Stadt ohne Gnade (Sin City Bd. 1)
 
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Stadt ohne Gnade

Reihe: Sin City Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

Es sind einige Jahre vergangen, seit dieser Band als The Hard Goodbye im englischsprachigen Original erschienen ist; Jahre, in denen der Mythos Sin City immer mehr und mehr Ruhm und Bekanntheit anhäufen und so manch einen Skeptiker oder Kritiker endgültig überzeugen konnte. Man kann ohne Weiteres behaupten, dass sich Frank Millers Comic-Epos über die düstere Stadt Basin City, die sich als Sin City – die Stadt der Sünde –einen Namen gemacht hat, nun, im Jahre 2005, ihren vorläufigen Zenit erreicht. Dank Robert Rodriguez’ imposanter und visuell ansprechender Verfilmung ist das Interesse der Öffentlichkeit (deren Großteil vor dem Film noch nichts von Sin City gehört, geschweige denn in Comicform gelesen hat) an dieser revolutionären Comicserie größer denn je. Dass dieses Interesse an Millers Comic-Phänomen nicht nur ein modischer Hype oder kurzweiliger Trend ist und die Reihe samt ihres Schöpfers tatsächlich viel dazu beigetragen hat, Comics vom Image der Helden in bunten Strumpfhosen zu befreien und dieses vielseitige Medium auch einem breitem Publikum zugänglich zu machen, das beweist schon die Lektüre des ersten Bandes, Sin City: Stadt ohne Gnade, der im März 2005 bei Cross Cult in neuer Aufmachung und pünktlich zum geplanten (letztlich aber in den Sommer verschobenen) Filmstart erschienen ist.

 

In Stadt ohne Gnade, dem ersten der (wie bei der zweiten US-Neuauflage von Dark Horse) auf sieben Bände angelegten Reihe, begegnen wir dem hartgesottenen Marv, den das Leben in Sin City stark gezeichnet und geprägt hat. Durch Zufall wird er in den Mord an der schönen Prostituierten Goldie verwickelt und schwört Rache an dem Mörder seiner Geliebten für eine Nacht, die sein Leben für kurze Zeit wieder lebenswert gemacht und mit einem sündhaften Sinn versehen hat. Doch bald schon wird aus dem angespornten Jäger der erbarmungslos Gejagte, und Marv begegnet Dingen, die in einer Stadt wie Sin City scheinbar zum Alltag gehören: Gewalt, Mord, Sex und Korruption. Und dann wäre da ja auch noch etwas, auf das man in solch einer düsteren Stadt nicht zu hoffen gewagt hätte: grenzenloser Glaube. Doch verbirgt sich hinter jeder nach außen hin getragen frommen Haltung auch ein frommer Geist? Und was hat der mächtigste Geistliche Sin Citys für ein dunkles Geheimnis? Marv, der die ganze Geschichte über auf dem schmalen Grat zwischen romantisch-naivem Helden und brutal-düsterem Antihelden über der Dunkelheit taumelt, muss als vom Schicksal gebeutelter Haudegen zwar nicht alleine gegen das Unheil ziehen, steht am Ende aber dennoch alleine dar und sieht sich ohne Unterstützung dem Drahtzieher der ganzen Angelegenheit gegenüber. Das folgende Finale birgt für ihn dann mitunter zwar Rache und später auch Erlösung, kommt dabei aber ohne richtiges Happy End aus – zumindest wenn man herkömmliche Maßstäbe an ein solches anlegt. Das tut der atmosphärisch dichten Geschichte jedoch keinen Abbruch, genauso wenig wie der außergewöhnliche Zeichenstil, der die Story begleitet und auf Papier bannt.

 

Es wäre fast zu einfach, Frank Millers Zeichenstil als expressionistisch zu bezeichnen. Sicherlich hat er etwas von den eher reduzierten, auf große Flächen und starke ’Kontraste’ bedachten Linol- und Holzschnitten der Künstler des Expressionismus, doch verbirgt sich hinter Millers Artwork noch so viel mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich scheint und für ein Comic dennoch unabdingbar ist: Eine gelungene Seitenaufteilung, eine hervorragende Bildsprache, viel Dynamik und Perspektive, ein ausgewogenes Wechselspiel zwischen Bild und Text (das oft klar polarisiert ist: manche Seiten kommen bis auf einige Soundwords gänzlich ohne Text aus, andere haben dafür wieder eine beachtliche Menge eindringlicher und nicht selten gar lyrischer Worte vorzuweisen). Sicherlich ist der Zeichenstil, dessen Miller sich in Stadt ohne Gnade und all den anderen Sin City-Bänden bedient, etwas gewöhnungsbedürftig und für den ein oder anderen Leser bestimmt auch schon eine Spur zu gewagt und innovativ – doch wenn man ihn erst einmal ein paar Seiten betrachtet und mit der düsteren Story in Einklang gebracht hat, dann erkennt man den wahren Wert von Millers extravagantem Artwork. Egal ob die erotische Ausstrahlung einer attraktiven Tänzerin, die jede Sünde wert wäre, oder der für Sin City typische Regen, der dünnen Bindfäden gleich auf die verdorbene Erde der Stadt der Sünde fällt – durch einen deutlichen Kontrast zwischen dem satten, pechschwarzen Hintergrund und ein paar weißen Einschnitten an der richtigen Stelle (bzw. einem weißen Hintergrund und ein paar schwarzen Strichen an der richtigen Stelle) erzeugt Miller auf bewundernswert geniale Art und Weise mitunter Tiefe, Dynamik und eine stets stimmige und vor allem stimmungsvolle Atmosphäre. Und wer nun denkt, dass sich diese Zeichentechnik nicht für die Darstellung schneller Autofahrten oder harter Fights eignet, der irrt. Egal ob ruhigere Szenen, in denen sich nur eine einsame, massige und von Gischt umspülte Gestalt gegen den Regen abzeichnet oder eben seitenweise Haudrauf-Action mit berstenden Fensterscheiben und lautem Krachen – Miller setzt jede Facette seiner vielseitigen Geschichte, die stetig zwischen Film Noir und Hard-Bioled Geschichte schwankt und dabei durchaus auch frische Akzente setzt, zeichnerisch perfekt in Szene und bannt seine Story als ausducksstarken Standbild-Schwarzweiß-Film auf das Papier.

