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Seelenfresser von Bryan Smith

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Augenblick mal – Bryan Smith? Hatten wir den nicht gerade? Ja, hatten wir. Umso erfreulicher, dass uns der Festa-Verlag so prompt mit Nachschub versorgt. Zumal unter Umständen jetzt schon die Frage geklärt werden könnte, ob der Mann tatsächlich zum Nachfolger von Richard Laymon avancieren kann, dem ungekrönten Meister der schwarzhumorigen, ungezügelten Splatter-Alpträume. Smith’ grandioser Einstand Verkommen ließ diesen Schluss jedenfalls zu.

Nun also Seelenfresser. Und wie es der Titel schon andeutet, stehen die übernatürlichen Elemente klar im Vordergrund, wohingegen sie im Vorgänger eher rudimentär anwesend waren und, auch dass muss erwähnt werden, nur leidlich überzeugen konnten. Und nun? Entpuppt sich »Seelenfresser« als Schuss in den Ofen? Als klassisches Eigentor?

Erneut schwelgt Smith in B-Movie-Reminiszenzen. Die Figur der mordenden und Seelen verschlingenden Schönheit? Eine Thematik, welche exzessive Genre-Regisseure Marke Douglas Cheek (C.H.U.D. – Panik in Manhattan, 1984), Charles Martin Smith (Trick or Treat, 1986) oder Kevin Tenney (Night of the Demons, 1988) in den für den filmischen Horror höchst ertragreichen 1980er Jahren nicht minder exzessiv umgesetzt hätten und auch haben. So verwundert es auch nicht, dass der Roman sofort durchstartet. Bereits nach wenigen Seiten befinden wir uns in einem Alptraumszenario wieder, das auch völlig anders hätte enden können. Wäre Trey McAllisters Freundin nicht von einer Seelen verschlingenden, korrupt-gnadenlosen Dämonin besessen, die nicht nur den jungen Mann, sondern nach und nach auch eine ganze Kleinstadt korrumpiert und für sich beansprucht.

Von all dem weiß der Enddreißiger und Nachwuchsautor Jake McAllister nichts, als er nach langen Jahren der bewussten Abwesenheit erneut nach Rockville zurückkehrt. Dabei war es ausgerechnet seine verhasste und alkoholsüchtige Mutter, die sich an ihn gewandt hat. Offenbar scheint etwas mit seinem kleinen Bruder nicht zu stimmen. Und auch wenn man der Frau aufgrund ihres großzügigen Alkohol- und Drogenkonsums nicht zwangsläufig Glauben schenken muss, schellen bei Jake sämtliche Alarmglocken; ausgelöst vor allem aufgrund seiner eigenen traurigen und traumatischen Vergangenheit. Denn neben dem gewalttätigen Stiefvater musste Jake überdies mit dem Tode eines weiteren Bruders sowie mit dem Ableben seiner großen Liebe, Moira fertig werden. Immense Hürden, die er, wie seine Mutter, einst im Alkohol zu ertränken versucht hatte. Und so ist Jakes Mission klar abgesteckt: den Jungen mitnehmen und irgendwo einen Neuanfang planen. Komme, was wolle.

Aber schon bei seiner ersten Station – der Bar von Highschool-Kumpan Stu – wird Jake frühzeitig mit der hässlichen Vergangenheit konfrontiert, als er auf ein ungemein attraktives junges Mädchen trifft, das seiner toten Freundin auf unheimliche Art ähnlich sieht: Bridget Flanagan, die in der Tat Moiras kleine Schwester ist. Mit dem Unterschied, das Bridget durchtrieben und manipulierend ist und – im wahrsten Sinne des Wortes – Männer zum Fressen gern hat. Und nicht nur die …

Unterdessen wird der Direktor der Rockville High School von Moira respektive der ihr innewohnenden Entität namens Lamia mit kompromittierenden Beweisen erpresst. Denn der Mann ist alles andere als ein Kind von Traurigkeit und erfreut sich gerne an den knappen Uniformen der Cherleaderinnen, wenn er nicht gerade sexuelle Rollenspiele mit der Lehrerin Penelope Simmons veranstaltet. Letzteres allerdings ohne den Segen der Ehefrau. Er soll Teil eines Plans werden, das in einem tödlichen Gipfel münden und Lamia zu neuer Stärke verhelfen soll. Doch hat sie nicht mit Widerstand gerechnet …

