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Interview mit Oliver Henkel

Redakteur: Ralf Steinberg

 

 

Oliver Henkel ist in der Phantastik-Szene kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Alternativweltmeister stellte sich unseren Fragen:

 

Fantasyguide: Hallo Oliver, Die Fahrt des LEVIATHAN ist kein Debüt, vielmehr konnte man schon in Die Zeitmaschine Karls des Großen oder Im Jahre Ragnarök der Vorliebe für Alternativgeschichten erlesen. Welche Persönlichkeit steckt hinter dem fleißigen Autor, wer bist denn Du überhaupt?

 

Oliver Henkel: Oha! Die erste Frage, und schon komme ich ins Schlingern ... eigentlich rede ich nämlich nicht gerne über mich, besonders nicht im Zusammenhang mit meinen Büchern. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig arrogant, aber so ist es wirklich nicht gemeint, mein Wort darauf. Tatsächlich fühle ich mich einfach nur vage unwohl bei dem Gedanken, über mich selbst zu erzählen. Ich bitte daher um Verständnis und Vergebung, wenn der Mensch bescheiden hinter das Werk zurücktritt.

 

 

Fantasyguide: Kein Problem! Wie bist Du auf die Idee mit der preußischen Kolonie in Amerika gekommen?

 

Oliver Henkel: Durch die Notwendigkeit rascher Improvisation. 2003 war ich zum PentaCon in Dresden eingeladen worden, um aus meinem zweiten Roman Kaisertag zu lesen. Im Anschluss an die Lesung stand ich den geschätzten Zuhörern Rede und Antwort, und einer stellte die etwas unerwartete Frage, welches Alternativwelt-Szenario mich denn noch besonders reizen würde. Ich musste schnell etwas antworten, und nach Möglichkeit sollte die Antwort ja auch noch sinnvoll sein. Der schwer lokalisierbare Teil meines Gehirns, der für kreative Inspiration zuständig ist, ließ mich nicht im Stich: Innerhalb einer Sekunde hatte ich zu meiner eigenen Verblüffung eine Antwort parat. Ich erzählte, dass mich die Idee reizt, Preußen könnte in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hineingezogen werden, und am Ende weht über South Carolina die preußische Flagge. Die Idee fand damals großes Interesse - nur bedauerlicherweise kamen mir in den nächsten Jahren keine tragfähigen Einfälle, mit denen ich auf dieser Grundlage eine ganze Story hätte aufbauen können. Dennoch verlor ich die Sache nie völlig aus den Augen.

 

Statt eines neuen Romans schrieb ich 2004 erst einmal eine Kurzgeschichtensammlung, und eine der Geschichten baute auf dem auf, was mir in Dresden in den Sinn gekommen war. Ich setzte einfach als gegeben voraus, dass Preußen 1783 der Besitz South Carolinas bestätigt worden war und versuchte mir auszumalen, wie denn wohl die Welt 75 Jahre später aussehen könnte. Das Ergebnis war Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg, und in dieser im Jahr 1857 angesiedelten Kurzgeschichte habe ich die alternativhistorischen Hintergründe schon ein wenig angedeutet, ohne mich im Detail allzusehr festzulegen. Die Geschichte kam bei den Lesern gut an, und als ich im folgenden Jahr von Helmuth Mommers gebeten wurde, einen Beitrag zur Kurzgeschichten-Anthologie Die Legende von Eden beizusteuern, habe ich mich getraut, noch einen Schritt weiter zu gehen: Ich schrieb Adolf Hitler auf Wahlkampf in Amerika. Die Geschichte spielt 1929 im nach wie vor preußischen Karolina, nunmehr Teil des Deutschen Reiches in Gestalt der Weimarer Republik. Damit hatte ich ziemlich dreist zugleich festgelegt, dass sich die große Weltgeschichte kaum merklich verändert hatte, nur weil ein Zipfelchen Amerika einen anderen Besitzer hatte. Spätestens seit dem positiven Echo auf diese zweite Karolina-Story wusste ich, dass ich die Geschichte umfangreicher erzählen wollte. Es stecken so viele faszinierende Möglichkeiten darin.

 

 

Fantasyguide: Was reizte Dich an der Zeitepoche, an Preußen und dem amerikanischen Bürgerkrieg?

