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Mardi und eine Reise dorthin von Herman Melville

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Alles beginnt mit einer Flucht: Der Erzähler desertiert von einem Walfänger, auf dem er erfolglos den Pazifik durchstreift hat. Die Begegnung mit einem unwiderstehlich schönen Mädchen führt ihn zunächst nach Mardi, dann zu weiteren Südsee-Idyllen und in den weiten Ozean enthemmten Fabulierens …

 

Rezension:

Zum 200. Geburtstag von Herman Melville spendiert der Manesse Verlag einem eher unbekannten Werk des Autors eine besonders liebevoll gestaltete Ausgabe: Mardi und eine Reise dorthin. Die Übersetzung von Rainer G. Schmidt erschien bereits 1997 und wurde nun von ihm überarbeitet, mit zusätzlichen Kommentaren und einem Nachwort versehen.

 

Der zunächst namenlose Erzähler gehört zur Besatzung eines Walfangschiffes, das ohne Erfolg auf dem Pazifik kreuzt. Mit seinem schottischen Freund Jarl beschließt er, sich mit dem Beiboot abzusetzen und kaum bekannte Inseln zu erforschen. Die Flucht gelingt und eine abenteuerliche wie unterhaltsame Reise beginnt. Sie stoßen tatsächlich auf Inseln und begegnen dort einem Schiff, das von einem Inselbewohnerpärchen unter sehr mysteriösen Umständen übernommen worden ist. Trotz diverser Komplikationen reist man zusammen weiter, bis man auf die ausgedehnte Inselkette von Mardi trifft.

Dort verlieren sie nicht nur das Schiff und müssen zurück ins Beiboot, sie begegnen auch einer feierliche Schiffsprozession, in der ein hellhäutiges Mädchen von einer Insel zu einer anderen gebracht werden soll, um dort geopfert zu werden. Der Erzähler ermordet den Oberpriester und raubt das Mädchen. Fortan werden sie von den drei rachsüchtigen Söhnen des Toten verfolgt. Sie erfahren Zuflucht auf der Insel Odo, dessen Herrscher Media sich für einen Halbgott hält und auch den Erzähler als Seinesgleichen unter dem Namen Taji willkommen heißt. Das Mädchen Yillah bleibt derweil bei Taji, bis sie plötzlich verschwindet. Media und drei seiner Höflinge machen sich gemeinsam mit Taji zu einer Suchrundreise durch das Archipel auf. Sie treffen dabei auf die unterschiedlichsten Regierungsformen und Sitten, erleben skurrile Abenteuer und erfahren neues Wissen.

 

Melville hatte mit dem Roman zu Lebzeiten keinen Erfolg und auch nach seiner Wiederentdeckung mit Moby Dick blieb »Mardi und eine Reise dorthin« eine größere Bekanntheit verwehrt. Das mag daran liegen, dass »Mardi« keine einheitliche Erzählung aufweist. Während die ersten zweihundert Seiten eine ganz klassische Seefahrtsgeschichte beinhalten, wechselt der Ton mit dem Auftauchen des zänkischen Eingeborenenpaares zu einer Räuberpistole, um dann jäh zur philosophisch-märchenhaften Rundreise durch eine allegorische Inselwelt zu werden. Melville tauscht die Nebenfiguren radikal aus, als ob er plötzlich die Lust an diesem Plot verloren hätte und lieber über etwas ganz anderes schreiben wollte. In einem der Inselkapitel legt er einem anderen Literaten dann Worte in den Mund, die dieses Schwanken im Ziel des Schreibens thematisiert.

 

Dieser plötzlich aus dem Nichts auftauchende eigentliche Erzählstrang »Mardis« stellt die Leserschaft auf mehrere Proben. Mardi ist ein fiktives Inselreich, das Melville in der Südsee ansiedelt und das zunächst Ähnlichkeiten mit Hawai aufweist. Melville nutzt ortsübliche Pflanzen und Tiere, Lebensmittel und Traditionen. Doch immer mehr vermischt er die Länder und Orte der Welt bis er dann gleich einen ganzen Teil des Archipels zu Abziehbildern europäischer Länder und den USA macht. Hier flicht er die französische Revolution von 1848 ein, nach der Meinung von Übersetzer Rainer G. Schmidt auf keine besonders sinnvolle Weise, und nutzt die Besuche auf den verschiedenen, den damaligen europäischen Ländern nachempfundenen Inseln, um mit Problemen seiner Zeit abzurechnen. Das erinnert teilweise an Gullivers Reisen von Jonathan Swift in der Verwendung von satirischen Überspitzungen und spitzfindigem Humor. Der englische König und seine Staatsverschuldung, als wachsender Buckel dargestellt, bekommen ebenso ihr Fett weg wie die Sklaverei in seinem ach so fortschrittlichen Heimatland.

