Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Der Mann hinter dem Cult

Redakteur: Christian Endres

 

Die deutsche Comicszene braucht vieles – Nachwuchstalente, einen belebteren Konkurrenzkampf mit größerer Programmvielfalt. Vor allem braucht sie aber auch mutige Verleger, die mit herausragenden, bibliophilen Publikationen das Medium Comics im Comicentwicklungsland Deutschland drastisch aufwerten und z. B. auch für den Buchhandel – und damit eine ganz andere Gruppe von Lesern – attraktiv machen. Einer dieser mutigen Verleger ist Andreas Mergenthaler, der gemeinsam mit Hardy Hellstern das Herausgeber-Duo hinter dem ambitionierten Szenepublisher Cross Cult bildet, welcher nicht zuletzt durch seine gelungenen Neuauflagen von Sin City oder Hellboy auf sich aufmerksam gemacht hat, und der uns kürzlich in einem Interview Rede und Antwort stand, uns dabei eine kleine Geschichtsstunde spendierte und uns auch einen kleinen Ausblick auf das Cross-Cult-Jahr 2007 gönnte ...

 

Fantasyguide: Hallo Andreas. Du bist Herausgeber, Letterer, Producer, Lektor, Moderator in Eurem Forum und all in all scheinbar das »Mädchen für alles«, was Cross Cult anbelangt. Nicht zuletzt in Hinblick auf diese Vielseitigkeit würde ich mich freuen, wenn Du Dich unseren Lesern mit eigenen Worten vorstellen könntest ...

 

Andreas Mergenthaler: Hallo! Ich bin einer dieser typischen End-30er-Comicfans, die in einer Zeit aufgewachsen sind, in der die Comics gerade am Aufblühen waren: Comic Art bei Carlsen, Superhelden und Fantasy bei Ehapa, tolle Heftserien bei Bastei und Condor, Zack, Yps und so weiter. Außerdem entstanden die ersten reinen Comicläden und die Comicmessen in Erlangen und Sierre (Schweiz) fanden zum ersten Mal statt. Als einschneidendes Erlebnis kam noch hinzu, dass meine beiden amerikanischen Kusinen ein paar ihrer Comichefte bei uns vergessen hatten, was mich so traumatisiert hat, dass ich später zum Sammler von US-Originalheften geworden bin, da mir klar geworden war, dass viele gute Sachen einfach nicht auf deutsch erscheinen. Was auch dazu geführt haben mag, dass ich nun mit Hilfe meiner Mitstreiter dieses Manko behebe, so weit es uns möglich ist. Während meiner Ausbildung zum Grafiker bin ich dann in die Comicszene reingerutscht. Bekannte Comiczeichner wie Martin Frei und Geier waren ein, zwei Klassenstufen über mir. Meine Helden! ;) Ich wollte damals natürlich auch Comiczeichner werden, habe mit meinem Kumpel Holger Bommer ein Fanzine herausgegeben (»Filmriss«), für das wir selbstverständlich auch selbst gezeichnet haben. Um meinem Berufswunsch nahe zu kommen, habe ich ein paar mal beim Comiczeichenseminar in Erlangen mitgemacht und war auch bei einem kurzen Seminar bei Joe Kubert in San Diego, der »Rekruten« für seine Comiczeichenschule gesucht hat. Letztendlich war ich dann aber doch zu faul und zu feige, um Comiczeichner zu werden, und habe mich auf meinen Job als Grafiker konzentriert. Damit konnte man schneller und leichter Geld verdienen.

 

Fantasyguide: Amigo Grafik, Amigo Comics, Gringo Comics – Cross Cult ist, wenn ich mich recht erinnere, nicht einfach so aus dem Boden geschossen wie Phoenix aus der Asche, sondern hat eine gewisse Entwicklung durchgemacht bzw. ist aus einer gewissen Ausgangslage heraus geboren worden. Öffnest Du für uns die Cross-Cult-Chronik und spendierst uns eine kleine Geschichtsstunde?

