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Unendlichkeit von Alastair Reynolds

Inhibitor 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Auf dem öden Planeten Resurgam ist der ehrgeizige Dan Sylveste mit archäologischen Ausgrabungen beschäftigt. Vor 900.000 Jahren wurde die Kultur der vogelartigen Amarantin durch das Ereignis - einer gewaltigen solaren Eruption - ausgelöscht. Er ist besessen vom Wunsch nach Aufklärung, damit den Menschen nicht ähnliches droht, denn es ist nicht klar, ob des Ereignis zufälliger Natur war oder ausgelöst wurde. Als man einen Obelisken mit einer sonderbaren Inschrift findet, erhofft er sich einen neuen Wissensschub. Doch es gibt Probleme: So verlassen ihn die meisten Mitglieder seiner Expedition und in der Hauptstadt Cuvier könnte es zur Meuterei kommen. Etwa 20 Lichtjahre entfernt auf dem Planeten Yellowstone geht die Auftragsmörderin Ana Khouri ihrer Arbeit nach, bis sie von einer geheimnisvollen Auftraggeberin nach Resurgam geschickt wird – um Sylveste zu töten. Schließlich kommt das Triumvirat des Lichtschiffs "Sehnsucht nach Unendlichkeit" nach Yellowstone, denn der Kapitän leidet unter einer höchst aggressiven Seuche, die nur Sylveste heilen kann; außerdem benötigt man einen Waffenoffizier für die übermächtigen Waffensysteme, denn der alte musste getötet werden, nachdem er den Verstand verloren hatte – dieses scheint irgendwie mit dem Sonnendieb und Vogelschwingen verknüpft zu sein…

 

Die Geschichte spielt im 26. Jh. auf verschiedenen Planeten und dem Lichtschiff "Sehnsucht nach Unendlichkeit". Lichtschiffe sind gewaltige Raumschiffe, die mittels hoch entwickelter Triebwerke nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden. Trotz ihrer enormen Größe benötigen die Schiffe nur eine geringe Besatzung, denn sie können die meisten Prozesse eigenständig abwickeln. Sie reparieren sich z.B. selbstständig; wenn sie eine Schadensmeldung erhalten, dann werden Servomaten – Roboter oder Drohnen – mit der Reparatur beauftragt. Sind nicht genügend Reparatureinheiten vorhanden, werden einfach neue hergestellt. Doch die Technik ist nicht perfekt und da kommt die Besatzung ins Spiel. Diese besteht für gewöhnlich aus Ultras – zumeist vercyberte Menschen, die neben den Langlebigkeitsbehandlungen und Kälteschlafperioden aufgrund der Zeitdilatation, mehrere Jahrhunderte alt werden können.

Je mehr sich die Menschen als physikalische Prozesse begreifen, desto mehr sind sie geneigt mit allen Mitteln diese auszuweiten. Die Langlebigkeitsbehandlungen sind eine Möglichkeit. Die andere ist einer der Gründe, warum die Geschichte zuweilen zur "New Weird" gezählt wird: Man kann versuchen, den Geist zu digitalisieren. Die direkte Variante durch das Scannen der Hirn-Struktur, erschafft eine Alpha-Simulation. Nach einem großen Unglück scheint dieses Verfahren gescheitert zu sein. Die Beta-Simulationen sind aus den Aufzeichnungen von Verhalten und Reaktionen einer Person erstellte Algorithmen. Besitzen diese ein Bewusstsein? Manche beharren darauf – wie normale Menschen. Diese Wesen, die ohne fest zugeordnete, physikalische Struktur auskommen, werden für Geister- und Besessenheitsmotive genutzt, wie sie aus dem Supernatural Horror bekannt sind.

Ein anderes phantastisches Element der Kategorie "Weird" ist die Schmelzseuche; dieses ist ein mysteriöser, hochaggressiver Virus, der nicht nur lebendes Gewebe, sondern auch anorganische Masse befällt. Die Türme der Stadt Chasm City z.B. sind nicht mehr die eleganten Gebilde von einst, sondern von befremdlichen Wucherungen überzogen.

Die Gesellschaft erinnert vage an die griechische Antike; die konkreten Personenverbände werden von den Besten (sprich: Mächtigsten) beherrscht, wobei es keine klare Überlegenheit, wohl aber harsche Auseinandersetzungen gibt. So wenig wie es ein einheitliches Sternenreich gibt, so wenig gibt es eine dominante Ideologie – auch hier wird konkurriert. Den gesellschaftlichen Konflikten wird im Gegensatz zu den phantastischen Elementen allerdings nicht besonders viel Raum gewährt.

