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Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt von Taichi Yamada

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Herr Taura hatte sich den Oberschenkelknochen gebrochen und liegt in einem Einzelzimmer im Krankenhaus, als ihn eine Vision überkommt: Ein Zug verunglückt und viele Fahrgäste werden verletzt. Kurze Zeit später überfließt das Krankenhaus mit Neuaufnahmen und die Einzelzimmer müssen doppelt belegt werden – Herr Taura muss sich das Zimmer mit Frau Miyabayashi teilen. Als er in ihr Zimmer geschoben wird, hat sie schon einen Wandschirm aufstellen lassen, so dass die beiden einander nicht sehen können. Zwischen ihnen herrscht eine seltsame Stimmung: Eigentlich sind beide verbitterte Traditionalisten, Herr Taura ist sogar generell frauenfeindlich eingestellt, doch sie sehnen sich auch nach menschlicher Nähe. Gerade die durch die Trennwand geschaffene Anonymität erlaubt es ihnen einander näher zu kommen – schließlich haben sie sogar Verbalsex. Herr Taura ist ein wenig in seine Zimmergenossin verliebt. Das ändert sich drastisch, als eine rabiate Schwester einfach den Wandschirm beiseite räumt und er einen Blick auf Frau Miyabayashi werfen kann: Sie ist alt, hat welke, faltige Haut und dünnes, graues Haar. Er will nichts mehr mit dieser Person zu tun haben um ihr Peinlichkeiten zu ersparen. Sie aber nimmt einige Zeit später Kontakt zu ihm auf. Herr Taura traut seinen Augen nicht: Die Dame, die behauptet mit ihm jene Nacht verbracht zu haben, ist eine schöne Frau in der Vierzigern. Wie kann das sein?

 

Die Geschichte spielt im Japan der Gegenwart (d. h. 1985). Das Krankenhaus liegt in der Provinz im Norden der Insel, doch das Geschehen verlagert sich schnell nach Tokio. Die Schauplätze werden dabei nur knapp und prägnant, aber durchaus anschaulich beschrieben. Eine wesentlich größere Rolle spielt das Setting in der Frage von Schicklichkeit, Wünschen und Verhalten – hier werden sehr sorgfältig die Konflikte zwischen Sitten und Emotionen sowie Tradition und Moderne herausgearbeitet. Diese kumulieren wunderbar in dem Bild der alten Frau mit dem Körper einer jungen Frau, die einen traditionellen Kimono trägt, dieses aber als unangemessen empfindet. Das Setting ist ein Milieu, dem in der Charakterisierung der Figuren immer wieder Raum gewährt wird.

Es gibt zwei miteinander verbundene phantastische Elemente: Die sich schubweise verjüngende Miyabayashi und der in ihrer Gegenwart ungewöhnliche Fähigkeiten entfaltende Taura. Die im Zentrum stehende Verwandlung Miyabayashis wirkt weniger mysteriös als Tauras Fähigkeiten, denn der Stoff der sich stets verjüngenden Menschen ist viel bekannter – schon in antiker und lateinamerikanischer Mythologie wurde er verwendet. Wenn Herr Taura mit Miyabayashi zusammen ist, kann er Ungewöhnliches: Er hat eine Vision, kann sich an längst vergessene Gedichte erinnern oder wird zum feurigen Liebhaber – aber sind es nicht nur der schöne Körper und der verbotene Seitensprung, die Taura so sehr erregen, dass er sich wieder jung fühlt? Ist es wirklich ungewöhnlich, dass er sich an Gedichte aus der Studienzeit erinnert? Und löste die Nähe zu Miyabayashi die Vision aus – immerhin kannte er sie zu dem Zeitpunkt noch nicht – oder hatte er die Nachricht bloß im Halbschlaf gehört? Weder der Leser noch Herr Taura können sich sicher sein. Die Unsicherheit überträgt sich sogar leise auf die Verjüngung – bildet sich der labile Taura das bloß ein? Es gibt einige Hinweise auf einen gestörten Geist. Außerdem ist es sonderbar, dass Frau Miyabayashi im Laufe der Geschichte mehrfach ihren Namen wechselt. Da die Sprünge so krass sind, stellt sich ein physisches Wiedererkennen nur langsam ein, zunächst kommt das seelische – oder wieder nur die Einbildung? Herr Taura ist sich nicht sicher und auch der Leser kann diese Ambivalenz nicht auflösen – ist dieses das seltsame Wirken eines Gottes oder eines verwirrten Geistes? Das phantastische Element funktioniert damit als todorovsche Phantastik, kann aber auch als Magischer Realismus gelesen werden.

 

Es gibt relativ wenige Figuren; sie wirken auf den ersten Blick wie typische Zentriker, doch wenn der Blick etwas verweilt, werden bald Eigenheiten offenbar: Herr Tauras Frau Toshie war lange Zeit eine treu sorgende Hausfrau und Mutter. Je selbstständiger die Kinder wurden, desto mehr frustrierte sie ihre Lage. Dieses gab sie an ihren Mann weiter; er war keineswegs unglücklich, als sie zunächst für eine Zeitschrift Kolumnen schrieb und später ein eigenes Stadtteilmagazin gründete, in welches sie viel Arbeit investiert.