 

Andreas Mergenthaler: Abschlussarbeit bei meiner Grafikerausbildung war das Entwickeln einer kompletten Corporate Identity. Als Vorlage habe ich mir damals den Feest Verlag genommen und ein Logo, Briefpapier, Anzeigen, Messestände etc. für einen imaginären Comicverlag erstellt: Amigo Comics. Da alles schon ausgearbeitet war, haben Holger und ich das dann eben gleich als Verlagsnamen für unser Fanzine genommen. Unter diesem Label haben wir dann auch Comics anderer Zeichner veröffentlicht. Vor allem aus der Stuttgarter-Szene: Martin Frei, Geier, Haggi und Co. Um nicht in Kollision mit Amigo Spiele zu kommen, haben wir uns im Vorfeld der ersten Comic-Action in Essen (die Veranstaltung findet ja im Rahmen einer großen Spiele-Messe statt) dazu entschlossen, den Namen in Gringo Comics zu ändern. Mit der Zeit haben sich unsere Interessen etwas auseinander entwickelt: Holgers Augenmerk lag und liegt weiterhin auf der deutschen Szene, ich wollte auch gute US-Comics herausgeben. Die ersten waren Mark Badger in »Filmriss« und der geniale Funny-Strip- und Babe-Zeichner Frank Cho mit den University Freaks. Beide hatte ich auf der San Diego Con kennen gelernt, die ich damals glücklicherweise regelmäßig besuchen konnte, da ich als angestellter Grafiker ganz gut verdient habe. Zeitweise war ich auch als Reporter für das Comicmagazin des Interessenverbands Comic (ICOM), »Comic-Info«, unterwegs und konnte so mit vielen meiner Heroen plaudern bzw. sie interviewen: David Mazzucchelli, Marc Hempel, Mike Mignola (!), Matt Wagner, Tim Sale ... Außerdem habe ich dort auch einen meiner deutschen »Helden« kennen gelernt und mich mit ihm angefreundet: Andreas C. Knigge, der ehemalige Chefredakteur von Carlsen Comics und verantwortlich für das Herausgeben von Sin City, Hellboy und Co. Mittlerweile hatte ich mich als Grafiker unter dem Namen Amigo Grafik selbständig gemacht und glücklicherweise mit dem damals kleinen, aber aufstrebenden Dino-Verlag gleich einen meinen Interessen sehr entgegenkommenden Kunden gefunden. All dies hat irgendwie dazu geführt, dass ich Jahre später mit Hilfe meines alten Schulfreundes Hardy Hellstern, der nun mein Amigo Grafik-Kompagnon ist, endlich »richtige« Comics herausgeben kann.

 

Fantasyguide: Euer Verlagsname leitet sich von Cross Culture ab, womit ihr treffend festhalten wollt, dass ihr das Beste aus verschiedenen (Comic-)Kulturen mischt (z. B. den Inhalt von anspruchsvollen US-Comics mit dem »Manga-Format«, das wiederum kombiniert mit der Tradition europäischer Hardcover-Alben). Wo siehst Du Cross Cult unter Berücksichtigung dieses Anspruchs mittlerweile, nachdem ihr nun ja schon einige Titel und Serien auf den Weg gebracht habt? Und vor allem, wohin soll´s in Zukunft gehen – quo vadis, Cross Cult?

 

Andreas Mergenthaler: Hinter unserem Konzept (wenn man es überhaupt so nennen kann) steckt die Idee, mit neuen Formaten und frischen Ideen herausragende Comics aus aller Welt zu veröffentlichen. Aufgrund des recht hohen Preises unserer Bände und der teilweise heftigen Inhalte eher mit Ausrichtung auf eine ältere Leserschaft. Wichtig ist für uns ein hoher Unterhaltungswert. Wir haben nichts gegen sehr künstlerische Titel, aber die sind bei anderen Verlagen wie Edition Moderne oder Reprodukt besser aufgehoben. Wir wählen unsere Titel einfach nach persönlichem Geschmack aus – sehen uns also selbst als »repräsentative Zielgruppe« an. Was marketingtechnisch wohl nicht sehr clever ist. ;) Verglichen mit anderen Verlagen sind wir natürlich noch immer ein Kleinst-Comiclabel, was aber zum Glück die lizenzgebenden Verlage nicht abschreckt, uns ihre Serien anzubieten. Und in Zukunft: Wir wollen gerne wachsen und unser Programm ausbauen, irgendwann vielleicht auch mal in das Segment der von den größeren Verlagen gerne totgesagten Frankobelgischen Comics. Wir wollen aber immer auch (wenn irgend möglich) populäre, verfilmte US-Titel bringen. Nur so zieht man die Aufmerksamkeit der Presse auf sich und kann so auch seine anderen Serien bekannter machen.