 

Oliver Henkel: Die Zeit, in diesem Fall konkret das Jahr 1862/63, ist an sich schon hochinteressant, weil sie von Umbrüchen und Widersprüchen geprägt ist - und ich musste sie nicht erfinden oder verändern, sondern habe mir nur überlegt, wie sie sich wohl in meinem alternativen Universum auswirken würden. Beispielsweise haben wir da die amerikanischen Südstaaten - eine Sklavenhaltergesellschaft antiken Ausmaßes, geprägt von einer Führungsschicht aristokratisch lebender Plantagenbesitzer, die sich an romantisierenden Idealbildern mittelalterlicher europäischer Feudalherrlichkeit orientieren. Und zugleich kannte die Welt bereits Telegraphie, Eisenbahnen und Dampfschiffe, all die Boten des Industriezeitalters und des technischen Fortschritts. Es passt einfach nicht zusammen. Ein faszinierender Widerspruch.

 

Das Preußen dieser Zeit ist ebenfalls faszinierend, wenn auch auf andere Weise. Es ist im Begriff, einen Weg einzuschlagen, der letztlich für Deutschland und die Welt gewichtige Folgen nach sich zieht. Otto von Bismarck, gerade vom König zum Ministerpräsidenten berufen, wird skrupellos das Prinzip vom Recht des Stärkeren in die Politik einbringen. Bis zu dieser Zeit ist Preußen ja durchaus noch nicht der militarisierte Koloss, an den man beim Anblick einer Pickelhaube fast unausweichlich denkt. Es ist eingebunden in die postnapoleonische Ordnung des Deutschen Bundes, spielt die zweite Geige hinter der noch unbestrittenen deutschen Führungsmacht Österreich, im politischen Leben sind die Liberalen tonangebend, und die Armee gilt in den Augen der europäischen Beobachter als überexerzierte, nur mit Kasernenhofdrill und ödem Gamaschendienst beschäftigte Truppe ohne Kriegserfahrung oder besonderen praktischen Wert. Auf der europäischen Bühne spielt Preußen keine große Rolle. Und das beginnt sich 1862 zu ändern. Es ist die Zeit, in der die Weiche in eine nicht wirklich erfreuliche Richtung gestellt wird. Das Preußen, dessen Bild schon fast eine Karikatur seiner selbst ist, nimmt hier seinen Anfang. Diesen Anfang zu verknüpfen mit dem Schicksal meines fiktiven Szenarios war einfach zu verlockend.

 

Der Amerikanische Bürgerkrieg ist für mich auf mehreren Ebenen interessant. Es ist der erste moderne Krieg, in dem zumindest von Seiten der Union alles ins Feld geführt wird, was eine Industrienation hervorbringen kann: Eisenbahnen für den schnellen Transport ganzer Armeen über lange Strecken, Panzerschiffe, die ersten Maschinengewehre. Ein Krieg, der in jeder Hinsicht einen drastischen Vorgeschmack darauf bot, wie kommende Konflikte aussehen würden - und der die Europäer mit seinen Ausmaßen so überforderte, dass sie es vorzogen, ihn so weit wie möglich zu ignorieren. Abgesehen von diesen Aspekten sind da natürlich auch die vielen klassischen Klischees, die einfach die Phantasie anregen. Wer Vom Winde verweht oder Fackeln im Sturm kennt, der kann sich das leicht ausmalen.

 

 

Fantasyguide: Du widmest Dich sehr ambivalenten Themen. So gibt es einen jüdischen Offizier, dem mehr oder weniger offen antisemitische Ressentiments entgegenschlagen. Ist das kein gefährlicher Stoff für einen Autor?

 

Oliver Henkel: Ich glaube schon, dass man sich an solchen Themen leicht die Finger verbrennt. Aber man kann ja diese Gefahr als Autor auch für sich nutzen. Die Figur des jüdischen Leutnants Levi ist dafür ein schönes Beispiel. Ich verführe den Leser dazu, die falschen Schlüsse zu ziehen und zu glauben, dass Levi, frustriert und desillusioniert durch die ständigen Erniedrigungen, sich in der Hoffnung auf persönlichen Vorteil von den Bösen anwerben lässt. Und ich habe meine Freude daran gehabt, mir vorzustellen, wie meine Leser mit Entsetzen und Empörung aus dem Gelesenen folgern, dass ich einen Juden als gewissenlosen Schurken zeichne. Letztlich aber habe ich sie - ohne meinen auktorialen Erzähler auch nur ein Mal die Wahrheit verbiegen zu lassen - dazu verleitet, ein Klischeebild zu sehen, das am Ende gar nicht vorhanden ist.

