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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Rezension von Matthias Hofmann

 

Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, null … Wie ein Countdown für einen Raketenstart, so hat der Hamburger Daniel Mellem die Kapitel seines Romanerstlings nummeriert. Eine originelle Idee, die wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge passt. Schließlich geht es in Die Erfindung des Countdowns um das Leben des Raketenpioniers Hermann Oberth.

 

Mellem hat sich der widersprüchlichen Figur Oberths in Form von Belletristik gewidmet. Wer eine akribisch recherchierte Biografie erwartet, sollte zu einem anderen Buch greifen. Wer sich allgemein für die Anfänge der Raketentechnik interessiert, darf sich auf einen anregenden, gut zu lesenden und unterhaltsamen Roman freuen.

 

In den Anfängen der deutschen SF-Szene, als z. B. der Science Fiction Club Deutschland (SFCD) im Jahr 1955 von Walter Ernsting und anderen gegründet wurde, hatte man sich nicht nur die »kritische Auseinandersetzung« mit der SF auf die Fahnen geschrieben, sondern auch als Ziel die »Förderung der Wissenschaften, die die Grundlage der Science Fiction bilden« ausgerufen. (Im Übrigen hat man die »Förderung einer friedlichen, humanen und toleranten Gesinnung« in der SFCD-Satzung verankert, was diverse clubinterne Gruppierungen phasenweise völlig außer Acht gelassen haben, besonders in den höchst politischen 1970er-Jahren, als die Fanzines vor lauter Belehrungen und Beleidigungen nur so strotzten.)

 

Ernsting, der unter dem Pseudonym Clark Darlton den Weltraumhelden Perry Rhodan miterfand und SF-Romane schrieb, war stets bemüht, auch renommierte Wissenschaftler für die gute Sache zu gewinnen und das in der breiten Öffentlichkeit kritisch beäugte Ansehen des Genres dadurch aufzupolieren. So konnte er unter anderem den Physiker Heinz Haber oder den Raketenwissenschaftler Willy Ley als Mitglieder gewinnen und hielt Kontakt mit dem Raketeningenieur und späteren NASA-Direktor Wernher von Braun.

 

Und damit sind wir zurück bei »Die Erfindung des Countdowns«, denn die Wege von Hermann Oberth und von Braun kreuzen sich mehrfach. Beide waren in der Hard-SF-Fraktion unter den SF-Fans hoch angesehene Pioniere der Raumfahrt. Beide sind heute, aus verschiedenen Gründen umstritten, da ihr Tun im Dritten Reich sie, zumindest während der Nazi-Zeit, in einem schlechten Licht erscheinen lässt.

 

Daniel Mellems Roman beschreibt das Leben und die Karriere von Hermann Oberth, der als sogenannter »Volksdeutscher« in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien, geboren wurde, und im späteren Nazideutschland nie richtig als Deutscher akzeptiert wurde. Da er schon in seiner Jugend mit Begeisterung Romane von Jules Verne gelesen hat und davon träumte, mit einem Gefährt in den Weltraum zu reisen, ist es kaum verwunderlich, dass er gegen den Willen seines Vaters handelte, – der wollte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen als Arzt und Chirurg trat – und Physik studierte.

 

An der Karriere von Oberth, der u. a. das Problem hatte, dass seine Dissertation mit einem Raumfahrtthema in kein Studienfach passte und dadurch überall abgewiesen wurde, kann man sehr schön den Leitspruch der SF-Fans aus den 1950er-Jahren ableiten, der sich bis in die 1990er-Jahe hielt. Damals unterschrieb man seine Briefe neunmalklug mit dem Leitsatz »Per aspera ad astra«, was so viel heißt wie »Durch Widrigkeiten zu den Sternen«. Und wenn einer viele Hürden überspringen musste, dann besonders Hermann Oberth.

 

Zwar wurde Oberth in wissenschaftlichen Kreisen mit seinem Buch Die Rakete zu den Planetenräumen (1923) bekannt und dessen Überarbeitung mit dem Titel Wege zur Raumschiffahrt (1929) wurde zum Standardwerk für Raketeningenieure, aber er hatte immer wieder mit Problemen bei der Realisierung seiner Theorien zu kämpfen. Höchst interessant sind die Begegnungen mit Max Valier, der Raketenautos als Vorstufe für eine Weltraumrakete entwickelte und beispielsweise im Winter 1929 auf dem zugefrorenen Starnberger See mit einem Raketenschlitten einen Geschwindigkeitsrekord von 400 km/h aufstellte. Valiers Verein für Raumschifffahrt (VfR) trat Oberth als Mitglied bei. Dort traf er während der Weimarer Republik viele weitere Pioniere der Raumfahrt, wie den Raketenkonstrukteur Rudolf Nebel oder theoretische Raumfahrttüftler wie Walter Hohmann.

 

Spannend ist auch die Zusammenarbeit mit dem berühmten Regisseur Fritz Lang, der nach seinem Meisterwerk Metropolis den Film Frau im Mond nach dem Drehbuch seiner Gattin Thea von Harbou drehte. Zu Promotionszwecken sollte zur Filmpremiere eine echte Rakete gestartet werden, was jedoch scheiterte. Oberth war bei der Realisierung des Films als wissenschaftlicher Berater involviert.

 

Oberths Arbeiten bildeten sowohl die Grundlage für Raketen als Kriegsinstrument, als auch in Konsequenz für die erste bemannte Mondlandung. Wernher von Braun spielte immer wieder eine Rolle im Leben Oberths. Er war es auch, der ihn später in die USA lotste.

 

Daniel Mellem kann in seinem Roman vieles nur andeuten. Schließlich geht es um Hermann Oberth und nicht um die Geschichte der Raumfahrt. Sehr schön wird herausgearbeitet, dass Oberth alles seinen Raketenforschungen unterordnet. Er vernachlässigt Frau und Kinder, und kommt nicht klar mit Rückschlägen. Sein Privatleben ist zeitweise nicht existent.

 

Auch nach zwei Weltkriegen kommt er nicht zu Ruhe und wechselt immer wieder seinen Arbeitsplatz zwischen USA und Europa. Und im Alter entwickelt er eher abstruse Theorien, so verfasste er Schriften über die Existenz von fliegenden Untertassen oder war in den 1960er-Jahren für drei Jahre Mitglied der damals neugegründeten rechten Partei NPD.

 

Unterm Strich ist »Die Erfindung des Countdowns« absolut gelungene, gut lesbare Lektüre. Der Roman beleuchtet nicht nur das Leben eines der wichtigsten Pioniere der Raumfahrt, sondern auch die Widrigkeiten der damaligen Zeit und die Widersprüche, die Oberths Handeln und Nicht-Handeln hervorgerufen haben. Eine deutliche Wertung der Geschehnisse durch den Autor erfolgt nicht. Anhänger der Cancel Culture mögen dies bedauern. Da sich jeder anhand der Ereignisse seine eigene Meinung bilden kann und sollte, ist das für mich okay.

 

Zwar ist das belletristische Debüt von Daniel Mellem keine Hochliteratur, aber aus der Edutainment- und Unterhaltungsperspektive ist es geglückt. Man kann gespannt sein, was als nächstes kommt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Erfindung des Countdowns

Autor: Daniel Mellem

Hardcover, 288 Seiten

dtv, 15. September 2020

Titelillustration: Ben McLaughlin

 

ISBN-10: 342328238X

ISBN-13: 978-3423282383

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B086XDWVMB

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 27.10.2020, zuletzt aktualisiert: 15.11.2020 16:08