 

Fantasyguide: Amigo Grafik zeichnet sich ja nicht nur für die hervorragend aufgemachten Cross-Cult-Produkte verantwortlich, sondern tut auch immer wieder einmal etwas für andere Comicverlage hierzulande (z. B. Carlsen oder Panini). Ist es schwierig, wenn man mittlerweile ein eigenes Comiclabel hat, aber nach wie vor für andere Verlage – gewissermaßen die Konkurrenz – Layout-Arbeiten machen muss, oder kann man das gedanklich strikt trennen?

 

Andreas Mergenthaler: Cross Cult läuft immer noch eher nebenbei. Unser Hauptaugenmerk liegt klar auf der Arbeit für Panini, Carlsen, EMA und Co., für die wir neben Scans, Coloring und Lettering vor allem auch ganze Anime-Magazinreihen layouten. Wir arbeiten aber auch an klassischen Comics, wie früher die komplette Dino-Superhelden-Palette und auch aktuell noch Star Wars, die Simpsons uvm. Auch das Ehapa-programmheft »Tock Tock« wird von uns gelayoutet. Noch finden es die Kollegen der großen Verlage spaßig, wenn ihre Grafiker bzw. Letterer auch eigene Comics veröffentlichen – ich hoffe, das bleibt auch so. Eine Konkurrenz für die »großen Drei« können wir sowieso nie werden, da sie zu international arbeitenden Konzernen gehören und über entsprechende finanzielle Möglichkeiten und Kontakte verfügen, von denen wir nur träumen können.

 

Fantasyguide: Lass uns zu Eurem Programm kommen: Auf den ersten Blick fällt natürlich auf, dass ihr trotz Eurer Definition als Szenepublisher oder Kleinverlag einige gewichtige »Brocken« in petto habt: Frank Millers Sin City, Mike Mignolas Hellboy, bald schon die Comics zum RTL2-Serien-Hit 24 und natürlich das gefeierte The Walking Dead. Das sind jeweils Titel, bei denen ich mich trotz aller Begeisterung für Eure wunderschönen Hardcover frage: Wieso sind sie (im Fall von Sin City und Hellboy) schon einmal in Deutschland gefloppt und laufen nun scheinbar erst bei Euch gut genug, um sich halbwegs zu rentieren, und wieso (im Fall von The Walking Dead) hat sich keiner der »Großen« Verlage um die Serien bemüht, deren Erfolg in den USA ja schon seit einiger Zeit zu verfolgen ist? Liegt es daran, dass beispielsweise Sin City schon zweimal in Deutschland erfolglos abgebrochen werden musste und nur ihr den Mut hattet, es passend zum Filmstart noch einmal zu bringen? Ist es im anderen Fall die Qualität Eurer bisherigen Produkte, die Euch beispielsweise im Kampf um Lizenzen wie der von The Walking Dead dabei hilft, einen »Großen« auszustechen?

 

