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Orlando. Eine Biographie von Virginia Woolf

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Dieses 1928 erschienene Werk beschrieb Virginia Woolf bewusst als »eine Biographie, die im Jahr 1500 beginnt und bis zum heutigen Tag führt«. Es ist eine Huldigung an ihre Freundin, die Schriftstellerin Victoria Sackville-West, von Virginia Woolf zärtlich Vita genannt. Im September 1927 schrieb Virginia in ihr Tagebuch: »Eines Tages jedoch werde ich hier die Umrisse all meiner Freunde skizzieren wie ein großes historisches Gemälde. (…) Vita sollte Orlando sein, ein junger Adeliger.«

In die Neuausgabe wurden erstmals seit der englischen Erstausgabe die acht Abbildungen aufgenommen, die Virginia Woolf zur Illustration der Reise Orlandos durch die Zeit für den Roman ausgewählt hatte. Bei der neuen Übersetzung ging es vor allem darum, die Vielzahl der versteckten Zitate, die stilistischen Parodien und den »essayartigen« Charakter des Textes im Deutschen nachzuempfinden. In einem Anhang erläutert der Herausgeber die literarischen Quellen und auch die Bezüge zu Vita Sackville-West und deren Familiensitz Knole.

 

Rezension:

Virginia Woolf ernannte das Schreiben von Orlando zum Urlaub und die Entstehungszeit zum glücklichen Herbst. So passt es ganz gut, dass die Lektüre in die Zeit eines Londonbesuchs fiel, was ganz besonders die entsprechenden Orte und Schauplätze mit Leben erfüllte.

Virginia Woolf wählte eine experimentelle Form für ihr Werk. Zwar nennt sie es Biografie und lässt die Biografin auch regelmäßig erklärend zu Wort kommen, das Virtuelle des Textes bleibt jedoch stets offenbar. Neben den phantastischen Elementen der Unsterblichkeit und des Geschlechtwechsels durchziehen die Geschichte auch immer wieder essayistische Passagen, die sich mit Literatur, der Gesellschaft und vor allem mit Orlandos Rolle als Frau oder Mann befassen. Diese nur oberflächliche Maskierung der plaudernden Autorin nimmt man aber nicht übel, zu vergnüglich ist das ständige und nur scheinbare Abweichen von Orlandos Lebensgeschichte. Zunehmend spürt man die lockere Lässigkeit mit der Woolf ihre Themen in die Garderobe Orlandos kleidet, nicht ganz unähnlich dem Poem, das Orlando durch die Jahrhunderte hindurch an ihrem Busen trägt und immer wieder ändert.

 

Natürlich besitzt die Rolle der Frau eine sehr große Bedeutung. Sie wird für jedes Zeitalter erneut geprüft und vor allem gedeutet. Mit fast schon wissenschaftlichem Blick erklärt Woolf, wie sich Orlando nach ihrer Umwandlung zur Frau der großen Unterschiede bewusst wird, die es in der gesellschaftlichen Stellung von Mann und Frau gibt. Und das erst die Verbote und Einschränkungen aus Frauen das machen, was Mann als ihre Natur annimmt.

Das ist selbst im Jahre 2013 noch erhellend, um wieviel erstaunlicher muss das erst für LeserInnen im Jahre der Erstveröffentlichung gewesen sein?

Allein schon das sehr witzige Kapitel über die plötzlich so heilige Bedeutung der Ehe und der Paarigkeit unter Queen Victoria riecht skandalös und libertinär. Vor allem wenn man bedenkt, dass Orlando hier als Frau der freien Wahl ihrer Liebschaften nachtrauert. Und wie löst sie ihr Problem? Durch eine eher platonische Ehe, die durch die ständige Abwesenheit des Mannes ad absurdum geführt wird.

Ähnlich amüsant sind die Betrachtungen zu den weisen und genialen Köpfen der Literatur und Kunstkritik. Deren Geplauder in Salons und Clubs werden ebenso munter durch den Kakao gezogen, wie die oberflächliche Relevanz aristokratischer Empfänge.

All das steckt in einer lebendigen Beschreibung Englands. Es gibt wundervolle Lobgesänge auf die Natur, kraftvolle Beobachtungen des Londoner Verkehrs im Wandel der Zeiten und immer wieder Anbindungen an Mode und Stilistik. So atmet diese Biografie die gesamte Zeit über in einer urbritischen Frequenz.

 

Die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ist bunt bestückt mit Collagen von Manuela Sliwa und Dusan Milenkovic, die mit ihren Gemäldeschnipseln immer wieder Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung des Textes. Viel mehr als die Fotografien, die dankenswerter Weise aus der Originalausgabe übernommen wurden und deren Wert für das Buch Herausgeber Klaus Reichert im Nachwort erläutert.

 

Die für mich erst im Nachhinein bekanntgewordene Verbindung des Textes zu Vita Sackville-West kann man sich dann auch vorstellen. Die homoreotischen Bezüge sind ohne Frage vorhanden, jedoch schwingt im Text eher eine quirlige Fröhlichkeit eines verliebten Menschen mit, die jeden und die ganze Welt umarmt. Man kann darüber rätseln, welche Teile dadurch autobiografisch angehaucht sein könnten, aber letztlich spielt es keine Rolle. Orlando ist eine leichfüßige aber hintergründige Reise durch die englische Geschichte, die einiges von dem Bild relativiert, das durch den medialen Fokus auf die Royals heutzutage gemalt wird.

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Buch:

Orlando. Eine Biographie

Original: Orlando – a Biography , 1928

Autorin: Virginia Woolf

Übersetzerin: Brigitte Walitzek

Herausgegeber: Klaus Reichert

Collagen: Manuela Sliwa und Dusan Milenkovic

Büchergilde Gutenberg, 2008

gebunden, 320 Seiten

 

ISBN-10: 3763257551

ISBN-13: 978-3763257553

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 02.08.2013, zuletzt aktualisiert: 26.09.2015 15:49