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Sex, Love Cyberspace von Helmuth W. Mommers

Rezension von Michael Schmidt

 

Vorwort zu Sex, Love, Cyberspace

© 2003 Blitz-Verlag

 

Sex ist seit Menschengedenken die stärkste Triebfeder für unser Handeln. Zumal verbunden mit Lustgewinn, dient Sex nicht einfach nur der Fortpflanzung. Diese kann, und wird möglicherweise in baldiger Zukunft, bequemeren - und sichereren Methoden weichen. In vitro-Fertilisation, Pränatal-Diagnostik, Genmanipulation, künstliche Gebärmutter bis schließlich hin zum Klonen sind die Werkzeuge.

 

Bereits jetzt gebiert jede dritte Frau in den Vereinigten Staaten per Kaiserschnitt. Sind erst die technischen Möglichkeiten gegeben - und der ethische Aufschrei verklungen - wird die Frau auf die Mühsal des Austragens verzichten wollen. Und wird sie vor die Frage gestellt, ob sie durch Gentechnik ein gesundes, ein kluges, ein schönes Kind haben möchte, eines mit hervorragenden Eigenschaften, wer würde es ihr verargen, wenn sie nur das Beste für ihre Nachkommenschaft wünschte?

 

Was beim Sex überdauert, ist der Lustgewinn.

 

Künstlich induziert würden wir ihn ohne Ende haben wollen. Das berühmte Experiment, bereits vor Jahrzehnten durchgeführt, vom Affen, der mittels eingepflanzter Elektrode das Lustzentrum im Gehirn stimuliert, ohne jedes Interesse an Essen, Trinken und Schlafen, bis zum bitteren Ende, wenn man ihn nur ließe, ist uns allen noch in aufrüttelnder Erinnerung.

 

Heute stößt der Geschlechtsakt noch auf seine natürlichen Grenzen - auf physische wie psychische. Wer wollte diese Grenzen nicht überwinden? Zeige mir die Frau, die sich nicht nach dem wahren Orgasmus sehnt, nenne mir den Mann, der sich nicht unbegrenzte Kraft seiner Lenden wünscht ...

 

Tabus, echte und eingebildete, errichten Mauern zwischen den Geschlechtern, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Aber ein Stück weit werden wir sie einreißen, wenn uns erst die fast grenzenlose Freiheit winkt: Diese heißt Cyberspace.

 

Wir sind drauf und dran, ihn zu errichten. Eine simulierte, elektronisch gesteuerte künstliche Welt, die sogenannte virtuelle Welt, die uns einlädt, in ihr zu leben. Mit der unwiderstehlichen Verlockung, alle unsere Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Für nicht eingeweihte Leser, mit der Materie der Science Fiction nicht vertraut, habe ich ein kleines Glossar am Ende des Buches angefügt. Es erläutert, was unter fremdartigen Begriffen aus dem Cyberspace zu verstehen ist.

 

Und was hat das Buch jetzt mit Liebe zu tun?

 

Alles in dieser Welt hat mit Liebe zu tun, was immer wir damit meinen. Mit Liebe füreinander oder für sich selbst. Ob echte, aufrichtige, eingebildete, enttäuschte, aufopfernde, zerstörerische - kein Adjektiv, das nicht davor gesetzt werden könnte.

 

Liebe sollte die wahre Triebfeder unseres Handelns sein.

 

Noch ein Tipp: Dies ist, wenn auch chronologisch angeordnet, kein Roman, den man in einem Stück lesen kann. Was schon bei einer Kurzgeschichtensammlung gilt, dass man, wenn man gerade erst aus einer fremdartigen Welt aufgetaucht ist, nicht gleich in die nächste völlig andere eintauchen kann, gilt hier doppelt. Lesen Sie eine Geschichte, lassen Sie diese ein bisschen auf sich einwirken, gewinnen Sie Abstand, bevor Sie die nächste lesen. So erfahren Sie immer wieder neue Aspekte des gleichen Themenkreises. Genuss statt Übersättigung!

 

Helmuth W. Mommers

Rezension:

Im vorliegenden Paperback sind 10 Geschichten vereinigt, die sich mit den Möglichkeiten des virtuellen Raumes auseinandersetzen. Dabei dreht sich wie im wirklichen Leben alles mehr oder minder um das Eine. Egal ob das Thema ein Vergnügungspark, ein Mord oder die Nachbarschaft ist. Eigentlich geht es immer um Sex. Eine Stärke und gleichzeitig eine Schwäche des Buches.

