jahrhunderts kennenlernen, die neben ihrer Leidenschaft für skurrile Hobbys auch eine ganze Menge zu erzählen haben. »Tristram Shandy« ist ein erzählerisches Erlebnis, eine wilde Kutschfahrt durch die gesamte Aufklärung. Frivol, philosophisch und voller Herzenswärme. Ein must read.

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Eure Meinung:

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Buch:

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Original: The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, 1759 – 1767

Autor: Laurence Sterne

Übersetzer: Ferdinand Adolph Gelbcke

Gebundene Ausgabe, 640 Seiten

Anaconda Verlag, 5. Oktober 2012

Cover: James Gillray

 

ISBN-10: 3866478631

ISBN-13: 978-3866478633

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 13.05.2016, zuletzt aktualisiert: 03.05.2019 11:40