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10 Fragen zu Unknown Armies - Ein Interview mit Tim Struck

Tim Struck

Redakteur: David Grashoff

 

FantasyGuide: Hallo Tim und erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst uns ein paar Fragen zu beantworten.

 

Tim Struck: Hallo David,

kein Problem. Ich stehe ja gern Rede und Antwort.

 

FantasyGuide: Wie seid ihr dazu gekommen, Unknown Armies zu übersetzen?

 

Tim Struck: Ich bin vor 4 oder 5 Jahren auf das Spiel aufmerksam geworden, da ich meine Rollenspiele nach Autoren kaufe – und John Tynes und Greg Stolze, die beiden Autoren, waren mir schon länger ein Begriff. Ehrlich gesagt – zuerst hielt ich UA aufgrund des Namens für einen Warhammer-Klon – nicht jedem ist geläufig, dass der Titel aus einem Gedicht von W.B. Yeats stammt. Als ich es dann las, war ich sofort hellauf begeistert – das war das Spiel, nachdem ich immer schon gesucht hatte.

 

Als ich dann bei der Entstehung von Degenesis als Mitautor dabei war, wurde mir klar, dass man wirklich neue Rollenspiele nach Deutschland bringen kann – man braucht nur Entschlossenheit, einen Hang zur Selbstausbeutung und ein paar begeisterte Mittäter. Und es hilft auch, wenn man Anfang noch nicht weiß, mit viel Arbeit das alles am Ende doch verbunden ist…

 

FantasyGuide: War es ein Problem an die Lizenz von Atlas Games zu gelangen?

 

Tim Struck: Überhaupt nicht. John Nephew von Atlas Games war unheimlich entgegenkommend und verständnisvoll. Und das er uns so viele Freiheiten in der Gestaltung gab, rechne ich ihm wirklich hoch an. Es war einfach ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten – und das zu Konditionen die wirklich mehr als fair waren…

 

FantasyGuide: Wie lief die Übersetzungsarbeit ab? (Wie viele Übersetzer haben mitgearbeitet? Wie lange hat es gedauert?)

 

Tim Struck: Angefangen haben Michel, dessen Bruder Ben und ich – schließlich haben wir alle drei Englisch und Amerikanistik studiert und sind da alle drei ziemlich fit. Bald zeigte sich aber, dass wir drei allein es nicht schaffen würden. Und so verpflichteten wir einige befreundete Autoren, UA-Fans und Übersetzer, uns unter die Schultern zu greifen: Malte Belz, Frank Cord Lohmann, Ulrich Onken und Jasper Nicolaisen haben sich unglaublich reingehängt – und ich konzentrierte mich dann darauf, die Texte abzustimmen sowie in Tonalität und Stil aneinander anzupassen – ich wollte unbedingt, dass wir den sehr direkten Stil des Originals ins Deutsche herüber retten – und so ist UA vielleicht das einzige große Rollenspiel in Deutschland, das frech seine Leser duzt.

 

FantasyGuide: Welche Änderungen habt ihr für den deutschen Markt eingebaut?

 

Tim Struck: Das wichtigste Neuerung sind die zusätzlichen Informationen über die Waffengesetzgebung in Deutschland – diese haben wir ergänzt, damit Spieler wissen, was passiert, wenn man in bester Cowboy- und Rollenspiel-Manier seine Wumme überall hinnehmen will… Kurz gesagt: ganz schlechte Idee… Da verstehen unsere Freunde und Helfer in Blau so auch gar keinen Spaß. Andere Änderungen sind minimal: Wir haben den Sturzschaden an die Realität und die anderen Regelmechanismen angepasst, eine Kampfregel über Messerschaden als optional gekennzeichnet und bei den Avataren einige europäische Vorschläge ergänzt. Naja, und das gesamte Layout haben wir umgeworfen und viele Illustrationen ergänzt, da wir einen einheitlicheren visuellen Stil im Buch wollten..

 

FantasyGuide: Was ist das Besondere an Unknown Armies?

 

Tim Struck: Horror mit einer positiven Grundstimmung – das zum einen. Außerdem gibt es kaum ein Spiel, in dem die Handlungen der SCs wirklich Konsequenzen für sie und die Welt haben – zum positiven oder negativen. In Unknown Armies steht genau diese Frage im Mittelpunkt: Was wäre, wenn ich die Welt verändern könnte, wenn ich es nur genug wollte. Welchen Preis wäre ich bereit, dafür zu zahlen? Außerdem ist es perfekt geeignet, um interessierte Kommilitonen – oder attraktive Kommilitoninnen und umgekehrt – an das Thema Rollenspiel heranzuführen: Stell dir vor, du spielst Skully oder Mulder in Akte X – oder vielleicht lieber einen der Freaks, hinter denen sie her sind…

 

FantasyGuide: Was genau ist der Okkulte Untergrund?

