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Der Schatten des Mondes - Das Meer der Schatten von Fuyumi Ono

Reihe: Die Zwölf Königreiche Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

An einem ganz normalen Schultag geschieht höchst Seltsames in Tokyo: Um die Klassensprecherin Yoko Nakajima muss man sich keine Sorgen machen, denn sieht man von der sonderbaren Haarfarbe ab – die Haare sind rot – macht sie nie Probleme und scheint bei allen sehr beliebt zu sein. Dieses artige Mädchen wird nun in der Schule von einem sehr ungewöhnlichen Mann mit weißblonder Haarmähne aufgesucht. Er drängt sie mit ihm zukommen, da sie in Gefahr sei. Dieser Keiki, wie er von ebenso seltsamen sprechenden Tieren genannt wird, gibt ihr ein Schwert mit dem sie kämpfen soll, doch sie weigert sich. Als ein monströser Vogel auftaucht, ruft er einen Geist herbei, der von Yoko besitz ergreift und im Kampf ihren Körper lenkt – ob sie will oder nicht (und sie will nicht), sie muss Blut vergießen. Auf der Flucht vor weiteren herannahenden Monstern setzt Keiki das Mädchen auf einen Tiger, der sofort los fliegt. Jedoch gelingt die Flucht nur teilweise. Sie geraten in einen Hinterhalt, bei dem Yoko herabstürzend das Bewusstsein verliert. Als sie wieder erwacht, findet sie sich in einem fremden Land wieder, in dem ihr die Bewohner feindlich gesonnen sind. Wo ist Keiki? Wie gelangt die liebe Yoko zurück nach Hause?

 

Am Ende des ersten Kapitels (das Buch hat acht Kapitel) kommt Yoko in die Zwölf Königreiche. Die Zwölf Königreiche sind auf einer anderen Welt gelegen, in die man durch den Schatten des Mondes oder einen magischen Wirbelsturm gelangt. Die Reiche sind gleichförmig um ein zentrales Meer geordnet, so dass die Karte ein wenig wie eine stilisierte Blüte ausseiht. Yoko landet im südöstlichen Königreich Ko. Die Gesellschaft dort erinnert an das mittelalterliche China, auch wenn es in vielerlei Belang davon abweicht. Durch die Dörfer der Reisbauern ziehen die Speerträger des Königs, denn dieser schreibt das Auftauchen der vielen Yoma den Kaikyaku, Fremden wie Yoko, zu. Werden Kaikyaku gefasst, dann kommen sie vor Gericht und werden zumeist zum Tode verurteilt. Aber nicht alle Königreiche sind den Besuchern aus Japan feindlich gesonnen. Das nordöstliche Königreich En nimmt sie freundlich auf – kein Wunder, ist der dortige König selbst in Japan geboren worden.

Das Buch wimmelt nur so vor Fabelwesen. Da sind zunächst einmal die Yoma, die Yoko mysteriöserweise verfolgen. Bei ihnen handelt es sich um wilde Bestien, die über ein Königreich herfallen, wenn es schlecht verwaltet wird. Einzelne Yoma können von mächtigen Personen gezähmt werden. Die gewaltigen Vögel, die Yoko in Tokyo attackieren, sind Kochos; Kingen sind hühnergroße Vögel mit giftigen, messerscharfen Schwänzen. Aber es gibt auch Yoma in Form von dämonischen Tigern, Affen und allerlei mehr. Auch der Geist, der von Yoko Besitz ergreift, ist ein Yoma.

Besonders ungewöhnlich ist die Herkunft aller Lebewesen: Sie reifen in Früchten an Riboku-Bäumen heran. Wenn ein Ehepaar sich Kinder wünscht, gehen sie zum Schrein des Himmelsherrschers, binden eine Schleife an den Riboku und beten um ein Kind. Erachtet der Gott sie für bereit, lässt er eine Frucht an der entsprechenden Stelle heranreifen.

