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Sphärenklänge von Angela Steinmüller und Karlheinz Steinmüller

Geschichten von der Relativistischen Flotte

Reihe: Steinmüller-Werke in Einzelausgaben Band 9

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Das Dutzend Geschichten in diesem Band spielt in dem Teil des Steinmüller-Universums, wo die Relativistische Flotte den Ton angibt – jene von der Erde unabhängige Organisation, deren Raumfahrer interstellare Entfernungen mit einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit überwinden, Jahrzehnte im Kälteschlaf überspringen und ihre Aktivitäten mit KI-gestützten Langzeitprognosen koordinieren. All diese Erzählungen eint der Reichtum an ungewöhnlichen, thematisch weit gefächerten SF Ideen, vergegenwärtigt durch nicht minder ungewöhnliche, aber überzeugende Charaktere.

 

Rezension:

Die Steinmüller-Gesamtausgabe im Memoranda-Verlag geht in die nächste Runde. Sphärenklänge versammelt zwölf thematisch zusammenhängende und dennoch unabhängige und in sich geschlossene Texte, von kurzen Vignetten bis hin zu längeren Erzählungen. Dabei behandeln die Steinmüllers einen Umstand, der in ihren Romanen und Kurzgeschichten stets am Rande, im Weltenbau, mit inbegriffen ist: das relativistische Reisen durch den Kosmos.

 

Der Auftakt Die Astronautin zeigt den Weg der Sammlung auf: Es geht um die Menschen, die sich auf den Weg in die Zukunft machen, denn sobald sie ins All starten, vergeht die Zeit der Zurückgelassenen auf der Erde relativ zu den Aufbrechenden schneller. So ist der Streit zwischen den Schwestern Vildane und Hadassa Ausdruck dieses Abschieds, der Trauer um die Endgültigkeit einer Entscheidung, die beider Leben auseinanderreißt.

Der kurze Text gehört zu den emotionalen Tupfern, die den Band durchziehen und die längeren Geschichten durch ihre Stimmung miteinander verbinden.

 

Windschiefe Geraden erschien bereits 1984 im gleichnamigen Erzählungsband und ist die erste der vier für »Sphärenklänge« überarbeiteten Geschichten.

Die Weite des Alls zu überbrücken bedeutet, einen Kampf gegen die Dauer der Reisen zu führen. Während der Großteil der Besatzung in ihren Kältesärgen die langweilige Reise verschläft, halten Shanai und Keren Wache zusammen mit zwei Androiden. Als die Ortung ein Signal ganz in der Nähe empfängt, ist sich Keren sicher, auf ein außerirdisches Schiff gestoßen zu sein. Eine Sensation! Doch Bremsen bedeutet das Ende der Mission mitten im Nichts …

Die Langeweile der Wache – ein sehr klassisches Thema und hier mit genau dem richtigen Maß an Konsequenz dargereicht.

 

Das Original von Der Altsprachler dürfte heute nur schwer zu besorgen sein, denn der Text erschien 1987 in einem thüringischen Geschichtenkalender. Die Miniatur weist darauf hin, dass auch eine scheinbar sinnlose Qualifikation in bestimmten Situationen von Nutzen sein kann und dass nicht jeder Mensch zur Bescheidenheit neigt. Hier klingt auch ein weiterer Aspekt der Geschichten um die Relativistische Flotte an: die Verwendung von Latein als Flottensprache.

 

Für Steinmüllers-Fans ist URM 6754 und die Sphärenklänge ein ganz besonderer Leckerbissen, wird in dieser Geschichte doch die Erfinderin der »Zahl« näher beleuchtet. Vela Lipezka ist eine verdiente Veteranin der Flotte, eine allseits anerkannte Kommunikationswissenschaftlerin und eigentlich würde ihr die Flottenverwaltung ein auskömmliches Altenteil gönnen, wenn sie nicht ständig von den »Sphärenklängen« reden würde, die ihrer Meinung nach Nachrichten einer außerirdischen Zivilisation sind, versteckt im kosmischen Rauschen. Um die penetrante Frau unter Kontrolle zu halten, gibt man ihr einen Androiden an die Seite. URM 6754 sieht sich schon bald vor die komplizierte Aufgabe gestellt, Befehlen von zwei unterschiedlichen, gleichrangigen Instanzen folgen zu müssen …