Andreas Mergenthaler: Bei all diesen Serien gab es seltsamerweise keinen »Kampf«. Hellboy war bei Carlsen und EEE gefloppt. Warum? Da müsst ihr die Verantwortlichen bei den Verlagen fragen. Gerne wird dann gesagt »Die Zeit war einfach noch nicht reif« oder »Das Publikum war nicht bereit dafür«. Das stimmt sicher zum Teil auch. Bei uns war natürlich das Timing günstiger: Als wir angefragt haben, lagen die Hellboy-Rechte brach, die Verfilmung war in Planung, aber noch nicht konkret in Arbeit. Für mich war es absolut unverständlich, dass sich eine so geniale Serie in Deutschland anscheinend nicht erfolgreich publizieren lässt. Ausschlaggebend für den Erfolg unserer Ausgabe war dann aber weniger der Film, sondern das Wohlwollen der alten Hellboy-Fans, denen die Art unserer Präsentation gefallen hat: Schwarz-Weiß statt Farbe, Hardcover im Kleinformat statt Standard-US-Tradepaperback, gespickt mit zahlreichen Extras wie Interviews, Checklisten und Pin-Ups deutscher Top-Zeichner (die fast alle bekennende Mignola-Fans sind). Auch Hellboy-Schöpfer Mignola und die Redakteure und Lizenzmanager bei Dark Horse, dem Hellboy-US-Verlag, waren von unseren Ausgaben sehr angetan. Und das schönste Lob kam von Hellboy-Regisseur del Toro, der die deutschen Bände auf seinem Message-Board euphorisch gelobt hat. Bei so viel Zuspruch war es dann sehr einfach an die Rechte für Sin City (ebenfalls bei Dark Horse erschienen) zu kommen. Zumal sie das US-Format der amerikanischen Sin City-Neuausgabe an unser Format angelehnt haben. Eine einfache Anfrage hat auch genügt, um an die Rechte für eine Neu-Edition von Frank Millers historischem Epos »300« zu kommen, obwohl in diesem Fall auch andere Verlage interessiert waren, weil die Verfilmung nächstes Jahr startet. Aber auch da half uns die Tatsache, dass bei vielen US-Verlagen nicht nur das Geld ausschlaggebend ist, sondern auch Qualität und Sympathie. Bei The Walking Dead hatte schlichtweg bisher niemand nach der Lizenz gefragt. Die Kollegen von Infinity hatten es sich überlegt, waren aber zu langsam. Außerdem ist The Walking Dead eine Schwarz-Weiß-Serie und hätte deshalb nur schlecht ins Programm eines der größeren Verlage gepasst, die nun mal Farbe bei traditionellen Comics für unabdingbar halten. Ironischerweise meinen genau dieselben Verlage, dass man Mangas hingegen schwarz-weiß veröffentlichen muss. Wir sind zum Glück nicht an so starre Denkweisen gebunden.

 

Fantasyguide: Trotz aller Errungenschaften und aller Begeisterung sollte man nicht verschweigen, dass mit DC jüngst ein großer US-Verlag (dessen Vertigo-Label zudem für Euch einige sehr interessante Titel beinhaltet hätte) seine Lizenzpolitik stark zu Ungunsten der Kleinverlage verändert hat. Ich frage mich mittlerweile nicht mehr nur, wo da die Leidenschaft und das Herzblut geblieben sind oder ob der Comicmarkt, der einst voller Enthusiasten gewesen ist, wirklich zu einem kapitalistischen Sündenpfuhl verkommen ist, sondern auch, was für eine Konsequenz Ihr als betroffener Verlag daraus zieht (oder ziehen müsst)?

 

Andreas Mergenthaler: Wir müssen keine Konsequenzen daraus ziehen, denn es gibt zum Glück noch genügend andere gute Comics. Der Markt wird aber sicher etwas enger ... das stimmt. Bei aller Liebe zu den kleineren Verlagen sind den Lizenzmanagern von DC leider momentan die Hände gebunden, da der Konzern DC/Warner nur noch auf Gewinnoptimierung aus ist. Selbst, wenn das heißt, dass manche Reihen dann nicht mehr den Weg ins Ausland schaffen sollten und die Leser in diesen Ländern »sitzen gelassen« werden. Auch für das »anspruchsvolle« Label Vertigo gilt nun: Unter einer bestimmten Vertragssumme werden keine Verträge mehr abgeschlossen – das spart Anwalts- und Verwaltungskosten. Und in jedem Land gibt es nur noch einen Hauptlizenznehmer, der sich die Rosinen herauspicken kann. Das spart Aufwand, eine gesunde Konkurrenz kann aber so nicht entstehen. In Deutschland ist der US-Lizenzmarkt ja eh durch eine Art »Inzucht« geprägt: Panini macht eine gute Arbeit, keine Frage, aber da sie hierzulande alleine alle Marvel- und DC-Comics veröffentlichen und den Markt zu 90% beherrschen, kann das meines Erachtens auf Dauer nicht gut gehen. Wir tun unser bestes, um diesen Zustand zu verbessern, denn Konkurrenz belebt bekanntermaßen das Geschäft. ;)

