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Das Atmen der Bestie von Graham Masterton

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Schon bemerkenswert: Kommt das Thema der wichtigsten und einflussreichsten Horrorautoren zur Sprache finden sich zumeist die üblichen Verdächtigen wieder – Stephen King, Dean Koontz, Peter Straub, Clive Barker etc. pp. Den Namen Graham Masterton findet man in derlei Listen entweder unter »ferner liefen« oder gar nicht.

Schade eigentlich. Oder trifft es »Schande« besser? Denn seit über dreißig Jahren gilt Masterton als gleichermaßen produktiv wie erfolgreich. Nicht nur, aber vorwiegend im Horrorbereich. Zusammen mit Autoren vom Schlage Peter James, James Herbert, Guy N. Smith oder Shaun Hutson gehörte er in den frühen 1980er Jahren zu jener exklusiven Gruppe, die dank ihrer harten, schonungslosen Schreibe, aber auch – wenngleich nicht in allen Fällen – aufgrund ihrer bisweilen originellen, durchaus aber manchmal auch eklatant am Ziel vorbeischießenden Plots eine Art literarischer Gegenentwurf zu den sogenannten »Video Nasties« war; jenen Filmen, die aufgrund ihrer Härte im Vereinten Königreich gebrandmarkt und beschlagnahmt wurden. Immerhin: im literarischen Bereich nahmen es die Oberen von damals nicht ganz so genau, weshalb die günstigen Taschenbücher womöglich aus ebendiesem Grund damals solche Renner waren und demzufolge geschriebener, nicht immer, aber oft genug »billiger« Horror ein Renner.

Masterton gehört sicherlich zu jenem Schlag, der vor allem in den Anfangsjahren stets zwischen zwei Welten gependelt war: zum einen der meisterhafte, schleichende Horror mit Stil und Atmosphäre, zum anderen die harte, direkte und schonungslose Seite. Gelingt es ihm, beide Elemente zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen, gibt es in der Tat nur sehr wenige Kollegen seiner Zunft, die es dann mit ihm aufnehmen können; dann beweist Masterton, warum er sehr wohl in den Kanon der prägenden Horror-Literaten gehört. Und was ist nun mit Das Atmen der Bestie?

 

Nüchtern betrachtet klingt das Ganze irgendwie nach einem schnell runter gekurbelten Spukroman Marke Schema F. Nicht zuletzt, aber auch wegen der gerade mal knapp 250 Seiten. Und wenn im Vorwort bereits von indianischen Dämonen und Wesenheiten die Rede ist, nun ja – dann erhärtet sich der Verdacht. Schließlich startete der gebürtige Edinburgher seine Karriere mit Der Manitou; einem soliden Grusler, der neben Schamanenglaube auch noch ein bisschen mit Lovecraft anbandelte. 1978 gab es sogar eine, nun ja, leicht wirre Verfilmung des Stoffes mit Tony Curtis und Susan Strassberg in den Hauptrollen – und dämonischen Indianergnomen sowie einem Finale mit Weltraum und Laserblitzen. Wie gesagt, ein bisschen überladen, aber dennoch unterhaltsam. Warum die Übersetzer den Film dazumal mit Der Super-Zombie betitelten, wird wohl bis in alle Ewigkeit ihr Geheimnis bleiben.

 

Doch zurück zum »Atmen der Bestie«. Für Protagonist und Erzähler John Hyatt beginnt alles mit dem Besuch eines alten Mannes. Seymour Wallis lautet der Name des durchaus kultiviert anmutenden, einstigen Brückenbauers – wäre da nicht diese Aura der Furcht, die ihn begleitet; ausgelöst durch sonderbare Klänge in seinem Haus, die sich wie Atemgeräusche anhören. Selbstredend verbietet es Hyatts Anstand, dem älteren Herrn einen dezenten Wink auf dessen Geisteszustand zu geben. Auch eine rationelle Ursachenforschung bringt den Mann vom Entsorgungsamt der Stadt San Francisco nicht weiter. Mehr noch: Wallis’ Bericht hat Hyatts Neugier geweckt – und die von seinem Kollegen, dem leicht introvertierten, aber sympathischen Dan Machin. Zusammen suchen die beiden Wallis Anwesen auf, welches die Besucher bereits dank des unheimlichen Türklopfers auf ganz besondere Art und Weise empfängt. Führt eine erste, oberflächliche Inspektion des Gebäudes ins Leere, geleitet Seymour Wallis seine Gäste zum Ursprung der unheimlichen Geräusche, seinem Arbeitszimmer. Was zunächst ebenfalls nach einem Reinfall erscheint, entpuppt sich unvermittelt als Fiasko, das als Nachspiel sogar Machins Einlieferung in ein Krankenhaus zur Folge hat.

