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Der lachende Mann von Victor Hugo

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

›Die Comprachicos – im siebzehnten Jahrhundert berühmt-berüchtigt, im achtzehnten Jahrhundert vergessen. Die Comprachicos – sie kauften und verkauften Kinder. Und was machten sie mit diesen Kindern? Sie machten Ungeheuer aus ihnen. Warum Ungeheuer? Zum Vergnügen. Das Volk will lachen, die Könige auch. Die Straßenecken brauchen ihren Hanswurst, die königlichen Schlösser ihren Narren.‹

L'homme qui rit, im Original erstmals 1869 erschienen, wird hier in der noch im selben Jahr vorgelegten Erstübersetzung von Georg Büchmann neu herausgegeben, wie ebendiese in vier schön ausgestatteten Bänden. Dieses Meisterwerk des sozialkritischen Grauens war die Vorlage für den legendären Film Der Mann, der lacht (1928) mit Conrad Veidt. Hugos Figurenzeichnung wie auch seine Schilderung des menschlichen Leidens an der Gesellschaft sind bis heute unübertroffen.

 

Rezension:

Victor Hugo versprach sich von seinem im Exil verfassten Roman Der lachende Mann eine ganze Menge. Doch er wurde enttäuscht. Heute würde man sagen, dass der Autor einen Weg gegangen war, auf dem ihm seine Leserschaft nicht folgen wollte.

Im Laufe der Zeit änderte sich das Renommee des Werkes zwar, aber zu den bekannteren Textes des Autors gehört es bisher nicht, obwohl es die literarische Vorlage des Comic-Helden Joker ist.

 

Hugos Landsleute mögen damals kein Interesse an einer Geschichte gehabt haben, die im England des Jahres 1689 beginnt – für ein heutiges Publikum jedoch dürfte die Handlung an sich reizvoll sein.

Eine Truppe Vagabunden, Comprachicos genannt, die davon lebt, Kinder durch Operationen und ähnlichem so zu verformen und zu entstellen, dass sie an adlige Häusern als Narr und Witzfiguren verkauft werden können, muss in stürmischer Nacht England verlassen, da ihr besonderes Gewerbe jüngst durch Gesetz unter Strafe gestellt wurde.

Man lässt am Strand, mitten im Winter, einen Jungen zurück, dessen Gesicht so behandelt wurde, das es auf ewig in einem breiten Grinsen erstarrt bleibt. Während das Boot sich dem Sturm entgegenstellt, irrt das frierende Kind barfuß durch die dunkle Nacht. In einer Schneewehe stolpert es über eine tote Frau, in deren Armen ein Baby wimmert. Der Junge birgt das blinde Mädchen an seinem Körper und gelangt halbtot in eine Stadt. Doch niemand öffnet dem Verzweifelten. Erst ein fahrender Künstler nimmt das Paar bei sich auf. Ursus heißt der Mann und zu ihm gehört ein zahmer Wolf – Homo genannt.

Obwohl Ursus seit Jahren ein einsames Leben führt und von etwas Schauspiel und Medizinverkaufen lebt, beschließt er, die Kinder bei sich zu behalten. So werden Gwynplaine und Dea älter und bald baut Ursus sie in sein Schauspiel ein, denn das schreckliche Lachen im Gesicht des Jungen zieht die Leute ebenso an, wie die Schönheit des jungen Mädchens.

Doch in jener stürmischen Nacht kamen die Comprachicos nicht davon. Kurz bevor der Sturm ihr Schiff verschlang, versuchten sie, sich ihrer Sünden zu entledigen und eine Beichte wurde in eine Flasche gesteckt, verkorkt und dem Meer übergeben. Jahre später gab das Meer die Post wieder frei und so gelangte sie bis an den englischen Hof, denn in der Beichte wurde die Herkunft Gwynplaines offenbart …

 

Dieser Kern der Geschichte steckt voller Drama und Gefühl. Großartige Figuren finden sich darin und Hugo hätte daraus problemlos eine sehr bewegende Abenteuer- und Liebesgeschichte machen können. In der Tat ist sie auch in den vier Bänden verborgen. Doch Hugo hatte einen ganz anderen Anspruch, eine ganz andere Vorstellung davon, auf welche Art er mit seinem Werk unterhalten wollte.