 

Fantasyguide: Eine Möglichkeit, der Konsequenzen durch Lizenzschwierigkeiten wie mit DC zu entfliehen, wären natürlich Eigenproduktionen mit deutschen Autoren und Zeichnern. Wir haben in Deutschland einige Mangatalente, aber auch andere gute bis sehr gute Zeichner, wobei ich mich bei dieser Aussage und in Hinblick auf die gleich folgende Frage vor allem auf die Adaption von Kai Meyers phantastischen Wellenläufer-Romanen stütze, deren erster Teil mich ebenso überzeugt hat wie der erste Teil der Adaption von Wolfgang Hohlbeins Chronik der Unsterblichen. Du selbst nun hast schon ein paar mal durchblicken lassen, dass dich eine Reihe mit frischen Interpretationen deutschen Märchen- und Sagenguts reizen würde. Worauf wartet ihr also noch? Auf Zeichner und Autoren? Oder »fehlt« letztlich doch der »wirtschaftliche Sicherheitsfaktor«, so ein Projekt (als Einzelband oder vielleicht sogar als Anthologie, wo ich die größten Chancen sehen würde) in die Tat umzusetzen?

 

Andreas Mergenthaler: Wir sind noch im Aufbau begriffen und Eigenproduktionen haben keine Priorität. Wir lassen uns also Zeit. Und wenn, dann machen wir das nur mit Vollprofis, wie eben z.B. Martin Frei. Sonst hat man, wie im Fall von Die Chronik der Unsterblichen, zwar einen tollen Comic, der aber immer wieder verschoben wurde und dessen Fortsetzung vielleicht nie erscheinen wird, weil die kreativen Köpfe hinter dem Band Comics nur in Teilzeit machen können. Es gibt in Deutschland nur eine handvoll hauptberufliche Comiczeichner, weil sich damit eben nur schwer genug Geld verdienen lässt. Der Markt ist einfach zu klein. Umso erfreulicher, dass sich jetzt auch Verlage wie Ehapa/EMA um deutsche Talente kümmern. Seien es Mangas oder traditionelle Comics. Unser Hauptanliegen ist das aber, wie gesagt, nicht.

 

Fantasyguide: In Eurem Forum hast Du dazu aufgerufen, Vorschläge für Serien und Titel zu machen, die sich ins Cross-Cult-Programm eingliedern lassen würden, und die du zwecks dieses Gedankengangs auch immer mal unter die Lupe nimmst und anschließend mit den Lesern diskutierst. Das ist, auf den Punkt gebracht, ein zwar äußerst lobenswertes und erfreuliches, aber auch ziemlich ungewöhnliches Vorgehen für einen Verlag, wie ich finde. Doch wie geht es nach einem Vorschlag und eventuellem Interesse Eurerseits weiter? Diskutiert Ihr erst einmal intern über die Chance des Absatzes (Die magischen 1500 Exemplare stehen da ja immer wieder mal im Raum ...), oder erkundigt ihr euch erst nach der Lizenz und den anfallenden Kosten für selbige?

 

Andreas Mergenthaler: Um Ideen zu finden, ist es schon sehr angenehm, wenn man dabei Input von Seiten der Fans bekommen kann. Da wir nicht jedes Jahr zu allen wichtigen Messen fliegen und Trendscouts spielen können, sind wir auf solche Tipps angewiesen. Besonders bei aktuellen Themen kann es wichtig sein, wenn man sofort darauf hingewiesen wird und auch bei Frankobelgischen Titeln haben wir wegen der Sprachbarriere Hilfe nötig. Ich muss aber zugeben, dass wir nicht alle Vorschläge ernsthaft in Betracht ziehen und doch meistens an Serien interessiert sind, die uns nicht von den Fans vorgeschlagen worden sind. Die Herausgabe der Serie Torpedo wurde aber definitiv von den Fans angeregt. Die Frage nach den Absatzchancen ist natürlich auch wichtig – vorrangig ist aber die Qualität und ob es einfach Spaß machen würde, diese oder jene Serie zu veröffentlichen. Dann macht man eben ein Angebot, verhandelt, wenn es sein muss, und harrt der Dinge.

