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Unheimliche Geschichten von Edgar Allen Poe

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Poes Werk war von Anfang an eine Provokation, das Modische, Unoriginäre war ihm verhasst. Das puritanische Amerika strafte ihn dafür mit übler Nachrede und Vergessen. Erst in Frankreich fand er posthum geistiges Exil, als niemand geringeres als Baudelaire ihn in den Rang setzte, der ihm gebührt, seine Werke in fünf Bänden übersetzte und kommentierte. Mit ebendieser Poe-Ausgabe von Charles Baudelaire beginnt die literarische Moderne. Andreas Nohl überträgt sie ins Deutsche und zeigt Poe, den großen Pionier, im Zeitalter von Copy & Paste und Epigonen auf der Höhe seiner Kunst.

 

Rezension:

Wer Krimis oder phantastische Geschichten mag, wird die eine oder andere Unheimliche Geschichte von Edgar Allan Poe kennen und wahrscheinlich auch bereits im Regal stehen haben. Darum muss man das Besondere an der neuen dtv-Ausgabe hervorheben.

Zum einen handelt es sich dabei um jene fünfbändige Ausgabe, die der französische Lyriker Charles Baudelaire ab 1865 in seiner Übersetzung herausgab und damit den US-amerikanischen Autor in Europa bekannt machte. Neben diesem kulturhistorischen Aspekt glänzt die Neuausgabe auch durch neue Übersetzungen.

So konnte der renommierte Übersetzer Andreas Nohl für eine aktuelle Übertragung der englischen Original-Texte von Poe gewonnen werden, während der nicht minder versierte Kristian Wachinger für die französischen Baudelaire-Anteile verantwortlich zeichnet.

Darüber hinaus besticht bereits der erste Band durch eine elegante Hardcover-Edition samt transparentem Schutzumschlag, farbigen Zwischenblättern und Lesebändchen, die geschickt zwischen Moderne und Klassik vermittelt.

 

Baudelaire ordnete die Kurzgeschichten in fünf Gruppen, wie Andreas Nohl in seinem Nachwort erläutert. Den Anfang bilden die berühmten Detektivgeschichten Der Doppelmord in der Rue Morgue und Der entwendete Brief in denen Poe seinen eigenbrötlerischen C. Auguste Dupin anhand von Deduktion scheinbar unlösbare Kriminalfälle lösen lässt. Wie bekannt sein dürfte, bilden diese beiden Geschichten die literarische Vorlage der Sherlock-Holmes-Fälle.

Poe erläutert in ihnen ausführlich das Prinzip der Deduktion und umhüllt das fast wissenschaftliche Traktat mit spannenden Mysterien, die sich in folgerichtiger Logik auflösen.

 

Ähnlich aufgebaut ist das Chiffrier-Rätsel in Der Gold-Skarabäus. Aus einem verrückt erscheinenden Verhalten wird eine akribische Herleitung zur Entschlüsselung einer Geheimschrift.

In der zweiten Gruppe der Geschichten finden sich zwei imaginäre Ballonfahrten. Ganz einem zeitgenössischen Journalismusstil verpflichtet, berichtet Ente einer Ballonfahrt sehr reißerisch von einer extrem schnellen Atlantikquerung mittels Ballon. Bereits der Titel weckt Zweifel an den Presseberichten und wirft auch auf den nachfolgenden Reisebericht seine Schatten. Dabei ist die Reise zum Mond in Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall über weite Strecken eine sehr technische Anleitung, die an Jules Vernes seitenlangen Enzyklopädie-Abschriften ebenso erinnert wie an die Schöpfungen moderner Hard-SF SchreiberInnen und zugleich in bitterböse Satire.

 

Es folgen zwei See-Abenteuer. »Manuskript in Flasche gefunden« ist ein sehr psychedelischer Ritt auf den Wellen eines gewaltigen Orkans an Bord eines Geisterschiffes. Düstere Phantastik, voller Tod, Melancholie und Zersetzung. Das Meer wird zum übermächtigen Gegner, dem der Mensch allein gehgenübersteht.

Wie auch in Ein Sturz in den Malstrøm. Es verwundert wohl nicht, dass Jules Verne wenige Jahre später die Nautilus in seinem Roman 20000 Meilen unter den Meeren in denselben Strudel stürzt. Schon Poe beschreibt den verlockenden Sog dieser Urgewalt.

 

In der nächsten Gruppe finden sich drei Geschichten, deren Thema der Mesmerismus ist. Ein heute völlig vergessener Begriff, der zu Poes Lebzeiten die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes elektrisierte. Die Mischung aus Hypnose, Magnetismus und Elektrizität offenbarte die auf dem damaligen Wissensstand beruhenden Erklärungen zu seltsamen Phänomenen, die scheinbar in einem direkten Zusammenhang zueinander standen.