Demnach entsprang jenes ominöse Atmen keinesfalls Wallis’ Einbildung oder einem, in den Wänden feststeckenden Tier. Vielmehr hat es einen anderen, offenbar übernatürlichen Ursprung. Noch immer von seiner Neugier angestachelt, wagt Hyatt einen zweiten Versuch, diesmal gemeinsam mit seiner On-/Off-Freundin, Jane Torresino und Machins behandelndem Arzt, Dr. Jarvis, der aufgrund merkwürdiger Untersuchungsresultate gleichermaßen neugierig geworden ist. Unterdessen beginnt sich Dan Machin zu verwandeln – und eine alte, von Grund auf böse Entität sucht den Weg zurück ins Reich der Menschen …

 

Wer einen originellen, packenden und temporeichen Horrorroman sucht, der wird mit »Das Atmen der Bestie« garantiert nicht viel falsch machen. Bemerkenswert, mit welcher Präzision der damals 32jährige Masterton binnen weniger Abschnitte den Leser in seinen Bann nimmt. Dabei gelingt ihm ein eindrucksvoller Spagat zwischen knapper Bestimmtheit und unheimlicher Stimmung; liest sich besonders der erste Teil des Romans wie eine klassische Spukhausmär Marke Poe und Konsorten. Jedenfalls so lange, bis der zunächst körperlose Gegner nicht deutlich zutage tritt. Danach kippt der Roman; verwandelt sich die unheimliche Subtilität in eine immer kräftiger zupackende Mischung aus atemloser Spurensuche und bisweilen äußerst brutaler Monsterhatz, die stellenweise aufgrund ihrer unbeherrscht-blutigen Natur an die berüchtigtsten Passagen von John Carpenters Das Ding (1982) erinnert.

Dennoch wirkt dieser zweite Part keinesfalls fremdartig oder schlichtweg selbstzweckhaft, wenngleich man aufgrund der indianischen Natur der Bedrohung und diverser anderer Elemente mitunter den Eindruck nicht los wird, als habe sich Masterton hie und da bei sich selbst bedient. Stichwort »Manitou«. Dem Lesespaß macht dies aber keinen Abbruch; weit gefehlt. Man merkt, dass sich der Autor mit den Sagen der amerikanischen Ureinwohner bestens auskennt und demzufolge auch große Freude daran hat, mit besagten Mythen ein bisschen herumzuexperimentieren. Überwiegend staunt man nicht schlecht über die garstigen Einfälle Mastertons; kann »Das Atmen der Bestie« locker mit den Elaboraten der heutigen Zeit mithalten. Mehr noch: Mit der Erwähnung von »Der Pein der Drei« beschert Masterton dem Leser zudem eine von jenen ganz besonderen Boshaftigkeiten, für die er inzwischen legendär ist.

Einzig beim finalen Endkampf gerät das Ganze dann doch ein bisschen ins Stolpern; türmt Masterton einfach zu viel Mythen, Ideen und Fragmente auf und sorgt für leichte Orientierungslosigkeit innerhalb eines Finales, das mitunter ein bisschen zu sehr an die alten Monsterschinken aus den seligen 50er Jahren erinnert. Dennoch: Es bleibt bewundernswert, wie phantasievoll Masterton innerhalb besagter 250 Seiten agiert.

 

Fazit:

»Das Atmen der Bestie« ist ein überdurchschnittlich guter und origineller Horrorthriller, der zunächst als Lehrstück in Sachen präzise aufbauender Atmosphäre punktet, ehe er in einen nahtlosen Monsterschocker übergeht, ohne dabei gezwungen zu wirken. Die indianischen Überlieferungen, welche die Inspiration bilden, sind ein weiterer großer Pluspunkt und werden von Masterton überwiegend gekonnt verwendet, wenngleich das reichlich aufgetischte Mahl der Geister und Dämonen das Finale ein bisschen überfrachten. Hier gibt’s einen Abzug in der B-Note. Schmälern tut dies jedoch den hervorragenden Gesamteindruck nicht.

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Atmen der Bestie

Autor: Graham Masterton

Originaltitel: Charnel House

Übersetzer: Felix F. Frey

Taschenbuch, 256 Seiten

Festa-Verlag, 28. November 2012

 

ISBN-10: 3865521355

ISBN-13: 978-3865521354

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-Asin: B009JJEEEQ

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

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Erstellt: 05.01.2013, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57