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Planet Magnon von Leif Randt

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

In den unendlichen Weiten des Weltraums existiert ein Sonnensystem, in dem endzeitlicher Frieden herrscht. Seine sechs Planeten und zwei Monde werden von einer weisen Computervernunft regiert, die auf Grundlage von perfekter Statistik und totalem Wohlstand die fairsten Entscheidungen trifft. Zwischen Metropolenplanet Blossom und Müllplanet Toadstool ist längst die neue Zeit angebrochen, eine postdemokratische Ära des Friedens und der Selbstkontrolle. Menschen haben sich zu Kollektiven zusammengeschlossen, zu ästhetischen Gemeinschaften, die um die besten Lebensstile konkurrieren. Marten Eliot und Emma Glendale, die beiden jungen Spitzenfellows des Dolfin-Kollektivs, verlassen ihren heimischen Campus und reisen von Planet zu Planet, um neue Mitglieder anzuwerben. Doch das Sonnensystem wird erschüttert, als das aggressive Kollektiv der gebrochenen Herzen von sich reden macht, von dem man annimmt, es bestehe aus emotionalen Verlierern. Minzefarbene Giftwolken steigen von Marktplätzen und Sommercamps auf, tatsächliche Gewalt droht in die Planetengemeinschaft zurückzukehren. Auf ihren Reisen rücken Marten und Emma die gebrochenen Herzen gefährlich nahe. Können die beiden den Umsturz verhindern?

 

Rezension:

Der Frühling 2015 treibt fast zeitgleich zwei ganz besondere SF-Blüten, die sich mit ihren Sozialutopien von kollektivistischen Ideen befruchten lassen. Während sich Dietmar Dath in Venus siegt den Auswüchsen des Stalinismus stellt, entwickelt sein jüngerer Autorenkollege Leif Randt mit Planet Magnon eine wesentlich friedlichere Gesellschaft.

 

Hier bilden die sechs Planeten eines nicht näher benannten Sonnensystems eine Gemeinschaft. Ihre Bewohner finden sich in Kollektiven zusammen, je nach Ausrichtung auf geistigen, produktiven, sexuellen oder sozialen Gemeinsamkeiten aufgebaut.

Icherzähler Marten Eliots Bericht über die Veränderungen in dieser Planetengemeinschaft beginnen zwar mit Erinnerungen an seine Kindheit, die Handlung jedoch setzt in jenem Moment ein, als er sich von seiner Freundin trennt. Ganz im Sinne des von ihm gewählten Kollektivs Dolfin, ist dieser Schritt notwendig, folgerichtig, ihrem Alter entsprechend.

Es ist aber auch der Moment, da der Hauptplanet Blossom Ziel eines Attentats wird. Noch wesentlicher ist der Ort des Angriffs: das Wohnheim der jüngsten Dolfins, in dem auch Marten prägende Jahre mit Lernen verbrachte und Freunde fand.

Es gibt keine Opfer im eigentlichen Sinn. Aber die strenge Ordnung der Dolfin-Ausbildung wird zerstört und obwohl es die führenden Dolfin zunächst nicht bemerken oder nicht wahrhaben wollen, ist dieser äußere Anstoß nur der Anlass und nicht die Ursache der beginnenden Veränderungen. Gewiss hat auch die Flüssigkeit Magnon damit zu tun, eine Droge, deren Wirkung eventuell eine Weiterentwicklung des Bewusstseins bedeutet und zu einer neuartigen Verbindung von Vernunft und Gefühl zu führen scheint. Stehen die Dolfins für den Verstand, ist die Gegenseite zunächst nur ein Gerücht, bis sie sich aktiv in die Gesellschaft einzumischen beginnt.

Denn hinter dem als terroristisch empfundenen Akt steckt ein anderes, noch junges Kollektiv. Es sammelt gebrochene Herzen.