 

Tim Struck: Der okkulte Untergrund ist ein Sammelsurium von okkult Interessierten, eine Subkultur derer, die zu wissen glauben, wie der Kosmos funktioniert – oder zumindest, an welchen kosmischen Strippen man ziehen muss, damit es das tut, was man möchte.

 

FantasyGuide: Welche Rollen können die Charaktere im okkulten Untergrund einnehmen?

 

Tim Struck: Das Grundregelwerk beschreibt drei Stufen des Spiels: Als Einsteiger spielt man einen normalen Menschen, der in okkulte oder übernatürliche Machenschaften verstrickt wird.

Als Eingeweihter spielt man einen Macher: einen Adepten, Avatar oder eingeweihten Normalo, der weiß, dass es Magie gibt oder sogar selbst zaubern kann: Adepten sind so sehr von ihrer eigenen Sicht auf die Realität eingenommen, dass sie diese unserer Wirklichkeit überstülpen können – solange sie sich an ihre eigenen obsessiven Überzeugungen halten. Avatare sind das genaue Gegenteil: Sie verhalten sich wie eine archetypische Rolle und werden so vom Universum belohnt – aber auch nur solange, sie diese Rolle auch wirklich verkörpern. Beiden, Adepten und Avatare, kommt ihre Magie teuer zu stehen, denn sie tauschen Freiheit gegen Macht ein. Eingeweihte Normalos haben es leichter: Sie wissen, was sie erwartet. Und sie sind weniger berechenbar… Andererseits fehlen ihnen aber auch die Asse im Ärmel, mit denen ein okkulter Macher aufwarten kann.

Letztendlich kann man das Spiel auch auf Erleuchtetenebene spielen – dann verkörpert man einen Meister des Okkulten Untergrunds, einen Mitspieler im größten Spiel von allem: Was wird aus unserer Welt werden? Werdet ihr es schaffen, eine neue Welt nach euren Vorstellungen hervorzubringen – und wie werdet ihr jene aufhalten, die sich euren erleuchteten Ideen entgegensetzen?

 

FantasyGuide: Wie regellastig ist das UA System ausgefallen?

 

Tim Struck: UA basiert auf einem Spielsystem, der unverschämt einfach ist – man braucht praktisch keine Regelerklärungen. Es ist ein fertigkeitsbasiertes Prozentsystem. Fertigkeiten sind vier Attributen zugeordnet, die den Maximalwert der Fertigkeiten festlegen. Gewürfelt wird nur dann, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht. Interessanterweise hat UA keine Fertigkeitenliste: Es gibt zwar ein paar Basisfertigkeiten, aber jeder Spieler wird aufgefordert, diese für seinen Charakter abzuändern und einfach Fertigkeiten zu erfinden: Und „Schnauze polieren“ oder „Sexgott“ ist einfach aussagekräftiger als „Handgemenge“ oder „Ausstrahlung“, oder?

 

FantasyGuide: Mit welchen Folgeprodukten kann der geneigte UA Spieler rechnen?

 

Tim Struck: Ich sitze gerade am Lektorat und Korrektorat von „Schnellschüsse“, einem Band mit Instant-Szenarios, der Ende des Jahres herauskommt. Darauf folgt der Spielleiterschirm mit ein paar Spielhilfen. Und ab dem nächsten Jahr werden wir dann die weiteren existierenden Bücher nach und nach übersetzen

 

FantasyGuide: Wird es auch eigene Produkte geben oder konzentriert ihr euch auf die Übersetzung der vorhandenen amerikanischen Bücher?

 

Tim Struck: Wir werden auf jeden Fall neue Bände mit Szenarien für UA veröffentlichen. Viele Spielleiter tun sich ja etwas schwer mit eigenen Abenteuern – und dem wollen wir Abhilfe schaffen. Deshalb haben wir einige Autoren an der Hand, die auch schon für Cthulhu geschrieben haben – und gern ihre noch seltsameren Story-Ideen in UA unterbringen möchten.. Außerdem werden wir regelmäßig in der Mephisto Kurzszenarien veröffentlichen: In der aktuellen Ausgabe 30/31 findet man schon mit „Being Bundesaußenminister“ einen kurzen Roadmovie, indem das politische Schicksal der Republik allzu wörtlich in den Händen der Spieler liegt… Man Man darf also gespannt sein

 

FantasyGuide: Vielen Dank für die ausführlichen Antworten und viel Erfolg mit Unknown Armies.

 

Tim Struck: Gern geschehen. War mir ein Vergnügen. Und euch Lesern noch viel Spaß mit UA!

 

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Unknown Armies:


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Erstellt: 03.11.2005, zuletzt aktualisiert: 25.11.2014 03:11