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Interview mit Marco Göllner (Zaubermond)

Redakteur: Oliver Kotowski

 

Marco Göllner ist für den geneigten Hörer vermutlich kein Unbekannter: Zusammen mit dem Bielefelder Label Pandoras Play produzierte er einige Hörspiele wie etwa die Reihe "Chronologie der letzten Tage" und besonders "Öffne die Tür – Open the Door", der mit dem Hörspiel-Award ausgezeichneten Diplomarbeit des Medienpädagogikstudenten. Außerdem ist er als Sprecher zumeist finsterer Gesellen, wie etwa den Schneemann alias Schedoni aus der Reihe "Schattensaiten", zu hören. Gleich in vier Positionen übernimmt er bei der aktuellen Vertonung der Dämonenkiller-Romane, die unter dem Titel "Dorian Hunter" bei dem Label Zaubermond (ALIVE) erscheinen, Verantwortung: für die Regie, für die Tonproduktion, für das Skript und als Sprecher des Monsters Bruno Guozzi.

Die Hörspiele erzählen von dem englischen Journalisten Dorian Hunter, der während eines spontanen Urlaubs in Österreich feststellen muss, dass er ein Sohn der Schwarzen Familie ist. Abgestoßen von der Bosheit seiner Brüder wendet er sich ab, doch diese Entscheidung muss er teuer bezahlen, da sein Vater Asmodi ihn als Renegaten jagen lässt. Hasserfüllt versucht Dorian den Spieß umzudrehen – er will sich für seine Verluste bitter rächen.

Schauen wir, was der Regisseur der jungen, aber schon zweifach ausgezeichneten Reihe uns zu sagen hat.

 

 

Fantasyguide: Hallo Marco! Schön, dass Du Dir Zeit für das Interview nehmen konntest. Stelle Dich doch einmal kurz den Lesern vor.

 

Marco Göllner: Mein Name ist Marco Göllner, ich bin Jahrgang 1971, staatlich geprüfter Diplomsozialarbeiter, Autor, Sprecher, Hörspielproduzent und – regisseur, wohnhaft in Bad Salzuflen nebst Tochter und deren Mutter. Meine Hobbys sind Lesen, Zeichnen und Musizieren.

 

Fantasyguide: Das Hörspiel ist als Format ja nicht mehr ganz neu, als Berufsfeld aber immer noch ungewöhnlich; erzähl' doch mal, wie Du zum Hörspiel gekommen bist.

 

Marco Göllner: Ich arbeitet seit 1995 immer wieder beim Radio, war im Jahr 2000 angestellt an der Technischen Fakultät der Universität Bielefeld und dort als Projektleiter verantwortlich den hochschuleigenen Radiosender an den Start zu bringen, als in der Linguistikfakultät unter Leitung von Dr. Katja Behnke von Studierenden in englischer Sprache kurze Horrorhörspiele produziert wurden. Immer wenn noch eine kleine Rolle zu spielen war, kam man auf mich zu und sagte: "Marco, kannste mal grade...". Dann wurde ein Hörspiel für das Hochschulradio produziert in dem ich daraufhin mitspielte. Dann entschied sich Dr. Behnke zusammen mit Klaus Brandthorst eine Hörspielserie zu starten und diese auch herauszubringen. Daraus entstand das Label Pandoras Play, bei dem ich dann immer mal wieder mitsprach und für das ich schließlich den Vierteiler "Chronologie der letzten Tage" produzierte. Der Erfolg dieser Arbeit ließ mich diese Richtung weiterverfolgen. Ich fing selbst an Hörspielskripte zu schreiben und verantwortete 2004 schließlich "Öffne die Tür".

 

Fantasyguide: Du bist maßgeblich an der Hörspiel-Reihe "Dorian Hunter" beteiligt, einer – grob gesagt – Reihe um den übernatürlichen Horror. Wie bist Du zum Thema Phantastik bzw. Horror gekommen?

 

Marco Göllner: Phantastik las ich bewusst zum ersten Mal im Alter von 13 Jahren, auf Anraten meiner damaligen Freundin, "Der Herr der Ringe". Mein Jugendfreund fing ungefähr zur gleichen Zeit an Horrorfilme zu sammeln (was er bis zum heutigen Tag macht) und mein Vater besaß mehrere Videotheken und so kam ich in meiner Jugend in den Genuss so ziemlich aller Horrorfilme, die es bis dato gab. Von Komödie, über Mystery und Splatter, bis hin zu Klassikern von Murnau. Natürlich sah ich auch andere Filme. Das Interesse daran entwuchs dem Interesse am Medium Film, weniger an Horror an sich. Wir haben früh diese "modernen Märchen" kritisch auseinandergenommen und eher den intellektuelle-Gymnasiasten-Anspruch gefahren. Das machte uns bei unseres Gleichen genauso beliebt, wie bei den etwas gröber gestrickten Kollegen der anderen Schulformen, die wussten, dass, wenn es jemanden gab, der "Tanz der Teufel" ungeschnitten rumliegen hatte, dann wir. Wir hatten damals viele gute Freunde. Leider nur männliche.

