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Das Zeichen des Phönix von Pip Ballantine und Tee Morris

Reihe: Books & Braun 1

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

John Steed und Emma Peel, Madelyn Hayes und David Addison. Sollte das Autorengespann Pip Ballantine und Tee Morris jemals behaupten, noch nie etwas von diesen beiden legendären Schnüffler-Duos gehört zu haben, dann wäre dies mit Sicherheit glatt gelogen. Denn ihre fiktiven Helden – die draufgängerische und emanzipierte Schönheit Eliza Braun sowie der schüchtern-verschrobene Archivar Wellington Books – bewegen sich in ebenjenen Gewässern, welche schon ihre Vorgänger in Mit Schirm, Charme und Melone und Das Model und der Schnüffler erfolgreich durchquert haben. Soll heißen: Hier treffen – nein prallen! – zwei Charaktere zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Abgesehen davon, dass sie beide Agenten Ihrer Majestät sind, dem Ministerium für Eigenartige Vorkommnisse unterstellt. Während Books sein Dasein in einem feuchten, fensterlosen Archiv unterhalb der Themse bestreitet, gehört die resolute Eliza definitiv zu den praktisch veranlagten Menschen. Ihre Welt ist demzufolge auch dieselbige; ganz gleich, ob sie der Auftrag nun nach Afrika, Asien oder gar in die Antarktis führt. Eben jener letzt genannte und sicherlich mehr als unwirtlich anmutende Ort ist es auch, an dem sie Bekanntschaft mit dem Archivar Books macht. Ungewollt, versteht sich. Warum der Feind ausgerechnet ihn ins arktische Hauptquartier entführt hat, entzieht sich zudem (noch) ihrem messerscharfen Verstand. Ganz ähnlich denkt auch Wellington Books über seine Retterin, respektive deren brachiale Methoden, die letztlich viele Tote und ein Schneise der Verwüstung zurücklässt. Nicht unbedingt das Verhalten einer wohlerzogenen britischen Dame, eher dass einer rückständigen Kolonistin. Und dass Eliza Braun tatsächlich aus der Kolonie Neuseeland stammt, reicht für neuerliches, abfälliges Stirnrunzeln. Ebenso wie Wellington Books auf Worte des Dankes verzichtet – und inständig hofft, diesem rüpelhaften Damenzimmer nie mehr zu begegnen!

Da hat er allerdings die Rechnung ohne den Leiter des Ministeriums gemacht; eines altgedienten Haudegens namens Smith, der seine beste Agentin prompt in Books’ Archiv strafversetzt. Spätestens jetzt treffen zwei komplett entgegensetzte Welten ungebremst aufeinander, was in hitzigen Wortduellen, abschätzigen Bemerkungen sowie dem einen oder anderen Verlust wertvoller Fundstücke und Reliquien mündet. Insgeheim beginnen die beiden Agenten allerdings, mehr und mehr Respekt für die Arbeiten des anderen zu entwickeln – ohne es offen zuzugeben, versteht sich. Dafür sind sich nämlich beide viel zu stolz.

Die gepflegte Langeweile ändert sich schlagartig, als Eliza inmitten der »vergessenen Fälle« auf eine Fallakte ihres einstigen Partners und Geliebten, Agent Harrion Thorne stößt. Dieser vegetiert seit fast einem Jahr in der berüchtigten Nervenheilanstalt Bedlam. Der Grund? Niemand weiß es. Prompt erwacht das Jagdfieber von neuem in Eliza; verlässt sie entgegen ihrer Order und Books’ Ermahnungen das Archiv und stellt Nachforschungen an. Allerdings unterschätzt sie Wellington Books’ detektivische Fähigkeiten. Erst, nachdem dieser in Fleisch und Blut vor ihr steht, ist ihr klar, einen leidlich lästigen Klotz am Bein zu haben, den sie so schnell nicht wieder los wird. Klein beigeben ist aber keine Option. Gemeinsam folgen sie den Hinweisen, welche Thorne vor seiner Einweisung an diversen Londoner Lokalitäten zurück gelassen hat. Spätestens, nachdem die ersten Häscher nach ihrer beider Leben trachten, steht fest: sie sind der richtigen Fährte auf der Spur. Und diese mündet in einen Geheimbund, dessen unglaubliche Pläne das britische Empire in einen Strudel aus Chaos und Zerstörung reißen könnten …

 

Wie bereits angedeutet, beginnt der Auftakt von Books & Braun furios. Temporeiche Action, knackige Dialoge und eine mehr als gelungene Verbeugung vor den klassischen Screwball-Komödien. Insgeheim stellt sich der Leser danach aber spätestens ein paar durchaus legitime Fragen: Geht es so weiter? Kann das Autorenduo diese wunderbar flotte Prosa beibehalten? Bei einer Länge von etwas über 500 Seiten gewiss mehr als berechtigte Sachverhalte, die sich allerdings sehr bald in Wohlgefallen auflösen. Das Zeichen des Phönix ist ein prächtiger Pageturner geworden, der bestens unterhält und praktisch keine Langeweile aufkommen lässt.

