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Rache ist eine schwere Schaufel von Niklas Peinecke

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Science Fiction, Steampunk, Elfpunk – dieser Band versammelt erstmals sechzehn Erzählungen von Niklas Peinecke aus den Jahren 2005 bis 2012, und bietet damit einen Querschnitt durch Zeitalter, Genres und Erzähltechniken. Darunter sind sämtliche für den Kurd-Laßwitz-Preis und für den Deutschen Science Fiction Preis nominierten Erzählungen, insbesondere »Klick, klick, Kaleidoskop« und die beim Publikum beliebte »Ding und Tank-Mädchen«, sowie zwei neue, bisher nie veröffentlichte Geschichten.

 

Rezension:

Kurzgeschichtensammlungen von eher unbekannten Autoren sind nicht gerade Bestseller. Daher ist es durchaus legitim, wenn sich Niklas Peinecke gleich selbst daran machte, seine Storys zu einer Sammlung zusammenzubinden und als eBook anzubieten.

Mir lag eine pdf-Version vor, die ich etwas unzeitgemäß ausdruckte und entsprechend stolz in der Öffentlichkeit las.

 

Den Beginn macht ein Text, der nach eigenen Aussagen beim Publikum beliebt ist: Ding und Tank-Mädchen. Die eher scheue Alienrasse der Tanker entsendet eine Gaststudentin und Professor Korner delegiert die Betreuung an seinen Hiwi Li Ding weiter.

Die Story spielt mit den Erwartungen des Lesers und ist sehr witzig gehalten. Allerdings endet sie in einem zu deutlichen Twist, der allzu vorhersehbar ist.

 

Imago kannte ich schon aus der Anthologie Der Moloch. In einer Welt, in der sich jeder hinter einer hübschen Körperprojektion versteckt, entdeckt Lysa den Reiz am Unmaskierten.

Obwohl die Geschichte stimmungsvoll und eindringlich erzählt wird, stört am Ende die zu offensichtliche Moral.

 

Retrozone spielt aus der Sicht eines jungen Mädchens, das sich nicht nur an den Regeln ihrer Mutter stört, sondern auch an den seltsamen Geheimnissen ihrer Welt - einer in 1985 feststeckenden Welt.

Peinecke führt den Leser gekonnt an der Nase herum. Schade, dass der sorgfältige Aufbau der Geschichte mit dem Twist ein in sich sinnloses Ende findet.

 

Auch Invasive Techniken endet nicht so, wie man es erwartet. Die Geschichte um eine ausgebootete Entdeckerin und ihren Assistenten, der weiterhin als »Pilot und Touristenführer« in Gehirnen arbeitet, nimmt eine überraschende Wendung nach einigen doch eher langatmig ausgebreiteten Erlebnissen.

 

Mit der fünften Geschichte beginnt nun der qualitativ bessere Teil der Sammlung, der eigentlich nur noch großartige Storys enthält.

 

In der phantastisch! Nummer 29 erschien Die Perlenkette.

Minion hat eine schwere Aufgabe. Er soll ein Programm erstellen, dass aus einem Planeten eine neue Erde macht. Nur er und sein Chef, ein Majordomus in einer langen Reihe, sind die einzigen wachen Menschen eines riesigen Fluchtraumschiffs auf der Suche nach einer neuen Heimat. Als sein Programm Erfolg zu versprechen scheint, stößt Minion auf Merkwürdigkeiten …

Verfällt man als Leser zunächst der seltsamen Stimmung und dem Schwebenden der Situation von Minion, eröffnet sich zunehmend eine viel tiefere Schicht hinter dem gewohnt erscheinenden Problem. Peinecke stellt sich hier Fragen, die weit über das hinaus gehen, was man in so einer kleinen Geschichte eigentlich erwartet. Das ist cool gemacht und atmet den Hauch der Ewigkeit.

 

Mit Die Ernte fällt heut’ aus lernen wir das Krill kennen. Eine robotische Rasse, die durch ihren aggressiven Expansions- und Reproduktionsdruck in Konflikt mit den Menschen gerät.

