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Neosapiens von Nik Page

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Eine schräge Cyber-Punk-Story in Berlin am Ende des 21. Jahrhunderts. Inmitten einer schillernden und bizarren Subkultur durchlebt ein labiler Industrialpunk exzessive Rockparties, Orgien, Cyberdrug-Simulationen und Neurotrips in den unendlichen Weiten des virtuellen Cyber-Space. Der moderne, halbsynthetische Mensch hat sich voll und ganz an den kompromisslos digitalisierten Staat angepasst, der von einer Handvoll selbstverliebter Supervisor zu einer Wüste des materiellen Wohlstands geformt wurde – ohne Akzeptanz für Verlierer.

 

Rezension:

Das Gesicht moderner Dystopien ist voller Furchen und Falten, deren Quellen auch immer in Musik und der damit verbunden Mode und Präsentation liegen. Sei es der Trashstyle der Ramones, oder das Mad Max-angehauchte Videoset von Duran Duran in Wild Boys bis hin zum Industriesound-Design von Depeche Mode und den Einstürzenden Neubauten.

 

2001 brachte die Berliner Band Blind Passengers Musik und düstere Zukunft nicht nur in einem Album zusammen, Mastermind Nik Page erweiterte das Song-Universum zu einem ganzen Roman. Neosapiens ist dabei keine ausufernde Verlängerung der Alben-Lyrics geworden, sondern stellt ein eigenes Kunstwerk dar, dessen Kernthema zwar immer noch Musik ist, aber ebenso ein überraschend scharfsinniger SF-Roman.

 

Die Story spielt in einer ziemlich abgewrackten Zukunft Berlins, in der es nie einen Hype um die Metropole gab. Genoptimierung, Virtualisierungswellen und staatliche Hightechüberwachung haben das gesellschaftliche Leben komplett verändert. Eine streng reglementierte, vollautomatisierte Dienstleistungsgesellschaft ist entstanden.

 

Doch wie so oft keimen auch in dieser Mode Gegenbewegungen. Etwa zurück zu natürlichen Lebensweisen, zum Neosapiens.

Auch Belinda ist gegen die virtuelle Rauschlandschaften, Körperverbesserungen und Implantate, mit den sich ihr neuer Freund, der Icherzähler, von der grauen Masse anheben will. Sein Leben besteht aus VR- und Drogentrips, aufwändigen Musik- und Bühnenperformances und Sex natürlich. Nicht unbedingt mit Belinda.

 

Nick Page wirft uns in den Gedankenausfluss seiner Figur, folgt ihm durch Abstürze, Auftritte, Orgasmen und zunehmendem Schwinden der Selbstkontrolle. Dabei verliert er nie das kreative Herz aus den Augen. Ganz nebenbei legt er die totalitären Strukturen offen, die sich unter der staatlichen Fürsorge verbergen, reißt die globalen Problemströme an, auf deren Fundament die Konsumgesellschaft gebaut wurde und wagt immer wieder einen Blick in die möglichen Folgen eines exzessiven Tuningkultes. Bis nach Mexiko und Moskau zieht die Band und somit bieten sich Gelegenheiten, Gimicks wie Hanfheizkraftwerke inklusive der dazu gehörigen Heizhanfplantagen einzubauen oder Kanadierinnen, die hier ihre schweinchenfarbene Haut vom trüben Klima ihrer Heimat zu befreien, weil der wöchentliche Trip in der Brainmaschine hierfür nicht ausreicht.

Überhaupt gibt es neben den krachbunten Metaphern jede Menge Wortspiele, die sich sowohl auf die 90er Jahre als auch auf die geplatzte DDR-Wirklichkeit beziehen. Die herrschende Minderheit nennt sich Supervisor, sie stehen Banken, Medien, Wirtschaft, Forschung, dem Dienstleistungssektor und dem Staatsapparat vor und bestimmen die Richtung im ameisenhaften Maschinenstaat. Die elektronisch überforderten Hirne siebt man Neurofunktionstest aus, die Psyche prüft der TÜV und wer hier durchfällt landet in der Geschlossenen, wo Nanomaschinen die Synapsen wieder aufpolieren und aus dem dissidenten Punk eine cleane Konsummaschine schmirgeln, überwacht vom Ministerium für Sicherheit – MfS.

 

Dennoch ist die Hauptfigur von Nik Page auch ein irgendwie sympathischer Anarchist, der das Leben genießt und dabei langsam zu begreifen beginnt, dass seine Lebensweise einen Preis verlangt, den er vielleicht doch nicht zu bezahlen bereit ist.

 

Bunt und lebendig wird »Neosapiens« immer dann, wenn Nik Page die Kunstprojekte, Gigs und Performances beschreibt. Hier spielt er nicht nur seinen eigenen künstlerischen Hintergrund aus, sondern geht weit über vergleichbare Szenarien in SF-Werken wie etwa Armageddon Rock von George R. R. Martin hinaus. Die Bilder sind so plastisch, trotz teilweise sehr surrealer Ideen, dass man fast ein Drehbuch zu lesen meint.

 

Dabei wechselt der Stil immer wieder von expressiver Erlebnissprache zu erklärenden, reflektierenden Gedankenströmen, in denen die Welt erklärt wird, ohne allzu sehr ins Infodumping zu verfallen. Gewöhnungsbedürftig ist die konsequente Darstellung des Textes als Lyrik. Dabei funktionieren die Strophen kaum als eigenständige Teile eines Gedichtes, selbst die Zeilenumbrüche bieten nur selten einen intertextuellen Mehrwert.

Diese gestalterische Willkür lässt sich aber leicht ausblenden und dann fällt es leichter, der Handlung zu folgen, auch wenn sie mehr zwischen ausufernden Kunstprojekten und dystopischer Weltbeschreibung hin- und herschwingt, als einen klassischen Entwicklungsroman abzubilden. Hierfür sind die Schlaglichter zu kurz, die Szenen zu exemplarisch, aber stets voller Kraft.

 

Fazit:

Der Sound ist wuchtig, die Beat rasend schnell und über allem weht eine melancholische Melodie. »Neosapiens« von Nik Page ist unkonventionell erzählte Science-Fiction, voller Extrapolationen unserer digitalen Evolution aus der Sicht eines Musikers. Unbedingt lesenswert!

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Eure Meinung:

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Buch:

Neosapiens

Autor: Nik Page

Taschenbuch, 128 Seiten

Edition Aleph, 3. März 2001

Cover und Fotos: Norbert Frank

 

ISBN-10: 3895934194

ISBN-13: 978-3895934193

 

Erhältlich im: Onlineshop von Nik Page

Weitere Infos:

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Erstellt: 29.05.2017, zuletzt aktualisiert: 30.12.2019 10:51