So bieten sich in Die Fakten im Fall von M. Valdemar und in Mesmerische Offenbarung Möglichkeiten, über den Tod hinaus zu blicken, während der Tod selbst in Eine Geschichte aus den Ragged Mountains Bestandteil einer mesmerischen Erfahrung ist. Die von Poe eingestreuten Erklärungen sind aus heutiger Sicht ziemlich hanebüchen und verderben vielleicht die gruslige Stimmung, aber es bleibt stets dem einzigartigen Stil zu danken, dass sich das Grauen hinter den Ereignissen steigern und fortdauern kann. Das damalige Publikum dürfte dies umso mehr erfahren und verstanden haben.

 

Den fünften Part nennt Andreas Nohl »psychedelische Beschwörungen einer toten Geliebten«. Dabei handelt es sich in der Tat um eher typische Motive klassischer Schauer- und Vampyr-Geschichten. Sowohl Morella als auch das bekanntere Ligeia behandeln die bis zum Wahn führende Trauer. Der Wunsch, die verlorene Geliebte wieder zu bekommen, führt unweigerlich zu einer grauenhaften Erfüllung, deren unabwendbarer Horror gepaart ist mit einer morbiden Lust an Untergang und Selbstzerstörung, wie sie auch in Metzengerstein thematisiert wird.

Diese letzte Geschichte gehört ebenfalls in den Bereich der düsteren und phantastischen Begebenheiten, die man sich mit Gänsehaut und wohligem Schauer zur Erbauung erzählte und zementiert die Bedeutung, welche Edgar Allan Poe für die Horror-Literatur inne hat.

 

Der knapp achtzigseitige Anhang besteht aus Texten von Baudelaire rund um seine Poe-Ausgabe, sowie dem Nachwort des Übersetzers samt den Anmerkungen zum Text.

Baudelaire mühte sich intensiv, Edgar Allan Poe einem breiten Publikum bekannt zu machen. Dies spürt man vor allem in seinen biografischen Notizen und den Besprechungen Zu Hans Pfaall und Zu Mesmerische Offenbarung. Neben seiner Begeisterung für Poes Poetik, offenbart sich hier in der Auseinandersetzung mit Poes Alkoholsucht, der Versuch Baudelaires, das schriftstellerische Genie und den kranken Menschen zu einer Person zu verschmelzen.

Während Baudelaire in den Tagen seiner Herausgeberschaft als Lyriker noch keine Berühmtheit war, ist es heute ungemein spannender, der literarischen Inspiration hinterherzuspüren, die Poe für den Franzosen darstellte. Deshalb sind auch Nachwort und Anmerkungen von Andreas Nohl so interessant und versprechen einiges für die noch ausstehenden Bände.

 

Fazit

Mit der fünfbändigen, bibliophilen Neuübersetzung der Baudelairschen Edgar Allan Poe-Ausgabe holt man sich nicht nur einige seiner berühmtesten und wirkmächtigsten Geschichten ins Haus, man wirft zugleich einen Blick in jene Zeit, da die immense Bedeutung des dunklen Phantasten ihre allerersten Blüten trieb. Nicht zuletzt an den Blumen des Bösen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Unheimliche Geschichten

Original: Histoires extraordinaires, 1856

Autor: Edgar Allan Poe

Herausgeber: Charles Baudelaire

Übersetzer der Poe-Texte: Andreas Nohl

Übersetzer der Baudelaire-Texte: Kristian Wachinger

Gebundene Ausgabe, 421 Seiten

dtv, 10. März 2017

 

ISBN-10: 3423281189

ISBN-13: 978-3423281188

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B06XKKTW51

 

Erhältlich bei: Amazon

Unheimliche Geschichten:

  • Der Doppelmord in der Rue Morgue
  • Der entwendete Brief
  • Der Gold-Skarabäus
  • Ente einer Ballonfahrt
  • Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall
  • »Manuskript in Flasche gefunden«
  • Ein Sturz in den Malstrøm
  • DieFaktenimFallvonM.Valdemar
  • Mesmerische Offenbarung
  • Eine Geschichte aus den Ragged Mountains
  • Morella
  • Ligeia
  • Metzengerstein

Anhang von Charles Baudelaire

  • Widmung mit Gedicht von E. A. Poe
  • An Maria Clemm
  • Edgar Poe, Leben und Werk
  • Zu Hans Pfaall
  • Zu Mesmerische Offenbarung
  • Zu dieser Ausgabe

Weitere Infos:


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Erstellt: 27.03.2017, zuletzt aktualisiert: 01.12.2017 09:51