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Paradiese der Sonne von J. G. Ballard

Reihe: Phantasia Paperback Science Fiction 1010

Rezension von Christian Endres

 

»Paradiese der Sonne« ist ein durch und durch archetypischer SF-Roman - zumindest wenn man nach einem Archetypen für das Schaffen von J. G. Ballard suchen würde. Archetypisch deshalb, weil Träume und überhaupt ein eher surreales Setting in tropischer Umgebung sowie Erinnerungen und die generelle Komplexität des Unterbewusstseins die Handlung von Ballards erstem Romanwerk aus dem Jahre 1962 bestimmen. Die vom SF-Priester der Apokalypse in gewohnt blumigen Worten geschilderte Geschichte fängt - wie so oft - mit einer Veränderung an: Eine Klimakatastrophe hat das Eis der Pole zum Schmelzen gebracht und die Erde zu einem Glutofen gemacht. Überhitzte Lagunen und Sumpflandschaften markieren den Weg der letzten Überlebenden, die auf der Flucht vor der Hitze und dem Klimawandel sind – eine Flucht direkt in die biologische Vergangenheit der Menschheit, wie es scheint...

 

Wieder einmal ist also eine Umweltkatastrophe der Ausgangspunkt zu Ballards düsteren Spielereien mit der menschlichen Psyche – ein Topic, das nach 40 Jahren aktueller denn je erscheint. Ansonsten driftet New-Wave-Veteran Ballard in seinem Erstling nicht ganz so weit in die Surrealität wie in seinen späteren Romanen, Novellen oder Kurzgeschichten - aber die Richtung ist schon jetzt weitgehend klar. Ballard beobachtet die (Rück-)Entwicklung des Menschen in einer Extremsituation. Diese nicht immer sonderlich schmeichelhaften Beobachtungen bringt Ballard, der immerhin als die große Stimme der modernen britischen Literatur gilt, in seinem ganz eigenen, markanten Schreibstil zu Papier. Es schachtelt kräftig, wenn der in Shanghai geborene Edelstilist alle Sinne seines Lesers mit aromatischen Beschreibungen und beängstigenden Seelen-Tauchfahrten stimuliert. Freilich mag nicht jeder diesen bei Zeiten ziemlich komplexen Stil, mit dem Ballard einen letztlich auf jeder Seite von neuem fordert – denn zugegeben: Das ist nicht immer ganz einfach, und manchmal ist die Lektüre auch echte Arbeit. Doch die Mühe lohnt sich.

 

Nachdem Ende letzten Jahres bei Heyne eine nahezu vollständige Gesamtausgabe von Ballards Kurzgeschichten veröffentlicht wurde, steht es dem deutschen Buchmarkt gut zu Gesicht, dass einer der besten Romane des SF-Visionärs endlich eine ungekürzte Neuauflage erfährt (ursprünglich erschien The Drowned World 1982 als Karneval der Alligatoren bei Heyne), zumal der Rest von Ballards Schaffen in den letzten Jahren bis auf ein paar wenige Glanzlichter traurigerweise Stück für Stück von der Bildfläche der hiesigen Verlagslandschaft verschwunden ist.

 

Ein Paradoxon. Denn selbst Ballards erster SF-Roman liest sich auch über 40 Jahre nach seiner Niederschrift noch großartig und wirkt schier zeitlos – wenn er durch die Klima-Thematik nicht sogar topaktuell ist. Obendrein steht »Paradiese der Sonne« für alles, was J. G. Ballards kritisches, hochliterarisches Schaffen bis heute ausmacht und das fantastische Genre seit den 1960ern kontinuierlich bereichert: Stil, Seele und Substanz.

 

Eine für Genre-Freunde und Ballard-Jünger unverzichtbare Neuausgabe.

 

 

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Eure Meinung:

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Paradiese der Sonne

Phantasia Paperback Science Fiction 1010

Autor: J. G. Ballard

Klappenbroschur, 224 Seiten

Edition Phantasia, März 2008

ISBN: 3937897283

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.04.2008, zuletzt aktualisiert: 15.03.2019 13:00