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Sarg in Ketten

Reihe: Hellboy Bd. 4

Rezension von Christian Endres

 

Die Geschichte von Mike Mignolas Hellboy geht in die vierte Runde. Diesmal ist der satte 200 Seiten starke Sammelband eine Mischung aus fünf Kurzgeschichten und zwei längeren Stories. Im Verlauf der enthaltenen Strories folgen wir Hellboy auf die britischen Inseln, wo 1944 bereits alles begann, aber auch nach Russland und auf den Balkan ...

 

Die erste Geschichte ist eine ganz starke Geschichte und, da schließe ich mich P. Craig Russel gerne an, vielleicht die gelungenste im gesamten Band. In Der Leichnam bekommt es Hellboy nämlich mit einer Hand voll Elfen zu tun, die auf den britischen Inseln ihr altbekanntes Wechselbalg-Spielchen abziehen, um den Fortbestand ihrer Art zu sichern. Um das menschliche Baby zurück zu seinen rechtmäßigen Eltern zu bringen, muss sich Hellboy einer Queste der Elfen annehmen und etwas für die kleinen Geheimniskrämer bis zum nächsten Sonnenaufgang erledigen. Die Elfen jedoch sind, wenn man sich in ihre Angelegenheiten einmischt, manchmal ein ganz schön rachsüchtiges Völkchen, und so bekommt es Hellboy nicht nur mit dem ein oder anderem überfüllten Friedhof, sondern auch mit einigen von den Elfen angestifteten Vertretern der keltischen Mythologie zu tun ...

 

Die zweite Story – Die Eisenschuhe – ist eine kurze Füller-Geschichte, die trotz ihrer Kürze einen ganz eigenen Charme hat, der, wie Mignola selbst vorneweg sagt, vor allem in den Betrachtungen der Experten liegt, die gleich zu Beginn zu Wort kommen und ihre Meinung zum Besten geben.

 

In der dritten Kurzgeschichte, die wieder auf einem mehr oder weniger geläufigen Volksmärchen basiert, trifft Hellboy in Russland auf die Baba Jaga, mit der er nicht gerade in Freundschaft auseinander scheidet, und deren Verschwinden nach der Begegnung mit dem hartgesottenen Höllenjungen nicht ohne Konsequenzen für die Gegend, in der sie bis dahin gehaust hatte, bleibt. Sehr schön ist hier vor allem die Betrachtung des Verschwindens der Hexe durch die Wildtiere, was den volkstümlichen, märchenhaften Charakter dieser Kurzgeschichte nochmals unterstreicht.

 

Als nächstes erleben wir gemeinsam mit Hellboy einen ungewöhnlichen Heiligen Abend – Weihnachten in der Unterwelt, um genau zu sein. Wie der Name schon vermuten lässt, ist diese Kurzgeschichte ursprünglich als Weihnachts-Special angedacht gewesen, doch hat sich Mignola auch hier nicht lumpen lassen und eine makabere, dennoch aber irgendwie (tief-)sinnige, jedoch nicht wirklich besinnliche Hellboy-Geschichte zu Papier gebracht, die nicht nur mit Schneetreiben und fröhlicher Festtagsstimmung aufwarten kann.

 

Die namengebende Geschichte Sarg in Ketten beschäftigt sich, wie schon Teile des ersten Sammelbandes (Saat der Zerstörung), mit Hellboys Bestimmung auf dieser Welt und den Geschehnissen des Vorweihnachtsabend 1944 auf der kleinen schottischen Insel, wo Rasputin und die Nazis einst das Ritual durchgeführt haben, das Hellboy in unsere Gefilde verfrachtet hat. In einem Brief an seinen Kollegen und Freund Abe schildert der Junge aus der Hölle seine Erlebnisse, als er der Insel, mit der ihn auch nach fünfzig Jahren noch heimatliche Gefühle verbinden, wieder einmal einen Besuch abstattete und sich mit äußerst realistischen Phantombildern auseinander zusetzen hatte, die ihm sicherlich etwas über seine Bestimmung sagen wollten ...

 

Die erste von zwei längeren Stories in diesem Band, Die Wölfe von St. August, verknüpft klassische Elemente des Werwolf-Mythos mit frischen Ideen und abermals Gedanken aus einem Volksmärchen, von dem sich Mignola inspirieren ließ. In dieser Story wird die traurige Geschichte eines kleinen Dorfes auf dem Balkan erzählt, das ein finsteres, heulendes und blutrünstiges Geheimnis in der Burg über dem Örtchen verbirgt und auch Hellboy und dessen Kollegin Kate gefährlich werden könnte, wenn diese sich in Folge ihrer Ermittlungen für die B. U. A. P. zu tief hinab wagen ...