 

Allerdings hätte ich, um bei diesem Beispiel zu bleiben, auch keine Vorbehalte, wirklich einen Juden als negative Figur in eine Handlung einzubringen. Üble Gestalten gibt es unter den Angehörigen aller Religionen. Nur würde ich dann Stereotypen meiden wie der Teufel das Weihwasser. Es wäre halt ein Bösewicht, der zufällig Jude ist, wie er auch Katholik, Sunnit oder Shintoist sein könnte.

 

 

Fantasyguide: Auch positive Blicke auf das preußische Militär galten nicht immer als gangbare Pfade. Man könnte mit Verharmlosung kommen oder Wunschdenken. Gibt es bei diesen Themen für Dich Grenzen oder Positionen, die Dir zu heikel sind?

 

Oliver Henkel: Für das preußische Militär an sich habe ich nicht besonders viel Sympathie. Und ich glaube, die preußische Armee als Institution bekommt im Leviathan nicht unbedingt herzliche Umarmungen von mir. Natürlich ist der Roman keine Studie über demütigende Schinderei auf dem Kasernenhof, borniertes Kommissdenken und die fatalen Auswirkungen militärischer Dominanz auf die Zivilgesellschaft; aber an manchen Stellen kommt ja durchaus zum Ausdruck, dass der Einfluss und die Stellung des Militärs im preußischen Staat mit gutem Grund nicht jedem behagen. Auf gar keinen Fall möchte ich den Eindruck erwecken, das Militär und seine Wertvorstellungen zu verherrlichen. Einige meiner Charaktere mögen vielleicht glauben, dass es süß und ehrenvoll sei, fürs Vaterland zu sterben, und dass Gott entsprechend der Inschrift auf ihren Koppelschlössern wirklich mit ihnen sei. Aber ich werde keine Geschichte erzählen, die diesen Standpunkt einnimmt.

 

 

Fantasyguide: Das Frauenbild ist ein zentrales Thema im Roman, dominiert die Handlung aber nicht. Ist das ein Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um Emanzipationsende und Heimchenprämie?

 

Oliver Henkel: Nein, ganz bestimmt nicht. Daran habe ich bei keiner der weiblichen Figuren gedacht. Es gibt da keinen aktuellen Bezug, zumindest keinen, dessen ich mir bewusst wäre.

 

 

Fantasyguide: Und wie politisch bist du als Autor überhaupt?

 

Oliver Henkel: Kaum, denke ich. Ich möchte meine Geschichten nicht zu Plattformen für meine persönlichen politischen Ansichten machen. Wie gut es mir gelingt, meine eigene politische Sichtweise aus dem Spiel zu lassen, habe ich bei Kaisertag gemerkt. Ein Rezensent warf mir vor, ich würde Willy Brandt zu sehr bewundern und meiner linken Gesinnung dadurch zu viel Platz einräumen. Ein anderer meinte, eine unangemessen konservative Geisteshaltung in meiner Darstellung Erwin Rommels zu erkennen. Zwei Deutungen, die sich gegenseitig ausschließen und die ich deswegen immer noch amüsant finde. Ich habe keinerlei politisches Manifest, unter dessen Flagge ich als Autor schreite. Und ich möchte das auch nicht.

 

 

Fantasyguide: Der Kronprinz aber auch Abe Lincoln kamen bei Dir sehr gut weg. Welche historischen Quellen hast Du genutzt, um die historischen Personen nicht nur mit Leben zu füllen, sondern authentisch erscheinen zu lassen?

 

Oliver Henkel: Für bedeutende historische Personen wie den Kronprinzen und Lincoln habe ich mir ganz klassisch einige Biographien aus der Bücherei ausgeliehen. Um aus diesen Menschen Romanfiguren zu machen, habe ich mich nicht an Details ihrer Lebensläufe festgebissen, sondern eher versucht, grundlegende Eigenschaften zu finden, auf denen ich dann meine Versionen der Leute aufbaue. Prinz Friedrichs liberale Neigungen - die Schwankungen unterworfen waren und in ihrer Aufrichtigkeit unter Historikern sehr verschieden beurteilt werden - habe ich als Grundlage verwendet; sehr eindimensional, das gebe ich zu. Aber es reflektiert seine Rolle als Hoffnungsträger des Liberalismus zu jener Zeit. Bei der Darstellung von Lincoln kam zu seinen historisch verbürgten Charaktereigenschaften hinzu, dass ich ihn ja bereits in der Kurzgeschichte Mr. Lincoln fährt nach Friedrichsburg auftreten ließ, und dass diese Verknüpfung mit den speziellen Eigenheiten meiner Alternativwelt Auswirkungen auf ihn hatte. Das musste ich natürlich berücksichtigen. Aber im Kern ist er der authentische Lincoln.