Diese feinfühlig erzählte Geschichte bringt nicht nur das kosmische Rauschen als Forschungsgegenstand auf den Tisch, sie widmet sich vor allem dem Lebensende einer Frau, die ihr ganzen Wirken, ihr Herzblut, der Flotte zur Verfügung stellte. Eine berührende und zutiefst humanistische Behandlung der Schattenseiten des Altern. Aber auch eine Geschichte über das Wesen Künstlicher Intelligenz. URM 6754 und Vela entwickeln eine Beziehung, die über ihre von der Flotte angeordnete Funktion weit hinausreicht. Die Steinmüllers zeigen hier die gesamte Breit und Tiefe ihres Könnens. Sie verbinden ein klassisches SF-Thema mit sozialen Implikationen und dringen damit zugleich ganz tief in das Wesen des Menschseins. Eine große, umwerfende Geschichte!

 

Fernab von Ganymed. Wachperiode 7. Rote Nacht nimmt die Thematik der Wache auf einem Schiff der Relativistischen Flotte aus »Windschiefe Geraden« wieder auf. 44 Jahre müsste man auf Antwort von der Flottenzentrale warten. Entscheidungen muss man selbst fällen. Etwa, wenn ein Besatzungsmitglied paranoide Wahnvorstellungen entwickelt …

Angela und Karlheinz Steinmüller nutzen den kurzen Text, um ein paar Probleme anzusprechen, die sich aus der Verwaltung einer Relativistischen Flotte ergeben. Ganz besonders aus der Tatsache, dass die Konsequenzen von Entscheidungen am Schreibtisch irgendwann Menschen unter Einsatz ihres Lebens ziehen müssen, ohne dass die Entscheidungsträger dafür je Verantwortung zu übernehmen brauchen. Wie das gelöst werden könnte, zeigen sie in der folgenden Story auf.

 

Diron verbrachte die 28 Jahre seines Fluges zum Einsatzort auf Themis im Kälteschlaf. Das Flottenorakel – eine künstliche Intelligenz – hatte die Notwendigkeit seines Einsatzes vorausberechnet. Er soll die drei Gasplaneten im System auf Exoleben hin untersuchen. Das Orakel der Station erkannte den Bedarf eines entsprechenden Labors bereits vor 50 Jahren in Ausbaustufe 1 und so findet Direon bei seiner Ankunft ideale Bedingungen vor. Wenn man sich nicht gerade kurz vor dem Ende der Ausbaustufe 2 befinden würde und Drohnen für die Untersuchung der Planeten erst in 320 Tagen starten könnten, da zwei Drittel der Besatzung noch im Kälteschlaf liegen …

Themis: Ausbaustufe 2 befasst sich auf witzige Weise mit dem System der Vorausplanungen und strikten Planeinhaltungsverpflichtungen. In gewisser Weise blitzen hier ein paar DDR-Artefakte durch und erhöhen das Vergnügen ungemein.

 

In ihrem wohl bekanntesten Roman Andymon erzählten die Steinmüllers die Geschichte eines Saatschiffes. Am Ziel, dem terraformungsfreudigen Planeten Andymon, starten die Schiffsysteme die Inkubatoren und erzeugen nach und nach eine Mannschaft, von künstlichen Ammen und Lehrern erzogen, die sich dann an die Umformung des Planeten macht. Schon in diesem Roman wurde angedeutet, dass die unbekannten Sender des Saatschiffes weitere dieser Archen ausgesandt haben könnten. In Spera bewahrheitet sich das und in 61/4b: Begegnung mit den Potentiellen stoßen wir nun auf ein weiteres dieser Schiffe.

Erneut sieht sich die Besatzung eines Schiffes der Relativistischen Flotte mit einer außergewöhnlichen Begegnung konfrontiert. Als sie erkennen, um was für eine Sorte Schiff es sich handelt, das ihren Kurs in der Unendlichkeit des Alls streift und ihnen klar wird, dass dieses Schiff jede Menge befruchteter Eizellen enthält, entbrennt ein Streit darüber, ob man eine ethische Verpflichtung habe, dieses nun unsinnige Archenprojekt zu stoppen und die Menschen zur Welt bringen zu lassen. Wir erfahren von den Konflikten der Besatzung durch das Protokoll einer mündlichen Befragung der vier Besatzungsmitglieder. Vier gänzlich unterschiedliche Stimmen, teilweise komplett entgegengesetzte Ansichten und nicht ganz einheitliche Sichtweisen auf die Ereignisse, lassen ein sehr lebendiges Bild entstehen. Zugleich können die Steinmüller dadurch das ethische Problem hinter den potentiellen Menschen von mehreren Blickwinkeln aus abklopfen.

