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Madame Bovary von Gustave Flaubert

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Diese Neuausgabe ist eine wahre Kostbarkeit. Elisabeth Edl erweckt Flauberts berühmtes Werk zu neuem Leben und zeigt, worin die epochemachende Modernität des 1857 erschienenen Romans liegt. Das Leben, Lieben und Sterben von Emma Bovary wird in dieser auch den Nuancen des Originals verpflichteten Übersetzung neu erfahren. Die Nachlese des Plädoyers sowie des Urteils im Prozess wegen unmoralischen Verhaltens gegen Flaubert offenbart, weshalb dieses Meisterstück einen Skandal auslöste und als erster Roman der Moderne in der Weltliteratur gilt.

 

Rezension:

Wenn ein Buch als vollkommener Roman beschrieben wird, mehrfach und von berühmten Stimmen, über Jahrzehnte hinweg bis ins Heute, mag man sich vielleicht nicht mit trivialem Beifall in die Reihen der Fans einreihen. Oder man spürt die Versuchung, dann doch den Makel im Perfekten zu finden.

 

Doch kaum beginnt man sich den Gedanken an Emma Bovary hinzugeben, sind der Versuchungen weitaus mehr, als man erwarten konnte.

Gustave Flaubert liebte den Ehebruch und Madame Bovary legt davon Zeugnis ab. Heute sind Wörter wie Fehltritt, Fremdgehen oder Ehebruch weitaus weniger öffentliche Erregungen. In einer Zeit, da die Ehe von den Liebenden aus der staatlichen und moralischen Hoheit in ein ganz privates Verhältnis gewandelt wurde, kann jede und jeder seine Liebe, Lust und Leidenschaft verteilen und entziehen, wie man mag.

 

Flaubert schrieb seinen Roman in einer Zeit, da der Code Civil von Napoleon die Stellung der Frau in der Gesellschaft eklatant änderte. Emma Bovary ist eine Bauerntochter, im Kloster erzogen und einem bürgerlichen Arzt ohne Doktortitel zur Frau gegeben. Es wird von ihr nicht erwartet, in der Ehe eine andere Tätigkeit zu verrichten, als den Haushalt zu führen, dem Mann ein behagliches Heim zu bieten und seinem gesellschaftlichen Ansehen zu dienen. Als Lohn erhält sie Verehrung. Finanziell und rechtlich ist sie komplett von ihrem Mann abhängig.

Kein Wunder, dass sie sich in der Provinz zu langweilen beginnt. Langweile ist stets auch eine Frage der Fantasie. Die Fantasie von Emma wird beherrscht von Themen und Ideen, die aus vielfältigen Quellen kommen, aber letztlich ihr Wünsche, Sehnsüchte und Träume bestimmen.

Die Romane, die sie im Kloster zur Lektüre erhält, sind typische Romanzen der Zeit. Sie schaffen ein Bild von eleganten Männern, die ihr kämpferisches Herz ihrer geliebten Dame zu Füßen legen. Die Gefühle sind edel, die Anbetung voller Leidenschaft und Glut. Eine literarische Erhöhung, die in der zölibateren Umgebung eines Klosters noch eindringlicher auf die Vorstellungskraft einwirken muss. Hinzu kommt die kirchliche Erziehung, wie der Anwalt Flauberts in seinem Verteidigungsplädoyer einwirft, das sich dem Autoren-Wunsch gemäß und glücklicherweise auch in der famosen dtv-Ausgabe im Anhang findet.

Um junge Mädchen auf die christliche Religion einzuschwören, erzählte man ihnen viel von Liebe zu christlichen Figuren, Nonnen gingen ja sogar eine Art Ehe mit ihrem Gott ein. Pubertäre Sehnsüchte werden auf unerreichbare Ziele gerichtet. Alles in allem wundert es nicht, dass sich Emma einiges von ihrem Leben und ganz besonders von ihrem zukünftigen Gemahl erhofft, dass sie einem Ideal hinterherjagt, wie es Baudelaire in seiner Rezension benannte (ebenfalls vollständig im Anhang zu finden).

 

Charles Bovary, Emmas Gatte, wird von Flaubert gar nicht einmal als expliziten Gegensatz konstruiert, vielmehr erschafft er den typischen Mann aus dem Bürgertum, der mit wenig zufrieden ist, sich am einfachen Glück erfreut und vom Leben nicht mehr erwartet, als ihm seine Arbeit einbringt. Und selbst in seinem Beruf treibt ihn kein Ehrgeiz um. Über einmal Erlerntes strebt er nicht hinaus.

Emma widert diese Lebensweise bald an. Gefangen in ihrer gesellschaftlichen Rolle sucht sie den Ausbruch über ihr gangbare Wege. So sucht sie Abenteuer und Aufregung in Liebschaften und Luxus. Sie wird dabei genauso selbstverständlich Opfer männlicher Begierden, wie auch sie sich hemmungslos bedient.

Das große Drama ist, dass es ihr nie gelingt, ihre Sehnsüchte auf Dauer zu befriedigen. Flaubert lässt sie auch gar nicht erkennen, woher die Grenzen stammen, die sie nicht zu überwinden vermag. Einzig ihr selbstbestimmter Tod ist die große Befreiung aus der provinziellen und männlichen Mittelmäßigkeit. Sie verhindert damit, dass sie sich und ihre Träume prostituieren muss. Der Weg dahin war bereitet. Und so furchtbar dreckig sich ihr Tod auch gestaltet, ihr Leben überstrahlt alles.