 

Fantasyguide: Kannst Du uns neben der Ankündigung zu Mignolas Adaption von Fritz Leibers Fafhrd und der Graue Mausling, auf die sich jeder Fantasy-Fan an dieser Stelle schon einmal freuen darf, bereits etwas zum Programm für 2007 ff. verraten? Gibt es beispielsweise schon etwas Neues zu Red Sonja und Euren Bemühungen in Richtung Dynamite Entertainment zu berichten? Wie schaut es nun für Dark Horses Tarzan von Kubert oder Berni-Wrightson-Material aus? Und was tut sich in Hinsicht auf das vielzitierte Alien-Material? (Und nein, ich frage nun ausnahmsweise nicht nach den Turtles ...)

 

Andreas Mergenthaler: Fafhrd und der Graue Mausling veröffentlichen wir, sobald das bei Dark Horse angekündigte Material tatsächlich erscheint. Ich weiß aber nicht, ob das bereits 2007 der Fall sein wird. Red Sonja werden wir wohl nicht bringen, da uns die Lizenzforderungen zu hoch waren. Conan hätten wir auch sehr gerne gebracht, aber da blockiert Panini leider die Lizenzen. Und die warten wohl auf einen neuen Conan-Film (der aber vielleicht nie kommen wird). Zu den anderen Themen gibt es auch nichts Neues zu berichten. Wir entscheiden das im Sommer, wenn wir das neue Programm für 2007 planen müssen. An zwei interessanten Titeln sind wir im Augenblick dran – aber darüber wird nichts verraten. Meine persönliche Lieblingsserie ist momentan Peter Bergtings The Portent. Aber ob wir die veröffentlichen, kann ich erst sagen, wenn mehr als das erste US-Heft erschienen ist. ;) Inklusive der Neu-Editionen der Hellboy-Bände planen wir für dieses Jahr 17 Neuerscheinungen – im nächsten Jahr werden wir garantiert nicht noch mehr veröffentlichen. Neben den laufenden Serien ist also nicht so wahnsinnig viel Platz für neues Material. Außerdem wird 2007 endlich wieder ein »Film-Jahr« mit mindestens zwei Verfilmungen unserer Comics: Sin City 2 und 300. Dazu 24 mit der fünften Staffel im Fernsehen. Die Zusammenarbeit mit den Filmverleihern ist zwar immer sehr interessant und lohnend, aber auch sehr zeitintensiv. Wir werden also 2007 nicht viel Zeit für neue Projekte haben.

 

Fantasyguide: Wir haben nun schon ein paar Mal über die tolle Aufmachung Eurer Publikationen gesprochen. Grundsätzlich würde mich aber interessieren, wieso ihr Euch für das edle, im direkten Vergleich jedoch auch etwas kostspieligere Hardcover im ungewohnten A5-Format – und damit gegen gängige deutsche und amerikanische Formate, die zudem meist im Softcover erscheinen – entschieden habt? Ist das Euer Beitrag zur Aufwertung der neunten Kunst, nicht zuletzt auch durch und speziell für den Umweg über Buchmarkt und –handel, der sich von dem Format natürlich stärker angesprochen fühlt?

 

Andreas Mergenthaler: Angefangen hat es ja mit Hellboy. Da ich ein paar Mignola-Illustrationen Zuhause im Wohnzimmer hängen habe, kam mir die Idee, sein wundervolles Artwork entsprechend edel und in Schwarz-Weiß zu publizieren. Mir gefällt die frankobelgische Tradition, alles in Hardcover zu veröffentlichen. Warum sollte das nicht im kleineren Format genau so schick wirken? Zudem lässt sich mit diesem Format der Buchhandel gut bedienen. Anfangs hatten wir mit dem kleineren Format auch auf die Manga-Leserschaft geschielt, die ja mit schwarz-weißem Artwork keine Probleme zu haben scheint, aber das hat dann doch keinen großen Effekt gehabt. Wir legen großen Wert auf gutes Design, gute Verarbeitung und Papier – weshalb der Druckpreis und auch der Endpreis recht hoch sind. Aber anscheinend haben wir damit eine »Marktlücke« entdeckt. Für gute, sorgfältig aufgemachte Comics gibt es anscheinend eine kleine, aber treue Leserschaft, die nicht nur immer nach dem billigsten Schnäppchen sucht. Schade ist nur, dass sich einige potentielle Leser unsere Comics wegen des happigen Verkaufspreises einfach nicht leisten können.