 

In Ritus der Vergänglichkeit treffen wir das Explorer-Pärchen Gij und Chad Luivens, denen wir den Namen »Pulaster« für den Heimatplaneten der Hreng aus dem gleichnamigen Roman Pulaster der Steinmüllers verdanken. Die Geschichte wurde 1979 in Der letzte Tag auf der Venus zuerst veröffentlicht.

Gij und Chad folgen als Zweiterkunder einem vor zweihundert Jahren verschollenen Kollegen, der erstmals Kontakt zu den Planetenbewohnern herstellte. Sie werden auch freundlich aufgenommen und man hilft ihnen sogar bei der Suche, nach ihrem Vorgänger. Doch wie behalf sich Stova, um seine Aufzeichnungen für eine Jahrhunderte später eintreffende Folgemission vor Umwelteinflüssen zu verstecken? Die Antwort überrascht selbst die beiden hartgesottenen Exploratoren …

Auch hier wird, neben der Kanon-Pflege des eigenen Universums, einer interessanten Frage nachgegangen. Wie unabhängig können Beobachter auf einer fremden Welt bleiben?

Eine munter vorwärtstreibende Geschichte mit Ideen für eine ganz persönliche Antwort.

 

Kryon ist eine unwirtliche Welt im Angesicht eines Schwarzen Loches. Nach einem zerstörerischen Naturphänomen ist die Sendeanlage eines Außenpostens der Flotte ausgefallen. Dabei ist das lang ersehnte Schiff mit der Ablösung nur noch drei Tage entfernt und ohne Funkfeuer kein Anflug. Doch plötzlich landet ein anderes Schiff bei der Station. Menschen von der Erde. Sie kamen durch das Schwarze Loch, um die Station an das Netz zum Sprung durch Schwarze Löcher anzuschließen, denn 4700 Jahre in der Zukunft ist die Zeit der Relativistischen Flotte längst Vergangenheit – das zerstörerische Naturphänomen hatte wohl ein paar unerwartete Nebenwirkungen …

Die sehr komprimierte Geschichte Unter schwarzer Sonne, ebenfalls erstmalig in »Windschiefe Geraden« 1984 veröffentlicht, dient als Vehikel zur Vorstellung einer fernen Menschheit. Die Unterschiede zwischen den alten und neuen Menschen erscheinen zunächst gering, doch bald erkennen beide Gruppen, dass viele ihrer Selbstverständlichkeiten geringe Lebenszeiten besitzen.

Potential für einen Roman, mit dem die Geschichte als Ideenhort überfordert ist.

 

Die Relativistischen nimmt gedanklich den Plottwist der vorhergehenden Geschichte auf. Die Kommandantin der IS Aryabhata muss eine schwere Entscheidung treffen. Soll sie die Besatzung aus den Kältekammern holen, damit sie ihren Angehörigen eine letzte Botschaft zur Erde senden können? Denn das Schiff rast wegen eines Fehlers vorbei … in die Weiten des Alls.

So kurz der Text auch ist, enthält er doch zwei ganz unterschiedliche Aspekte, die sich in den Beweggründen der Frauen und Männer auf Reisen zwischen den Sternen finden lassen.

 

In Iota Draconis IV dürfen erneut Gij und Chad als Explorer die Hinterlassenschaften der Menschheit besichtigen. Auf Iota Draconis IV hat sich aus einem Saatschiff eine androgyne Zivilisation entwickelt. Um nicht die Fehler der alten Menschen zu begehen, wurde die Pubertät abgeschafft. Zwar altern die Körper und auch der Verstand reift weiter, jedoch die Entwicklung zu Frauen und Männern gibt es nicht mehr.

Gij und Chad überlegen, auf Iota Draconis IV ihren Lebensabend zu verbringen. Doch was bedeutet es tatsächlich, sich von der Beobachterrolle zu verabschieden und sich einer fremden Gesellschaft anzuschließen? Wohin führt uns unsere Kompromissbereitschaft?