Tetian ist Soldat und versucht seine angebetete Kameradin durch ein selbstverfasstes Gedicht zu beeindrucken. Doch im Krieg ist kein Platz für Romantik. Jennifer findet den Tod. Aber Tetian hat davon gehört, dass man Gefallene Soldaten zu KIs umwandelt …

Die Story beeindruckte bereits in der Anthologie Lotus-Effekt und es freut mich besonders, dass der Eindruck des hastigen Nicht-Endes dadurch aufgehoben wird, dass der Autor mit Unter den Regenbogendrähten in den Krill-Kosmos zurückkehrte.

 

Ähnlich melancholisch geht es Im Garten eines Kraken zu. Die düstere Geschichte handelt von einem Verurteilten und natürlich zu Unrecht des Mordes Beschuldigten. Als Strafe stopft man sein Bewusstsein in ein U-Boot, das die tiefsten Meere erkunden soll, jederzeit abschaltbar durch ein Satellitensignal, sollte er nicht spuren. Doch der menschliche Drang nach Freiheit lässt sich nicht so leicht unterdrücken …

Beeindruckend, mit welcher Eleganz Peinecke hier Isolation und Lebenswille in eine eigene Kulisse packt und ganz nebenbei ein berührendes Einzelschicksal präsentiert.

 

In eine ganz andere Richtung geht Klick, klick, Kaleidoskop. Wir begleiten Lyx Jannen auf seinem von Paranoia und Schizophrenie geprägten Road-Trip um dann in einer sehr bösen Volte mit einer Situation konfrontiert zu werden, die mehr als vorstellbar ist. Schnelle und zackige Geschichte.

 

Erinnerungsfoto interpretiert den Titel in kosmischer Dimension. Eine vierköpfige Saturnexpedition stößt auf ein außerirdisches Artefakt - soweit eine normale Ausgangssituation. Das daraus aber keine beliebige Explorerstory wurde, verdanken wir einer feinen Figurenbeschreibung fernab des Mainstreams und dem Fehlen einer klassischen Auflösung. Auch hier atmet die ewige Unendlichkeit ein und aus.

 

Hinter dem sperrigen Titel Die verhinderte Himmelfahrt der Jana Maria-Magdalena Sibelius verbirgt sich eine abgefahrene Religionsposse. Was, wenn die Physik die Formel für die göttliche Kraft fände und jeder von ihr durchdrungen werden könnte?

Einigen der sich auftürmenden Fragen stellt sich Protagonist Axel, doch ein Gott zu sein ist bekanntlich weder leicht noch sonderlich toll.

Die Geschichte reißt über die schräge Idee hinaus, die philosophischen Intentionen nur an, bietet mehr eine Gedankengrundlage, findet aber ein schlüssiges Ende.

 

Dem großen deutschen SF-Satiriker Uwe Post ist Gemein: Von Hundefutter-Memen befallen! gewidmet. Kann man sich wirklich gegen aufdringliche Erinnerungen wehren? Was macht man, wenn sie Persönlichkeitsrechte besitzen oder gar die besseren Anwälte? Ja, die Postkalypse ist böse, wirklich gemein und wie man sieht, höcht ansteckend.

 

Die Titelstory Rache ist eine schwere Schaufel bewegt sich ebenfalls im Bereich etwas abwegiger Phantastik. Alles fängt mit der süßen Bäckereifachverkäuferin an und endet in einem kriminellen Desaster. Der Stil ist betont umgangssprachlich und unterstreicht die augenzwinkernde Parodie auf gemütliche Fantasy. Sehr sympathisch ist zudem der Seitenhieb auf Elfen.

 

Nach diesen drei doch eher fröhlichen Geschichten folgt mit Arm von Silber, Herz von Messing die erste Story aus dem »Staffelwalzen«-Universum. Dabei handelt es sich um eine Steampunk-Parallelwelt, die der Autor mit sehr viel historischem Gespür und Lokalkolorit auschmückt.

