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Verseucht von Tim Curran

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Es wäre müßig aufzuzählen, wie oft unsere Erde schon in künstlerischen Elaboraten dem Erdboden gleichgemacht wurde – oder wie: Meteoriten, böse Außerirdische, Seuchen, Zombies, die neueste Staffel DSDS … ist alles auf die eine oder andere Art schon mal da gewesen.

Sicher, man kann die Autoren und Filmtreibenden durchaus verstehen, warum die Endzeit-Thematik so verlockend erscheint. Hier kann man ordentlich Rabatz machen; ohne Reue und (zumeist) ohne persönliche Konsequenzen. Die Welt als Spielplatz und nur mit dem Himmel als Grenze. Weniger überraschend ist daher wohl auch die Fortführung eines durchaus reellen Szenarios – dem Nuklearkrieg. Denn anders als eine, sagen wir, Zombieepidemie, ist solch eine Bedrohung alles andere als reine Fiktion. Sogar heute noch, mehr als 20 Jahre nach dem Kalten Krieg und dem damit verbundenen Wettrüsten, lauert der mögliche nukleare Holocaust weiterhin über unseren Köpfen; ist ein potenzieller Atomkrieg samt der unvorstellbaren Folgen alles andere als undenkbar, womöglich stehen bei all den gegenwärtig schwelenden Krisenherden die Chancen sogar so gut wie schon lange nicht mehr.

Albert Einstein höchstselbst behauptete einst, dass man sich nach dem Dritten Weltkrieg mit Stöcken und Steinen bekämpfen werde; eine traurige und gleichzeitig möglicherweise zu optimistische Einschätzung, bedenkt man das zerstörerische Potenzial eines weltumfassenden Atomkriegs. Insofern ist es nur verständlich, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr wenige mit besagten Folgen auseinander gesetzt haben. Selbst die größten Pessimisten nähern sich dem Thema bestenfalls mit Kneifzangen und verdrängen das Unvorstellbare, das nicht unbedingt ausschließlich fiktiven Ursprungs und wohl gerade deshalb ein so dermaßen heißes Eisen ist.

Von daher kann man es schon als mutig und herausfordernd bezeichnen, wenn sich der US-Autor Tim Curran mit den hässlichen Details der (post-)nuklearen Apokalypse befasst – in mitunter schockierend klaren Bildern von grausiger Intensität.

Ohne lange um den heißen Brei herumzureden, lässt er in seinem Zweitwerk Verseucht die Raketen fallen. Mittendrin in diesem Inferno: Rick Nash. Ein ganz gewöhnlicher Enddreißiger mit denselben Sorgen wie die meisten von uns; weit davon entfernt, ein klassischer Held zu sein. Lediglich ein guter Mann, der gemeinsam mit seiner Frau überleben möchte; trotz der eigentlich aussichtslos erscheinenden Umstände, die sich nicht nur auf den radioaktiven Niederschlag beschränkt. Nuklearer Winter, Kriegsrecht, marodierende Banden, Seuchen und nicht zuletzt eine allgegenwärtige Form von Paranoia stehen praktisch an der Tagesordnung.

Aber so sehr Rick auch kämpft; so beherzt seine Bemühungen sind – letzten Endes verliert er dennoch das für ihn Kostbarste: Seine Frau Shelly, der nicht mal eine menschenwürdige Bestattung vergönnt ist. Wer Tote zu beklagen hat, hat sie zur Entsorgung nach draußen zu schaffen, so die allgemeine Ansage des Militärs. Doch da spielt Rick nicht mit. Heimlich, still und leise möchte er Shelly im gemeinsamen Garten beerdigen, wird aber entdeckt und findet sich daraufhin in einem der zahlreichen Entsorgungstrupps wieder, deren einzige Aufgabe darin besteht, frische wie bereits verrottende Leichname aufzusammeln und buchstäblich in handliche Stücke zu verarbeiten; stets unter dem strengen und wachsamen Auge des sadistischen Sergeant Weeks, der es genießt, die Zwangsrekrutierten mit immer schlimmeren Abscheulichkeiten zu schikanieren.

Hier widerfahren Rick zudem zwei einschneidende Dinge. So erlebt er praktisch am eigenen Leib die Folgen der radioaktiven Verstrahlung – in Form von mutierten Würmern und Menschen. Gleichzeitig wird er in seinen (Alp)träumen von einer mysteriösen Wesenheit heimgesucht, die offenbar etwas Großes mit Rick vorhat. Aber was genau? Einbildung oder nicht, er ist gewillt, dem Rätsel auf die Spur zu kommen; um jeden Preis. Als es ihm und seinen Kumpels tatsächlich gelingt, der Schreckensherrschaft von Weeks ein Ende zu bereiten, macht er sich auf gen Westen; nicht ahnend, welche Schrecken und Leiden noch vor ihm liegen …

 

War Currans Vorgängerroman, Zerfleischt, schon alles andere als leichte Kost (die zudem für heftige Kontroversen sorgte), so ist »Verseucht« der metaphorische Rundumschlag; das literarische Gegenstück zu einer Messerklinge, die quälend langsam in die eigenen Eingeweide getrieben wird.