 

Fantasyguide: Kannst Du drei Horror-Filme nennen, die dich besonders beeindruckt haben, und vielleicht mit einem (oder so) Satz erläutern, warum das so ist?

 

Marco Göllner: "Der Exorzist", Mitte der Achtziger gesehen. Wegen des Hantierens mit dem Kreuz und des Satzes "Lass dich von Jesus ficken!" In diesem Satz war so ungefähr alles enthalten, was man nicht (sagen) durfte. Und die im Film machten das trotzdem. Unerhört. Ich saß mit weit offenem Mund davor und dankte Gott, dass ich nicht katholisch war und gleich nach der Ansicht zur Buße rennen musste.

"Freddy Krueger", Ende der Achtziger gesehen. Etwas völlig neues. Der Böse ist kein langsam, zombieähnliche agierender, wo man sich sonst immer sagte, natürlich muss die Dame hinfallen, sonst kriegt der grob Wankende sie ja nicht, sondern ein flottes, flinkes, schnelles Etwas. Teil eins super, Teil zwei scheiße und so gings weiter. Aber ich war großer Fan und ließ mir von Oma damals einen rot-grün gestreiften Pulli stricken. Den hab ich auch noch.

Später interessierten mich (und so bis heute) eigentlich nur noch Filme in denen die Geschichte einen gewissen Kniff bewies. In denen meine Erwartung nicht erfüllt wurde, in denen ich überrascht wurde (im positiven Sinne). "The Sixth Sense" z.B. – zählt das zu Horror? Nein? Dann nehme ich "The Others".

 

Fantasyguide: Zur Reihe selbst: Was ist für Dich der besondere Reiz an "Dorian Hunter"?

 

Marco Göllner: Eine Reihe schränkt einen zuerst einmal völlig ein. Zumal von jemand anderem erdacht. Man muss die Geschichte so wiedergeben, wie sie da steht. Man hat vorgegebene Charakteren, kann vielleicht einen auslassen aber keinen hinzufügen. Man darf den Hörer nicht mit dem plötzlichen Tod des Hauptprotagonisten in Teil 5 überraschen. Auch nicht in Teil 6.

Hunter wird am Ende immer sauber rauskommen. Wie alle Serienhelden. Spannung entsteht also nur durch das "wie schafft er es diesmal?" oder eben durch die Art des Erzählens. Und vielleicht durch die Geschichte hinter der Geschichte. Das ist der "Spiel"raum. Dort tobe ich mich aus. Der Reiz liegt auch darin, mit bekannten Charakteren und bekannten Geschichten eine immer etwas andere Art von Hörspiel zu machen. Teil 3 war mehr Kammerspiel, da fast alles in einem Haus passierte, Teil 4 ist mehr Action, Teil 6 erzählt die Geschichte aus einer anderen Perspektive, nicht aus Hunters, Teil 10 wird vielleicht eher eine Mischung aus Lesung und Hörspiel. Der Reiz besteht darin Schema F zu hintergehen.

 

Fantasyguide: Nach EUROPA und Nocturna-Audio ist Zaubermond schon das dritte Label, das sich an der Vertonung der Reihe versucht –zwischen der von Nocturna und der aktuellen liegt nicht viel Zeit. Doch in jeden Neuanfang liegen neue Chancen. Was willst Du anders machen, was willst Du besser machen?

 

Marco Göllner: In den Jahren 2005/2006 schrieb ich auf Anfrage eines anderen Labels bereits die Exposés der ersten drei Teile. Sie sind nur geringfügig verändert worden. Mein Ausgangspunkt war also nicht eine andere Produktion (da zu diesem Zeitpunkt die von Nocturna Audio noch gar nicht existierte) sondern die Romane. Auch die Europa Produktionen hatte ich bis dahin nicht gehört. ("Das Henkersschwert" von Europa hab ich bis heute nicht gehört. Das ist kein Kokettieren, ich wollte sie als CD schon ein paar mal bei Ebay ersteigern, hatte aber immer das Nachsehen) Mein Ausgangspunkt war also: kann ich aus dieser Romanvorlage ein gutes Hörspiel machen? Die Antwort war für mich ja. Als ich die anderen Produktionen gehört hatte, kam die zweite Frage auf: ist meine Idee der Umsetzung besser als die von Europa oder Nocturna? Ja, natürlich, muss meine Antwort sein! Denn sonst gibt es keinen Grund weshalb ich damit unter meinem Namen nach außen treten sollte, würde ich das nicht glauben. Was ich anders machen wollte? Schema F umgehen. Eine andere Art des Erzählens versuchen.