 

Mehr kann und darf nicht verraten werden. Nur so viel: Wem »Verkommen« gefallen hat, der dürfte »Seelenfresser« lieben. Trotz des relativ bekannten Plots hat Bryan Smith (innerhalb der Genre-Grenzen) etwas völlig Eigenständiges geschaffen, wenngleich die oben erwähnten Vorbilder durchaus nachhallen. Atempausen gönnt Smith dem Leser im Grunde keine. Von Beginn an tritt er erbarmungslos aufs Gaspedal, während er seine interne Checkliste der abartigen Garstigkeiten abhakt: Da wird geschossen, da rollen Köpfe, da werden Kehlen durchgeschnitten. Und zwischendurch bleibt auch noch Zeit für ein bisschen Kannibalismus. Der Sex darf natürlich auch nicht fehlen, in allen Varianten wohlgemerkt, da es Lamia nicht nur auf Seelen, sondern auch auf das hübsche Äußere der Besitzer abgesehen hat; männlich wie weiblich.

Es braucht nicht lange, bis der schwarzhumorige, garstige Funke auch auf den Leser überspringt, zumal sich Smith niemals mit offenen Armen in die Klischeefalle stürzt. Weit gefehlt. Trotz diverser Déjà-vu-Momente fühlt sich »Seelenfresser« einfach richtig an, ergeben die mitunter reichlich bluttriefenden Elemente ein stimmiges Ganzes, das die Expertise des Autors imposant unterstreicht.

Keine Frage, Bryan Smith versucht es nicht – er kann es. Hier ist ein Autor am Werk, der den harten Horror mit traumwandlerischer Sicherheit zelebriert ohne dabei ins Lächerliche abzudriften. Gott sei Dank ignoriert Smith aber während seines Überschallflugs weder die Spannung noch das Innenleben seiner Dramatis personae, wenngleich er uns nur allzu gerne die Schattenseiten der vermeintlich gutbürgerlichen Gesellschaft vor Augen führt. Bei ihm hat letztlich jeder eine Leiche im Keller – mindestens. Exemplarisch dafür: Schuldirektor Raymond Slater. Oberflächlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, bis man hinter die Fassade blickt, und etwas vollkommen anderes entdeckt. Natürlich – man erwartet solche Enthüllungen in einem Roman von solch einem Kaliber; es gehört einfach dazu. Kann aber auch schnell langweilig wirken. Nicht so aber bei Bryan Smith, der die Dosen präzise abstimmt, auch in Sachen nackter Tatsachen und bitterböser Abscheulichkeiten. So verkommt nichts zur Lachnummer, während die Ekel- und Gewaltschrauben in immer höhere Dimensionen vorstoßen. Wie schon angedeutet, erfindet »Seelenfresser« zwar nicht das Rad neu, kitzelt aber das Maximum heraus. Auch auf die Gefahr hin, als verrückt abgestempelt zu werden: Spätestens jetzt steht für mich Bryan Smith als Richard Laymon-Nachfolger fest!

 

Fazit:

War »Verkommen« schon ein höllischer Reißer sondergleichen, übertrifft Bryan Smith mit »Seelenfresser« sich selbst. Ausschweifend, brutal, exzessiv, rasant, (s)explizit – ohne Rücksicht auf Verluste, trotzdem mit einer gehörigen Portion bitterbösem Humor. Dieses Buch ist schwitzendes Dynamit! Lesen auf eigene Gefahr!

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Eure Meinung:

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Buch:

Seelenfresser

Originaltitel: Soultaker

Autor: Bryan Smith

Übersetzer: Manfred Sanders

Taschenbuch, 352 Seiten

Festa-Verlag, 30. April 2012

 

ISBN-10: 386552141X

ISBN-13: 978-3865521415

 

Erhältlich bei: Amazon

 

ASIN-Kindle: B007UQNGK8

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 31.05.2012, zuletzt aktualisiert: 30.11.2018 12:42