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Der Struwwelpeter-Code von Markus K. Korb

und andere Sonderbare Erzählungen

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Welches Geheimnis versteckt sich im Kinderbuch-Klassiker „Der Struwwelpeter“?

Was verbirgt sich in den Katakomben einer verlassenen Irrenanstalt?

Was macht in den Tiefen des Meeres Jagd auf die Besatzung eines deutschen U-Bootes?

 

Rezension:

Nach den gewaltigen Anstrengungen für das geniale und aufwändige Schock! bringt Markus K. Korb einen etwas sparsamer illustrierten Band mit phantastischen Erzählungen heraus. Das kleine Bändchen kommt allerdings mit einem echten Kracher als Cover daher, vorab sei gesagt, dass es tatsächlich zur Titelstory passt und Mark Freier deren Stimmung auf den Punkt genau trifft.

Markus K. Korb verbindet in den meisten seiner Geschichten historische Hintergründe mit klassischen Settings der Grusel- und Schauergeschichten, ohne in den Tonfall des 19. Jahrhunderts zu verfallen. Vielfalt ist Programm und ein Pluspunkt der Sammlung.

 

Im Vorwort erinnert Tobias Bachmann kurz an seine Bekanntschaft mit Markus und leitet dann über zur Art und Weise des Korbschen Schaffens, dessen Grauenhaftigkeit die Leserschaft dann selbst beurteilen kann.

 

In Mutter der Puppen bearbeitet Markus K. Korb ein Standardthema. Ein Kind wird mit dem Grauen der Erwachsenenwelt konfrontiert. Wobei der kleine Eric zunächst nur mit der natürlichen Angst vor seiner uralten Tante lebt, deren Seltsamkeiten er aber beim regelmäßigen Pflichtbesuch zu ertragen gelernt hat.

Den Twist ahnt man früh, was jedoch das Abschlussbild nicht weniger eklig macht.

 

Wie der Name Der Blick des Lazarus vermuten lässt, beleuchtet die zweite Story ein biblisches Thema. Korb findet selbst im Evangelium eine Möglichkeit, ein typischen Horrorelement, den Zombie, unterzubringen. Eigentlich war er schon immer da, wenn man den Gedanken des Autors folgt. Nur logisch, dass sich dadurch auch einige andere Dinge in neuem Licht präsentieren.

Allerdings ist die Geschichte zu sehr auf die Pointe hin konstruiert und gewinnt nicht wirklich an Tiefe.

 

Mit einem Märchen geht es weiter. Das Holzweiberl erzählt von einem hochmütigen Fürsten, der eine alte Frau vom Weg in den Sumpf stößt und damit eine fluchartige Rache auslöst. Korb meistert das Genre souverän.

 

Ein Thema, dem sich Korb immer wieder stellt, ist der Kampf wider dem Vergessen der Gräuel während der Nazi-Zeit. So wird auch in Der Letzte löscht das Licht die Verantwortung am Tod jüdischer KZ-Häftlinge zum Ausgangspunkt eines ungeheuren Horrors, der nicht nur aus den eigenen Schuldgefühlen erwächst, sondern aus dem unfassbar Monströsen, den der Holocaust insgesamt darstellt.

Korb erweist sich gerade in diesen Geschichten als versierter Autor, dem es wichtig ist, den Horror in den Menschen aufzuzeigen. Die wahren Monster zu benennen.

 

Wesentlich weiter zurück in der Geschichte geht Pestkönigin. Auch hier bedient sich der Autor einer märchenhaften Sprache. Er erzählt die Sage einer Frau, die Pestkranke dadurch heilte, dass diese sich nackt zu ihr ins Bett legten. Dabei sog sie die Pest förmlich in sich auf.

Korb spielt hier mit Ekel und Aberglaube.

 

Um die im Vorwort angesprochenen Geister geht es in Die Warnung des Geistersehers. Die Story fällt insofern etwas aus der Sammlung heraus, da sie keine Pointen-Geschichte ist, sondern vielmehr eine innere Auseinandersetzung mit dem Wesen des Geistersehens darstellt. Ausgangspunkt ist eine kindliche Erfahrung, die unvermittelt in eine intensive Betrachtung der Ängste und Wahrnehmungen umschlägt, die wir alle vielleicht schon immer mit uns herumtragen und die sich Bahn brechen, wenn am Ende eines dunklen Flurs eine unheimliche Bewegung zu sehen ist.

 

Unter dem Laken ist eine kleine, sehr atmosphärische Skizze. Mehr Eltern-Horror auf drei Seiten ist kaum möglich.