 

Fantasyguide: In puncto Sexualität geht es in der Reihe ja schon mal gut zur Sache. Willst Du diesen Kurs beibehalten, noch mehr aufdrehen oder etwas abschwächen?

 

Marco Göllner: Beibehalten, aufdrehen und abschwächen. Alle Handlung unterliegt der Story. Jede Szene dient der Geschichte. Gibt diese es vor, oder bietet es an, wird beibehalten, aufgedreht oder abgeschwächt.

 

Fantasyguide: Die Romane – gerade die jetzt aktuell vertonten Folgen – sind in den frühen Siebzigern entstanden. Du hast ja schon etwas modernisiert: In "Der Puppenmacher" wird z. B. ein Handy verwendet. Willst Du diese Tendenz, die mir übrigens gut gefällt, weiterverstärken? Wird es irgendwann ein Internet geben?

 

Marco Göllner: Es gab die Überlegung die Serie in den Siebzigern stattfinden zu lassen. Das wäre auch viel einfacher gewesen, denn dort wurden viele Wege gemacht um miteinander in Kommunikation zu treten, also zu telefonieren oder ähnliches. Viele Passagen ziehen ihre Spannung gerade aus dem Nichtwissen des Anderen, was heutzutage mit einem Handyanruf erledigt wäre. Wir entschieden uns dagegen. Auch um des Soundtracks willen. Die Serie spielt im hier und jetzt und somit gibt es auch bei Hunter bereits Internet. In Teil 4 sucht Chapman auf seinem Palmtop nach der Karte für die Umgebung.

 

Fantasyguide: Ich nehme an, Du kennst die Hörspiel-Reihen "John Sinclair" und "Gabriel Burns". Wie würdest Du "Dorian Hunter" im Vergleich zu den beiden thematisch positionieren, wie würdest Du sie allgemein auf dem deutschen Hörspiel-Markt positionieren?

 

Marco Göllner: Ich kenne "John Sinclair" sporadisch, soll heißen, ein paar wenige Folgen. Ich behaupte, mit Ende Dreißig nicht unbedingt zur Zielgruppe zu gehören. Aber gut produziert und sehr schnell und flott und zack und hin und weg und aus. Viel Action. Kurzweilig. Das Beste aus dem Stoff gemacht. Ich kenne "Gabriel Burns" bis zu Folge acht. Und dann irgendwann nochmal eine Ende der Zwanziger. Das genaue Gegenteil in punkto Geschwindigkeit. Sehr gut produziert und sehr langsam. Pausen. Auch mal nichts. Raum. Atmen. Etwas zum Zeitpunkt des Erscheinens völlig Neues. Wunderbar, wenn jemand etwas Neues macht! (Im Moment gefällt mir sehr die Idee der Serie "Mitschnitt".) Für mich selbst war aber nach Folge acht Schluss, da ich kaum eine Frage beantwortet bekam, aber immer wieder einen Haufen neue dazu. Das Bedeutungsschwangere als Stilmittel hob die Serie in eine Höhe in der die Geschichte nicht mithalten konnte. Umsetzung perfekt, aber was will man mir erzählen?

Man möge mir mangelndes Durchhaltevermögen vorwerfen.

Beide Serien zu recht die erfolgreichsten am Markt. Jede auf ihre Art.

Genau dazwischen wollen wir mit Hunter. Thematisch ist selbstverständlich Sinclair sehr verwandt mit uns, also war klar, dass die Art der Produktion sich nicht auch ähneln soll, was wäre sonst der Reiz Hunter zu hören?

Auch mal nichts aus den Boxen kommen lassen? Wie bei "Burns"? Gern. Bin ich großer Freund von.

Also: nehmen was gefällt. Wie immer im Leben. Wie aus all den Filmen, die ich bisher sah, allen Hörspielen, die ich hörte, allen Büchern, die ich las. Völlig subjektiv. Von hier dies Stilelement, von dort jenes.

