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Tanz des Blutes von Jeanne Faivre d'Arcier

Reihe: Carmilla Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Die Vampirin Carmilla ist eine berühmte Flamenco-Tänzerin – ganz Paris liegt ihrem Tanz zu Füßen. Sie hat allerdings auch Feinde – keine Sterblichen, denn die glauben nicht an Vampire, sondern andere Unsterbliche. Sie hat ein Kunstblut entwickelt, damit sie nicht mehr jede Nacht jagen muss – die Sterblichen werden misstrauisch, wenn Nacht für Nacht blutleere Leichen im Hinterhof auftauchen. Außerdem kennt Carmilla ihren Schöpfer nicht – sie hasst ihn dafür, dass er sie zum Vampir machte. Wer also ist es, der der schönen Untoten nachstellt? Steht er im Zusammenhang mit den verkrüppelten Vampiren, die sich in ihrer Nähe herumtreiben? Und dann ist da noch der russische Filmemacher Ivan Gorevitch, der unbedingt Carmen mit Carmilla in der Hauptrolle verfilmen will. Das gibt er zumindest vor. Bald wird Carmilla in eine Fehde verwickelt werden, die Jahrhunderte älter als die Vampirin selbst ist.

 

Der Roman wechselt oftmals Ort und Zeit: Carmilla jettet in der Gegenwart häufig von Paris nach New York und Island, später muss sie nach Deutschland zu den bösen Bayern. Zudem gibt es einige z. T. sehr lange Rückblenden. So wird in einer Carmillas Lebensgeschichte, von der Verbannung ihres Vaters aus Frankreich nach Guayana, seiner Flucht mit Carmillas Mutter in spe (einem vierzehnjährigen Mädchen) nach Algerien, Carmillas Geburt, Arbeit im Bordell und Vampirwerdung ebendort, ihrer Reise über Sevilla nach Konstantinopel und Paris und schließlich nach Berlin, erzählt. Wer sich nun nicht vorstellen kann, dass diese vielen, unterschiedlichen Orte und Zeiten schnell treffend charakterisiert werden können, hat zumindest bei diesem Buch recht – das Setting ist ein marginal ausgeführtes Ambiente, das New York des Jahres 2010 unterscheidet sich nur wenig vom Algerien des frühen 19 Jh. Das ist vielleicht auch ganz gut, denn mit der historischen Genauigkeit hat die Autorin es nicht so. Ein paar Beispiele. Auch während des frühen 17. Jh. handelte die Hanse nicht mit Indien. Opium bezog man in jener Zeit nicht aus China (es wurde dort erst im 19. Jh. von den Briten eingeführt). Und auf Inzest stand nicht fortgesetztes Getuschel (der Sex zwischen Bruder und Schwester ist Stadtgespräch), sondern die Enthauptung oder Ähnliches.

Das phantastische Element sind natürlich die Vampire. Im Wesentlichen erinnern sie sehr an Anne Rices Vampire aus Interview mit einem Vampir: Sie sind schneller, stärker und haben schärfere Sinne, müssen Blut trinken und verbrennen in der Sonne – Knoblauch und Kreuz schützen nicht. Die Szene, in der Carmilla zum ersten Mal als Vampirin die Nacht sieht, wirkt wie (schlecht) abgeschrieben von der Szene in der Louis eben jenes zum ersten Mal erfährt. Es gibt allerdings auch geringfügige Abweichungen: So ist eine spezielle "Todesformel" nötig, um sie endgültig zu vernichten bzw. sie für immer als körperloses Wesen umherirren zu lassen. Außerdem haben sie gewisse Spezialfähigkeiten – Carmilla hat etwa das "Dritte Ohr" und heilt Leute via Geschlechtsverkehr. Organisiert sind die Vampire in Clans und Blutlinien – Vampire: The Masquerade lässt grüßen! Das ist schon alles nicht sonderlich originell, aber schlimmer noch ist die Beiläufigkeit des Vampirdaseins – es unterscheidet sich kaum vom menschlichen Dasein.

 

Ähnlich dürftig sieht es bei den Figuren aus. Zunächst einmal ist die Anzahl der Plot-relevanten Figuren eher gering – es gibt nur vier Protagonisten, einen Antagonisten und dessen Handlanger. Nachvollziehbar ausgeführt wird keine der Figuren. Zentral ist natürlich Carmilla. Sie ist eine in Algerien aufgewachsene Französin, hat als Prostituierte und später als Flamenco-Tänzerin gearbeitet. Sie tötet ziemlich beiläufig Sterbliche, wenn ihr danach ist, rettet aber Kinder – warum, bleibt unklar. Jenseits ihres Hasses auf ihren Schöpfer scheint sie keinerlei Motivation zu besitzen; warum sie ihn hasst, bleibt wiederum unklar, da niemals negative Seiten des Vampirdaseins geschildert werden, dafür aber zahlreiche positive. Sie verliebt sich gelegentlich, doch was das für sie heißt, bleibt wiederum unklar – sie redet nur über das Verliebtsein, statt zu lieben. Aus den psychologisch unglaubwürdigen und lückenhaften Figuren lassen sich ihre Handlungen dann auch nicht plausibel ableiten.

