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Daisy Miller von Henry James

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Die junge Amerikanerin Daisy Miller befindet sich mit Mutter und Bruder auf Europareise. Als sie auf dem Weg nach Italien am Genfer See einen Zwischenhalt einlegt, verdreht sie ihrem Landsmann Frederick Winterbourne mit ihrem naiven Charme den Kopf. Doch er ist der leidenschaftlichen und abenteuerlustigen Daisy zu steif, zu reserviert, zu »europäisch«.

Ganz anders der lebensfrohe, attraktive Signore Giovanelli in Rom. Mit ihrer offen zur Schau gestellten Liaison brüskieren die beiden die römische Gesellschaft.

 

Rezension:

Kurz vor dem 100. Todestag von Henry James spendiert ihm der Deutsche Taschenbuch Verlag eine exquisite, gebundene Sonderausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Neben Das Durchdrehen der Schraube, Die Aspern-Schriften, Porträt einer jungen Dame und Washington Square gehört auch die Novelle Daisy Miller dazu.

 

Der junge Lebemann Frederick Winterbourne ist einer jener Exil-Amerikaner, die Ende des 19. Jahrhunderts in europäischen Städten residieren und innerhalb ihrer Salons und Gesellschaften eine puritanisch geprägte Kultur strenger Sitten und Moral pflegen. Während eines Besuches seiner Tante im schweizerischen Kurort Vevey lernt er Daisy Miller kennen. Tochter eines US-amerikanischen Geschäftsmannes, begleitet sie ihre Mutter und ihrem jüngeren Bruder auf einer Europareise.

Winterbourne ist fasziniert von ihrer unkonventionellen Art und bemüht sich darum, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Doch Daisy verwirrt ihn zunehmend mit ihrer Art, die formalen Anstandsregeln für ein junges Mädchen zu missachten. Damit stößt sie die feine Gesellschaft vor den Kopf, etwa Winterbournes Tante, die sich schlicht weigert, sich mit ihr zu treffen.

Doch Winterbourne verspricht Daisy, sie später im Jahr in Rom zu besuchen.

Als er dort eintrifft, hört er von weiteren unmöglichen Begebenheiten Daisys. So zieht sie mit jungen Männern herum, die recht offensichtlich ihre Naivität ausnutzen wollen, um an eine gute Mitgift zu gelangen. Ihre aktuelle Begleitung ist ein fescher Italiener, den sie völlig unbedarft in die feinste Gesellschaft mitbringt. Winterbourne wird aus ihrem Verhalten nicht schlau und langsam schließt er sich der öffentlichen Meinung über Daisy an …

 

Heute würde man von einem Clash of Cultures sprechen, um die Beziehung zwischen Daisy Miller und Frederick Winterbourne zu beschreiben. Die junge Amerikanerin ist als Tochter eines Neureichen in eine gesellschaftliche Sphäre aufgestiegen, deren Regeln sie weder vollständig kennt noch begreift. Als lebensfrohes Mädchen möchte sie in erster Linie Spaß. Sie interessiert sich weder für Kunst noch für Geschichte. Tanz, Gesellschaften und Männer, das sind ihre Interessen und damit würde sie unter heutigen Jugendlichen nicht weiter auffallen.

 

Winterbourne – und seine Benennung nur durch den Nachnamen unterstreicht den Unterschied zu Daisy noch – verhält sich komplett den Regeln entsprechend. Es gehört zum guten Ton, sich für alte Schlösser zu interessieren und das Wissen darüber stets parat zu haben. Er rezitiert automatisch Byron wenn er das Kolosseum betritt und wägt jeden seiner Schritte auf die Konsequenzen hin ab. Er verbringt seine Tage mit Pflichtbesuchen, ist charmant und zuvorkommend, ganz der adrette junge Gentleman.

Er kann die Zeichen und Andeutungen lesen unter denen man Daisys ungebührliches Verhalten bewertet, auch wenn er sich zunächst, ebenfalls ganz der bedachte Gentleman, einem schnellem Urteil enthält, beobachtet er sehr genau jede Abweichung von der gesellschaftlichen Norm. Seine Vorsicht beruht aber auch darauf, dass er seinerseits das Verhalten Daisys nicht versteht. Die eigentlich sich anbahnende Romanze kommt nicht richtig in Gang, weil keiner von beiden die Signale aussendet, auf die der andere zu reagieren geprägt wurde. Während Daisy versucht, Winterbourne eifersüchtig zu machen, um ihn aus seiner distanzierten Steifheit herauszuholen, erwartet er als Zeichen der Zuwendung eine klassische Vorgehensweise.

Henry James lässt uns an diesem Drama auf eine schon nahezu brutale Weise teilhaben. Sein fast unsichtbarer Erzähler stellt uns ausschließlich die zurückhaltende Sicht Winterbournes vor. Jegliche Charakterisierung Daisys erfolgt deshalb aus seinen Beobachtungen und den Dialogen. Diese Filterung lässt die Novelle teilweise stark unterkühlt erscheinen. Nur in Daisys Sprunghaftigkeit zeigt sich überhaupt eine gewisse Art von Leidenschaft. Winterbourne ist ganz deutlich nicht in der Lage, ihre emotionale Verfassung zu deuten, er kann sich nur immer wieder wundern und über ihre Art belustigt sein.

Während sie wiederum mehrfach daran scheitert, seinen Panzer aus Wohlerzogenheit zu durchbrechen.

Betrachtet man die indirekte Charakterisierung Daisys zudem unter dem damaligen Blickwinkel, fällt auf, dass Henry James sich große Mühe damit gibt, sie auf keinen Fall irgendwie zu einem leichten Mädchen zu machen. Keine Laszivität, keinerlei erotische Verführung oder überhaupt nur anzügliche Andeutungen. Selbst in den kompromittierenden Szenen fehlen sie komplett. Daisy bleibt bis zum Schluss ein suchendes Mädchen und die reine Unschuld.

 

Die Übersetzerin Britta Mümmler fügt dem Bändchen eine Reihe ganz nützlicher Anmerkungen hinzu, die sowohl die geografischen als auch historischen Details näher beleuchten und in den Zeitkontext stellen.

 

Fazit:

»Daisy Miller« von Henry James schildert die Geschichte zweier junger Menschen, die nicht zueinander finden können, weil ihre gesellschaftlichen Codes nicht zueinander passen. Die Meisterschaft der Novelle besteht aber darin, dass wir zu einer eigenen Richterinstanz des Geschehens werden. Jugendlicher Leichtsinn oder bornierte Dekadenz, die Herzen der Menschen müssen von uns geöffnet werden.

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Buch:

Daisy Miller

Original: Daisy Miller, 1878

Autor: Henry James

Übersetzerin: Britta Mümmler

Gebundene Ausgabe, 126 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag, 23. Oktober 2015

Cover: Katharina Netolitzky und John Dawson Watson

 

ISBN-10: 3423280662

ISBN-13: 978-3423280662

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 13.11.2015, zuletzt aktualisiert: 12.10.2017 18:50