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The Crazies – Fürchte deinen Nächsten (BR; Horror; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Das Remake eines frühen George Romero-Films? Nicht wenige Puristen dürfte schon die alleinige Andeutung eines solchen Vorhabens treffen wie der sprichwörtliche Blitz; unmittelbar gefolgt von lauten Protesten. Aber mal halblang, werte Bewahrer der klassischen Filmkunst. Man erinnere sich bitte an jene Neuauflage aus dem Jahre 2004, die bereits lange vor seinem Erscheinen als frevelhafter Verstoß gebrandmarkt wurde: Dawn of the Dead. Wie kann man nur? Was denken die sich dabei? Das Ende vom Lied ist bekannt. Ähnlich wie das abgöttisch verehrte Original, gelang es der Neuauflage, frische Akzente zu setzen und endlich einmal wieder richtig Furcht einflößend zu sein. Darum steht die ´04er Interpretation von »Dawn« auch völlig zu Recht in den Rankings der besten 2000er Horror- sowie der herausragendsten Zombiefilme ganz weit vorne, Punkt. Doch wenn es einen Romero-Streifen gibt, der wirklich dringendst einer Generalüberholung bedurfte, dann dürfte dies zweifelsohne The Crazies sein. Weniger ob seines noch immer brandaktuellen Inhalts, als vielmehr ob der doch arg in die Jahre gekommenen Visualisierung. Man merkt es dem 1973 entstandenen, dritten Machwerk Romeros eben an, dass gerade Mal 270.000 Dollar zur Verfügung standen. Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass die militärische Präsenz einen hohen Anteil innerhalb der Geschichte inne hat – auch schon vor vierzig Jahren. Wie bereits erwähnt, ist das Original weit davon entfernt, per se schlecht zu sein; es sind – unter anderem – auch die Ansprüche und Sehgewohnheiten des geneigten Konsumenten, die sich inzwischen geändert haben.

Was direkt zur nächsten Kontroverse führt: dem Regisseur Breck Eisner. Ein Mann, der bislang für solide, kurzweilige Unterhaltung bekannt war und weniger für die harte Schiene. Doch wie Eisner im Audio-Kommentar erwähnt, war die Story von »The Crazies« ein Subjekt, welches ihn schon seit einiger Zeit verfolgte – ein weiterer Beweis für die prophetischen Weitsichten der Ikone George A. Romero. Das Eisner nach dem finanziellen Desaster Sahara (2005) außerdem nicht mehr mit dreistelligen Millionensummen hantieren darf, lassen wir an dieser Stelle einfach mal unkommentiert (wenngleich die Adaption des gleichnamigen Clive Cussler-Romans exzellenten Kintopp darstellt) …

Zur Story: Anstelle von Pennsylvania im Original, spielt sich die Handlung in den weiten Ebenen von Iowa ab; besser gesagt, in der übersichtlichen Kleinstadt Odgen Marsh. Ein ruhiges Städtchen, wo jeder jeden kennt. Es sind hart arbeitende Mittelklassebürger, die das Gros von Odgen Marsh bilden und sich noch immer an Kleinigkeiten erfreuen können. Etwa dem ersten Baseballspiel der neuen Saison, für den sympathischen Sheriff David Dutton (Timothy Olyphant) das vielleicht untrüglichste Zeichen, dass der Frühling endlich wieder Einzug gehalten hat. Es ist die friedliche Zusammenkunft von Freunden, Nachbarn und Mitbürgern – und wer denkt schon, dass eine harmlose Sportbegegnung in einem blutigen Drama enden könnte?

Bis Rory Hamill (Mike Hickman) unvermittelt am Spielfeldrand auftaucht, samt eines geladenen Gewehrs im Schlepptau. Trotz aller Versuche, den Mann davon abzubringen, ein Blutbad anzurichten, sieht sich David letztlich gezwungen, Hamill mit seiner eigenen Dienstwaffe unschädlich zu machen. Doch es soll nicht bei einer einzelnen Tat bleiben. Bereits in der darauf folgenden Nacht brennt der als freundlich verschriebene Farmer Bill Farnum (Brett Rickaby) sein Anwesen nieder – inklusive Ehefrau und dem kleinen Sohn. Als David jedoch an den Tatort kommt, kann er weder Zeichen von Reue oder Trauer an Farnum entdecken, dafür aber die gleiche sonderbare Apathie, die Hamill schon zuvor besaß. Sind die beiden womöglich krank gewesen? Trägt ein unbekannter Virus die Schuld an ihren Handlungen?

Die Suche führt David und seinen Deputy Russell (Joe Anderson) ins nahe gelegene Sumpfgebiet, in dem die beiden Männer eine unglaubliche Entdeckung machen: das Wrack einer kürzlich abgestürzten Militärmaschine. Hatte sie womöglich einen Kampfstoff an Bord gehabt, der aus harmlosen Männern und Frauen allmählich wilde Bestien werden lässt? Doch was noch frappierender ist: der Sumpf ist Teil jenes Wasserreservoirs, das unmittelbar mit den Leitungen in Ogden Marsh verbunden ist. Trotz des ausdrücklichen Befehls von Bürgermeister Hobbs (John Aylward), die lokalen Wasserleitungen auch weiterhin offen zu halten, missachten David und Russell die Order. Leider zu spät, wie die Rückkehr beweist. Während ihrer Abwesenheit hat das Militär die Kontrolle in Ogden Marsh übernommen. Potenziell Infizierte werden abtransportiert oder mit Waffengewalt zum Schweigen gebracht. Jeder Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen: Telefon, Internet, Handys. Fortan ist David ganz auf sich alleine gestellt. Da erscheinen maskierte Soldaten auch in seinem Heim und transportieren seine schwangere Frau Judy (Radha Mitchell) ab …

