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Die linke Hand von Hannah Tinti

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Ren ist ein zwölfjähriger Waisenjunge. Zusammen mit einer Schar weiterer Waisen lebt er im Heim der Mönche von St. Anthony. Für die Kinder ist es ein großes Glück, wenn ein Farmer entweder ein kleines Kind, das noch als eigenes durchgehen kann, oder einen kräftigen Jungen, der schon mit anpacken kann, adoptiert, denn wenn die Jungs zu alt werden, holen sie die Soldaten – es wird gemunkelt, Bruder John verkaufe sie an die Armee. Für Ren sieht es finster aus, denn ihm fehlt die linke Hand – für die Farm taugt er nicht. Jahr für Jahr kommen die Soldaten näher. Dann aber taucht ein junger Mann Namens Benjamin Nab auf, der sich als Bruder von Ren ausgibt. Indianer hätten ihre Eltern getötet und er habe erst, nachdem die Eltern gerächt waren, nach seinem Bruder gesucht. Bruder John zweifelt zwar sichtlich an der seltsamen Geschichte, aber gibt den Jungen dennoch frei. Die Zweifel waren ganz berechtig, denn bald stellt sich heraus, dass Benjamin nicht nur ein schamloser Lügner sondern auch ein Dieb, wenn nicht noch viel Schlimmeres ist. Der Halunke weiß ganz genau, wie man mittels eines verkrüppelten Kindes an das Mitleid der Menschen appelliert – doch auch kleine Schurken können mächtige Feinde haben.

 

St. Anthony liegt in Neuengland und das Geschehen trägt sich in einer Zeit zu, als die Ostküste noch wild war – irgendwann in der frühen Mitte des 19. Jh. (es gibt bereits Revolver, auch wenn diese kaum verbreitet sind, und der Bürgerkrieg hat sich noch nicht angekündigt). Damit verwendet die Autorin einen Schauplatz, der den deutschen Lesern eher unbekannt sein dürfte. Dieses Neuengland 'fühlt' sich in vielen Details noch sehr britisch an, etwa wenn die Protagonisten ein Antiquariat besuchen, eine Werft besichtigen oder mit den jugendlichen Arbeiterinnen einer Mäusefallenfabrik sprechen, doch es dringen auch echt amerikanische Details ein, etwa die Furcht vor Indianern oder die Freiheit der Farmer bzw. die generelle Absenz von Obrigkeit. Hinzu kommt, dass die schattigen Seiten des Schauplatzes erkundet werden: Der Leser folgt den Protagonisten in schäbige Kaschemmen und feuchte Kellerlöcher statt in prächtige Herrenhäuser. In diesen finsteren Ecken kann der Leser allerdings einige wirklich erstaunliche Dinge sehen – ohne dass der Roman ins Phantastische gleitet, bietet er mehr sense of wonder als viele aktuelle Fantasy-Romane. Insgesamt wird dem Schauplatz jedoch nicht viel Aufmerksamkeit zuteil, der Blick ruht verstärkt auf den fest eingebundenen Figuren. Damit wird das Setting zum Milieu.

 

Die Zahl der auftretenden Figuren ist gemäßigt hoch – es gibt etwa ein Dutzend relevanter Figuren. Sie sind allesamt Exzentriker, deren Sonderstellung vielfach aus einer Versehrung herrührt oder zumindest befördert wird. Zudem sind die Figuren von der Anlage her Archetypen, aber die Autorin durchbricht das Muster immer wieder, sodass der Leser nie von den Figuren gelangweilt wird: Sie verleiht den Typen durch fein beobachtete Dilemmata der menschlichen Psyche Ecken und Kanten, die sie zu lebendigen Individuen machen. Ren, die zentrale Figur, ist hier das beste Beispiel. Der zwölfjährige Junge wurde als Säugling in St. Anthonys gebracht. Irgendwann in seiner Kindheit hat er seine linke Hand verloren – er selbst kann sich nicht daran erinnern jemals zwei Hände gehabt zu haben. Diese fehlende Hand ist ein massiver Makel – Ren ahnt, dass ihn keine Familie nehmen wird. Das ändert nichts an seiner Sehnsucht nach einer Mutter. Die aus diesem stetigen Mangel erwachsende Frustration gleicht er damit aus, dass er klaut wie ein Rabe. Später ist er einem hässlichen Mädchen, das nur wenig älter ist als er, sehr dankbar. Einerseits nimmt sie damit ein Stück weit die Mutterrolle ein, andererseits auch die der Freundin – da sie beiden Rollen nicht gerecht wird (es auch gar nicht will), gerät Ren in eine Lage, in der er nicht weiß, wie er sich verhalten soll – er agiert widersprüchlich und letztlich verletzend. Das größte Dilemma besteht aber im Bruch zwischen katholischer Erziehung und kriminellen Lebenswandel – Ren will weder mit den Werten brechen, die ihn Bruder Joseph lehrte, noch seinen 'großen Bruder' Benjamin enttäuschen. Dieser wiederum ist ein gewaltiger Lügner. Er erzählt selten die Wahrheit und stets das, was die Menschen hören wollen. Zusammen mit allerhand schäbigen Tricks – mit Opium versetzte "Heilelixiere" und dergleichen mehr – gaunert er sich durch das Leben. Er besitzt sogar einen Revolver, doch vor Gewalt scheut er zurück. So hartherzig er auch tut, bisweilen schimmert ein Anflug von Anständigkeit durch – oder ist das auch nur eine Masche? Benjamin bleibt lange Zeit schwer einzuschätzen.