 

2030 - Safer Sex

Zwei junge Menschen, gerade dem Kindheitsalter entwachsen. Lori feiert ihren 14. Geburtstag. Und ihren Abschied von der Unschuld. Wie werden sie und Michael ihr erstes Mal begehen?

 

Fazit : Eine naheliegende Alternative zu der heutigen Zeit. Und eine erleichternde Alternative für Eltern

 

2042 - Szenen einer Ehe

Auch 2042 gibt es Streit in den ehelichen Schlafzimmern. Doch sind die Inhalte des Streites 2042 ganz andere …

 

Fazit : Man sieht, die Zeiten ändern sich, doch generell bleiben die Probleme die Gleichen.

 

2053 - Bermuda-Dreieck

Kennen Sie den Mystery-Park von Erich von Däniken? Stellen sie sich vor, ihn nicht nur real, sondern auch virtuell zu besuchen. Doch geben Sie acht, sie könnten auf Gefahren treffen. Gefahren im virtuellen Raum, die aber ganz reale Auswirkungen haben können. Wo ist der Unterschied zwischen einem Avatar und einem realen Mensch? Und ist ein virtueller sexueller Übergriff mit einer physischen Vergewaltigung gleichzusetzen?

 

Fazit : Eine bedenkliche Zukunftsvision, sehr spannend und lebendig geschrieben. Leider ist dieser Zukunftskrimi ein wenig voraussehbar. Trotzdem sehr lesenswert.

 

2060 - Romanze in e-moll

Richard und Jasmin sind Nachbarn. Doch 2060 sind Nachbarn so weit entfernt wie Menschen auf der anderen Seite des Globus. Letztere sind wieder nah, wenn man sich im Cyberspace trifft. Jasmin ist auf der Suche nach einem Partner. Ihr gefällt Richard und so macht sie sich an ihn heran. Virtuell. Wird er es merken?

 

Fazit: Die Geschichte ist abwechselnd aus Richards und Jasmins Perspektive geschrieben. Und auf sehr interessante Art und Weise haben beide die gleichen Ängste, die gleichen Hoffnungen.

 

2070 - Schlaraffenland

Robert ist ein besonderes Kind. Bei der Geburt schon 7260 Gramm schwer, wird er zu einem wahren Koloss. Doch dann bricht er zusammen, fast vierhundert Kilo schwer. Doch eine Gruppe von Ärzten kümmert sich um ihn. Er wird geheilt, ein neues Verfahren macht ihn zu einem gutgebauten, jungen Mann, der Essen kann, ohne zuzunehmen. Doch irgendetwas stimmt nicht. In seinen Träumen

erscheint eine Frau, die reinste Göttin. Doch im realen Leben kennt sie ihn nicht. Was ist mit ihm los?

 

Fazit: Schlaraffenland war der Ausgangspunkt der Anthologie. Geplant war eine Kurzgeschichte, es wurde ein kurzer Roman daraus. Eine sehr gelungene Story, die den Leser mitfiebern lässt. Einzig das Ende ist ein wenig unbefriedigend, wie das reale Leben halt.

 

2100 - Spinne im Netz

Kennen Sie Serienmörder? Sexualstraftäter? Im virtuellen Raum? Und was passiert, wenn die Bedrohung sich auf die reale Welt ausweitet? Wer ist die Schwarze Witwe in Wirklichkeit?

 

Fazit: Ein bedrohliches Szenario. Dabei könnte man meinen, die Realität sei schlimm genug.

 

2156 - Rache ist süß

Titus ist ein betrogener Ehemann. Sein bester Freund hat ihm Hörner aufgesetzt. Ellie ist samt Kinder zu ihm gegangen, seitdem hat Titus Albträume. Doch da gibt es ErosSpace. Ein Brainscan, nicht ganz legal, und Titus erschafft sich seine eigene Ellie, eine eEllie. Und die Unterschiede verwischen. Ist Ellie gleich eEllie?

