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Die komische Frau von Ricarda Junge

Lena hat sich von Leander getrennt. Die beiden hatten sich in Hamburg bei einer Demo gegen den Irakkrieg kennengelernt und gleich ineinander verliebt. Bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes Adrian konnte Leander nicht dabei sein, weil er sich in Berlin bei einer neuen Zeitschrift vorstellte – er hatte Glück, bekam einen guten Job in schlechten Zeiten und so zog man nach Berlin in die Löwenstraße, Ostteil, Berlin-Friedrichshain. Das Haus ist einschüchternd, bedrückend. Leander nennt es faschistisch. Eine Zeit lang ging es mit den dreien mal gut, mal weniger gut, doch dann zog Lena endgültig den Schlussstrich. Also ist Leander ausgezogen. Das hat es nur bedingt besser gemacht. Mit Leander hatte Lena auch schöne Zeiten gehabt. Job-mäßig läuft es zunehmend schlechter – die Einschläge kommen immer dichter. Der Stress führt zu zunehmenden Fehlleistungen – Lena lässt gelegentlich die Herdplatten an und dergleichen mehr. Auch Adrian scheint die Trennung nur begrenzt gut zu verkraften: Er beklagt sich über eine komische Frau, die ihn ängstigt.

 

Die Geschichte spielt im Wesentlichen in Berlin, in eben jener Wohnung in der Löwenstraße; es gibt ein paar Ausflüge nach draußen und ein paar Rückblenden nach Hamburg. Das Setting ist sehr zeitnah: Obama ist US-Präsident, die Print-Medien verlieren ihre Kunden und entlassen ihre Mitarbeiter – Bekannte und Freunde von Lena. Gebrochene Lebensläufe, heißt es dann. So bald einer erstmal entlassen wurde, wird der Kontakt immer dünner, bis er schließlich ganz abbricht. Damit ist schon klar, dass das Setting ein Milieu und kein Ambiente ist. Konkreta werden eher vage beschrieben – die Herdplatten, die Waschmaschine, der PVC-Boden – und nur dann, wenn es für das Verständnis der Situation nötig ist. Zumeist soll es zur Stimmung beitragen. Damit ist das Setting eine Mischung aus Milieu und atmosphärischer Untermalung, das zumeist skizziert und nur an neuralgischen Punkten verdichtet wird.

Zum phantastischen Element will ich vage bleiben. Es geht um die komische Frau: Ist es Lena selbst, die den Stress nicht verkraftet, eine schon seit DDR-Zeiten spitzelnde Nachbarin – oder doch ein Gespenst? Die Geschichte lässt es lange Zeit offen, und selbst am Ende, als die Hinweise sehr deutlich geworden sind, bleiben Restzweifel.

 

Die Anzahl der Figuren ist relativ gering, und die überwiegende Mehrzahl von ihnen ist wiederum nur knapp skizziert. Zentral ist Lena. Lena ist Anfang dreißig, fühlt sich aber langsam alt werden – weil Lady Gaga beim Ostermarathon von Radio Hamburg auf Platz Eins kam und Lena nie zuvor von ihr gehört hatte. Sie hat ein Theologiestudium abgebrochen, einen kleinen Hilfsjob in einer Bibliothek gehabt und einen kleinen Roman geschrieben. Jetzt schreibt sie als freie Journalistin – Hochzeitsartikel. Sie ist eher unpolitisch, vage linksliberal, aber mit vielen konservativen Vorstellungen. Sie ist ein lebendes "Stattdessen" – statt sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden, laviert sie sich hakenschlagend durch das Leben. Von Leander erwartete sie allerdings Klarheit – seine flackernde Liebe konnte sie nicht mehr ertragen, daher die Trennung. Mit Leander war sie einige Jahre zusammen. Er ist ein klassischer Linker mit einer Karl-Marx-Gesammtausgabe im Regal und einem Willy-Brandt-Foto auf dem Schreibtisch. Nach seinem Studium arbeitet er als freier Journalist. Er recherchiert viel zu lange für seine Artikel – am Ende braucht man Geld zum Leben. Der Roman beginnt damit, dass er aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Dann ist da noch Adrian, ein süßer kleiner Fratz, der gerade erst lernt, ein Mensch zu sein. Von Leander hat er die Neugierde geerbt, von seiner Mutter die Fantasie – sieht er deshalb die komische Frau?