Leif Randt erklärt erst nach und nach, warum die Gesellschaft der Planetengemeinschaft etwas gegen gebrochene Herzen hat. Eine Generation zurück erschuf man sich eine künstliche Intelligenz, die als steuernde Instanz alle regelnde Gewalt übernahm. Bedürfnis- und Bedarfsorientiert. Ein maschinelles Beglücken der Menschheit. ActualSanity ist aber keine typische unmenschlich agierende Maschinenmacht. Auch hier herrscht eher Kuschelstimmung. Maximal wird man zu einer Pflichtarbeitszeit auf dem Müll-Planeten Toadstool verdonnert. Wo sich wohl nicht ganz zufällig, das aufrührerische Kollektiv niedergelassen hat.

Doch zunächst wird Marten zusammen mit Emma, der anderen Dolfin-Spitzenfellow losgeschickt, Werbung für ihr Kollektiv zu machen. Auf dieser kleinen Rundreise stellt Leif Randt verschiedene andere Kollektive vor. In erster Linie aber vertieft er das allmähliche Begreifen, dass dem Bericht von Marten immer wieder wesentliche Dinge fehlen. Immer deutlicher wird, das sein Dolfin-Sein ein Schutzpanzer ist.

»Planet Magnon« ist über weite Strecken ein Selbstfindungsroman. Die inneren Wunden und Verletzungen müssen sich erst an die Oberfläche wühlen. Das unterstützt Randt sprachlich in beeindruckender Weise. Der kurze und analytisch trockene Stil, den er auch in seiner Lesung verwendet, droht hin und wieder ins makabre abzurutschen. Der dem Leben von Marten innewohnende Ernst betont an einigen Stellen den dahinter steckenden Witz. Sei es eine Fotosession mit Dinosaurier oder die offene Anbaggerei durch eine Schülerin. Nur eine Nuance anders gelesen und ein Lachen bricht hervor. Geschickt nutzt Randt auch Wortschöpfungen, die sich bereits im Romankontext erklären, die aber trotzdem in Glossar-Artikeln weiter ausgeführt werden.

 

Die dabei vorgestellte Gesellschaft aus lauter sich selbst erfüllenden Menschen, offen für Drogenexperimente, für lockere Formen des Zusammenlebens oder eben fast gefährlichen Formen des Protestes besitzt ein so großes Wohlfühlpotential und befindet sich so weit ab, von typischen Utopien oder gar der gewalttätigen Weltpolitik, dass man unweigerlich fragt, auf welcher Lebenssicht diese Zukunft basiert.

Ist das die Zukunft unserer Jugend? Jene Generation, die gegen ihre Eltern nicht mehr aufbegehren muss, da man dieselben Bands hört, dieselben Medien nutzt und sich über alle kulturellen Ebenen hinweg Freunde nennt? Erwecken hier die Kinder der Mütter vom Kollwitzplatz ihren Traum vom elektronischen Frieden und kann man nicht genau im Wirken von ActualSanity jene berühmten Propellereltern wieder erkennen?

 

Auf jeden Fall ist Leif Randts Utopie ungewöhnlich und bisher atypisch. Ein vollkommen anderes Raunen. Weder düster noch aggressiv. Eine Extrapolation aus den hippen Szenebezirken unseres Landes.

 

Fazit:

»Planet Magnon« ist eine Zukunftsvision aus dem sanften Herzen Deutschlands. Die Vernunft kann durchaus siegen, doch ein gebrochenes Herz wiegt meist schwerer und letztlich ist auch in einer fernen und friedlichen Zukunft der Mensch ein Produkt seiner Gefühle, Wunden und sich wandelnden Gedanken. Leif Randt webt den Traum einer fernen Welt mit glasklaren Worten und beschreibt dabei doch tatsächlich ein atmendes Stück Gegenwart.

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Buch:

Planet Magnon

Autor: Leif Randt

gebundene Ausgabe, 302 Seiten

Kiepenheuer & Witsch, 5. März 2015

Cover: Rothfos & Gabler

Karte: Manuel Bürger

 

ISBN-10: 3462047205

ISBN-13: 978-3462047202

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00T3OHLS8

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 26.05.2015, zuletzt aktualisiert: 24.09.2021 17:33