Unangenehm wird es, wenn die Nebenfiguren ohne jegliche ironische Brechung mit rassistischen Attributen belegt werden. Über Zigeuner heißt es etwa:

Die Zigeuner hassen die Nicht-Zigeuner, die Gadjos, wie wir sie nennen, denn die sind so töricht, dass sie sich über ihre Dummheit nicht einmal im Klaren sind. Wir treiben es mit ihren Frauen, wir hecken hinterlistige Betrügereien aus, für die wir, wenn nötig, sogar Jahre im Gefängnis in Kauf nehmen. Wir setzen unser Leben aufs Spiel, nur um sie um den letzten Centime zu bringen. Reine Verschwendung übrigens, denn es wäre einfacher und rentabler, arbeiten zu gehen. Doch wir verkommen lieber im Schmutz, als unsere Seele zu verkaufen.

Derartige Klischees, mal mehr mal minder bösartig, durchziehen das Buch.

 

Damit zum Plot – so wie beim Setting viele Schauplätze gestreift, aber kaum charakterisiert werden, greift der Plot viele verschiedene Elemente auf, ohne sie zu vertiefen. Es ist eine sehr krude und heterogene Mischung. Da gibt es einmal die suche nach Carmillas Erzeuger und später den Kampf gegen ihn. Da gibt es Carmillas Lebensgeschichte (inklusiver der ihrer Eltern und zweier ihrer Verbündeten). Da gibt es Carmillas Liebesleben (Carmilla und Mâra, Carmilla und Ivan). Dann ist da noch die Sache mit dem Kunstblut (aka "Rotes Gold") und den verseuchten Vampiren. Es gibt so viele potenzielle Spannungsquellen, doch wirken können sie nicht. Dazu sind Setting und Figuren zu flach, die Probleme zu schnell geschildert und wichtiger noch: Zu distanziert geschildert. Nicht zu vergessen die zahllosen Klischees, die sich auch in Standardsituationen im Plot wiederfinden.

Der Plotfluss ist sehr hoch, doch da viele Szenen zu keiner Entwicklung, sondern nur zu oberflächlicher Veränderung führen, schützt dieses keineswegs vor Ermüdung.

 

Damit zum größten Problem aus meiner Sicht: der Erzähltechnik. Der grundlegende Handlungsaufbau ist noch recht unauffällig. Es gibt eine relevante und recht breit ausgeführte Rahmengeschichte (Carmilla und ihr Schöpfer), in die einige Nebenhandlungen eingeflochten sind ("Rotes Gold", Carmilla und Ivan). Erzählt wird es aus einer Mischung von auktorialer und personaler Perspektive wie ein normaler Thriller mit progressiven und regressiven Elementen; hier ist die Handlung recht dramatisch aufgebaut. Dann sind da noch die eingebetteten Lebensgeschichten, von denen Carmillas mit knapp hundertfünfzig Seiten die längste ist. Hier ist die Handlung episodisch aufgebaut und als Bericht von der Ich-Erzählerin Carmilla vorgebracht. Die Wechsel sind sehr leicht zu erkennen: Neben dem Perspektivwechsel wird die Rahmengeschichte im Präsens erzählt und der eingebettete Bericht im Imperfekt.

Beim Stil wird es dann übel. Die Sätze sind kurz und gradlinig, die Worte selten ungewöhnlich – die Banalitätsschwelle halbwegs erfahrener Leser wird schnell unterschritten. Dazu passen 'Dialoge', die entweder banal oder aber bloße Stichworte sind. Garniert wird das Ganze mit abgeschmackter Gewitztheit ("Ich habe nicht die Absicht, meine Nacht damit zu verbringen, dass ich mit euch Blutsaugern Bloody Marys schlürfe!") und wahren Stilblüten ("Sein Geschlecht ist wie ein Sehnerv, ein Stachel, der in dem Erinnerungen der Götter versinkt.").

Überhaupt Sex. Wenn die Vampirin Mâra nicht gerade beim Lesbensex Blut aus Carmillas Vagina saugt, dann klingt das so:

Sie schiebt seine brennenden Hände unter ihre Bluse. Ein glühendes Feuer entflammt in ihm. Er dringt in diese Göttin ein, die er nicht sehen kann, verschmilzt mit der puren Energie. Mit seinem Schwert stößt er in rote Lava vor, die ihn umschließt und verschlingt, wie es keine sterbliche Frau je könnte. Er gleitet in eine Spalte der Erdkruste, wird von heftigen Erdstößen vorangetrieben, saugt Kraft aus dieser Blüte aus glutrotem Fleisch. Wie ein Säbel fährt sein Phallus in diese rot-goldene Grotte und durchtrennt das Allerheiligste, versenkt sich in die schwarze und weiße Magie.

 

Fazit:

Ein Unbekannter lauert der vampirischen Flamenco-Tänzerin Carmilla auf – was will er von ihr? Ist es gar ihr Erzfeind, ihr unbekannter Schöpfer? Ich bin der Ansicht, dass es drei Kardinalstugenden für Fiktionen gibt: Originalität, Plausibilität und Intensität. Tanz des Blutes bietet eine abgeschmackte, unglaubwürdige und fade armselige Vampirgeschichte, die mit blöden und zum Teil bösartigen Klischees gespickt ist. Kategorie Sondermüll.

 

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Roman:

Titel: Tanz des Blutes

Reihe: Carmilla Bd. 1

Original: Rouge Flamenco (2010)

Autor: Jeanne Faivre D'Arcier

Übersetzer: Carolin Müller

Verlag: Heyne (September 2010)

Seiten: 382 Broschiert

Titelbild: Nele Schütz Design

ISBN-13: 978-3-453-52722-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.11.2010, zuletzt aktualisiert: 19.04.2017 10:58