 

Andere historische Persönlichkeiten habe ich aus einem Berg von Büchern und schier endloser Internet-Recherche erschlossen. Dabei war ich besonders an Details interessiert, die den Figuren Plastizität verleihen. Wenn der konföderierte Präsident Jefferson Davis keine Jubelrufe mag, weil sie seinem strengen Amtsverständnis zuwiderlaufen, oder wenn der glücklose General Burnside nach der Schlacht von Fredericksburg einen Nervenzusammenbruch erleidet, dann habe ich mich bei der Realität bedient.

 

 

Fantasyguide: Welche zeitgeschichtlichen Details hast Du weggelassen, welche musstest Du betonen, damit der Leser das Flair der Zeit nachspüren kann?

 

Oliver Henkel: Weggelassen habe ich vorwiegend Einzelheiten, die alles nur verkompliziert hätten, ohne einen Beitrag zur Story oder zur Atmosphäre zu leisten. Die komplexen und vielfältigen Ursachen und Hintergründe des Bürgerkriegs etwa habe ich nur angedeutet und mich auf einige besonders bedeutsame Punkte konzentriert. Und das gilt auch für die innenpolitische Situation Preußens 1862/63. Hätte ich versucht, detailliert die Grabenkriege zwischen Liberalen und Konservativen aller Schattierungen darzulegen, den Kampf um den Staatshaushalt und die Umstände der Ernennung Bismarcks zum Ministerpräsidenten, wäre ich schnell an meine Grenzen gestoßen. Und unterhaltsam hätte man das Ergebnis wohl auch kaum nennen können. Also ließ ich die Konstellation mehr oder weniger beiläufig durch einige meiner Figuren schildern - das hat den schönen Nebeneffekt, dass es zur Charakterzeichnung beiträgt.

 

Betont habe ich vor allem die Details, die mit den Lebenswelten meiner Figuren zusammenhängen, und die dadurch den Fokus auf seltener beachtete Facetten der Epoche lenken. Dr. Täubrich vermittelt uns einen kleinen Eindruck vom Stand der Medizin, Amalie von Rheine und Rebekka Heinrich zeigen uns, mit welchen Kleidungsstücken sich respektable Damen abplagen mussten, und selbst Major Pfeyfer macht uns mit seinem phantasielosen Blick auf so manche Einzelheit aufmerksam - und wenn es nur geschieht, weil ihm absolut der Sinn für etwas fehlt. Generell mag ich die zahllosen Kleinigkeiten, die eine vergangene Epoche greifbar und lebendig machen, und sei es nur in Nebensätzen.

 

 

Fantasyguide: Überhaupt lebt der Roman von Details, man hat das Gefühl, als sei dir das nicht nur wichtig, sondern dass Du daran auch jede Menge Spaß hattest?

 

Oliver Henkel: Oh ja! Mit das größte Vergnügen war es für mich, die Details zu recherchieren und für meine Zwecke zu arrangieren. Manchmal auf scherzhafte Weise, wie etwa bei dem angeblichen Theaterstück, das Filmfans natürlich schnell zuordnen können. Dann wieder mit Anspielungen, bei denen ich nicht sicher sein kann, ob sie jemals einem Leser auffallen, die mir aber einfach Vergnügen bereiten. Und natürlich durch die vielen zeittypischen Handlungsrequisiten - Hand aufs Herz, wer kennt hierzulande schon die bizarren Man in the Moon-Fotos, die in den USA bis weit in unser Jahrhundert hinein ein beliebtes Mitbringsel aus Vergnügungsparks waren?

 

 

Fantasyguide: Mit der »Great Western« ist Dir ein fantastisches technisches Meisterwerk in die Finger geraten. Wie kam es dazu und hattest Du keine Angst an der Größe des Schiffes zu scheitern?

 

Oliver Henkel: Da muss ich zunächst einmal den Besserwisser spielen: Es ist die "Great Eastern", die ihren Namen erhielt, weil sie eigentlich die Indien-Route befahren sollte.

 

 

Fantasyguide: Verdammt, der Verschreiber war wohl Elfenwerk!

