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Teufelsbrut

Drei böse Geschichten

Hörbuch

 

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Wie der Untertitel schon anzeigt, bietet Teufelsbrut dem Hörer drei Horrorgeschichten auf ebenso vielen CDs. Die erste ist Der junge Goodman Brown von Nathaniel Hawthorne; die von Mario Hassert gelesene Kurzgeschichte dauert ca. 40 Minuten. Es folgt die Runenbeschwörung von M. R. James, deren Lesung von Thomas Kästner mit ca. 55 Minuten Dauer die längste ist. Die Dualisten von Bram Stoker ist die dritte; es spricht für ca. 40 Minuten Martin Heckmann.

 

Zu den Geschichten im Einzelnen:

Der junge Goodman Brown ist ein junger, strenggläubiger Puritaner. Seine frisch angetraute Gattin Faith bittet ihn bei ihr zu bleiben, doch er hat ein Treffen in den verwunschenen Wäldern nahe Salems – mit schlechtem Gewissen zieht er los. Ist es rechtens seine gute Frau für ein solches Treffen über Nacht allein zu lassen? Schon bald trifft er auf seinen Begleiter, einen distinguierten Herrn, der Brown durchaus ähnelt. Als der junge Mann zweifelt ob der Schändlichkeit seines Tuns und auf seine gottesfürchtigen Ahnen hinweist, entgegnet der Alte, dass er die Taten von Browns Vorfahren immer unterstützt habe. Da begegnen die beiden Wanderer der alten Goody Gloyse, die dem jungen Puritaner einst den Katechismus lehrte. Sie erkennt in Goodman Browns Gefährten den Teufel – und beschwert sich bitterlich darüber, zu spät zum Treffen zu kommen. Sind denn wirklich alle geheime Satanisten? Alles Lüge und Heuchelei? Die kommenden Ereignisse werden das Leben des jungen Brown für immer verändern.

Diese Gruselgeschichte spielt in der Zeit der Hexenprozesse von Salem. Der junge Goodman Brown zählt als beste Kurzgeschichte Hawthornes und das zurecht: Sie steckt voller hintergründiger und schwer zu deutender Symbolik – geht es um die Heuchelei der Puritaner, das allgegenwärtige Böse oder die zerstörerische Kraft des Zweifels? Goodman Brown doesn't trust in his faith. Aber es lässt sich auch ohne weiteres einfach als unheimliche Teufelsbegegnung interpretieren. Weiter ist diese Geschichte für auf Todorovs Definition aufbauende minimalistische Phantastik-Begriffe interessant.

 

Die Runenbeschwörung beginnt harmlos: Der Sekretär einer – hier ungenannten – Vereinigung lehnt den geplanten Vortrag über die Wahrheit der Alchemie eines Mr Karswell ab. Trotz Karswells hartnäckigen Drängens – und nein, der Sekretär ist nicht befugt den Namen des konsultierten Fachmanns, nach dessen Urteil man sich richtete, mitzuteilen. Kurz darauf trifft man sich mit Bekannten, die zufälligerweise Nachbarn eben jenes Mr Karswell sind. Wie sei er denn so? Oh, ein ganz fürchterlicher Mensch: Vor einiger Zeit habe er für die Kinder der Gegend Geschichten erzählt, die er mit den Bildern einer Laterna Magica illustrierte – diese seien allerdings so grauenerregend gewesen, dass er anscheinend geplant hatte die Kinder zu Tode zu erschrecken. Selbst die erwachsene Begleitperson habe in jener Nacht Alpträume gehabt. Man kommt noch auf die unsinnigen Theorien und das komplette Fehlen von stilistischer Eleganz zu sprechen – sein Werk über die Geschichte der Hexerei wurde ja völlig verrissen. Einer der harschesten Rezensenten, John Harrington, sei '89 übrigens unter mysteriösen Umständen gestorben: Vom Baum gefallen! Nur, warum war er überhaupt dort hinaufgeklettert? Gleichwie, Karswell ist, so kommt man überein, jedenfalls eine schreckliche Person. Des Sekretärs Frau hofft, dass der konsultierte Fachmann, Mr Dunning, nicht an Karswell gerät. Ganz unwahrscheinlich, versichert ihr Gatte.

James, der für seine Geistergeschichten bekannt wurde, liefert hier eine etwas andere Gruselgeschichte: Ein in seiner Eitelkeit gekränkter Magier bedroht einen lauteren Gelehrten. Die Geschichte greift in ihrer Funktionsweise den modernen Mystery-Thrillern vor.

