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Vom Leben und Tod Gottes von J. G. Ballard

Reihe: Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden Band 2

 

Rezension von Matthias Oden

 

Rezension:

Ich würde von dem Buch nicht mehr lassen können, Ballard mache süchtig – so prophezeite mir ein Kollege. Nun, ganz so ist es dann doch nicht so gekommen. Rund 1130 Seiten sind eine Menge Lesestoff, und wenn er obendrein weder thematisch noch stilistisch ein Leichtgewicht ist, dann ist man schon mal ganz froh, den Wälzer wegzulegen und für ein paar Tage ruhen zu lassen. Die Rede ist von dem bei Heyne erschienen Sammelband „Vom Leben und Tod Gottes“, geschrieben von James Graham Ballard.

 

Doch der Reihe nach. Der Band ist der Nachfolger von „Die Stimmen der Zeit“, beide zusammen stellen das Kurzgeschichten-Werk Ballards vor, der als einer wichtigsten (Science Fiction-)Schriftsteller Großbritanniens gilt. Doch damit endet auch schon die Möglichkeit, Ballard einzuordnen. Seine Geschichten sind fantastisch, und spielen auch oftmals in der Zukunft, auf anderen Planeten oder handeln von Raumreisen, aber jegliche Technikverliebtheit geht ihm ab. Raumschiffe, Technologien oder das Erkunden fremder Welten sind – sofern diese SF-typischen Elemente überhaupt in seinen Geschichten vorkommen – allenfalls Beiwerk. In ein, zwei Sätzen niedergeschrieben, bilden sie die nur grob skizzierte Kulisse für sein eigentliches Anliegen. Denn im Vordergrund seiner Werke stehen Ballards Protagonisten, ihr Innenleben, ihre Beziehungen untereinander und ihre Stellung zur Gesellschaft.

 

Das heißt nicht, dass Ballard nicht fähig sei, fantastische Welten zu entwerfen: Ideen, wie die vollständige Kristallisation der Welt („Der leuchtende Mann“), der Stillstand der Erde („Der ewige Tag“) oder rückwärts gelebte Leben, die mit dem Zeugungsakt enden („Durchgangszeit“), zeugen vom Gegenteil. Doch wo sich andere Autoren vielleicht ganz auf die visionäre Kraft solcher Eingebungen verlassen hätten, arbeitet Ballard zentrale Fragen des menschlichen Seins vor diesen ungewöhnlichen Hintergründen ab. Das mögen Überlegungen zur Transplantationsethik („Der unmögliche Mensch“), zur Gleichgültigkeit der Menschheit gegenüber Wundern („Der ertrunkene Riese“) oder zur Natur des Universums an sich sein („Bericht über eine unidentifizierte Raumstation“). Das mindert mitunter den fantastischen Gehalt des Werkes – so könnte etwa die Erzählung „Morgen ist in Jahrmillionen“ mit nur wenigen Veränderungen als komplett „normale“ Kurzgeschichte durchgehen, die auch von John Updike geschrieben hätte sein können. Das ist nicht unbedingt ein Manko, kann aber doch für Irritationen sorgen: Wer sich etwa Ballard nur unter dem Aspekt des Fantastischen nähert, der wird stellenweise mehr oder weniger große Durststrecken zu überwinden haben.

 

Vor allem aber zeugen Ballards Erzählungen von einem Kulturpessimismus, der ihn über all die Jahrzehnte seines Schaffens nicht losgelassen hat. Gesellschaftlicher Niedergang, Auflösungserscheinungen, Zivilisationskollaps – fast alle seiner Zukunftsentwürfe sind Dystopien; Werteverfall („Anleitung zum virtuellen Tod“), stupider TV-Konsum („Die geheime Geschichte des Dritten Weltkriegs“) oder die Folgen unbedachter Umweltzerstörung („Sturmvogel, Sturmträumer“) sind nur wenige Beispiele für das weites Spektrum an Zivilisationskritik, das sich bei Ballard findet. In Anbetracht des Umstands, dass viele seiner Geschichten bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben wurden, kommt man nicht umhin, jenem Rezensenten der FAZ zuzustimmen, der im Klappentext zitiert wird: „J.G. Ballard hat die Zukunft vorausgedacht. Es ist seine Welt, in der wir heute leben.“

Viele von Ballards Geschichten mögen dystopisch und zivilisationskritisch sein, ihr Ton ist jedoch nie bitterböse. Eher ironisch-distanziert, und der Zynismus einiger Geschichten ist unterschwellig, als wolle Ballard stets ein gewisses Understatement wahren und es dem Leser erleichtern, seine eigene Lesart des Textes zu finden.

 

Generell lässt sich sagen, dass Ballard auch stilistisch sehr gut den Ton seiner Themen trifft: luzid dort, wo auch die Geschichte eher traumhaft ist („Hope Cunard“), oder bizarr und experimentell, wo auch der Inhalt ins Groteske neigt („Warum Ronald Reagan ficken möchte“, „Das Attentat auf John Fitzgerald Kennedy unter dem Aspekt eines Autorennens betrachtet“). Das ist nicht immer leicht zu konsumieren, belohnt aber letztlich den Leser mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

 

Kleine Schwäche: Bei der Masse an Text eigentlich nicht verwunderlich, aber trotzdem bedauerlich, ist die Tatsache, dass sich Storyelemente und Charakterisierungen wiederholen – das wird umso auffallender, als thematisch ähnliche Geschichten nicht verstreut, sondern zusammengefügt sind. Das Gefühl der Wiederholung bleibt zwar immer recht schwach, kommt aber trotzdem diverse Male auf.

 

Ein Wort noch zur Aufmachung: Wie auch schon in der Philip.-K.-Dick-Reihe beweist Heyne wieder einmal, dass auch Taschenbücher hochwertige Buchausgaben sein können. Das stimmige Cover wird ergänzt durch ein farbiges Hochglanzdeckblatt im Buch mit ähnlichen Motiv, die Innenseiten der Buchdeckel sind rot, so dass sich alles zusammen zu einer edlen und ansprechenden Optik verbindet. Davon würde man gerne mehr sehen!

 

 

Fazit:

Ballard schreibt andere Fantastik oder SF als die meisten. Ballard schreibt keine Texte für Zwischendurch, keine leicht konsumierbare Kost. Ballard schreibt speziell, und man braucht Zeit, Lust und Muße, sich auf seine Geschichten einzulassen.

Wer kein Problem mit philosophischen Subtexten und Plotelementen hat und sich auch nicht an Genreüberschreitungen in Richtung Belletristik stört, der wird mit „Vom Leben und Tod Gottes“ Stunden, Tage und Wochen anspruchsvollen, fordernden Lesegenuss finden. Aber - und das sollte ehrlich gesagt werden - auch nur der.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Vom Leben und Tod Gottes

Reihe: Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden Band 2

Autor: J. G. Ballard

Heyne, August 2007

Taschenbuch, 1131 Seiten

 

ISBN-10: 345352277X

ISBN-13: 978-3453522770

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 26.09.2007, zuletzt aktualisiert: 19.05.2018 14:45