 

Die Hauptfigur ist Yoko Nakajima. Anfangs ist sie ein liebes sechzehnjähriges Mädchen, das es allen Recht machen will, das macht, was man ihr sagt. Aber die Herren von Ko wollen sie tot sehen – und so weit geht ihr Gehorsam auch nicht. In den Zwölf Königreichen muss sie sich sehr verändern: Sie muss selbst aktiv werden, denn niemand wird ihr den Weg nach Hause zeigen, und sie muss lernen sich abzugrenzen und "Nein!" zu sagen. Auf den Weg durch die Königreiche trifft sie auf viele andere Figuren, doch die meisten spielen nur eine geringe Rolle. Wichtiger allerdings ist der Hanju Rakushun. Hanjus sind halb Tier, halb Mensch – Rakushun sieht aus wie eine humanoide, kindsgroße Maus. Er ist aufgeschlossen und steht ihr in wichtigen Angelegenheiten bei.

 

Die Handlung ist die eines Bildungsromans, einem beliebten Thema in der Fantasy – Susanne Tschirner veröffentlichte in der Reihe Studien zur phantastischen Literatur den Titel Der Fantasy-Bildungsroman. Beinahe vorbildhaft schildert Ono die mehrstufige mit Ortswechseln verbundene Entwicklung. Yoko muss einiges über sich herausfinden, sie muss sich aus der Dominanz des Vaters lösen und eine unabhängige und starke Person werden um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Es gilt etliche Kämpfe mit dem magischen Schwert zu bestehen, darin ist der Roman recht typisch; in z. B. David Eddings Belgariad-Saga wird das Thema der charakterlichen Reifung mit Kämpfen eng verknüpft. Doch diese werden nicht detailliert beschrieben; die Herausforderungen sind weniger physischer als psychischer Natur – hierin erinnert Yokos Geschichte eher an Ursula LeGuins Erdsee-Reihe.

 

Der Erzählstil ist konventionell: Die Geschichte wird ausschließlich aus der Sicht Yokos erzählt, auch wenn sie einige erhellende Visionen von ihrem Zuhause hat. Die Sätze sind kurz und schlicht, sie eignen sich daher sehr gut für weniger erfahrene Leser; ein erfahrener Leser könnte sich leicht unterfordert fühlen.

Außerdem gibt es einige hübsche Tintenzeichnungen, die verschiedene Momente der Geschichte illustrieren. Sie sind im Manga-typischen Big-Eyes-Small-Mouth-Stil gehalten; dieser ist allerdings gemäßigt. Schließlich gibt es noch einige Karten, ein Glossar und eine Erläuterung der Verwaltungsdistrikte.

 

Die Zwölf Königreiche wurde von Tsuneo Kobayashi als Anime mit viel Erfolg adaptiert. Die Fernsehserie weicht in Teilen allerdings erheblich von der Romanvorlage ab. So wird die Figur der Sugimoto, die im Roman nur eine sehr kleine Rolle am Rande spielt, zur Komplementärfigur und Antagonistin ausgebaut. Durch diesen klugen Kniff können einige der im Film schwer darstellbaren internen Konflikte externalisiert werden. Außerdem wird damit die Handlungsstruktur deutlich komplexer.

 

Fazit:

Die passive und folgsame japanische Schülerin Yoko wird in ein magisches Reich verschlagen, wo sie sich gegen dämonische Bestien und feindselige Menschen verteidigen muss um den seltsamen Fremden Keiki zu finden. Dieser Fantasy-Bildungsroman steckt voller zauberhafter Bilder und Wesen, die Yoko auf ihrer abenteuerlichen Reise kennen lernt. Aufgrund des sehr gradlinigen Stils eignet sich dieser Roman besonders für weniger erfahrene Leser.

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Titel: Der Schatten des Mondes – Das Meer der Schatten

Reihe: Die Zwölf Königreiche Bd. 1

Original: Tsuki no Kage, Kage no Umi (1992)

Autor: Fuyumi Ono

Übersetzer: Heike Boudalfa, Kimiko Nakayama-Ziegler

Verlag: Tokyopop (August 2007)

Seiten: 414-Gebunden

Titelbild: Janine Höft

Innenillustrationen: Akihiro Yamada

ISBN-13: 978-3-86719-191-3

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.04.2008, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 10:52