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The Wind in the Willows von Kenneth Grahame

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Das Kinderbuch von Kenneth Grahame aus dem Jahr 1908 ist im englischsprachigen Raum ein Klassiker und seine Bedeutung wird vielleicht deutlich, wenn man sich den Namen des Debüt-Albums von Pink Floyd ansieht: The Piper at the Gates of Dawn – Kapitel 7 von The Wind in the Willows.

 

Grahame fasste in diesem Buch Geschichten zusammen, die er für seinen Sohn Alastair erdachte. Im Wesentlichen handeln sie von Freundschaft, Abenteuern und der englischen Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten.

Hauptfiguren sind vermenschlichte Tiere, die jedoch in einer Menschenwelt leben. Die Grenzen zwischen den Welten sind unscharf. So sind zwar einige Tiere groß wie Menschen, Fische aber bleiben normale Fische.

Die Geschichte beginnt mit einem Frühjahrsputz, den der Maulwurf frühzeitig abbricht und stattdessen lieber den sonnigen Tag für einen Spaziergang nutzt. So gelangt er an den Fluss und trifft dort auf eine Wasserratte, die ihn prompt zu einer Bootstour samt Picknick einlädt.

Fortan sind Mole und Ratty Freunde. Ratty macht Mole mit einem Kröterich bekannt, der in einem nahen Herrenhaus residiert. Toad ist zwar ein netter Kerl, hat aber die Marotte, sich schnell für eine Sache zu begeistern und sich dieser dann fanatisch zu widmen.

So verfällt er augenblicklich dem nigelnagelneuen Hobby des Autofahrens, als die drei während einer gemeinsamen Spazierfahrt von einem hupenden Auto fast über den Haufen gefahren werden. Toad kauft sich sofort das neueste Gefährt und heizt wie ein irrer durch die Gegend, sodass kein Tier auf der Straße vor ihm sicher ist.

Gemeinsam mit dem altehrwürdigen Badger, einem Dachs, der im Wilden Wald lebt, versuchen die Freunde, Toad zu läutern. Sie schließen ihn sogar in seinem Schlafzimmer ein, doch Toad flieht und ist ruckzuck wieder in Schwierigkeiten …

 

Ein fröhliches Feuer im Kamin, zwei Ohrensessel und eine gut gefüllte Speisekammer – ob Hobbit oder Maulwurf, die Gemütlichkeit am Ende eines Abenteuers ist wichtiger Bestandteil englischer Behaglichkeit. Ohne sie wären auch die Erlebnisse von Toad, Mole, Ratty und Badger nur das halbe Vergnügen. Es wird viel geschlemmert in »The Wind in the Willows«. Obwohl es nicht immer klar ist, woher all die Speisen und Getränke kommen, wer sie kocht und zubereitet oder woher das Geld dafür kommt, leben die Tiere bei Kenneth Grahame ein abgesichertes, gut bürgerliches Leben.

Auch ihre Werte bewegen sich in diesem Rahmen und so wundert es nicht, dass zwei wesentliche Ausbruchsversuche aus diesem Leben verhindert werden. Zum einen natürlich der lange Weg zu Toads Läuterung und dann gibt es noch das wehmütige Kapitel über Rattys Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Meer.

In beiden Fällen entscheiden die Freunde, was für den Erkrankten das Beste sei.

Toad erscheint zunächst wie das verwöhnte Kind reicher Eltern, das es sich leisten kann, jeder Laune nachzugeben und sich über die Konsequenzen oder die Folgen für andere, keinerlei Gedanken macht. Im Gegenzug genießt Toad diese Freiheit. Man spürt mit ihm den wilden Rausch der Geschwindigkeit oder die Freude, wieder einmal durch viel Glück aus einer brisanten Klemme entkommen zu sein. Riesiges Selbstbewusstsein, der Hang zur Prahlerei und Selbstaufblähung, was zu einer Kröte sehr gut passt, sind in der Figur so überzeichnet, dass es schon anarchistisch wirkt. Ganz britisch, lassen ihn seine Freunde zunächst gewähren, doch als er zunehmend Leben und Ordnung bedroht, greifen sie ein.

Aber erst in der Schlacht um sein Vaterhaus lernt er so etwas wie Demut und kann sich zurücknehmen. Damit verändert er aber auch sein Wesen.

Rattys Sehnsucht wird mehr als Verzauberung beschrieben, eine eingeimpfte, unechte Begeisterung für die Fremde. In Verbindung mit der überwiegend negativen Darstellung von moderner Technik entwickelt Grahame so eine kleine, doch stark konservative Insel von Heimatgefühl. Die englische Landschaft, die er in der Szene mit den drei Schwalben auch als gleichwertig zu der des Mittelmeeres beschreibt, reicht letztlich vollkommen aus für ein glückliches Leben.

Ja, selbst wegen griechischer Götter braucht man nicht ins Ausland reisen, wandelt doch selbst Pan am Fluss und wacht über die Tiere der Gegend.

Gerade dieses oben bereits erwähnte Kapitel um den Pfeifer am Eingang zur Dämmerung gehört auch zu den schönsten Naturbeschreibungen innerhalb des Buches. Grahame feiert hier die Gegend seines Wohnortes nahe der Themse, seine Tiere, Pflanzen und Geräusche.

Man findet somit einen kleinen Kanon an Werten, die Grahame seinem Sohn vermitteln wollte und die in ihrer Vermittlung heute wesentlich erwachsener erscheinen mögen als vor hundert Jahren.

Daher wundert es nicht, dass »The Wind in the Willows« immer noch verlegt und gelesen wird, obwohl der gesamte Habitus der Geschichten schon fast rührend altmodisch wirkt und eine Lebensart feiert, die es kaum noch gibt und nach der sich heutige Kinder auch kaum sehnen werden.

Wie bei vielen Kindergeschichten jener Zeit wurde »The Wind in the Willows« zu einem Beispiel fantasievoller Erzählkunst, die uns ganz unabhängig vom Alter, eine Welt näher bringen, die eigentlich nie weit entfernt war.

 

Fazit:

»The Wind in the Willows« von Kenneth Grahame ist eine nostalgische Reise in die Fantasienlandschaft eines vergangenen Zeitalters. Der Besuch einer quicklebendigen Welt, in der Natur und eine einfache Lebensweise die Grundlagen von Freundschaft und Glück sind und die aufregendsten Abenteuer mit Bravour bestanden werden um gemütlich am Kamin davon erzählen zu können.

Also weg mit dem Staubsauger, raus zum Fluss und vergesst nicht das Selfie mit Mole, Ratty, Toad und Badger, wenn ihr sie trefft!

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Eure Meinung:

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Buch:

The Wind in the Willows

Autor: Kenneth Grahame

Puffin, 14. Mai 2008

Taschenbuch, 274 Seiten

Vorwort: Brian Jacques

Illustrationen: Robin Lawrie

Sprache: Englisch

 

ISBN-13: 9780141321134

Kindle-ASIN: B002RI9LEE

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 20.10.2015, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53