 

Figuren und Plot sind gut aufeinander abgestimmt, denn es geht einerseits um die Abenteuer einiger Halunken und andererseits um eine kleine Entwicklungsgeschichte, die sich in Rens Suche nach seiner Identität und seinem Platz in der Gesellschaft spiegelt. In dieser Hinsicht erinnert Die linke Hand deutlich an berühmte Vorgänger wie Charles Dickens' Große Erwartungen und besonders Oliver Twist oder in Teilen an Mark Twains Huckleberry Finn sowie Robert Louis Stevensons Die Grabräuber. Doch Tinti versucht nicht diese Autoren nachzuahmen, sondern sieht sie als Vorbilder, deren Themen sie für gegenwärtige Befindlichkeiten adaptiert.

Bei den Spannungsquellen balanciert die Autorin auf einer dünnen Linie zwischen grotesker Pikareske und harscher Gaunergeschichte. Im Vordergrund stehen viele direkte Bedrohungen und natürlich das Rätsel um Rens Herkunft. Dieses wird gewürzt mit einigen komischen Momenten, die leicht in echten Horror, der sich in erster Linie aus der gleichgültigen Brutalität, aber auch einigen echten Gruselmomenten speist, umschlagen kann – der umgekehrte Weg funktioniert genauso. I-Tüpfelchen sind die lebendigen Figuren und ein gelegentliche aufflammendes sense of wonder.

Der Plotfluss ist dabei sehr wechselhaft; zwar gibt es eine Steigerung vom langsamen Anfang zum sich überschlagendem Ende hin, doch diese ist keineswegs gleichmäßig, denn es gibt zwischendurch immer wieder Szenen, in denen durch detaillierte Beschreibungen eine Ruhepause oder durch rasche Action ein Sprint eingelegt wird.

 

Erzähltechnisch erscheint der Roman eher schnörkellos und konservativ. Es gibt einen zentralen Handlungsstrang – Rens Entwicklung – der aus der personalen Perspektive des Jungen erzählt wird. In diesem Strang sind allerdings einige Abenteuer-Episoden nahtlos eingefügt; der Handlungsaufbau entwickelt sich dabei weitgehend progressiv, auch wenn wichtige Details – typisch für Rätselgeschichten – regressiv nachgereicht werden.

Der Stil ist neutral-schlicht, was die Sprache zeitlos erschienen lässt; nur in wenigen Szenen wird ein historisch-treffendes Vokabular vorsichtig bemüht. Die Dialoge sind sehr pointiert und lakonisch – sie sind zum Teil bühnenreif.

 

Fazit:

Der einhändige Waisenjunge Rens hat großes Glück, dass ihn Benjamin Nab, der sich als sein großer Bruder ausgibt, aus dem St. Anthonys abholt – doch bald stellt sich heraus, dass Benjamin ein ausgebuffter Halunke ist, der Rens für seine Gaunereien einsetzen will. Mit Die linke Hand verfasste Hannah Tinti eine moderne Mischung aus Entwicklungs- und Abenteuerroman in der Tradition von Charles Dickens' – ein Debütroman, der gut zu unterhalten weiß.

 

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Roman:

Titel: Die linke Hand

Reihe: -

Original: The Good Thief (2008)

Autor: Hannah Tinti

Übersetzer: Irene Rumler

Verlag: Luchterhand

Seiten: 367 - Gebunden

Titelbild: David Frankland

ISBN-13: 978-3-630-87165-3

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.04.2009, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16