Querlesen? Nicht bei diesem Buch. Da bedarf es auch nicht zwangsläufig rasanter Actionszenen (die dennoch in ausreichender, aber niemals überbordender Quantität vorhanden sind). Vielmehr punkten Ballantine und Morris durch eine sehr glaubwürdige Atmosphäre, herrlichen Anspielungen (u. a. auf Poe, Verne und weitere Literaten der damaligen Zeit), tollen, aber niemals übertrieben wirkenden Apparaten und Erbauungen (darunter übrigens auch eine Differenzmaschine – mit freundlichen Grüßen an die Herren Gibson und Sterling!), vor allem aber durch ihr erstklassiges Protagonistengespann, das sich wirklich nicht hinter den oben erwähnten Vorgängerduos verstecken muss beziehungsweise als unglaubwürdige Kopie durchgeht.

Freilich lebt auch die Zusammenarbeit zwischen dem pflichtbewussten Bücherwurm und der hitzköpfigen Agentin vor allem durch die unverhohlen präsentierte Divergenz zueinander, die sich zwar im Laufe allmählich relativiert, aber niemals komplett außer Kraft gesetzt wird. Ferner haben die Autoren merklich Freude daran, gerne mal mit den Erwartungen des Lesers zu spielen. So kann der definitiv clevere und manchmal sogar verschlagene Books die Führung übernehmen, während ein anderes Mal der vermeintliche Gehorsam seiner Partnerin prompt aufs Glatteis führt. Demzufolge sind den beiden auch Dialoge in die Münder gelegt worden, die stets höchst lebendig, sexy, charmant, entwaffnend und mehr als einmal überraschend doppeldeutig ausgefallen sind. Ohnehin: Man staunt, wie freiherzig und mitunter gewalttätig manche Passagen ausgefallen sind – ohne dabei ins Übertriebene abzugleiten. So fügt sich auch eine durchaus explizite Orgie im Quartier des potenziellen Feindes wunderbar schlüssig in die Handlung ein. Ebenso die mannigfaltigen Maschinen und Gadgets, die auch der legendäre »Q« aus den Bond-Filmen nicht besser hätte hinkriegen können. Auch hier wird der Bogen keineswegs überspannt; hat das Absurde keinen Platz. Mehr noch: Obwohl man sich klar zum Steampunk-Genre bekennt, hat man überwiegend nicht das Gefühl, einen solchen Roman zu lesen; zu real und zu bodenständig präsentiert sich das Ganze. Insofern dürfte »Das Zeichen des Phönix« nicht nur den Freunden von Dampf und Zahnrädern gefallen, sondern besonders all jenen, die eine verdammt gute Geschichte zu schätzen wissen – und dies ist eine.

 

Fazit:

Was für ein Einstand! Mit ihrem gegensätzlichen Agentenduo haben Pip Ballantine und Tee Morris einen wunderbar kurzweiligen, niemals laschen Roman abgeliefert, der das Beste aus Steampunk, viktorianischem Krimi, Agententhriller und nicht zuletzt Screwball-Comedy in sich vereint, ohne dabei aufgesetzt oder unoriginell zu wirken, wobei die meisterhafte Leistung von Übersetzerin Michaela Link sicherlich auch ihr Scherflein beigetragen hat. Man darf sich also schon auf die Fortsetzung, Die Janus-Affäre freuen, welche für den Dezember 2012 angekündigt wurde. Einfach grandios!

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Zeichen des Phönix

Reihe: Books & Braun 1

Originaltitel: Phoenix Rising: A Ministry of Peculiar Occurrences Novel

Autoren: Pip Ballantine und Tee Morris

Übersetzerin: Michaela Link

Taschenbuch, 508 Seiten

Lyx, 8. Juni 2012

 

ISBN-10: 3802586433

ISBN-13: 978-3802586439

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B008847C7E

 

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Erstellt: 14.09.2012, zuletzt aktualisiert: 06.12.2019 15:13