Staffelwalzen – Rechenmaschinen – sichern die Vorherrschaft Hannovers über Preußen. Doch der Erzfeind Braunschweig ist abtrünnig und zieht in den Krieg, der mit Granaten und Technik bitter geführt wird. Der Maschinist Sebastian betreut eine der riesigen Kanonen, doch der Tod eines Kameraden lässt ihn unachtsam werden und so wird er ein Opfer der Maschinerie. Zwar erhält er einen mechanischen Arm als Ersatz, aber ausgemustert muss sich Sebastian fortan seinen Lebensunterhalt als Bettler verdienen, bis er durch Glück das Objekt einer Wette zwischen zwei Mechaniker-Meistern wird und in das technologische Zentrum Hannovers gelangt …

Rasant und trotzdem opulent, entfaltet Peinecke seine Parallelwelt, reichert sie an mit einer Vielzahl technischer Details und vergisst darüber auch nicht, seinen Figuren Profil zu verleihen. Ein Prunkstück der Sammlung!

 

Unter den Regenbogendrähten führt uns wie bereits erwähnt in den Krill-Kosmos aus Die Ernte fällt heut’ aus zurück. Die Krill sind weiter auf dem Vormarsch. Die Menschheit muss allerorten fliehen. Dos ist ranghöchster Offizier auf einem Lazarettschiff, dem gerade so noch die Flucht gelang. Doch das Schiff hat Schäden. Um Platz zu schaffen, werden Menschen in holografische Speicher geladen, ihre Körper verbrannt, kann man sie doch später in neue Körper herunterladen …

Düster und trotz aller Action sehr melancholisch baut Peinicke seine dystopische Welt weiter aus und pflanzt in sie frische Keime des Untergangs.

 

Dem Autor scheint das auch zu düster gewesen zu sein und darum lässt er diesem dunklen Text einen kleinen Schlenker zurück zur Satire folgen.

Entsprechend bizarr ist in 300 PS intravenös der kleine Ausflug in die zukünftigen Abgründe der Werbung. Locker, fluffig und angenehm bösartig.

 

Den Abschluss bildet der zweite Abstecher in das Staffelwalzen-Universum. Asaker von Asgard spielt einige Jahre nach Arm von Silber, Herz von Messing und führt uns in geheimer Mission auf den Mars. Zwar ist Heinrich von Sangershausen eher strafversetzt worden als Assistent von Oberstleutnant Ludolf von Störmer, aber der Verbleib eines Wissenschaftlers in den außerirdischen Ruinen auf dem Gebiet der Anarchistischen Volksrepublik Asgard verspricht ein spannendes Abenteuer …

Ganz in der Tradition der Marsromane von Edgar Rice Burroughs serviert uns Peinecke eine feine Abenteuergeschichte mit einer reichlichen Portion Steampunk. Besonders zur Geltung kommt das bei der Beschreibung der Lokomotive Baureihe 8500, ein Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst. Erneut gibt es jede Menge historischer Umdeutungen und Bezüge, die elegant jegliche nationalistischen Plattheiten umschiffen. Hier öffnet sich tatsächlich ein sehr großer Schauplatz für weitere und vielleicht auch längere Geschichten.

 

Fazit

Niklas Peinecke hat mit seiner Sammlung »Rache ist eine schwere Schaufel« eine sehr bunte Mischung an Kurzgeschichten zusammengestellt. Er beweist sich darin als stilsicherer Autor, der keine Probleme hat, sowohl absurde und satirische Texte zu verfassen, als auch ideenreiche SF, detaillierten Steampunk oder todtraurige Dsytopie.

Bleibt zu hoffen, dass uns der Autor auf dem Niveau erhalten bleibt und sich ein Verlag der Texte für eine schöne Print-Ausgabe annimmt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Rache ist eine schwere Schaufel

16 SF-Kurzgeschichten

Autor: Niklas Peinecke

Kindle Edition, November 2012

Dateigröße: 414 KB, ca.234 Seiten

 

Kindle-ASIN: B00AGA579S

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

Weitere Infos:

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Erstellt: 22.02.2013, zuletzt aktualisiert: 09.09.2019 18:35