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Leseprobe: Saramees Nacht

"Wartet", stieß Inyad abrupt, beinahe ehrfürchtig aus. Seine beiden Gefährten - sein bester Freund Ardy und dessen junge Frau Hanya - unterbrachen ihre Unterhaltung, blieben stehen und sahen ihn an. Inyads Blick glitt von ihnen zu dem kleinen Stadttor, an dem zwei Wächter sich im kühlenden Schatten eines Verschlages lungerten und sich die Zeit mit einem Würfelspiel vertrieben, über die ersten, gedrungenen Häuser des westlichen Saramees. Ebenso wie die Gebäude, die immer größer und prachtvoller wurden, je weiter Inyad seinen Blick zum Innern der Stadt schweifen ließ, so wuchsen auch seine Aufregung und Freude.

"Was ist?", fragte Ardy kurz angebunden, und Hanya deutete mit dem Kopf ein Nicken an. Sie wollten weitergehen, wollten nun endlich die Stadt betreten, wegen der sie eine so lange Reise auf sich genommen hatten, die sie alle sogar nachts in ihren Träumen verfolgte.

"Ich denke, wir sollten ein wenig mehr Respekt zeigen", sagte Inyad. "Wenn wir über diese Schwelle treten - diese Wächter passieren - sind das die ersten Schritte in unsere wirkliche Freiheit. Unsere Unabhängigkeit. Saramee spiegelt all das wieder. So viele Hoffnungen! Ich habe so lange darauf gewartet, und nun ... möchte ich mich darauf besinnen, bevor ich weitergehe."

"Dann besinn' dich schneller", versetzte Ardy spöttisch und duckte sich unter dem vorwurfsvollen Blick seiner Gefährtin.

Inyad atmete schwer. "Habt ihr nicht auch dieses Gefühl, als würde Saramee uns rufen? Ich kann sie deutlich hören ... eine ganz leise Stimme. So verlockend, dass ich nicht widerstehen kann."

"Dann komm' endlich."

Inyad zögerte noch einen Moment, dann fasste er mit Ardy und Hanya Fuß, die bereits voraus gegangen waren. Die Torwächter registrierten müde ihre Ankunft, kümmerten sich aber nicht weiter um die drei nichtmenschlichen Wanderer. Angehörige von unterrepräsentierten Völkern, die mit dem Schiff aus irgendeinem entfernten Land kamen, um hier ihr Glück zu finden, waren ihnen längst zur Gewohnheit geworden.

Während sie unter dem Torbogen hindurch schritten, dachte Inyad an Zuhause. Plötzlich erschien es ihm ebenso weit weg wie einst Saramee, fast wie ein Hirngespinst oder die Erinnerung an einen alten Traum.

Er dachte an seine Familie. Selbst die beste Überredungskunst hatte sie nicht davon überzeugen können, mit ihm zu kommen. Inyad empfand einen leichten Stich von Trauer, der die Freude über ihre Ankunft in der neuen Stadt ein wenig dämpfte. Die Gayra - jenes Volk, das in den Hochebenen lebte und die Adyra seit Jahrhunderten unterjochte -, mochten auch hier in Saramee leben, daran bestand gar kein Zweifel. Aber wir waren nicht seit Anbeginn der Zeit ihre Sklaven!, dachte Inyad hitzig. Irgendwann waren wir einmal frei!

Und hier in Saramee hatten sie keine Macht mehr über ihn. Hier kamen nicht jeden Drittmond ein paar von ihren schwerbewaffneten Geldeintreibern, um einen viel zu hohen Anteil von allem, was das Dorf während des Jahres erwirtschaftet hatte, zu stehlen. Und zwar ganz ohne Gegenleistung!, meldete sich die flüsternde Stimme hinter Inyads Stirn, die ihn auch dazu getrieben hatte, seine Heimat zu verlassen. Sie plündern uns aus, und alles, was wir dafür bekommen, sind noch härtere Strafen, noch ungerechtere Sanktionen, falls wir einmal nicht genug Geld und Getreide aufbringen!

Die Erinnerung verblasste, und auch der Zorn, den er gegenüber den Gayra empfand, schwand, als seine Augen sich nicht länger dem fast hypnotischen Anblick der Stadt entziehen konnten. Wie schon auf so viele Einwanderer vor ihm, die aus kleinen Städten, Dörfern oder Siedlungen kamen und zum ersten Mal eine solche Metropole betraten, begann Saramee seinen einzigartigen, berauschenden Zauber zu wirken.

Inyad öffnete den Mund - und verblieb sprachlos. Dies war nicht das, was er sich unter dem Begriff Grenzstadt vorgestellt hatte. Er hätte nicht genau sagen können, wie Saramee in seinen unzähligen Tagträumen ausgesehen hatte ... aber als die Realität auf seine Fantasie prallte, spürte er, wie das Abbild in seinem Kopf zerbröckelte und eine nicht enden wollende Masse von Eindrücken auf ihn ein prasselte.

"Es ist gigantisch", murmelte Ardy irgendwo neben ihm.

Die Straßen waren gefüllt mit den unterschiedlichsten Gestalten. Zwischen den Bürgern Saramees buhlten Bettler in schmutzigen Kitteln um Aufmerksamkeit, die krankheitsgezeichneten Hände flehentlich nach vorn gestreckt. Armut herrschte vor. Die Gerüche von Speisen, die ein fahrender Händler rechter Hand neben den Wanderern feilbot, wurden von Ausdünstungen von Urin, Kot und Schweiß übertüncht. Trotzdem schien niemand an dem Gestank Anstoß zu nehmen. Die Wanderer entdeckten Kinder, die auf der schmutzigen Straße mit hölzernen Tieren spielten und Händler, die trotz des alles überschattenden Geruchs ihre Speisen verkauften.

Während er das bunte Treiben um sich beobachtete, wurde Inyad eine Wahrheit über das Leben in der Großstadt bewusst: Diese Leute bemerkten den Gestank nicht einmal mehr. Sie arrangierten sich damit und trugen zumeist wohl auch noch dazu bei.

 

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Titel: Saramees Nacht

Autor: Dirk Wonhöfer

Reihe: Saramee Bd.4

Illustration: Chrissi Schlicht

A5 Paperback – 72 Seiten

ISBN: 3-936742-54-5

Verlag: Atlantis Verlag

erschienen Mai 2005

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 11.11.2005, zuletzt aktualisiert: 16.01.2015 09:23