 

Oliver Henkel: Eine »Great Western« gab es auch, einige Jahre zuvor vom gleichen Ingenieur konstruiert und auch bereits ein revolutionäres Schiff. Aber ein Zwerg im Vergleich zum Koloss »Great Eastern«. Die Idee, dieses Schiff zu verwenden, hatte ich schon lange, bevor ich die erste Zeile schrieb. Wie ich auf den Einfall kam, weiß ich leider nicht mehr - aber ich weiß noch sehr genau, dass ich lange Zeit keine Ahnung hatte, wie ich denn dieses Monstrum überhaupt sinnvoll einsetzen könnte. Mir war nur klar, dass ich es um jeden Preis als eigentliche Hauptfigur nutzen wollte.

 

Die Größe des Schiffes hat mir zu keinem Zeitpunkt Sorgen bereitet. Im Gegenteil - ich empfand gerade die exorbitante Größe als etwas, das mir viele Möglichkeiten und Freiheiten bescherte.

 

 

Fantasyguide: Was faszinierte Dich an der Technik?

 

Oliver Henkel: Dass sie ihrer Zeit so unglaublich weit voraus war. Dieses Schiff scheiterte an seiner Fortschrittlichkeit - die Zeitgenossen waren davon beeindruckt, aber sie verstanden es einfach nicht. Der Ingenieur Brunel hat alleine für die »Great Eastern« eine Unzahl von brillanten Innovationen erdacht. Sicherheitstechnisch war es auf einem Stand, der erst nach 1910 zögerlich üblich wurde; die »Titanic« war dagegen ein verantwortungslos zusammengenieteter Blechkübel. Und dann diese unerhörten Dimensionen, die auf Jahrzehnte hinaus kein Schiff erreichen oder überbieten konnte. Die Menschen der viktorianischen Epoche waren schlicht überfordert davon. Es ist ein Schiff, das sich wie eine fiebrige, unglaubwürdige Steampunk-Phantasie ausnimmt; tatsächlich glaubten manche, ich hätte es erfunden, weil es so gar nicht in das 19. Jahrhundert passt. Und doch ist es real gewesen, ich habe mir nichts davon ausgedacht. Selbst das taghelle elektrische Licht auf dem Großmast war real - eine frühe Bogenlampe, eigentlich für französische Leuchttürme vorgesehen -, wenn es auch aus Kostengründen nie in Betrieb genommen wurde.

 

 

Fantasyguide: Steht die »Great Eastern« auch für den Versuch etwas auf Steampunk zu gehen? Oder sind Dir modische Genres egal?

 

Oliver Henkel: Ich fühle mich nicht zum Steampunk hingezogen. Die Fahrt des Leviathan verwendet ja, im Unterschied zu typischen Steampunk-Werken, nur wirkliche Technologie der betreffenden Zeit, keine phantasievoll übersteigerten Weiterentwicklungen. Damit fühle ich mich wohler, als wenn ich dampfgetriebene mechanische Computer oder etwas in der Art erdenken müsste. Womit ich nicht sagen will, dass ich dergleichen niemals schreiben würde - aber im Moment habe ich dazu keine Neigung und keine interessanten Ideen.

 

 

Fantasyguide: Wie handhabt man ein so großes Figurenensemble?

 

Mühevoll. Sehr, sehr mühevoll.

 

 

Fantasyguide: Gab es Vorbilder für Major Pfeyfer, Rebekka oder Amalie?

 

Oliver Henkel: Merkt man das? Ja, Rebekka und Amalie sind lebenden Menschen nachempfunden. Ich gehe so weit zu behaupten, dass jemand, der das Buch gelesen hat und dann zufälligerweise auf die Beiden trifft, sie sofort identifizieren könnte. Ihr Äußeres und manche ihrer Angewohnheiten sind praktisch unverändert aus dem realen Leben übernommen. Das gilt übrigens auch für Dr. Täubrich sowie für Carmen Dallmeyer. Major Pfeyfer hingegen ist alleine meiner Vorstellungskraft entsprungen, ebenso der bedauernswerte Healey.

 

 

Fantasyguide: Die Einbindung von Mark Twain und Theodor Fontane erschien mir als als bewusste Konnotation bestimmter Themen für die sie standen, oder wolltest Du nur irgendwen Bekanntes im Buch haben?