Viele sehen ihren Selbstmord als Bestrafung dafür an, dass sie ihren Mann betrog, ihn finanziell ruinierte und obendrein auch noch ihre Tochter vernachlässigte.

Es ist eine sehr persönliche Einschätzung und sie hängt sehr stark davon ab, aus welcher Perspektive die Taten beurteilt werden. Emma setzt ihrem Leben ein Ende und überlässt jene Welt sich selbst, die ihren Ansprüchen nicht genügen konnte.

 

Es erinnert an eine Strophe aus Werner Karmas Lied Die wilde Matthilde:

 

Die wilde Mathilde

Wenn die Dich mal betrügt

Führt sie nichts im Schilde

Du hast halt nicht genügt

 

Übersetzerin Elisabeth Edl erklärt im riesigen Anhang, welche Ansprüche sie an die Übertragung stellte und beweist die Komplexität sehr anschaulich an einigen Beispielen.

So ist es nicht immer möglich, die Fülle an Alliterationen, Doppeldeutigkeiten und Sprachumbildungen erkennbar in die deutsche Übersetzung einzubringen. Flaubert feilte an jedem Satz und steckte selbst in die Wortstellung Bedeutung, ließ den imaginären Blick der LeserInnen jedem Teil bis zu einem Fanal folgen. Diese grammatikalische Dramaturgie umzusetzen, ist harte Arbeit, die man dieser Ausgabe jedoch anmerkt.

Flaubert versuchte sich darin, eine realistische Szenerie zu erfinden ohne in einen oberflächlichen Realismus zu verfallen, der banal und unbedeutsam bleibt. Seine Figuren sind voller Fleisch und Geist und trotzdem Archetypen. Kein Wunder, dass seine ZeitgenossInnen lebende Personen und echte Orte wieder zu erkennen glaubten.

 

Der juristische Prozess um das Buch erscheint heute sehr seltsam, doch bilden die beiden Plädoyers und das Urteil sehr aufschlussreiche Quellen um das moralische Dilemma jener Zeit zu erforschen. Der Staatsanwalt erkennt ganz richtig, dass Flauberts Emma nicht dem gewünschten Frauenbild entspricht und ihr Handeln die gesellschaftlichen Normen verletzt.

Doch gelingt es ihm nicht, das eigene Unwohlsein in handfeste Argumente zu packen, zumal der Roman tatsächlich kaum konkret moralische Urteile fällt. Stets sind es die Stimmen der Figuren, die sich äußern, polemisieren oder im Zorn verdammen. Die Verteidigung hat es leicht, derartige Stellen als Abschreckung oder negative Beispiele hinzustellen. Wahrscheinlich legte Flaubert auch gar nicht derartig viel von dem hinein, was wir heute Gleichberechtigung nennen. Aber er legte seine Emma in vielen Dingen wie ein Mann an.

 

Das Nachwort widmet sich sehr ausführlich der Werks- und Lebensgeschichte. Es gibt diverse Hinweise darauf, wie der Roman zu interpretieren ist und welche Bedeutung er bis heute für diverse AutorInnen hat. Worauf seine Vollkommenheit beruht. Mit diesem umfangreichen Wissen in Kopf und Herz möchte man den Roman am liebsten gleich noch einmal lesen, trotz der Befürchtung, sich ein weiteres Mal in Emma zu verlieben.

 

Was wohl auch Baudelaire passierte, jedenfalls zeugt seine empathische Rezension davon. Im Nachwort weist Elisabeth Edl darauf hin, dass diese Rezension Flauberts Roman an den Anfang des modernen Romans stellte.

Eine Genre-Diskussion, die vielleicht nur Literaturwissenschaftler wirklich beschäftigt, auf jeden Fall aber liest sich »Madame Bovary« weder altbacken noch experimentell, sondern tatsächlich natürlich. Diese Natürlichkeit hat sich Flaubert hart errungen, wie Werk und Anhang dieser vorbildhaften Edition zu lehren wissen.

Wer sich die vielen Anmerkungen durchliest, erlebt die Erschaffung des Romans quasi noch einmal live mit. Flaubert berichtete ausführlich und teilweise deftig und vulgär, über seine Schreibfortschritte. Diese Briefe, unter anderem an seine Freundin Louise Colet, sind an den passenden Stellen zitiert und zeichnen ein farbiges Bild des Autors. Witzig sind auch die Einträge aus seinem Wörterbuch der Gemeinplätze.

 

Fazit:

»Madame Bovary« gilt vielen als vollkommener Roman. Die Übersetzung von Elisabeth Edl lässt erkennen, worin diese Vollkommenheit besteht. Die mit diversen Anhängen und einem profunden Nachwort exquisit gefüllte Ausgabe wird dem Werk in jeglicher Hinsicht gerecht.

Geben sie sich Emma Bovary mit derselben Leidenschaft hin, mit der ihr Leben von Gustave Flaubert erschaffen wurde.

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Eure Meinung:

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Buch:

Madame Bovary

Original: Madame Bovary, 1873 (Edition letzter Hand)

Autor: Gustave Flaubert

Übersetzerin: Elisabeth Edl

Cover: Eva Gonzales

Taschenbuch, 759 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag, 1. Oktober 2014

 

ISBN-10: 3423143436

ISBN-13: 978-3423143431

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 15.11.2014, zuletzt aktualisiert: 23.08.2019 12:38