Bei Leander (den ich doch in irgendeinem Ausschuss der Hamburger Uni getroffen haben muss) fiel es mir am deutlichsten auf, doch es gilt auch für alle anderen Figuren: Sie wirken, wie aus dem Leben gegriffen.

 

Vom Plot her ist es eine Mischung aus Rätsel- und Wundergeschichte. Lena und besonders Adrian erleben in ihrer Wohnung seltsame und unheimliche Dinge. Diese Dinge an sich sind Wunderelemente, verstärkt werden sie durch eine solide Einbettung in den Alltag einer modernen alleinerziehenden Mutter. Da die Wunder lange Zeit – je nach Haltung des Lesers vielleicht sogar gar nicht – aufgelöst werden, sind sie auch Rätsel: Wer ist die komische Frau?

Die vielen, durchaus interessanten Schilderungen des Alltags verstärken nicht nur die Wirkung der unheimlichen Momente, sie rücken den Roman auch in die Nähe von Henry James Das Durchdrehen der Schraube oder Julio Cortazars Das besetzte Haus. Allerdings bleibt Die komische Frau meines Erachtens hinter beiden zurück, was damit zusammenhängt, dass die Plotstränge der unheimlichen Wunder und der Aufklärung derselben gen Ende nicht mehr ganz harmonieren. Nichtsdestoweniger spielen die Geschichten in derselben Liga.

 

Erzähltechnisch beschreitet die Autorin einen einigermaßen ungewöhnlichen Weg: Der Roman wird in der Fiktion geschrieben, er sei das Ego-Dokument von Lena. Nach dem Höhepunkt habe sie sich hingesetzt und von den Ereignissen berichtet. Dieser Bericht ist somit von der Ich-Erzählerin Lena ganz progressiv erzählt. Da sie sich auf die seltsamen Ereignisse und deren Einbettung konzentriert, ist der Bericht ohnehin schon episodisch. Verstärkt wird dieses durch die gemäßigte Sprunghaftigkeit der Berichtenden – sie macht Einschübe, Rückblenden und dergleichen mehr, wann immer es ihr in den Sinn kommt. Der generellen Progessivität werden also die regressiven Recherchen Lenas entgegengestellt, die versucht, in Erfahrung zu bringen, was geschah.

Trotz der länglichen, gelegentlich verschachtelten Sätze ist der Stil kristallklar. Und noch überraschender: Zu dieser Klarheit kommt noch eine distanzierte Nüchternheit – und dennoch (oder deswegen?) wirken die unheimlichen Momente wirklich gruselig.

 

Am Ende noch eine Randbemerkung: Meiner Rezension mag man es nicht ablesen, aber ich habe an vielen Stellen mit den Worten gerungen, denn der Roman ist eben nicht so klar zu beschreiben. Oftmals scheint es auf den ersten Blick ganz gewöhnlich zu sein, doch bei genauerem Hinsehen liegen die Dinge irgendwie neben der Spur. Alle Aspekte des Romans (den man übrigens auch als Novelle lesen kann) sind leicht verschoben, aber wunderbar und unaufdringlich aufeinander abgestimmt.

 

Fazit:

Nachdem Leander auszog, geschehen seltsame, unheimliche Dinge in Lenas Wohnung und ihr kleiner Sohn Adrian fürchtet sich zunehmend vor der "komischen Frau". Ricarda Junge zeigt mit ihrem schmalen Buch, dass man klassische Schauergeschichten noch immer erzählen kann. Schönes Gruseln!

 

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Roman:

Titel: Die komische Frau

Reihe: -

Original: -

Autor: Ricarda Junge

Übersetzer: -

Verlag: S. Fischer (Juli 2010)

Seiten: 189 Gebunden

Titelbild: Mark Stock

ISBN-13: 978-3-10-039329-6

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.10.2010, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27