 

Die gesichtslose Bedrohung durch das Militär und die Armee als Mittelpunkt eines Horror-Thrillers? Ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Von wegen. War die Thematik bereits im Original weitblickend und intelligent, so ist sie nun, in der mitunter sehr paranoiden Ära nach 9/11 noch drängender und bedrohlicher geworden. Waren es früher die Horden untoter Reiter, welche rachesinnend über kleine Dörfer herfielen, sind es inzwischen bewaffnete Soldaten in ABC-Anzügen, komplettiert durch Kampfhubschrauber und Humvees. Willkommen zum Horror des 21. Jahrhunderts. Daher kann Eisners Intention, den Militärapparat der USA zu hinterfragen, als löblich angesehen werden – besonders, weil hier nichts schön geredet wird. Verständlich, dass die Army jegliche Zusammenarbeit bzw. Unterstützung verweigerte. Wie kann man auch …? Doch gerade das bewusste Hinterfragen besagter Institutionen verleihen »The Crazies« einen nüchtern-kritischen Anstrich, der zudem sehr glaubwürdig portraitiert wurde und auch beim geneigten Zuschauer Nachdenklichkeit aufwirft und Fragen hinterlässt. Dabei kommt allerdings auch die Spannung nicht zu kurz; im Gegenteil. Eisner versteht sich darin zuweilen sogar noch besser als Romero im Original. Langsam und mit millimetergenauer Präzision breitet der Jung-Regisseur einen Schirm des Verderbens über die Bewohner von Ogden Marsh aus, welcher letztlich in einem erbarmungslosen Überlebenskampf gipfelt, sowie der ständigen Bedrohung zu Lande oder aus der Luft. So friedlich die Weite Iowas in den ersten Einstellungen sein mag, so sehr verkommt sie mit zunehmender Filmdauer zu geradezu unüberwindbaren Strecken und Hindernissen. Trotz – oder gerade – wegen des kleinen 20 Millionen-Dollar-Budgets gelingt es Eisner, den mutmaßlich kleinen Film weit über sich hinauswachsen zu lassen – ein weiteres Beispiel dafür, dass weniger Geld mitunter noch mehr die Kreativität fördert als üppige Summen. Zumal Eisner auch offen zugibt, sehr oft zur Improvisation gezwungen worden zu sein. Geschadet hat’s nicht; weit gefehlt.

Lobend erwähnt werden muss außerdem die uneingeschränkt exzellent ausgesuchte Besetzung, allen voran Timothy Olyphant als David Dutton. Dass der Mann endlich die Hauptrolle eines abendfüllenden Spielfilms bekam war längst überfällig, wie seine Parts in Stirb langsam 4.0 (2007) und nicht zuletzt die ausgezeichnete Western-Serie Deadwood (2004-2006) eindrucksvoll bewiesen haben. Mit der richtigen Balance aus Glaubwürdigkeit und Leinwandpräsenz lässt Olyphant sein Alter Ego lebendig werden; verleiht ihm Überzeugungskraft und Tiefe. Was man übrigens auch über die anderen Darsteller behaupten kann, insbesondere der Genre-Erprobten Australierin Radha Mitchell, dem Briten Joe Anderson und der ebenfalls sehr gut agierenden Danielle Panabaker, von der man sicherlich noch einiges hören wird. Umrahmt wird »The Crazies« ferner durch einen überraschend hohen Blutgehalt sowie durch eine Beharrlichkeit, die man Eisner kaum zugetraut hätte, dem Streifen dadurch aber wertvolle Impulse verleihen.

Die gesichtete Blu Ray weiß ebenfalls zu überzeugen: prächtige Farben, sehr gute Schärfe – allerdings auch eine gewisse (gewollte) Grobkörnigkeit und eine relativ düstere Gesamtkolorierung, die allerdings auf den belgischen Kameramann Maxime Alexandre (u. a. Haute Tension (2003)) zurückgeht. Dazu passend gibt es einen sehr klaren, gut abgemischten und plastischen Klang. Abgerundet wird das Paket von einer ganzen Palette an Featurettes, die auf den ersten Blick langweilig und abgedroschen erscheinen, es aber nicht sind – allen voran der Beitrag über Romero himself. Allerdings muss es für die erneute Tatsache, dass man besprochene Kinowelt-Blue Ray erneut höchstwahrscheinlich nur mit einem Upgrade des heimischen Players genießen kann, Abzüge in der B-Note geben. Ist es denn wirklich so schwer, blaue Scheiben zu fabrizieren, die man einfach einlegt und ansieht OHNE zuvor mitunter stundenlang im Netz nach irgendwelchen Upgrades zu suchen?

 

Fazit:

»The Crazies« ist intelligentes, konsequentes und bisweilen auch reichlich hartes Terror-Kino, das von Anfang bis zum spektakulären Finale zu überzeugen weiß. Zweifelsohne einer der besten Genre-Filme des Jahres 2010.

Eure Meinung:


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BR:

The Crazies – Fürchte deinen Nächsten

Originaltitel: The Crazies

USA, 2010

Regisseur: Breck Eisner

Format: Widescreen

Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Region: Region B/2

Bildseitenformat: 16:9 - 2.40:1

Umfang: 1 BR

FSK: 18

STUDIOCANAL/Kinowelt, 4. November 2010

Spieldauer: 101 Minuten

 

ASIN: B003LOH3C0

ASIN DVD: B003LOH33O

 

Erhältlich bei Amazon

 

Darsteller:

Timothy Olyphant

Radha Mitchell

Joe Anderson

Danielle Panabaker

Christie Lynn Smith

Brett Rickaby

Preston Bailey


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Erstellt: 08.10.2011, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23