 

Fantasyguide: Mit Hellboy und Sin City wurden in den letzten Jahren zwei starke Titel aus Eurem Programm verfilmt, und zumindest den Bänden von Frank Millers Sin City hat der allgemeine Popularitätsschub durch die Leinwandumsetzung gut getan, wie Du einmal gesagt hast und die voranschreitenden Auflagen beweisen. Wie stehst Du aber generell zur Verfilmung von Comics und Graphic Novels, die ja auch mal schief gehen oder aber sogar Einfluss auf die althergebrachten Comicserien nehmen (Stichwort »organische Netzdüsen«) können?

 

Andreas Mergenthaler: Momentan bin ich auf dem Standpunkt (das ändert sich aber ständig), dass es egal ist, ob ein Film auf einem Comic basiert oder nicht. Es gibt einfach gute und schlechte Filme, genau so wie gute und schlechte Comics gibt. Eine gute Comic-Vorlage garantiert noch keinen guten Film (Spawn, Elektra, Daredevil, Constantine, V for Vendetta) und aus einer nur durchschnittlichen Vorlage kann ein guter Film werden (Blade I und II). Wir hatten mit Hellboy, Sin City und 300 großes Glück, da die jeweiligen Regisseure nicht nur absolute Fans der jeweiligen Stoffe sind, sondern auch einfach sehr talentierte Filmemacher. Diese Filme zeigen auch, dass es ein großer Vorteil sein kann, wenn sich der jeweilige Comickünstler einmischen kann. Ich habe aber auch größte Hochachtung vor Alan Moore, der sich dummerweise die Rechte an vielen seiner großartigsten Comicstoffe hat abschwatzen lassen und mit den teilweise grottenschlechten Filmen (League of Extraordinary Gentlemen) absolut nichts zu tun haben möchte. Der Mann verzichtet auf eine Menge Geld und kuscht nicht vor Hollywood – so wie es auch Frank Miller lange getan hat. Respekt!

 

Fantasyguide: Und Deine Lieblingscomicverfilmung ist ...?

 

Andreas Mergenthaler: Blade I, dicht gefolgt von Sin City, X-Men II und Hellboy. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sich 300 an die Spitze setzen wird, da ich schon immer ein Fan von Sandalen-Filmen war. Und das wird die Mutter aller Sandalen-Filme. Am schlechtesten fand ich in letzter Zeit Spider-Man I. Ich habe noch nie einen lächerlicheren Superschurken als diese Version des Grünen Kobold gesehen.

 

Fantasyguide: Was macht Andreas Mergenthaler, wenn er mal nicht an der bahnbrechenden Revolution des deutschen Comicmarkts arbeitet, vor dem Mac sitzt oder Comics liest?

 

Andreas Mergenthaler: Danke für die Blumen! ;) Wenn ich Zeit habe, spiele ich hin und wieder Diablo II und hänge ansonsten abends wie die meisten anderen auch vor dem Fernseher. Den Rest meiner Zeit nimmt meine Familie in Anspruch. Man muss sich ja auch um den Comic-lesenden Nachwuchs kümmern.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für Dein Interesse, Andreas! Bleibt Eurer Linie treu und erfreut uns weiterhin mit so schönen Publikationen.

 

Andreas Mergenthaler: Gern geschehen! Ich möchte Dein Lob gerne an unsere zahlreichen freien Mitarbeitern weiterreichen, die teilweise unentgeltlich an den Bänden mitarbeiten – als Redakteure, Lektoren und Übersetzer. Ohne sie wären unsere Comics nur halb so gut.

 

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Cross Cult Special

Weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 20.04.2006, zuletzt aktualisiert: 23.02.2015 19:30