Die zentrale Figur ist selbstverständlich der Ich-Erzähler Herr Taura. Der Endvierziger hat es zum stellvertretenden Verkaufsleiter einer Filiale für Fertigbauhäuser in Nordjapan gebracht. (Das ist keine besonders prestigevolle oder gut bezahlte Position.) Dafür hat er sein Familienleben geopfert. Während er Karriere machte, kümmerte sich seine Frau um die Kinder. Irgendwann ist das sowieso distanzierte Verhältnis noch weiter abgekühlt. Eigentlich ist sein Leben zu diesem Zeitpunkt schon reichlich verkorkst: Der ständige Stress für die Firma leisten zu müssen greift ihn immer mehr an, außerdem hätte er gerne eine Frau, die ihn umsorgt. Er ist zwar modern genug um realisieren zu können, dass er von seiner Frau kaum erwarten kann, was er selbst nie zu tun bereit war, aber er wünscht es sich dennoch. Das Verhalten seiner Frau frustriert ihn und die Erkenntnis, dass er ihr es eigentlich nicht vorwerfen kann, umso mehr. Die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne, ungeliebte Zugeständnisse und ungerechte Vorwürfe, die er natürlich nie ausspricht, machen Herrn Taura zu einem tragisch-komischen Neurotiker wie er von Woody Allen stammen könnte. In dieser seltsamen und labilen Verfassung beginnt er eine Affäre mit Frau Miyabayashi.

Diese ist die andere wichtige Figur. Über sie soll hier nicht allzu viel gesagt werden. Sie ist Tauras Gegenstück: Ihr Leben lang war sie eine fürsorgliche Ehefrau, die in dieser Rolle ganz aufzugehen hatte – es aber nicht tat. Im Alter von achtundsechzig versucht sie auszubrechen – der Verbalsex mit Taura ist nicht der erste Schritt, aber möglicherweise der entscheidende, denn von da an beginnt sie sich in Schüben zu verjüngen und die Vorstellungen der Alten geraten immer mehr mit den Erwartungen der Anderen und den Bedürfnissen des Körpers aneinander.

 

Der Plot vereint auf sehr elegante Weise drei verschiedene Aspekte: Heraussticht natürlich das Wunder um die Verjüngung, dann nimmt die seltsame Liebesgeschichte zwischen den beiden frustrierten Japanern viel Raum ein und schließlich sind es die Entwicklungsgeschichten der beiden. Von diesen drei Plotaspekten lohnt es sich vor allem die Liebesgeschichte genauer unter die Lupe zu nehmen: Sie beginnt als humorvoller Seitensprung zwischen einem älteren Mann und einer noch wesentlich älteren Frau, wandelt sich dann zu einem obsessiven außerehelichen Verhältnis um schließlich zu einer tragischen Lolita-Beziehung zu werden – der Roman deckt wahrlich ein breites Feld ab. In der Vielfalt des Plot liegt die wahre Leistung des Autors: Es gelingt ihm die verschiedenen Plotaspekte brillant zu verknüpfen und zeitlich abzustimmen – stets sind die Szenen etwas zu kurz und am Ende begreift der Leser, dass es gar nicht anders sein konnte.

Eine weitere Spannungsquelle sind zahlreiche intertextuelle Bezüge auf H. G. Wells, Thomas Mann, Hermann Hesse und weitere bekannte Autoren. Da der Stoff uralt ist – Hesiod verwendete ihn schon vor circa 2.700 Jahren in seinem Werk Theogonie – verwundert es nicht, dass er schon von anderen Autoren bearbeitet wurde; Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt reflektiert teilweise einen Vorläufer, nämliche F. Scott Fitzgeralds 1922 erschienene Kurzgeschichte Der seltsame Fall des Benjamin Button. Doch dort wird die Geschichte aus der Perspektive Benjamins, der als Greis geboren wurde und als Kind aufhört zu existieren, erzählt; auch steht dort die seltsame Biographie im Vordergrund. Deutliche Ähnlichkeit weißt Yamadas Werk zu Andrew Sean Greers Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli auf, in der es um die tragische Liebesbeziehung des sich verjüngenden Max zur Nachbarstochter Alice geht – Greers Roman ist allerdings neunzehn Jahre jünger als der des Japaners.

 

Erzähltechnisch ist der Roman unauffällig. Es gibt einen Erzählstrang, der vom Ich-Erzähler Taura vorgebracht wird. Der Handlungsaufbau ist dramatisch, auch wenn es einige Zeitsprünge gibt, die ihn leicht episodisch wirken lassen.

Die Sätze und Wortwahl sind zumeist klar und direkt, doch bisweilen schimmert eine poetische Haltung durch – dieser Stil passt hervorragend zum Bericht des nüchternen Taura, bei dem hin und wieder romantische Züge aus der Jugend aufwallen.

 

Fazit:

Der frustrierte Herr Taura liegt mit einem Beinbruch im Krankenhaus, wo er die mysteriöse Frau Miyabayashi kennen und vorsichtig lieben lernt – zu seinem grenzenlosen Erstaunen stellt er fest, dass die zunächst betagte Dame sich radikal zu verjüngen beginnt. Zwar verarbeitet Yamada den Stoff um die sich verjüngende Liebende schon wunderbar, doch die eigentliche Meisterleistung ist die konzentrierte Entfaltung der verschiedenen Plotstränge und deren präzise Verknüpfung sowie die perfekte zeitliche Abstimmung. Wer den Magischen Realismus oder todorovsche Phantastik mag, dem lege ich die Lektüre von Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt auf's engste ans Herz.

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Buch:

Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt

Original: Tobu yume wo shibaraku minai (1985)

Autor: Taichi Yamada

Übersetzer: Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler

Goldmann, April 2008

gebunden, 222 Seiten

 

ISBN-13: 978-3442310937

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 14.08.2008, zuletzt aktualisiert: 03.05.2019 11:40