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Stopfkuchen von Wilhelm Raabe

Eine See- und Mordgeschichte

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Zum 100. Todestag des zu Unrecht fast vergessenen Schriftstellers erscheint in der ›Bibliothek der Erstausgaben‹ eines seiner berühmtesten Werke. Im Mittelpunkt des Romans, der aufgrund seiner Erzähltechniken als einer der modernsten des 19. Jahrhunderts gilt, steht ein Außenseiter auf der Suche nach sich selbst. Ediert nach dem Erstdruck (Berlin 1891) wird der Text mit einem umfangreichen Anhang zur Entstehungsgeschichte versehen, der ein Glossar, eine Zeittafel und ein profundes Nachwort des Herausgebers Joseph Kiermeier-Debre enthalten wird.

 

Rezension:

Es gibt eine ganze Reihe deutscher Schriftsteller, deren Werk heute kaum noch eine Rolle spielt und die Gründe dafür wären ebenso interessant, wie die Frage, ob jene Autoren dieser Tage noch lesenswert sind.

Zum einhundertsten Todestag von Wilhelm Raabe brachte der dtv Ende letzten Jahres in seiner Bibliothek der Erstausgaben einen Nachdruck von Raabes bestem Roman heraus, Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte.

 

Der Name Wilhelm Raabe sagt heute nur wenigen etwas. Selbst in Berlin, dem Schauplatz seines größten Erfolges Die Chronik der Sperlingsgasse erinnert kaum eine Spur an ihn, wer den aktuellen Zustand dieser Straße kennt, wird darob nicht verwundert sein.

Dabei gibt es mit »Stopfkuchen« ein Werk zu entdecken, dessen Großartigkeit im Anbetracht seiner geringen Öffentlichkeit ein Wunder darstellt. Während sich die Puristen über Postmoderne und deren Ende streiten, ragen aus dem großen Schatz der vergangenen literarischen Jahrhunderte genügend Werke heraus, die mit der Moderne bereits brachen, bevor es sie überhaupt gab.

»Stopfkuchen« ist so ein Buch.

 

Die Lektüre der See-und Mordgeschichte beginnt zunächst nicht leicht. Man muss sich als heutiger Leser erst einlesen, da Wilhelm Raabe weder eine gewöhnliche Erzählstruktur verwendete, noch irgendwelche großen Erklärungen liefert – der Rezipient ist gefordert, selbst durchzusteigen.

Verfasst als nachträglicher Bericht über einen Besuch in der Heimat, schreibt Eduard an Bord seines Schiffes eine Geschichte auf. Sie erzählt nicht nur von der Visite, sondern reflektiert auch über die Jugendzeit, als Eduard mit dem Briefträger Störzer vom fernen Afrika träumt. Er erinnert sich natürlich an den dicken Heinrich Schaumann, Stopfkuchen genannt, dem Jungen, der von anderen gehänselt, am liebsten unter der Hecke lag, faul und dumm. Und da ist die Rote Schanze, eine alte Befestigung aus dem Siebenjährigen Krieg, in deren Umrandung der Bauernhof von Andreas Quakatz liegt, dem Mordbauern, dem die ganze Gegend nachsagt, den Viehhändler Kienbaum erschlagen zu haben. Doch dafür gibt es keine Beweise, aber die üblen Gerüchte kleben wie Teer an der Roten Schanze.

Nur Stopfkuchen schert sich nicht darum. Der dicke Junge erobert die Festung und die Bauerstochter Valentine. An einem sonnigen Sommertag steigt Eduard zur Roten Schanze, seinen Jugendfreund Stopfkuchen zu besuchen, der nun Herr der Schanze ist. Der Mord an Kienbaum hängt ebenso in der warmen Luft, wie die Hänseleien der Kindheit aber auch die immer größer scheinende Liebe zwischen Stopfkuchen und seiner Mietze, dem Quakätzchen Tine.

 

Die Komplexität des Romans erschließt sich bereits beim Lesen. Die Sprünge in den Zeitebenen, der Wechsel des Erzählers, die Verknüpfung der einzelnen Geschichten, bis hin zum meisterlichen Spiel Raabes mit den Erwartungen des Lesers, aber auch den der Figuren selbst.

Irgendwann wird Stopfkuchen verkünden, den Mörder Kienbaums zu kennen. Und ihn auch noch zu benennen, aber obwohl man glaubt, dies sei der Kern der Angelegenheit, zwingt uns Raabe seine eigene Geschwindigkeit auf, bis wir begreifen, die gesamte Zeit am Kern gewesen zu sein.