 

Die Dualisten ist eine wahrhaft böse Geschichte. Ephraim Bubb und seine Frau Sophonisba wünschen sich sehnlichst Nachwuchs. Endlich werden ihre Gebete erhört und die stolzen Eltern können sich aufopfernd um ihre engelhaften Zwillinge Zerubbabel und Zacariah kümmern. Nun ist es jedoch zufälligerweise so, dass die Bubbs im Haus Nr. 26 leben, während rechts und links von ihnen die Merfords (Nr. 25) und die Santons (Nr. 27) wohnen. Unter deren Nachkommen finden sich zwei besonders eigensinnige Buben: Harry Merford und Tommy Santon. Die beiden treffen sich heimlich in der Laube im Garten der Bubbs. Diesen furchtbaren Dioskuren wohnt eine grade zu dämonische Zerstörungswut inne: Mit ihren Messern, stählernen Weihnachtsgeschenken, bearbeiten sie das Innere von Schubladen, die Unterseite von Tischen und Stühlen, ja sogar die Rückseiten von kostbaren Bildern. Und der Drang wertvollen Besitztümer Schaden zuzufügen wächst beständig – wohin wird dies nur führen?

Die Geschichte ist 1887 entstanden. Man erwartet eine Gruselgeschichte – doch was Stoker hier schreibt, ist eine conte cruel, die ihrem Gattungsnamen alle Ehre macht und wegweisend für moderne Splatter-Geschichten ist. Der Texter des Covers hat zweifellos recht: Es ist keine Geschichte für junge Familien. Wer nun glaubt, dass das Ende der Geschichte viel zu vorhersehbar ist, der täuscht sich doppelt. Gewisse Ereignisse treten ein, wie der Hörer erwartet, doch andere bleiben aus – und den Horror bezieht die Geschichte sowieso nicht aus der Unklarheit, sondern aus der Konsequenz, mit der Stoker seinen Plot fortschreibt. Schließlich ist noch der ironisch-sardonische Tonfall der Geschichte zu nennen: Der Hörer muss sich schütteln – ob vor Lachen oder vor Abscheu, weiß er nicht immer genau.

 

Die Inszenierung dieser drei Lesungen ist gelungen, obwohl es ein paar kleinere Mängel gibt. Alle drei Sprecher machen ihre Sache ganz anständig, aber Mario Hassert und Thomas Kästner könnten ihre Stimme etwas mehr variieren, wenn unterschiedliche Figuren gesprochen werden; in der zweiten Geschichte fällt es z. T. etwas schwer bei Gesprächen mit mehreren Personen den aktuell Sprechenden eindeutig zu identifizieren. Davon sind aber nur wenige Momente betroffen. Martin Heckmann dagegen fängt den sardonischen Stil stimmlich sehr gut ein. Die untermalende Musik von Stephan Wolff ist weitgehend passend, wenn auch unauffällig; in zwei Geschichten jedoch, Der junge Goodman Brown und Die Dualisten, wird der Höhepunkt der Geschichte mit einen Bruch im Musikstil markiert. Das scheint mir unangemessen zu sein, denn die Geschichte entwickelt sich nur konsequent zu ihrem Höhepunkt weiter, ein Bruch findet nicht statt. Das moderne Klänge diesen Moment markieren, scheint mir auch nicht einleuchtend. Doch auch dieses ist nur ein verhältnismäßig geringfügiges Problem.

 

Auf dem Cover sind sehr knappe, aber durchaus informative Texte zu den Sprechern, den Autoren und den Geschichten selbst zu finden.

 

Fazit:

Mit Teufelsbrut werden Hörern drei interessante Horrorgeschichten zugänglich gemacht. Die Auswahl der Geschichten ist hier besonders gut gelungen – es werden gleichermaßen unterschiedliche wie schöne Texte präsentiert. Die Inszenierung ist weitgehend gelungen, wobei Martin Heckmanns Leistung besonders gefällt. Wer unter Horror mehr als Geistergeschichten und Dämonenjagden versteht, kann mit diesen Geschichten ein paar gefällig unangenehme Abende verbringen.

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Eure Meinung:

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Hörbuch:

Teufelsbrut

Drei böse Geschichten

Regie: Stephan Wolff

musicalegenda, 2007

Musik: Stephan Wolff

Sprecher: Mario Hassert, Thomas Kästner und Martin Heckmann

Umfang: 3 CDs

Laufzeit: ca. 135 Minuten

 

ISBN-10: 394051800X

ISBN-13: 978-3940518002

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Nathaniel Hawthorne – Der junge Goodman Brown
  • M. R. James – Die Runenbeschwörung
  • Bram Stoker – Die Dualisten

Weitere Infos:


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Erstellt: 06.09.2007, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03