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Unterwegs von Jack Kerouac

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Als Samuel Delany Jack Kerouacs On the Road Ende der 50er Jahre las, war er sehr erstaunt, dass Sal Paradise's Reisen durch die USA in den Vierzigern spielte, so aktuell waren für ihn Sprache und Beschreibungen.

 

Rowohlt brachte den Roman bereits 1959 in einer Übersetzung durch den Jazz-Journalisten Werner Burkhardt heraus. Vermutlich bekam Burkhardt den Auftrag, weil Musik eine wesentliche Rolle im Leben Sals und vor allem im Denken seines Freundes Dean Moriarty spielte und Kerouac eine Menge Jazz-Größen im Roman auftreten ließ.

Die für die DDR lizenzierte Ausgabe erwähnt den Übersetzer nicht, vielmehr wird von einer berechtigten Übertragung aus dem Amerikanischen gesprochen, insoweit ist nicht klar, ob der Text mit der Rowohlt-Ausgabe identisch ist.

Das Nachwort des DDR-Anglisten Bernhard Scheller jedenfalls bemühte sich, den Text politisch einzunorden, was es zu einem besonderen Zeitdokument macht.

 

Der Roman entwickelt von Beginn an einen ganz eigenen Rhythmus. Kerouac bombardiert die LeserInnen mit schnellen Sätzen, voller Handlung, Personenbezüge und ungewohnten Adjektiv-Verwendungen. Das kann allerdings der Übertragung und vor allem der Entstehungszeit geschuldet sein, macht aber die Lektüre zu einer teilweise hektischen Achterbahnfahrt.

 

Sal Paradise lebt bei seiner Tante in New York. Er bezieht eine Rente als Kriegsveteran und brennt innerlich vor Lebenslust. Der Drang, einfach drauf los zu rennen, das Land mit den Füßen und vor allem mit dem Geist zu erfassen, verbindet ihn mit einer Reihe anderer junger Männer. Natürlich sind die Reisen immer auch Fluchtbewegungen. Man flieht vor Langeweile, später auch vor festen Bindungen und Verantwortung.

Aber die Straße ist eher wie eine Sucht. Sie treibt die unruhigen Geister voran und lässt sie immer wieder den Kick konsequenzenloser Freiheit erleben.

Sal ist dabei oft nur der Beobachter. Er beschreibt fast neutral, selbst die Szenen, in denen er der Motivator ist, klingen seltsam gelassen. Fast scheint es, als fehlte ihm das Schmerzempfinden, als sei seine rastlose Suche durch das Land sein Versuch, etwas wieder zu finden, dessen Verlust er gar nicht benennen kann. Kerouac vermeidet weitgehend psychologische Analysen. Man kann nur vermuten, das Sal vielleicht von Kriegserlebnissen traumatisiert ist. Aber darum geht es auch nur im Hintergrund.

Eigentlich ist gar nicht wichtig, warum sie durch die Staaten düsen, sondern nur, dass sie es tun.

 

Der beeindruckendste Charakter des Romans ist aber Dean Moriarty, eine Reminiszenz an Kerouacs Reise-Kumpel Neal Cassady. Heute würde man ihn Psychopath oder schizophren nennen, damals war einfach nur abgefahren, durchgedreht und verrückt. Der ideale Motor um Langeweile zu meiden und vor allem, Stillstand gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Dean erscheint vielleicht oft wie ein Narr, Scheller spricht vom heiligen Blödian, aber eigentlich ist er ein Mephisto. Zunehmend verrückter, stößt er jeden in seinem Umfeld an und vor den Kopf, aber immer so, dass sie etwas hinzugewinnen. Es ist vor allem die bedingungslose Lebensfreude, die immer wieder mitreißt. Dean öffnet den Blick für die Landschaft, für die Leute, für Musik. Immer wieder übertreibt er seine Begeisterung, weist damit aber auf all die Pracht hin, die selbst in einem behinderten Jungen steckt oder in einem klapprigen Auto.