 

Es geht nicht nur um den Rufmord, um Außenseiter, Zukunftspläne und das Erkennen von Chancen. Raabe schuf mit der Figur des Stopfkuchen einen wahren Monolith an Persönlichkeit. »Gehe aus deinen Kasten« schlägt er sich als Motto über die Tür, nachdem er die Rote Schanze übernahm. Und darum geht es. Es gibt viele Wege, diese Kästen zu verlassen. Stopfkuchen fraß sich durch die Hecke, Eduard folgte den Träumen seiner Jugend und Tine Quakatz ließ sich erobern.

Stopfkuchen enthält eine ganze Reihe autobiografischer Züge, wie Raabe später betonte. Auch der Autor verpasste den normalen bürgerlichen Bildungsweg und musste sich seinen Stellung selbst bahnen. Die Rote Schanze erscheint daher wie ein Ideal, ein idyllischer Platz voller Behaglich- und Gemütlichkeit. Leicht zu verwechseln mit spießbürgerlichem Biedermeier. Man kann auch überlegen, ob Wilhelm Raabe mit der Position Stopfkuchens eine Karikatur entwarf.

Der sich spät, aber ausführlich rächende Bauer, sitzt hoch oben über der preußischen Bürgerstadt. Er belächelt dort die lärmende und sich regende Gemeinde, die gierig nach billiger Unterhaltung, wie etwa der Tratsch um einen Mord, doch nicht mehr vorzuweisen hat, als er.

Leugnet Raabe Fortschritt? Vielleicht. »Stopfkuchen« atmet Ewigkeit. Es gibt einen breiten zeitlichen Rahmen von der Urzeit bis hin zum immer währenden Sommertag. Stopfkuchen stellt sich außerhalb der Norm. Indem er den Zeitpunkt der Aufklärung festlegt und darauf hinweist, das ja auch Gott bisher keine Eile zeugte den Mörder zu entdecken, übernimmt er die höchste Rolle kurzerhand selbst. Er ist es auch, der aus dem Höllenloch der Roten Schanze ein Paradies erschafft. Das spricht eher gegen die These der Karikatur, gegen den Versuch diesen Roman als Bewahrungsphantasie zu interpretieren. Raabe wollte, dass man ihn in der Figur des Heinrich Schaumann sähe, versuchte zu zeigen, dass sein literarisches Werk wie die neue Rote Schanze, ein offener Schatzkasten für alle ist, bereit betreten zu werden.

 

Man könnte wahrlich viel über diesen Roman schreiben, der so viel Spaß und Freude beim Lesen bereitet. Der einen Strauß an Stimmungen überträgt und die Frage aufwirft, wie man selbst mit den Chancen verfuhr, die früher noch vor einem lagen, ob man sie überhaupt sah.

 

Wilhelm Raabe war ein Gegner der Rechtschreibreform seiner Zeit. Daher ist es höchst vergnüglich, die Originalschreibweise des Romans vor sich zu haben und zu ergründen., wie der Wortschieber mit ihr umging. Das macht diese Erstausgaben so besonders. Man steigt viel tiefer in die Zeit des Buchs ein, natürlich hat der Autor mit seiner Kunstfertigkeit den größeren Anteil daran. Aber mit einem umfangreichen Glossar, dass nicht als Fußnotenanmerkungen angelegt wurde, einer Zeittafel (wie stets bei dtv-Klassikern), Hinweise zur Textgestalt und dem profunden Nachwort des Herausgebers Joseph Kiermeier-Debret bekommt man mehr als brauchbare Mittel in die Hand, um die Abgrund zu überwinden, der sich vielleicht zwischen Heute und der Zeit Raabes auftut.

 

Fazit:

Wilhelm Raabes »Stopfkuchen« wird zu Recht als einer seiner vortrefflichsten Werke genannt und man sollte hinzufügen, dass der Roman zu den besten der deutschen Literatur gehört. Er ist weder überholt, noch unlesbar oder hochintellektuell, nein, er ist eine Lektüre, die weit über das alles hinausgeht. Er kitzelt den Gaumen wie ein sehr guter Wein, beseelt das Gemüt ohne den Kopf schwer werden zu lassen. Ein Buch wie Stopfkuchen selbst.

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Eure Meinung:

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Buch:

Stopfkuchen

Eine See- und Mordgeschichte

Autor: Wilhelm Raabe

Bibliothek der Erstausgaben

Nachdruck der Erstausgabe 1891

dtv, Oktober 2010

Taschenbuch, 330 Seiten

Cover: Wayne Thiebaud

Herausgegeber: Joseph Kiermeier-Debret

 

ISBN-10: 3423026855

ISBN-13: 978-3423026857

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 06.03.2011, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 18:56