Man spürt, wie sich Angela und Karlheinz Steinmüller hier in ihr Figurenpärchen hineinversetzen und sie sich reiben lassen an der Weltenschöpfung. Zukunftsforschung stößt auf private Lebensplanung. Ein großes Thema, entsprechend ausführlich widmen sich die beiden auch den Auseinandersetzungen mit der so ganz anderen Gesellschaftsform. Die längste Geschichte des Sammelbandes deutet bereits das Ende der Relativistischen Flotte an, zeigt ihre Grenzen auf, da sie immer weiter in die Vergangenheit des menschlichen Fortschritts reist. Überall sucht sich das Leben, suchen sich die Menschen neue Wege, nur in der Flotte wandelt man auf Pfaden, die vor Jahrzehnten von längst Verstorbenen markiert wurden. Wer wie Gij und Chad aus der Zeit fällt, läuft nicht mehr synchron.

 

Die Weltbetrachter bietet den philosophischen Abschluss des Bandes, der mit der Abreise von der Erde begann und viel weiter fortführte von der »Oikumene – Menschen-Heim-Land«, wie es darin heißt.

 

Nahtlos gehen die Themen alter und neuer Geschichten in »Sphärenklänge« ineinander über. Es entsteht ein abgerundetes Bild, selbst wenn es weitere Texte der Relativistischen Flotte gibt, diese Zusammenstellung bildet ein Ganzes und es ist bewundernswert, dass sich das Autorenpaar in so vielen neuen Werken mit den Problemen und auch Freuden dieser »langsamen« Fortbewegungsart durch das All befasst. Denn damit schreiben sie ein bisschen gegen den Trend. Superschnelle Antriebe überwinden in vielen SF-Romanen Lichtjahre in Sekunden. Selbst relativistische Anflüge an ein Sonnensystem finden sich nicht mehr allzu oft in den Neuerscheinungen. Wochenlanges Herumsitzen in Raumschiffen hat aber dennoch Potential, wie die Steinmüllers eindrucksvoll beweisen.

Man mag ihre Erzählweise vielleicht als klassisch empfinden, aber mit ihrer humanistischen, den Mensch und was ihn ausmacht in den Mittelpunkt stellenden Sichtweise, präsentieren sie in »Sphärenklänge« Science-Fiction der wirkmächtigsten Art. Sie blubbert zwischen den kleinen grauen Zellen noch um einiges länger nach als manch hyperschnell geschnittene, postmoderne Fabel.

 

Natürlich sei auch wieder die wunderschöne Aufmachung der Werkausgabe gelobt, die seit dem Wechsel zu Memoranda modernisiert und edler aussieht, dennoch an die Shayol-Ausgaben anknüpft, indem sie deren Sternenbild-Motiv aufgreift. Geblieben ist auch die zentrale Vignette, die erneut von Thomas Hofmann beigesteuert wurde.

 

Fazit:

»Sphärenklänge« von Angela und Karlheinz Steinmüller beleuchtet in ganz unterschiedlichen Texten und Geschichten die Aspekte relativistischer Reisen. Im Mittelpunkt stehen dabei stets Menschen, die sich nicht nur der Weite und Seltsamkeit des Alls zu stellen haben sondern auch ihrer durch die Zeitdilatation relativen Unveränderlichkeit, während rings umher die Zeit zu explodieren scheint.

Science-Fiction Geschichten über große und kleine Probleme, über das Altern genauso, wie über das Ende der Geschlechter. »Sphärenklänge« ist mehr als nur ein Sammelband, er ist ein eigenes Universum.

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Eure Meinung:

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Buch:

Sphärenklänge

Geschichten von der Relativistischen Flotte

Reihe: Angela und Karlheinz Steinmüller Werke in Einzelausgaben Band 9

AutorInnen: Angela und Karlheinz Steinmüller

Memoranda im Golkonda Verlag, März 2019

Taschenbuch, 245 Seiten

Cover-Vignette: Thomas Hofmann

 

ISBN-10: 3946503934

ISBN: 978-3946503934

eBook-ISBN 978-3946503972

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07L8KW83C

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

Inhalt:

  • Die Astronautin
  • Windschiefe Geraden
  • Der Altsprachler
  • URM 6754 und die Sphärenklänge
  • Fernab von Ganymed. Wachperiode 7. Rote Nacht
  • Themis: Ausbaustufe 2
  • 61/4b: Begegnung mit den Potentiellen
  • Ritus der Vergänglichkeit
  • Unter schwarzer Sonne
  • Die Relativistischen
  • Iota Draconis IV
  • Die Weltbetrachter
  • Zur Chronologie der Relativistischen Flotte
  • Publikationsgeschichte

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.06.2019, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 14:07