Sinclair ist laut und schnell. Burns ist leise und langsam. Dort fällt es nicht schwer sich zu positionieren. Die beiden Serien machen es uns einfach. Etwas Lautes fällt nur auf neben etwas Leisem. Etwas Leises fällt nur auf neben etwas Lautem. So soll sich Hunter anhören. Abwechslungsreich. Aber Stilmittel bitte immer nur als Sklave der Geschichte. Nicht andersherum.

 

Fantasyguide: Ganz generell gefragt: Wie hast Du Dich auf die Regieführung für die Reihe vorbereitet?

 

Marco Göllner: Mit einem Grundstudium in Psychologie und den beiden Sätzen: "Das hatte schon sehr viel Schönes, machen wir es doch einfach nochmal..." und "Ich glaube, wir sollten jetzt unbedingt erst mal eine rauchen gehen..."

 

Fantasyguide: Speziell nachgehakt: Wie genau läuft der Prozess der Sprecher-Findung ab?

 

Marco Göllner: Unterschiedlich. Ich habe da diesen Sprecher im Kopf und denke, der müsste auch mal was bei Hunter sprechen und plötzlich in Teil 7 gibt es da diese Rolle und ich denke, ja, das wäre was... Oder ich lese den Roman und denke gleich, das muss so ein Typ sein, wie der Buscemi in Conair und komme so auf Santiago Ziesmer. Meist aber schreibe ich am Skript und lese laut mit und denke, das wäre diese oder jene Betonung und dieser Tonfall und diese Stimmlage, wen gibt es denn da, der das so machen könnte und dann sucht man nach Stimmproben im Netz und wenn man Glück hat, findet man jemanden.

 

Fantasyguide: Wie läuft die Tonproduktion ab?

 

Marco Göllner: Ich bin mit allen Sprechern/Schauspielern allein im Studio in Hamburg oder Berlin und spiele sie so lange an, bis sie das erwidern, was ich mir gedacht habe. Habe ich alle zusammen, nehme ich die Tonspuren auf digitalem Medium gespeichert mit nach Hause und spiele sie auf meinen Rechner. Dann mache ich den Grobschnitt in welchem sich die Protagonisten dann zum ersten Mal richtig miteinander unterhalten. Danach läuft es ab, wie bei einem Puzzle. Oder besser noch Malen eines Bildes. Ich entwerfe Hintergründe. Vöglein zwitschern oder Autoverkehr oder Summen der Klimaanlage als Chapman Hunter verhört oder Das Ticken von Helnweins Uhr in seinem Wohnzimmer. Dann kommen Sachen hinzu wie Schubladen durchwühlen, Stühle rücken oder Seiten durchblättern. Danach schon mal stellenweise Musik. Dann Effekte wie Vampir zerplatzt oder Hunter schießt. Dann kommt Hall auf die Stimmen und Geräusche damit sie auch "wirklich" im Keller des Hauses zu Gange sind. Oder man nimmt den Stimmen jeglichen Bassanteil, damit sie auch "wirklich" draußen rumlaufen. So geht das weiter, bis das Bild vollständig ist. Meiner Meinung nach. Völlig subjektiv. Dennis (Dennis Ehrhardt ist der Produzent der Reihe. - Anm. der Redaktion) ist danach der erste Hörer und der findet dann noch dies oder das zu laut oder zu leise oder vermisst z.B. eine Gießkanne, die die Szene noch schöner machen würde und das wird dann noch geändert und schließlich komprimiere ich das Ganze leicht für das Master, da wir wollen, dass man zwar Dynamik hört, dennoch soll Hunter im Auto während der Fahrt genießbar sein. So werden besonders leise Stellen etwas angehoben.

 

Fantasyguide: Was können wir in Zukunft von Dir erwarten?

 

Marco Göllner: Zunächst selbstverständlich noch weitere Folgen Mr. Hunter und irgendwann im nächsten Jahr hoffentlich mal meinen eigenen Thriller Goldagengarden.

 

Fantasyguide: Und zum Abschluss: Welche Frage hätte gestellt werden sollen, wurde es aber nicht, und wie lautet die Antwort darauf?

 

Marco Göllner: Hättest du nicht – neben der Produktion an Dorian Hunter - auch mal Lust in anderen Produktionen wie "John Sinclair", "Gabriel Burns" oder "Die drei Fragezeichen" mitzusprechen?

Aber selbstverständlich! Ruft mich an, ich spiele doch so gerne!

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

Eure Meinung:


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Marco Göllner

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Erstellt: 28.10.2008, zuletzt aktualisiert: 03.09.2015 19:58