 

Kingpin behandelt erneut den bösen Hauch der Vergangenheit, die aus einem Grab heraus ein ungarisches Dorf bestraft. Eine solide Story, die aber vielleicht mangels eines echten Protagonisten nicht ganz zündet.

 

Eine der tragischsten Sagen der griechischen Antike ist die von Orpheus und Euridike. Orpheus blickt zurück ist die Korbsche Horror-Version der Sage. Besonders finster wird sie durch das Unvermeidliche des Dramas.

 

Bungalow-Gespenster ist eine weitere Stimmungs-Story über Kinderängste. Schön bebildert, aber eher unspektakulär.

 

Ganz im Gegensatz dazu nutzt Das Feld der Sonnenblumenkinder eine Kindheitserinnerung, um sich mit den finstersten Auswüchsen der sowjetischen Geschichte auseinander zu setzen. Immer dann, wenn Korb sich dieser düsteren historischen Kapitel bedient, verdichtet sich seine Bilderwelt und glänzt er mit fast atemloser Action.

 

Eine weitere Sage, diesmal nordisch, ist Die Wilde Jagd. Leider etwas zu vorhersehbar und auch nicht wirklich mitreißend. Mit der Mythologie hätte man noch mehr anfangen können.

 

Horchpeilung ist eine Horror-Remineszenz an Das Boot von Wolfgang Petersen. Korb fängt die gepresste Stimmung an Bord sehr schön ein. Es ist natürlich von Vorteil, die Bilder dazu automatisch im Kopf zu haben. Erneut verknüpft er die Geschichte mit dem blutigen Erbe dieses Krieges.

 

Eine weitere Rache-Geschichte aus dem Totenreich erwartet uns mit Blindes Huhn. In wenigen Sätzen skizziert Korb die Biografie eines jugendlichen Mörders und lässt ihn grausig enden.

 

Die Titelgeschichte Der Struwwelpeter-Code ist der Höhepunkt des Erzählungsbandes. Was zunächst als Adaption von Edgar Allan Poes Goldkäfer beginnt, steigert sich zu einer fesselnden Alternativweltstory. Sowohl die Geschichte des preußischen Königshauses als auch der mit ihm fest verbundene Erste Weltkrieg spielen eine große Rolle in der Geschichte, deren Aufhänger tatsächlich das Kinderbuch von Heinrich Hoffmann ist.

Wir erleben nicht nur eine spannende Suche nach dem Geheimnis hinter dem Buch und durchforsten dabei Hoffmanns alte Klinik in Frankfurt am Main, vielmehr zeigt uns der Autor noch einmal gebündelt, was sich an Abgründen in unsere Geschichte verbirgt und an welchem Punkt die Geschichte vielleicht anders hätte verlaufen können.

 

Wie bereits erwähnt, ist die grafische Begleitung durch Mark Freier auf hohem Niveau, nie überanstrengt, stets fein passend und die Atmosphäre der bebilderten Szenerie einfangend.

Der Band ist dem letzten Jahr verstorbenen Bernd Rothe gewidmet und er wäre sicher stolz darauf gewesen.

 

Fazit:

Markus K. Korb liefert mit dem »Der Struwwelpeter-Code« eine Sammlung ganz unterschiedlicher Horror- und Schauergeschichten ab. Stets mahnen uns die Opfer, rächen sich oder winken mit dürren Knochen aus dem Reich der Toten. Das Grauen entsteht im Geist der Figuren und wenn in der Titelgeschichte ein großer Bogen in die Geschichte geschlagen wird, offenbart sich das phantastische Geschick des Autors. Kurzweilige Lektüre für Fans klassischer Schauergeschichten in moderner Sprache.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Struwwelpeter-Code

und andere Sonderbare Erzählungen

Autor: Markus K. Korb

Taschenbuch, 221 Seiten

Blitz Verlag, (1. Mai 2014)

Cover und Illustrationen: Mark Freier

Vorwort: Tobias Bachmann

Inhalt:

 

  • Mutter der Puppen
  • Der Blick des Lazarus
  • Das Holzweiberl
  • Der Letzte löscht das Licht
  • Pestkönigin
  • Die Warnung des Geistersehers
  • Unter dem Laken
  • Kingpin
  • Orpheus blickt zurück
  • Bungalow-Gespenster
  • Das Feld der Sonnenblumenkinder
  • Die Wilde Jagd
  • Horchpeilung
  • Blindes Huhn
  • Der Struwwelpeter-Code

 

 

ISBN-10: 3898403955

ISBN-13: 978-3898403955

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00KL8HL5I

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 15.07.2014, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57