 

Oliver Henkel: Vielleicht hatte ich da unterbewusste Absichten, aber einem klaren Zweck vor Augen habe ich Twain und Fontane nicht in die Handlung eingebracht; zumindest nicht mit der Absicht, ihnen eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Twains Auftritt ist ja dafür auch zu kurz, finde ich. Fontane hat zwar mehr Screentime, aber ich wollte ihn nicht als Bedeutungsträger oder Symbolfigur einbinden; von Anfang an hatte ich im Hinterkopf, ihn bei der Abreise zu beobachten und dem Leser nahezubringen, auf welche Weise er seine Eindrücke von Karolina reflektiert. Das war mein Hauptgrund für seine Anwesenheit; daneben ist es natürlich immer schön, historische Figuren abseits der Großen und Mächtigen auf die Bühne zu bringen.

 

 

Fantasyguide: Die Handlung geht zum Teil recht seltsame Wege, um ja nicht die Auflösung zu gefährden. Hattest Du Probleme, den Leser an der Nase herumzuführen?

 

Oliver Henkel: Nein. Nur einen Riesenspaß.

 

 

Fantasyguide: Du hast Pläne geäußert, einen Roman mit der Geschichte um die Gründung der preußischen Kolonie Karolina schreiben zu wollen. Von welchen Fakten hängt eine Realisation ab?

 

Oliver Henkel: Eigentlich von genau einem Punkt: Ich muss das Gefühl haben, dass es Menschen gibt, die neugierig sind, den Anfang der ganzen Geschichte zu erfahren. Momentan habe ich diesen Eindruck - also hält mich nichts mehr ab. Eine klitzekleine Korrektur: Karolina ist keine Kolonie. Das ist mir auch wichtig, weil es einen feinen Unterschied für das Selbstverständnis seiner Bewohner macht. Karolina ist eine Provinz, so wie Brandenburg, Schlesien oder die Rheinprovinz. Kein abhängiges, sondern ein zugehöriges Gebiet. Vielleicht könnte man Karolina am ehesten mit einem heutigen französischen Übersee-Departement vergleichen.

 

 

Fantasyguide: Bist Du eher der epische Romancier – immerhin handhabst Du ein 600 Seiten-Wälzer mühelos – oder würdest Du lieber kürzere Sache schreiben?

 

Oliver Henkel: Mühelos ... ha! Unter Schmerzen und Verzweiflung, zumindest zeitweilig. Aber im Ernst, es ist seltsamerweise einfacher, eine lange Geschichte zu schreiben als eine kurze. Na ja, nicht wirklich, denn es steckt viel Aufwand darin, die ganzen Handlungsfäden zusammenzuhalten und weiterzuführen. Aber immerhin habe ich viel Zeit, Setting, Charaktere, Motivationen und Ereignisse ausführlich zu entwickeln. Je kürzer die Geschichte, desto schneller muss ich auf den Punkt kommen. Manche Autoren können das exzellent, aber ich wohl eher nicht. Zumindest lassen das mich das manche Reaktionen auf meine wenigen Kurzgeschichten vermuten. Ich hätte jedoch große Lust, vor dem durch die Romane schön umfangreich definierten Hintergrund Karolinas einige kürzere Geschichten zu entwickeln, die sich kleineren Geschehnissen widmen.

 

 

Fantasyguide: Welche konkreten weiteren Schreibpläne hast Du?

 

Oliver Henkel: Ich habe mit der Arbeit zur Vorgeschichte des Leviathan begonnen. Arbeitstitel ist Der Mohrenpfeifer, und ich begebe mich damit ins Jahr 1777. Außerdem recherchiere ich für einen rein historischen Roman ohne alternativweltliche Thematik, in dem es um Karl den Großen und Widukind gehen soll. Aber das muss hinter dem Mohrenpfeifer den zweiten Rang einnehmen.

 

Fantasyguide: Was ist mit den Filmrechten?

 

Oliver Henkel: Ich bin für jedes gute Angebot zugänglich ... außer vielleicht, wenn es von Uwe Boll kommt.

 

 

Fantasyguide: Vielen Dank und titanischen Erfolg!

 

Oliver Henkel: Es war mir eine Freude und ein Vergnügen.

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Eure Meinung:

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Interview:

Oliver Henkel

Buch:

Die Fahrt des LEVIATHAN

Autor: Oliver Henkel

Hardcover, 588 Seiten

Cover: Timo Kümmel

Atlantis Verlag, 31. März 2012

 

ISBN-10: 3941258265

ISBN-13: 978-3941258266

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B007RNJMO8

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

 

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Erstellt: 09.05.2012, zuletzt aktualisiert: 15.09.2019 17:26