 

Fazit: Echt erschreckend der Gedanke, man ist nur ein Speicherplatz, die Seele als Anhäufung von Bits und Bytes, die jederzeit erneuert wird. Nur die Erfahrungen seit dem letzten Brain-Scan fehlen. Körperlich sorgt das Klonen für mögliche Erneuerung. Das Ende der Geschichte fand ich unverständlich, doch die Idee, die dahinter steckt, wäre einem ganzen Roman angemessen.

 

2160 - Cogito ergo sum

Ben und Nora treffen sich zum Liebesspiel. Wie in einer Endlosschleife gefangen, fehlt Nora die Zeit zwischen den Liebesakten. Was ist mir ihr los? Wer ist sie in Wirklichkeit?

 

Fazit: Die Geschichte wurde völlig zu Recht in c´t 7/2003 abgedruckt. Geschickt spielt der Autor mit den Erwartungen der Leser. Klasse!

 

2187 - Für immer und e-wig

2187 gibt es kaum noch den Tod. Man klont sich und wird wieder jünger. Doch gibt es immer noch Fälle von unheilbaren Krankheiten. Und wenn jemand stirbt, wie sieht dann das Jenseits aus?

 

Fazit: Nette Idee, wobei sich mir der Grund für ein Afterlife nicht erschließt.

 

2200 - Wir sind doch keine Wilden

Die virtuelle Welt dominiert. Alles wird dort erlebt und erfahren. Wirklichkeit ist die Ausnahme, eigentlich ist die Virtualität die Realität. Stellen Sie sich vor, sie kennen nichts anderes als die virtuelle Welt. Welchen Reiz wird die Realität auf Sie ausüben? Diese geheimnisvolle Welt mit schwitzenden, sich liebenden Leibern.

 

Fazit: Die Geschichte wurde ebenfalls vorab in phantastisch 8/2002 abgedruckt. Eine sehr spannende Zukunftsvision, die zeigt, wie erschreckend unwirklich die Rückkehr aus dem virtuellen Raum sein kann. Die Geschichte wurde für den DSFP nominiert und hat immerhin den 7. Platz von 9 geschafft

 

Zehn Geschichten über eine mögliche Zukunft, zehn unterschiedliche Perspektiven. Das Spielen mit den Erwartungen über das World Wide Web, über die Gentechnik und das Klonen. Der Band fängt ein wenig schwach an, doch steigert er sich mit jeder Geschichte. Gerade in seiner Gesamtheit bietet er ein recht umfangreiches Bild einer Zukunftsvision, die uns einerseits Hoffnung macht, andererseits mit Schrecken erfüllt.

 

Die Stärken des Buches liegen eindeutig in der Realitätsnähe. Das Buch dreht sich um eine mögliche, allerdings sehr wahrscheinliche Zukunft, aus einer nah an der Gegenwart angelehnte Perspektive. Und setzt voraus, dass sich zukünftig alles noch intensiver um den Sex dreht, als es jetzt schon tut.

Für Freunde erotischer Geschichten ein Vorteil, doch meiner Meinung nach orientiert sich das Buch zu sehr an diesem Mittelpunkt.

Und für alle Technokraten, die von der SF-Literatur mehr erwarten als das Naheliegende, die werden vom vorliegenden Band enttäuscht sein.

Das Buch bietet eine sehr wahrscheinliche Zukunftsvision, doch auch eine sehr konventionelle.

Doch der mitreißende, fast charmant zu nennende Schreibstil des Autors machen das Buch auf jeden Fall lesenswert. Man sollte nur mit den entsprechenden Erwartungen an die Lektüre herangehen.

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Buch:

Sex, Love Cyberspace

Autor: Helmuth W. Mommers

Blitz-Verlag, September 2003

Taschenbuch, 256 Seiten

 

ISBN-10: 389840854X

ISBN-13: 978-3898408547

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • 2030 - Safer Sex
  • 2042 - Szenen einer Ehe
  • 2053 - Bermuda-Dreieck
  • 2060 - Romanze in e-moll
  • 2070 - Schlaraffenland
  • 2100 - Spinne im Netz
  • 2156 - Rache ist süß
  • 2160 - Cogito ergo sum
  • 2187 - Für immer und e-wig
  • 2200 - Wir sind doch keine Wilden

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Erstellt: 03.05.2005, zuletzt aktualisiert: 27.08.2018 10:25