 

Wer die Hellboy-Bände von Cross Cult kennt, der kann sich in etwa ausmalen, was für eine liebevolle Aufmachung er auch bei der stilgerechten Neuauflage von Sin City zu erwarten hat: Ein schmuckes Hardcover im A5-Format (ca. 148 x 210 mm) , das von der Verarbeitung her wirklich keine Wünsche offen lässt, und ein Design, das durchaus Maßstäbe für andere Verlage und deren Publikationen setzt; diese beiden erfreulichen Komponenten bescheren bereits dem ersten Band von Frank Millers düsterem Geniestreich eine stimmige Verpackung. Vom einheitlichen Cover-Design von Stardesigner Chip Kidd bis hin zum mit jedem Band ein Stück weiter wachsendem Buchrückenmotiv hat man an alles gedacht, so dass die inhaltlich herausragenden Sin City-Bände auch in bibliophiler Hinsicht ein kleines Meisterwerk sind, das sich jeder Sammler gerne ins Regal stellt. Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte schlägt die Cross Cult Ausgabe, die zudem noch mit einem gelungenen Vorwort von Andreas C. Knigge sowie einer kleinen Sketch- und Covergallery von Frank Miller am Ende des Bandes ausgestattet ist, ihren Vorgänger in allen Kategorien, zumal sie zu einem Zeitpunkt auf den Markt kommt, da auch unbedarfte Nicht-Comicleser ein reges Interesse an Sin City haben dürften und sichtlich überrascht sein werden, wenn sie ein Comic in einer Verarbeitung und Aufmachung geboten bekommen, die dem neusten Werk eines Belletristik-Bestseller-Autoren in nichts nach steht.

 

Fazit: Auf das Cover von Stadt ohne Gnade könnte man viele Aufkleber pappen: Innovativ. Atmosphärisch. Mitreißend. Künstlerisch. Düster. Schonungslos. Brutal. – die Palette an prägnanten Begriffen, die einem zwecks einer treffenden Beschreibung zur Verfügung stehen, ist schier endlos, und die Gefahr, es mit der Euphorie zu übertreiben, nicht von ungefähr. So oder so, man muss wirklich lange suchen, bis man einen Kritikpunkt gefunden hat, der dem gelungenen Debüt dieser Serie (obendrein in einer solchen Aufmachung und Ausstattung) tatsächlich noch die Höchstnote und das Prädikat Klassiker! nehmen könnte.

 

Doch lassen wir alle Euphorie einfach einmal bei Seite: Wenn man Sin City nämlich etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass es alles andere als ein Comic für Zwischendurch ist, und dass man es konzentriert lesen und in sich aufnehmen muss, um es am Ende auch wirklich genießen zu können. Auch die ungeschminkte Härte und Brutalität der Geschichte könnte manch einer als Kritikpunkt ansehen, da sie für das ein oder andere zartbesaitetes Gemüt sicherlich zu oft über die Stränge schlägt – doch waren die brutalen Szenen letztlich stets so geschickt in die Geschichte verwoben, dass sie zumindest für mich zu keinem Zeitpunkt ein störendes Element waren.

 

Mit Sin City: Stadt ohne Gnade liegt der erste Band der Neuauflage einer Comic-Reihe vor, von der auch die nächste Generation Comic-Leser noch schwärmen wird. Es ist ein von vorne bis hinten durchgestyltes Werk – hochwertige Abwechslung, die sich sowohl was die Story, als auch das Artwork und die Verpackung angeht, deutlich und auf erfreuliche Art und Weise vom Mainstream unterscheidet und von den gängigen Konventionen abhebt. Von mir gibt es dafür guten Gewissens eine uneingeschränkte Empfehlung für (die) Stadt ohne Gnade, die immer eine Sünde wert ist ...

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240619231832b65554a1
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Comic:

Stadt ohne Gnade

Reihe: Sin City Bd. 1

Autor: Frank Miller

Verlag: Cross Cult

Format: Hardcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3936480117

Anzahl Seiten: 216

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 03.10.2005, zuletzt aktualisiert: 28.12.2022 16:07, 1303