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Der verliebte Teufel von Jacques Cazotte

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 6

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Für den sechsten Band der Bibliothek von Babel hat Herausgeber J. L. Borges den 1772 veröffentlichten Kurzroman Der verliebte Teufel des französischen Schriftstellers Jacques Cazotte ausgewählt.

 

Don Alvares ist ein junger Spanier, der als Offizier in der Garde des Königs von Neapel dient. Eines Abends diskutieren einige Männer das Okkulte, kommen aber nur zu belanglosen Ergebnissen. Alvares bleibt nahezu unberührt vom Thema, doch als der Gastgeber einen dienstbaren Geist seine Pfeife stopfen lässt, ist in Alvares der heftige Wunsch ebenfalls einen solchen Geist zu besitzen entstanden. Nach einigem Drängen des Dons lassen die Wissenden ihn eine Beschwörung in den Ruinen von Portici durchführen. Sie gelingt: Der Geist, der zunächst als Kamel, dann als Hündchen und schließlich als Page Biondetta erscheint, tritt in die Dienste des Spaniers. Doch schon am Abend entpuppt er sich als bezaubernde junge Frau – die später gesteht, einst eine Sylphe gewesen zu sein, aber der Dienst für Alvares gefiele ihr so gut, dass sie eine sterbliche Frau wurde. Sie sei in Liebe entflammt – sie versucht nun Don Alvares für sich zu gewinnen.

 

Don Alvares lebt zunächst in Neapel, zieht aber bald mit Biondetta nach Venedig und reist schließlich zurück zu seinem Geburtsschloss in Spanien – der Leser bekommt theoretisch allerhand zu sehen. Tatsächlich beschreibt Cazotte die Schauplätze nur sehr knapp; er schreibt für Zeitgenossen, die wissen wie es dort aussieht. Die Zeit – das späte 18. Jh. – spiegelt sich im Verhalten der Figuren; diese sind aber recht flach, daher schwankt das Setting zwischen Ambiente und Milieu.

Die phantastischen Elemente – ihre 'Realität' wird jedoch in Frage gestellt (s. U.) – entstammen der frühneuzeitlichen Vorstellung von Dämonologie: Der Gastgeber besitzt einen unsichtbaren dienstbaren Geist und Alvares beschwört sich ebenfalls einen – zunächst scheint es eine Sylphe zu sein, doch später entpuppt sie sich als der Teufel. Diese übernatürlichen Diener können nun anscheinend Magie wirken. Was diese nun wirklich bewirken kann, ist unklar.

 

Figuren gibt es nur zwei wichtige: Ich-Erzähler Don Alvares und 'Sylphe' Biondetta. Don Alvares führt ein ausschweifendes Leben – er verspielt Geld, trinkt gerne guten Wein und ist der holden Weiblichkeit nicht abgeneigt. Er ist nicht sonderlich gebildet und macht keinen Hehl daraus, dass es ihm auch egal ist. Er behauptet sogar, er wisse, was notwendig ist – zu seiner Arroganz gesellt sich Naivität. Zudem ist er stolz auf seine Herkunft und pflegt eine gewisse Eitelkeit. Sein Anker ist die Treue zu seiner Mutter – ihr Wille ist ihm außerordentlich wichtig. Don Alvares ist damit zwar keine besonders liebenswerte Figur, sondern ein adliger Fatzke. Die Figur ist rund, auch wenn sie einige Eigenheiten des archetypischen Adligen aufweist. Der egozentrische Erzähler Alvares macht sich nicht allzu viele Gedanken über Biondetta. Zunächst ist er diesem schwarzmagischen Geschöpf misstrauisch gegenüber, doch nachdem sie eine schöne Frau ist, sich demütig gegenüber Alvares verhält und beteuert, er könne sie jederzeit entlassen, akzeptiert und verliebt er sich sogar in sie.

Biondetta scheint es bloß um die Nähe zum Geliebten zu gehen; so verhält sie sich unterwürfig und stellt Alvares nicht zunächst direkt in Frage – obwohl sie ihm offenkundig weit überlegen ist. In kleinen Schritten macht sie ihn sich gewogen – bloß weil sie ihn liebt? Hat die Natur des Mädchens tatsächlich die Oberhand gewonnen mit der Fleischwerdung des Teufels?

Der Plot verläuft wie eine Beziehungsgeschichte mit ungewöhnlichen Protagonisten und entsprechend ungewöhnlichen Hindernissen. Nahe liegend wäre eine klare Überspitzung und damit eine Verarbeitung des Themas als Komödie, doch obgleich es durchaus humorvolle Momente gibt, ist sie recht ernst: Biondetta versucht Alvares zu verführen. Der Leser ahnt dabei, dass niemand den Teufel straflos so behandeln kann, wie es der eitle Spanier macht. Diese dunkle Ahnung wird bestärkt durch die eigenartigen Zufälle, die sich ereignen – sie spielen Biondetta in die Hände. Somit schweben die Kabale und die damit verbundene Rätsel immer im Hintergrund. Die Spannungsquellen sind die Rätsel und die dunkle Bedrohlichkeit mit dem Teufel umzugehen.

Der Plotfluss ist relativ zügig, allerdings muss man auf die Nuancen im Verhalten Alvares und Biondetta achten um die Änderungen zu bemerken.

Eine besondere Spannung wird dem Leser erst in den letzten Kapiteln vorgeführt: Es treten einige Widersprüche auf – einige Punkte können nicht der Wahrheit entsprechen. Alvares fragt sich sogar, ob seine Zeit mit der Sylphe nur ein Traum war – dafür spricht, dass Anfang und Ende dieser Spanne von einem Saufgelage begleitet werden. Aber anderes spricht dagegen. Der geneigte Leser kann über eine Vielzahl von Möglichkeiten nachdenken – nicht umsonst hatte Todorov diesen Text gewählt um seinen Phantastik-Begriff zu erörtern.

 

Erzähltechnisch war der Text durchaus ungewöhnlich: Es ist unklar, wie unzuverlässig der Erzähler ist. Der Handlungsaufbau ist dramatisch und progressiv; Entwicklung und Desillusionierung halten sich die Waage.

Der Stil ist erwartungsgemäß empathisch bis pathetisch. Die Sätze neigen zur Kürze; teilweise sind sie sogar grammatikalisch unvollständig – die Kürze soll die aufblitzenden Gedanken des Erzählers einfangen. Aber bevor diese Sätze die Banalitätsschwelle des Lesers unterlaufen, flicht Cazotte längere, kompliziertere Sätze ein, bei denen er Schachtelsätze gegenüber angehängten Sätzen bevorzugt. Doch auch diese Sätze behindern nie den Lesefluss. Die Wortwahl ist gehoben und der Entstehungszeit entsprechend altertümlich.

 

Fazit:

Der naive und risikobereite Don Alvares beschwört einen dienstbaren Geist – allein es scheint, als wenn Sylphe Biondetta Finsteres mit der Verführung des jungen Spaniers beabsichtigt. Vordergründig ist es eine Liebesgeschichte mit sonderbarem Personal, doch die eigenartigen Zwischenfälle machen es zu einer Verschwörungs- und Rätselgeschichte. Diese Rätsel sind besonders für Liebhaber der todorovschen Phantastik interessant.

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Titel: Der verliebte Teufel

Reihe: Die Bibliothek von Babel, Bd. 6.

Original: Diable amoureux (1772)

Autor: Jacques Cazotte

Übersetzer: Maria Bamberg u. a.

Verlag: Edition Büchergilde (2007)

Seiten: 116-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-06-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 11.07.2008, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16