 

Den storytechnischen Abschluss von Sarg in Ketten bildet Fast ein Gigant, eine Story, die sich abermals klassischer Horror- und Schauerelemente bedient und nicht nur einen, sondern gleich zwei von Frankensteins Monstern bereit hält. Die beiden ungleichen ‚Brüder’ aus dem Labor, durch einen Blitzschlag zum Leben erweckt, bereiten Hellboy nicht nur einiges an Ärger und stellen eine echte Bedrohung dar, sondern sind gleichzeitig auch die einzigen, die Hellboys Kollegin Liz das Leben retten können – ob es Hellboy gelingen wird, die beiden auszuschalten, ohne sich selbst der Chance, seiner Freundin zu helfen, zu berauben?

 

Diesmal hat Mike Mignola alle Stories selbst geschrieben und gezeichnet, und auch wenn er schon am dritten Sammelband der Serie kräftig mitgearbeitet hat, so gefällt er mir erst hier wieder richtig gut. Ich glaube, dass derjenige, dem Batman/Hellboy/Starman ebenso wie mir nicht gar so gefallen hat, gut daran täte, diesen Band einfach abzuhaken und sich über die vorliegenden Geschichten in Sarg in Ketten zu freuen. Denn sowohl die Stories (in denen erfreulicherweise einmal in keiner Geschichte irgendwelche Nazis als Schurken auftauchen und es rein übernatürliche oder aus der Mythologie, der volkstümlichen Sagen- und Märchenwelt oder natürlich durch den Pulps und der klassischen Horrorliteratur a lá Lovecraft und a lá Shelley inspirierte Schurken sind, mit denen Hellboy sich herumschlagen muss), als auch das Artwork sind wieder Stoff vom Feinsten und zeigen, wieso Mignola und seine Hellboy-Stories mit zum besten gehören, was die Comicbranche in den letzten zehn Jahren hervor gebracht hat.

 

Die Aufmachung des kleinformatigen Hardcovers ist auch in der vierten Runde wieder überragend und lässt das Sammlerherz einen flotten Springtanz aufs Parkett hinlegen. Ein Vorwort von P. Craig Russel, der sich lobend über Mike Mignolas Zeichenstil – den er selbst oft genug getuscht hat – auslässt, sowie kleine Bemerkungen, Notizen und Wissenswertes zu den Geschichten von Mignola selbst sind als redaktionelle Betreuung ein wahres Kleinod an Informationen zu den hier abgedruckten Geschichten, die ab und dann auch mal die Entstehung oder Ausgangslage für ein Comic beleuchten. Auch die umfangreiche Hellboy-Checkliste am Ende des Bandes sowie die zum Standard erkorene Pin-Up-Galerie deutscher und amerikanischer Comic-Künstler machen wieder einiges her und runden das Leseerlebnis hervorragend ab.

 

Fazit: Der dritte Band der Reihe – die Crossover mit Batman, Starman und Ghost – hatte mich, um es einmal gelinde zu formulieren, nach einem guten Start etwas enttäuscht. Sarg in Ketten nun entschädigt in jederlei Hinsicht für den schwächeren Vorgänger und macht wieder höllisch Spaß. Vor allem die Kurzgeschichten sind – in Verbindung mit den kleinen, voran gestellten Bemerkungen ihres Schöpfers Mike Mignola – ganz stark und machen Band vier der Reihe zum bisher besten.

 

Hellboy: Sarg in Ketten sprengt alle Ketten und Konventionen, die man einem Comic wie diesem anlegen könnte, und verdient sich eine satte Empfehlung, zumal der Band den Vorteil genießt, auch ohne die drei voran gegangenen Teile, die mittlerweile nahezu vergriffen sind und erst 2007, zum zweiten Film, neu aufgelegt werden sollen, auf ganzer Linie überzeugen zu kann.

 

Kurzum: Ein durch und durch gelungenes und aufwendig hergestelltes Produkt aus dem Hause Cross Cult, das sein Geld mehr als wert ist und dank der stabilen Hardcover-Aufmachung und den vielen Anspielungen auf Mythologie und Volksmärchen zum Immerwiederlesen einlädt.

 

Eure Meinung:


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Comic:

Sarg in Ketten

Reihe: Hellboy Bd. 4

Autor: Mike Mignola

Verlag: Cross Cult

Format: Hardcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3936480044

Anzahl Seiten: 200

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 08.10.2005, zuletzt aktualisiert: 15.02.2020 14:05