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Orn von Piers Anthony

Reihe: Die Macht der Mantas Bd.2

Rezension von Ralf Steinberg

 

Die Pilze bilden das Dritte Königreich in Piers Anthonys Macht der Manta Reihe. Die Mantas sind die Karnivoren unter den Fungiden. Orn ist ebenfalls ein reiner Fleischesser und ebenfalls intelligent, er ist ein Vogel - ein Ornisapiens. Auf ihrer Suche nach Lebensraum stoßen Veg, Aquilon und Cal also erneut auf intelligente Wesen. Diese Suche ist allerdings keine Mission mehr wie in Omnivor. Schon bald erkennen die Menschen, dass sie ins Paläozän der Erde verfrachtet wurden und diesmal die Versuchskaninchen für eine Besiedlung darstellen. An der Art und Weise, wie Piers Anthony das Problem löst, erkennt man, dass es ihm nicht darum ging, eine wirkliche Bedrohung durch Viren oder Bakterien darzustellen. Diese erst spät gewonnene Erkenntnis, inzwischen nur noch Spielball in einer militärischen Angelegenheit zu sein, mag für die Gruppenbindung wichtig sein, die Hauptkonflikte dieses Buches liegen aber woanders.

Langsam nähert sich Piers Anthony nämlich der Frage, inwieweit es tatsächlich vertretbar ist, Arterhaltung zu Lasten anderer Arten zu betreiben. Der im Vegetarismus innewohnende Gewaltverzicht wird hier noch weiter geführt. Der urzeitliche Planet, der letztlich doch nicht die Erde, sondern eine Parallelwelt ist, wird für Mantas und Menschen interessant. Cal glaubt zwar, durch eine Freisetzung der Sporen zweier Mantas und die damit verbundene Gefährdung etwaiger menschlicher Kolonisten, eine Besiedlung durch die Erde verhindern zu können, aber eine Rettung von Paläo ist beides nicht. Piers Anthony glaubt an die Macht der Einzelperson. Hier vermögen es vier Mantas und drei Menschen eine Entwicklung in Gang zu setzen, die das Leben dreier Planeten verändern wird. Zwischen Mantas und Menschen stehen die Zeichen auf Krieg, denn plötzlich beanspruchen beide denselben Lebensraum. Cal steht für den Tod und seine Entscheidung führt zu einer gewaltigen Vernichtungsaktion, noch überwältigender, als im Vorband. Dort wurden Menschenleben geopfert, um die Sporen eines Mantas zu vernichten, der eine ungeahnte Bedrohung für das menschliche Leben auf der Erde hätte werden können. Auf Paläo wird eine komplette Enklave der Kreidezeit ausgelöscht, um einen menschenleeren Planeten von Mantas freizuhalten.

Aber Paläo hat bereits seine eigene intelligente Art hervorgebracht. Orn verfügt über ein Rassengedächtnis. Er kann sich an die Entstehung des Lebens erinnern, das Leben im Wasser, sein Aufbruch an Land, seine Fortentwicklung und die geographischen Veränderungen der Welt werden von Generation zu Generation weitervererbt.

Der Roman nimmt sich ausführlich Zeit, das Leben von Orn darzustellen und die Beschreibung der urzeitlichen Welt ist fantastisch. Da wir das Geschehen aus dem Blickwinkel Orns erleben, stellt sich dem Leser keine einfache Naturdokumentation dar, Piers Anthony entwickelt eine umfassende Theorie der Vorgeschichte. So endet das Buch auch mit einem pseudowissenschaftlichen Vortrag, dem man entnehmen kann, wie interessiert der Autor an einer Interpretation des Wissensstandes der Archäologen ist. Er führt deutlich vor Augen, wie er die Aufgabe eines SF-Autors sieht. Man wird nicht nur an Verne und Doyle erinnert. Dort, wo beide Autoren von eine festen und moralisch einwandfreien Gesellschaft ausgehen, bietet Piers Anthony die räuberische Gesellschaft des Omnivoren Mensch als Kulisse an. Somit bestimmt er seinen Platz beständig neu. In der Macht der Mantas ist der Mensch niemals an der Spitze der Evolution, zumindest nicht kampflos.

Parallel zu Geschichte Orns wird die Beziehung der drei Menschen vertieft. Die Trennung auf der Erde ist geheilt, schein es. Gemeinsame Abenteuer, wie auf Nacre, bringen Nähe, dennoch drängt der offensichtliche Konflikt, das sexuelle Bedürfnis, nach einer Lösung.

Katalysator ist das Zusammentreffen mit Orn. Hat sich bisher nur Cal, wenn auch insgeheim, Gedanken um die Zukunft Paläos gemacht, wird es nun auch für Aquilon und Veg offensichtlich, dass hier eine massive Vernichtung einer Welt droht.

So spaltet sich die Gruppe an der erkennbaren Bruchstelle. Veg und Aquilon gehen auf die Insel, auf der Orn und seine Partnerin brüten. Obwohl die wichtigen Ereignisse für die Zukunft Paläos zu diesem Zeitpunkt bereits angelaufen sind, von den Hauptfiguren und auch vom Leser unbemerkt, bringt dieser Höhepunkt des Buches eine Zerstörung mit sich.

Der Traum von etwas ist befriedigender, als seine Erfüllung. Der Bruch auf der persönlichen Ebene zwischen Veg und Aquilon, als beide erkennen, dass sie sich nicht so lieben, dass Sex ihnen keine Steigerung ihrer Gefühle bringt, dieser Bruch führt dazu, dass das Verständnis Orns für die erstaunlichen Säuger erwacht.

Aquilon kann nur durch diese Enttäuschung zur Pflegerin des letzten Eies werden. Wenn sie zum Schluss das Ei zwischen ihren nackten Brüste, Säugerbrüste!, legt, um es zu wärmen, erfüllt sie eine metaphorische Rolle, die noch deutlicher hervorhebt, wie tiefgründig Piers Anthony hier an einer Ontogenese, sowohl der Menschen, der Mantas als auch der Orns gearbeitet hat. Aquilon bekam im ersten Band die acht jungen Mantas überantwortet, nun trägt sie das Ei Orns an ihrer Brust.

Und nur Cal, das Gehirn, der es sogar schaffte, die nächste Generation von Agenten, jenen Supermenschen der Regierung, intellektuell die Stirn zu bieten, wird eine Vorstellung davon haben, welche Rolle dieses Ei in der Zukunft spielen wird.

Ethische Fragen kommen in Reichweite, die an Orson Scott Cards Ender Romane denken lassen.

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Buch:

Titel: Orn

Autor: Piers Anthony

Reihe: Die Macht der Mantas Bd.2

Verlag: Bastei/Lübbe (1985),

312 Seiten, Paperback,

ISBN 3-404-24067-7

Erhältlich bei: Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 29.04.2005, zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 10:05