Man beginnt ihm selbst den hanebüchenen Umgang mit seinen Freundinnen zu verzeihen, die er immer wieder mittellos und mit Kindern irgendwo zurücklässt. Überhaupt scheint das Land voll zu sein mit einsamen Mädchen. An jeder Ecke, im Fernbus, im Frühstückscafé, überall gibt es diese süßen Girls, denen das Leben vor allem Sehnsucht bescherte.

Heute hat man für diese Zeit unendlich viele Bilder im Kopf. Viel Hollywood natürlich. Aber Kerouac greift sich nicht die blumigen Lebensläufe heraus. Er lässt seine Figuren Alltag bestreiten, schickt sie hart arbeiten, hungern, herumlungern, Partys schmeißen, stehlen und vor allem rumvögeln.

Lotterleben würde die Elterngeneration von damals es nennen. Austoben die heutige.

Dabei entsteht aber ein großartig pralles Bild der USA und auch von Mexiko. Ein dichter Reiseführer, der im Kopf herumwirbelt, aber nie so weit überdreht, dass man das Gewinde verhunzt.

Wenn am Schluss Dean hinter der Straßenecke verschwindet, schwindet er nicht nur aus dem Leben von Sal, sondern auch aus unserem und man möchte am liebsten wieder zum Anfang zurück und erneut mit ihm in das weite und lebensdichte Amerika schauen. Den Blick offen und das Herz ohne Schatten.

 

Das Nachwort sollte man unter dem kritischen Blick auf die ideologische Linie in der DDR lesen. Man ging davon aus, dass KünstlerInnen eine politische Funktion ausüben. Dass sie Bestandteil einer revolutionären Bewegung sind. Verantwortung für die geistige Reife des Volkes tragen.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es Scheller wichtig ist, darauf hinzuweisen, wie wenig Kerouacs Figuren daran gelegen ist, die bloßgelegten gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Sie begehren nicht auf, kämpfen nicht für die Revolution, sind eigentlich völlig verloren. Schade dass Scheller nichts zur Figur des Carlo Marx sagt, dem traurig-poetischen Hochstapler mit dem düsteren Verstand. Er war Dean sofort sympathisch. Aber vielleicht wäre das schwierig auf Linie zu bringen gewesen.

Scheller arbeitet sich schon so genug ab. Die Beatnicks sind für ihn ziellos, Sal konvertiert zum Bürgertum und Dean stümpert weiter herum als »Rebell ohne Grund«.

Das Nachwort stammt in der letzten Fassung aus 1979 und zeigt sehr deutlich, wie man sich den Umgang mit Jugendkultur nach Biermann vorstellte. Jugendlicher Übermut ist ja ganz nett, aber er muss in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Kämpfer für die große Sache sind gefragt. So wundert es nicht, dass Scheller einen sowjetischen Amerikanisten heranzieht um den Beat-Schriftstellern jegliche Relevanz und nachhaltige Bedeutung für die amerikanische Kultur abzusprechen, außer einer historischen. Heute fragt man sich, wer noch an Herrmann Kants Steuermann-Rede denkt.

Ja, auch wir rennen manchmal unseren unerforschten Sehnsüchten hinterher und folgen einer Straße, deren Ende uns vielleicht genauso schnell vergisst wie wir sie.

 

Fazit:

Eine rasende Tor durch die USA der vierziger Jahre. Brennend, sehnsuchtsvoll und mit einer Detailfülle, wie sie kaum zu ertragen ist. Kerouac öffnet das Wesen einer Generation so weit, dass man hineingesogen wird in eine fast grenzenlose Unbekümmertheit. Eine eigene Definition vom Freisein.

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Buch:

Unterwegs

Original: On the Road, 1955

Autor: Jack Kerouac

Übersetzer: Werner Burkhardt

Reclam Leipzig, 1980

Taschenbuch, 348 Seiten

Nachwort: Bernhard Scheller

Cover: Friederike Pondelik

 

ASIN: B00CKEEGM2

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 04.08.2014, zuletzt aktualisiert: 29.03.2017 17:29