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Der, der die Scheibenwelt deutsch sein lässt - Interview mit Andreas Brandhost

Redakteur: Ralf Steinberg

 

 

Andreas Brandhorst auf dem ElsterCon 2016
Andreas Brandhorst auf dem ElsterCon 2016

FantasyGuide: Kannst Du noch Scheibenwelt Romane sehen? Bist Du Fan?

 

Andreas Brandhost: Ich finde die Scheibenweltromane alle gut, obwohl es zwischen ihnen natürlich Unterschiede gibt, aber ich bin nicht in dem Sinne ein "Fan". Ich sehe sie in erster Linie mit den Augen des Profis, der mit dem Text (hart) arbeiten muss.

 

FantasyGuide: Gibt es eventuell Lieblingsfiguren oder favorisierte Handlungskreise auf der Scheibenwelt für Dich?

 

Andreas Brandhost: Wirklich großartig finde ich Oma Wetterwachs und natürlich, wie könnte es anders sein, TOD. Aber Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin-Schnapper hat es mir ebenfalls angetan. Würde gern ein Würstchen von ihm kaufen ...

 

FantasyGuide: Du bist ja auch Autor. Ist es wichtig, dass ein Übersetzer auch Schreiben kann?

 

Andreas Brandhost: Ich glaube, es erleichtert die Sache ungemein, wenn man selbst Autor ist. Dadurch fällt es mir leichter, mich in TPs Lage zu versetzen und zu versuchen, die Dinge aus seiner Sicht zu sehen, aus der Perspektive des Autors. Das Übersetzen von Romanen ist mehr als nur die Übertragung von einer Sprache in eine andere. Es ist ein Neuschreiben des Romans in der eigenen Muttersprache, und dazu sollte man schon schreiben können.

 

FantasyGuide: Muss man als Übersetzer von Terry Pratchett ein lustiger Mensch sein?

 

Andreas Brandhost: Nein, ich denke nicht. Aber ich bin ein lustiger Mensch, der alles nicht so eng sieht, und das macht es leichter. :-)

 

FantasyGuide: Wie gehst Du vor, wenn es eine witzige Wendung des Originals in der deutschen Sprache nicht gibt?

 

Andreas Brandhost: Dann muss man entweder etwas im Deutschen konstruieren, das der Intention des Autors an der entsprechenden Stelle gerecht wird, oder kompensieren, wenn das nicht möglich ist. Kompensieren bedeutet die Hinzufügung eines Wortwitzes an einer anderen Stelle, wo sie sich *im Deutschen* anbietet. Das erfordert manchmal ganz gehörige geistige Akrobatik.

 

FantasyGuide: Hast Du Kontakt mit Terry Pratchett und hältst Du es für günstiger, wenn ein Autor seine Übersetzer kennt?

 

Andreas Brandhost: Früher hatte ich etwas öfter Kontakt mit Terry Pratchett. Und ja, es ist schon nützlich, wenn sich Autor und Übersetzer kennen, denn dann können Fragen geklärt werden; in manchen Fällen erleichtert es die Übersetzung.

 

FantasyGuide: Wieviel Andreas Brandhorst steckt in den deutschen Ausgaben der Romane?

 

Andreas Brandhost: In jeder Übersetzung, die ich anfertige, also auch in den Scheibenweltromanen, steckt viel von mir, denn ich verwende mein Instrument, meine deutsche Muttersprache. Ich schätze, das gilt überhaupt für alle Übersetzungen. Wenn man den gleichen Originalroman verschiedenen Übersetzern gäbe, so wären bei den Ergebnissen klare Unterschiede erkennbar, denn Übersetzen heißt auch und vor allem: interpretieren.

 

FantasyGuide: Besitzt Du eine eigene Datenbank oder ein Glossar der verwendeten Begriffe für die Übersetzungen?

 

Andreas Brandhost: Ja, ich habe eine solche Datenbank, die ständig weiter wächst und derzeit über 5000 Begriffe enthält. Nur auf diese Weise ist begriffliche Kontinuität bei den Übersetzungen gewährleistet.

 

FantasyGuide: Es gibt eine lange Liste von Übersetzungsfehlern auf Scheibenwelt-Fanpages. Wie setzt Du Dich mit dieser Kritik auseinander? Welcher Fehler ärgert Dich am meisten?

 

Andreas Brandhost: Hier möchte ich noch einmal auf das mit dem Interpretieren hinweisen. Viele "Fehler" sind keine Fehler, sondern beabsichtigte Unterschiede zum Original. Bestimmte Stellen lassen sich eben auf unterschiedliche Weise interpretieren. Natürlich gibt es auch echte Fehler, denn: Irren ist menschlich und nobody is perfect. Ich kann aber guten Gewissens dies sagen: Ich gebe mir jedes Mal, bei jeder Übersetzung, maximale Mühe, und mehr kann man von niemandem verlangen. Wenn jemand Lust hat, akribisch alles miteinander zu vergleichen, Wort für Wort, um anschließend oberlehrerhaft den Zeigefinger zu heben und zu sagen: Hier ist ein Fehler! Und da noch einer!, so ist das eher sein Problem und nicht meins. :-)

 

FantasyGuide: Piper bringt die Scheibenwelt-Romane momentan neu heraus. Gab es Anfragen für eine Überarbeitung der Übersetzungen? Würde es Dich reizen?

 

Andreas Brandhost: Nein, solche Anfragen gab es nicht. Ganz offensichtlich hat Friedel Wahren keine Überarbeitungen für nötig gehalten. Aus gutem Grund: Sie hat nämlich bei Heyne jahrelang meine Übersetzungen der Scheibenweltromane lektoriert und kennt sie daher am besten. :-)

 

FantasyGuide: Unsere Leser kennen Dich vielleicht eher als Autor. In einer Biographie aber steht zu lesen, Du hast eine ganze Zeit Deinen Lebensunterhalt durch Übersetzungen verdient. Wie war das?

 

Andreas Brandhost: Tja, von Ideen und gutem Willen allein kann man leider nicht leben. Als ich vor mehr als zwanzig Jahren mit meiner italienischen Frau und zwei kleinen Kindern nach Italien gezogen bin, erforderte die Familie ein sicheres Einkommen, und das ließ sich damals nur durch Übersetzungen erzielen, die sofort bezahlt werden. Daher musste ich das eigene Schreiben leider zurückstellen. Inzwischen bin ich geschieden, die Kinder sind groß, und ich habe meine volle Unabhängigkeit zurück, was bedeutet, dass ich mich endlich wieder mehr der eigenen Schreibe widmen kann. Ich sehe mich vor allem als Autor, nicht als Übersetzer.

 

FantasyGuide: Wie sehen Deine aktuellen Pläne aus?

 

Andreas Brandhost: Ich möchte es in Zukunft schaffen, mehr selbst zu schreiben und weniger zu übersetzen, und ich glaube, da bin ich auf dem richtigen Wege. Derzeit arbeite ich an den letzten Kapiteln des 3. Kantaki-Romans "Der Zeitkrieg", der im Oktober bei Heyne erscheint, und danach geht es mit neuen Romanprojekten weiter, über die ich derzeit noch nichts verraten möchte.

 

FantasyGuide: Wir danken für das Interview!

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Erstellt: 28.10.2005, zuletzt aktualisiert: 18.09.2016 19:25