 

Für eine Geschichte dieser Länge treten wenige Figuren auf. Dieses ist jedoch keineswegs störend, da es die Ereignisse nahe legen. Die exzentrischen Figuren sind zwar rund, aber nur relativ schwach entwickelt. Es gibt drei Point-of-View Charaktere und damit zentrale Figuren. Da ist der geniale Wissenschaftler Dan Sylveste. Seit vielen Jahrzehnten schon betreibt er die Erforschung von Aliens. Er war bei den Musterschiebern und hat sich Lascailles Schleier, einer ungewöhnlichen Raum-Zeit-Deformation, so weit genähert wie niemand zuvor. Er hatte sogar für einen Augenblick Kontakt mit den Schleierwebern. Jetzt erforscht er die Amarantin-Überreste auf Resurgam. Obgleich er nicht völlig skrupellos ist, geht er doch viele Risiken ein um seine Forschungen voranzutreiben; in der Vergangenheit ist er schon mal zu weit gegangen. Ana Khouri war Berufssoldatin auf Skye's Edge, doch nach einer Verletzung wurde sie irrtümlich im Kälteschlaf zum entfernten Planeten Yellowstone gebracht. Soldaten benötigt man in Chasm City nicht, dafür aber Berufskiller. Khouri passt sich an. Zwar verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Morden, aber ihre Kaltblütigkeit kennt Grenzen: Unschuldige versucht sie zu schonen. Die dritte Figur ist die Triumvir Ilia Volyova. Sie dient auf der "Sehnsucht nach Unendlichkeit" als Waffenexpertin. Einerseits will sie dem Kapitän helfen, andererseits versucht sie ihre Machtposition auf dem Schiff zu verstärken. Sie lebt in ständiger Angst vor dem immer paranoider werdenden Triumvir Sajaki und schwankt zwischen Sabotage und Kollaboration. Daneben gibt es noch einige weitere interessante Figuren wie Sajaki, dem mächtigsten der bizarren Ultras auf dem Lichtschiff, die ehrgeizige Journalistin Pascale oder Calvin Sylveste, der Beta-Simulation von Dans genialem Erzeuger.

 

Vom Plot her ist die Geschichte nicht wirklich neu, aber dafür überaus spannend erzählt; es handelt sich im Kern um eine epische Fassung vom Flug des Ikarus, angereichert mit Elementen des Thrillers und der Mystery-Story im Gewande der Space Opera. So sind die größten Spannungsquellen – neben den phantastischen Elementen – die bedrohliche Gesamtstimmung des Katz'-und-Maus Spiels zwischen den verschiedenen Gruppen mit den eigenartig vielen Zufällen, die den Protagonisten nur langsam klar werden lassen, wie sehr sie manipuliert werden, aber auch konkrete gefährliche Situationen mit Actionsequenzen und die überraschenden Wendungen. Ein wenig ins Hintertreffen gerät die moralische Ambivalenz: Aufgegriffen wird z.B. die Frage, wie viele "Kolateralschäden" beim Tyrannenmord akzeptabel sind – diskutiert wird sie allerdings nicht. Insgesamt trägt keine der zentralen Figuren eine weiße Weste und wenn die drei gegeneinander opponieren, fällt es dem Leser nicht immer leicht Partei zu ergreifen. Außerdem gibt es einige Anspielungen, wie z.B. auf H.P. Lovecrafts "In den Mauern von Eryx."

Es gibt ein paar unplausible Stellen; so sollte auf den Lichtschiffen generell weniger fortschrittliche Technik als auf den Planeten zur Verfügung stehen – es ist aber umgekehrt. Dieses tritt aber nicht so häufig auf, als dass es wirklich stören würde.

 

Es gibt drei Erzählstränge, die aus der personalen Perspektive der zentralen Figuren geschildert werden. Sie laufen zunächst getrennt durch witzige Sprünge in Raum und Zeit. Sieht man von einer Ausnahme ab, so erleben die Protagonisten etwa gleich viel Zeit, doch wegen der Reisen und Kälteschlafperioden gibt es große Differenzen: Für Khouri beginnt die Geschichte 2524, während sie für Sylveste 2551 beginnt. Der Plot braucht einige Zeit, bis er in Schwung kommt, doch je mehr sich die Stränge annähern, desto rasanter schreitet die Geschichte voran.

Obwohl "Unendlichkeit" Band 1 der Inhibitor-Reihe ist, wird der Roman zum Großteil abgeschlossen; eine handvoll Fäden bleiben allerdings unverknüpft und werden im 2. Teil: "Die Arche" fortgeführt.

 

Auf ein großes Problem sei jedoch hingewiesen: Die Verzeichnisse der Personen und Gruppierungen, die auf den ersten Seiten zu finden sind, enthalten unzählige Spoiler; z. T. wird sogar der Mörder der Figur genannt. Beinahe alle Beschreibungen beinhalten Plotrelevante Informationen – wer sich die Spannung nicht verderben will, sollte um die beiden Verzeichnisse einen großen Bogen machen.

 

Fazit:

Mit "Unendlichkeit" ist Alastair Reynolds eine sehr spannende Space Opera gelungen, deren Setting mit interessanten phantastischen Elementen aufwarten kann; einzig die Figuren könnten weiter entwickelt werden, doch für eine unterhaltsame Lektüre genügen sie vollauf.

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Unendlichkeit

Autor: Alastair Reynolds

Reihe: Inhibitor 1

Broschiert – 767 Seiten – Heyne

Erscheinungsdatum: 06/2006

ISBN: 3453521862

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.08.2006, zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 00:18