Das wird deutlich, wenn man sich die Struktur des Romans anschaut. Die Handlung wird nichtlinear erzählt. Die vier Bände sind in zehn Bücher unterteilt und die Hälfte von ihnen haben mit der Handlung nur indirekt zu tun. So unterrichtet uns Hugo in Schiffbau, Geschichte, englischer Adelskunde und Architektur. Ausführlich und in epischer Breite. Es fällt durchaus nicht leicht, sich auf diese Abschweifungen einzulassen, die wohl nur von Laurence Sterne in seinem Tristram Shandy übertroffen wurde.

Dabei haben sie durchaus ihre Berechtigung. So erläutert Hugo sehr ausführlich die Geschichte und die Zusammensetzung des »House of Lords«, seine Rituale und Traditionen. Umso erbärmlicher erscheint dann die Reaktion der Mitglieder des Oberhauses auf Gwynplaines Rede, als er ihnen von der Armut des Volkes berichten will, durch die ihr Reichtum überhaupt erst möglich wird. Die Gegenüberstellung der ausführlichen Historie, der darin konservierten Würde, Ehre, Moral und der sich entblößenden Menschen hinter den Pairs-Masken ist großartig herausgearbeitet.

Viele der lang und breit eingeführten Institutionen erhalten dadurch jene Monstrosität, die Herausgeber Georg Büchmann in seinem sehr ausführlichen und engagiertem Nachwort als Kernthema des Romans identifiziert. Man kann seiner Argumentation durchaus folgen, Monster und Monstrosität durchziehen alle Stränge der Handlung. Kein Wunder, dass man gerade Tobias O. Meißner für ein begeistertes Vorwort gewinnen konnte, widmet er sich in seinem Hauptwerk Hiobs Spiel doch genau diesem Thema.

 

Man sollte daher dem »Lachenden Mann« sein eigenes Lesetempo gönnen. Hugo legte nicht nur großen Wert auf kraftvolle, sprachlich hochbrillante Bilder, er konzentrierte auch die Aussagen in seinen Sätzen mit solcher Präzision, dass man immer wieder meint, eine Aphorismensammlung zu lesen. Man kann die Bände an einer beliebigen Seite aufschlagen und wird sicherlich mindestens einen Satz finden, der ganz für sich alleine stehen kann.

Konstruktion, Erzählweise und Sprachstil vermitteln eine Experimentierfreude, die man eigentlich in einem postmodernen Roman erwartet. Nimmt man sich die Zeit, Hugo durch das Labyrinth seiner Ideen und Vorstellungskraft zu folgen, erhält man eine Reichhaltigkeit, wie sie nicht allzu oft zu finden ist.

Diese zum Teil hohen Ansprüche an seine Leserinnen und Leser wird nicht ganz zu Unrecht als sperrig empfunden und hat auch dazu geführt, dass »Der lachende Mann« nicht oft verlegt wurde. Andreas Fliedner reaktivierte daher die allererste Übersetzung ins Deutsche aus dem Jahr 1869 von Georg Büchmann, der durch sein damals sehr bekanntes Nachschlagewerk Gefügelte Worte. Der Zitatenschatz des deutschen Volkes dafür prädestiniert war. Mit dem Golkonda Verlag fand sich auch in angemessener Erscheinungsort und so liegt Victor Hugos ungewöhnliches Werk nun wieder in einer schönen vierbändigen Ausgabe vor, bereit, neu entdeckt zu werden.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der lachende Mann

Original: L’homme qiu rit, 1869

Übersetzer: Georg Büchmann

Vorwort: Tobias O. Meißner

Herausgeber und Nachwort: Andreas Fliedner

Cover: s.BENeš

 

Band 1

Taschenbuch, 207 Seiten

Golkonda Verlag, 15. Dezember 2013

 

ISBN-10: 3944720024

ISBN-13: 978-3944720029

 

Erhältlich bei Amazon

 

Band 2

Taschenbuch, 164 Seiten

Golkonda Verlag, 15. Juli 2014

 

ISBN-10: 3944720296

ISBN-13: 978-3944720296

 

Erhältlich bei Amazon

 

Band 3

Taschenbuch, 162 Seiten

Golkonda Verlag, 15. November 2014

 

ISBN-10: 394472030X

ISBN-13: 978-3944720302

 

Erhältlich bei Amazon

 

Band 4

Taschenbuch, 232 Seiten

Golkonda Verlag, 15. Juli 2015

 

ISBN-10: 3944720318

ISBN-13: 978-3944720319

 

Erhältlich bei Amazon

 

E-Book-Gesamtausgabe:

Kindle-ASIN: B017DJHDVE

 

Erhältlich bei Amazon Kindle-Edition

 

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Erstellt: 04.07.2017, zuletzt aktualisiert: 21.10.2018 20:17