Erneut verzichtet Curran auf Andeutungen. Mit einer sonderbaren Mischung aus morbider Faszination und dem Auseinandersetzen mit dem Unvorstellbaren beschert er dem Leser einen heftigen, intensiven, schweißtreibenden und besonders sehr detailreichen Ausblick auf das Ende der menschlichen Zivilisation. Dementsprechend wird auch seinem Protagonisten nichts erspart, ob es sich dabei um mutierte Kinder, kultähnliche Kannibalengruppierungen oder völlig neuartige Kreationen aus dem Tier- wie Menschenreich handelt.

Ähnlich wie Robert McCammons sträflichst unterbewertetes Meisterwerk Swan Song (ein fast 900 Seiten langer Wälzer, der hierzulande in lächerlich gekürzter Form erschien), ist auch »Verseucht« ein Nonstop Tour de Force-Ritt, der dem Leser keine Atempause gönnen will und kann.

Dabei sorgen weniger die, durchaus vorhandenen, blutigen Einzelheiten für Unwohlsein als jene dichte Atmosphäre nihilistischer Beklommenheit, die sich lautlos aber entschlossen sowohl um den sympathischen und authentisch daherkommenden Rick Nash legt als auch um den Leser. Man leidet mit, man wendet sich ab, man muss das Gelesene verdauen – nur um festzustellen, dass Curran die hässlichsten Seiten unserer Zivilisation mit chirurgischer Präzision offen legt.

»Dies sind wir!« oder »Dies werden wir sein!« schreit es zwischen den Zeilen und macht eben aus diesem Grunde so sehr Angst. Denn Tim Curran hat den schmalen Grat erkannt, der die scheinbar so fortschrittliche, geordnete Ordnung von dem barbarischen, animalischen Rückfall trennt. Jedoch balanciert er nicht zwischen diesen beiden Welten, sondern stößt uns mitten hinein in die dunkle, endlose Jauchegrube. Sämtliche Konsequenzen werden bis zur Schmerzgrenze ausgespielt, wenngleich hie und da durchaus mal über das Ziel geschossen wird.

Dabei zitiert Curran nicht nur den zuvor erwähnten McCammon, sondern ruft auch die Geister von Stephen Kings The Stand, James Herberts Domain und Richard Mathesons Ich bin Legende herbei, allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad, so dass man keinesfalls von plumpem Ideenklau reden sollte. Nein, dieser Roman spricht mit der eiskalten und gleichermaßen eigenständigen Stimme von Tim Curran – und zwar nur von ihm. Wobei durchaus die Frage gestellt werden kann, welche Stimme zu ihm gesprochen hat. Ist jener übernatürliche Anstrich, dem er seinem Roman verpasst – und dessen Auflösung einem weiteren Tiefschlag gleichkommt – seine ganz persönliche Warnung an uns alle; seine Mahnung hinsichtlich unserer Gier nach technischem Fortschritt, die uns womöglich über den Kopf wachsen könnte? So oder so – mit Verseucht hat Tim Curran nicht mehr und nicht weniger als ein modernes Meisterwerk des Horrors geschaffen, das zugleich vormacht, wie der wahre Schrecken im 21. Jahrhundert aussieht. Definitiv ein Roman, den man nicht so schnell vergisst beziehungsweise vergessen kann.

 

Fazit:

»Verseucht« ist grausig, hässlich, unangenehm und sehr, sehr blutig; es ist eine schonungslose Abrechnung mit der Spezies Mensch und dessen unbändigem Streben nach Macht und Fortschritt. Es ist ein hässlicher Abstieg, der mitunter zur Grenzerfahrung wird. Es ist ein Roman, das nachdenklich und traurig stimmt. Es ist … ein Meisterwerk.

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Buch:

Verseucht

Original: Biohazard, 2010

Autor: Tim Curran

Übersetzerin: Usch Kiausch

Taschenbuch, 446 Seiten

Festa Verlag, August 2012

 

ISBN-10: 3865520995

ISBN-13: 978-3865520999

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B008OHZXQC

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230325173405f010961b
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Erstellt: 20.10.2012, zuletzt aktualisiert: 05.08.2019 19:15