 

Die vier Gefährten erweisen sich schnell als Aspekte Melvilles. So gibt es mit Media den gelassenen, eleganten Mann von Welt, der Problemen mit Wein begegnet und der Unterhaltung zugetan ist. Der alte Flechtbart Mohi ist ein Historiker, der Geschichten erzählt und die Vergangenheit schätzt. Mit Yoomy ist die jugendliche Romantik und Dichtkunst an Bord. Melville streute etliche Lieder und Gedichte ein, deren Qualität sehr schwankt. Zwar deutet der Übersetzer im Nachwort an, dass dies zum Teil Absicht Melvilles gewesen sei, aber die deutsche Übertragung bietet nur wenig lyrische Freuden.

Der letzte im Bunde ist die eigentliche Hauptfigur. Der Philosoph Babbalanja steht in fast allen Kapiteln im Vordergrund, während Taji erst ganz zum Schluss wieder als Erzähler in Erscheinung tritt. Dazwischen verschwindet er fast völlig hinter den anderen Figuren. Mit Babbalanja bietet sich für Melville die Gelegenheit, seine philosophischen, theologischen und politischen Ansichten darzustellen und mit den anderen Figuren auszudiskutieren. Indem er dem Philosophen noch einen inneren Dämonen an die Hand gibt, kann er auch ketzerische Standpunkte einbringen ohne in Gefahr zu geraten, dass man sie ihm, Melville, direkt zuschreiben kann, da sich alle anderen Figuren stets deutlich von dem Azzageddi genanten Teufel distanzieren.

Leider geraten die Diskussionen zunehmend aus dem Ruder und es wird immer schwerer, ihnen zu folgen. Man bekommt das Gefühl, dass nicht nur die Figuren zu viel Wein dabei tranken. Kurz vor Ende wird Babbalanja dann auch noch zur Religion bekehrt, die an das Christentum angelehnt ist. Vielleicht eine solide Lösung für Melville, heute liest sich das doch sehr befremdlich.

 

Während der Reise, die ja eigentlich als Ziel die Suche nach der verschwundenen Yillah beinhaltet, werden sie von den drei Söhnen des durch Taji ermordeten Priesters verfolgt. Zwar misslingen alle Attentatsversuche, aber das Thema hängt dräuend in der Luft. Nach jeder dieser Begegnungen taucht auch ein Boot mit drei Botinnen der Inselkönigin Hautia auf. Mit verschiedenen Blüten und Blumen überbringen sie werbende wie warnende Botschaften an Taji. Doch er flieht stets, voller Angst der Versuchung zu erliegen. Ein hilfloses Mädchen zu rauben und mit ihr ins Bett zu gehen ist für Taji deutlich einfacher, als sich einer starken, selbstbewussten Frau zu stellen. Als er es dann doch wagt, ist er erneut zu schwach und sie stößt ihn weg. Ohne Liebe, gejagt von den Konsequenzen seiner Taten, flieht er ins oder übers Meer – Melville lässt das bewusst offen.

 

Ein wahrhaft monströses Werk, da kann man den auf dem psychedelischen Schutzumschlag zitierten Klaus Modick problemlos zustimmen. Ein ungewöhnliches Werk zudem, dass keine Erwartungen erfüllt, voller Ideen und Spielereien steckt, bis hin zu seinem seltsamen Ende.

 

Die sehr moderne Gestaltung des Buches hebt den exotischen Eindruck noch hervor. Unter dem Umschlag verbirgt sich ein azurblaues Buch, dessen Farbe in den seitlich angeordneten Seitenzahlen, den lateinischen Kapitelzahlen und den Kapitelanfängen wiederfindet, die darüber hinaus in einem eleganten, fließenden Fonts gehalten sind. Dieser editorische Eindruck von Neuheit überträgt sich auf den Leseeindruck.

 

Fazit:

»Mardi und eine Reise dorthin« von Herman Melville ist ein sehr ungewöhnliches Buch, mehr ein munterer, abenteuerlicher innerer Diskurs des Autors mit sich selbst auf dem Weg zu seinen heute weltbekannten Romanen und Stoffen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Mardi und eine Reise dorthin

Original: Mardi and a voyage thither, 1849

Autor: Herman Melville

Gebundene Ausgabe: 824 Seiten

Manesse Verlag, 24. Juni 2019

Nachwort und Übersetzer: Rainer G. Schmidt

 

ISBN-10: 3717524046

ISBN-13: 978-3717524045

 

Erhältlich bei Amazon

 

Kindle-ASIN: B07K28FP2M

 

Erhältlich bei Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 23.08.2019, zuletzt aktualisiert: 23.08.2019 12:38