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Wiener Roulette herausgegeben von Uschi Zietsch

Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Sie wollen wissen, wie Sie Ihre Rente hundertprozentig sichern können?

Sie wollen Tipps, wie man die ungeliebten, zeitraubenden Elternabende am besten übersteht?

Sie wollen prüfen, ob Aktien für Wasser eine zukunftsträchtige Investition wären?

Sie haben bisher nicht daran geglaubt, dass ein perfektes Fernsehprogramm tatsächlich möglich ist?

Sie haben vor, einen Dämon zu beschwören, um ein bisschen Spaß mit der attraktiven Frau des Chefs zu bekommen?

Sie können Weihnachten nicht finden?

Und - kennen Sie eigentlich Wien?

In diesem Buch werden Sie alle Antworten darauf finden, fachkundig präsentiert von renommierten Autorinnen und Autoren, deren aufwändige Recherchen zu erstaunlichen Ergebnissen führten. Kein Ratgeber im üblichen Sinne, aber das sind die Fragen ja auch nicht.

Mit einer kritischen literaturwissenschaftlichen Betrachtung als Einführung, die den Thesen sowie dem sprachlichen Hintergrund genau auf den Grund geht.

Mit Illustrationen, ausführlichem Glossar und Porträt der »geheimen Geheimgesellschaft Sentenza Austriaca«.

 

Rezension:

Die Anthologie Wiener Roulette beginnt mit einer »typischen Wiener Raunzerei« von Franz Rottensteiner, der in gedrechselten Worten eine pseudotheoretische Rezension des Folgenden darbietet und den Leser somit fachgerecht vor einem Buch warnt, das zum Großteil phantastische Satire bietet.

 

So ist denn auch die Titelgeschichte nach einer Idee von Ernst Vlcek ein heiteres Stück fastrealen Nonsens, wie er so durchaus denkbar ist. Auf der Jagd nach rentenverlängernden Genusspunkten stolpern die Figuren, ihren Autoren erstaunlich ähnlich, durch eine österreichische Welt, hart, brutal und fremd. Besonders Feinde von Leo Lukas kommen hier auf ihre Kosten, seine Fans sowieso. Dabei hat jeder der Autoren eine eigene Art der Darstellung und des Humors. Dass dennoch eine bezaubernde Geschichte daraus wurde, mag sowohl am Sujet, als auch an der sprachlichen Freiheit liegen. Zum Glück gibt es ein umfassendes Glossar der bayrischen und österreichischen Fremdwörter am Ende des Bandes, sodass solche Nettigkeiten wie Gspaßlaberln und Schneebrunzer nicht gänzlich unerklärt bleiben. Zumal sich die meisten Zusammenhänge schnell erkennen lassen. Auf jeden Fall eine großartige Teamarbeit und ein köstlicher Spaß. In Zukunft wird dringend angeraten, besonders im Umgang mit der Herausgeberin Vorsicht walten zu lassen. Der Verfasser dieser Zeilen weist sicherheitshalber darauf hin, keine Rentenansprüche erworben zu haben.

 

Da Leo Lukas tatsächlich mit komödiantischen Auftritten Geld verdienen kann, wundert es nicht, dass er einen seiner Texte, in Zusammenarbeit mit Michael Marcus Thurner, in der Anthologie unterbringen konnte. Der Elternabend findet genau so tagtäglich statt. Jedoch wird der Text live noch besser sein, da besonders die sprachliche Dramatik im Mittelpunkt steht.

 

Mit seiner teuflischen Geschichte Aus dem Leben des Thaddeslav Wyrmbrom beweist Michael Marcus Thurner einmal mehr sein Faible für witzige Horrorgeschichten, dem Splatter verpflichtet, und dennoch mit bösem Seitenblick auf Bürokratie und Alltagswahnsinn.

 

Nur ein kleiner Wapo von Ernst Vlcek steht dem in nichts nach. Die Science Fiction Story um eine heruntergekommene Alpenrepublik und Wasserknappheit präsentiert sich bitterböse mit vielen Details in einem sehr menschlichen Umfeld. Es gelingt Vlcek auf wenigen Seiten eine sehr komplexe Utopie zu entwerfen, ohne dabei weit von seiner Hauptfigur abzuweichen, die weder Held noch Antiheld ist und es irgendwie schafft, sich durchzuwurschteln.

 

Dass Uschi Zietsch bezaubernde Frauenfiguren erschaffen kann und sie mit fröhlicher Erotik zu umgeben weiß, ist kein Geheimnis. Umso schöner ist es, wenn sie diese Fähigkeit an einer bunten und filigranen Geschichte schärfen kann, wie es ihr mit Mein Wiener Flittchen wunderbar leicht gelang. Ihre wilde Phantasie geht hier mit ihr charmant durch und es ist zu hoffen, dass sie uns noch mehr über Chrysiridia, Bradpitt, Biloban und all die anderen zu berichten hat. Schön wäre es!

 

Michael Wittmann liefert nicht nur gewohnt treffende Illustrationen, mit Trance-Fusion steuerte er auch eine Kurzgeschichte bei, die zunächst recht gewöhnlich beginnt. Aliens und Talkshows sind eine gängige Verbindung, möchte man meinen, jedoch weiß Wittmann das auch und lässt seine Geschichte mit diesem Klischee selbst kokettieren. Das Schlussbild ist zudem so skurril wie symbolträchtig.

 

Auf die Erde zurück und mit einem tiefen langen Blick in unsere Herzen geleitet uns Regina Lysonek mit ihrer Weihnachtsgeschichte Weihnachtslos. Auch wenn diese zarte Geschichte so gar nicht zu den lustigen und satirischen Texten der Anthologie passen mag, bildet sie einen passenden Abschluss. Denn alle Geschichten eint eine Herzlichkeit, die irgendwo auf der Skala der allumfassenden Liebe angesiedelt ist und Humor erst möglich macht.

 

Fazit:

»Wiener Roulette« ist eine Sammlung vergnüglicher und tiefsinniger Geschichten, zum Teil phantastisch, in erster Linie aber durch und durch empfehlenswert!

Eure Meinung:

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Buch:

Wiener Roulette

Anthologie

Herausgeberin: Uschi Zietsch

Fabylon-Verlag, 2006

Taschenbuch, 234 Seiten

Umschlagbild: Alexander Vlcek

Innenillustrationen: Michael Wittmann

 

ISBN: 3927071153

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Vor-Wort – Franz Rottensteiner
  • Wiener Roulette – Ernst Vlcek
  • Der Elternabend – Michael Marcus Thurner und Leo Lukas
  • Aus dem Leben des Thaddeslav Wyrmbrom – Michael Marcus Thurner
  • Nur ein kleiner Wapo – Ernst Vlcek
  • Mein Wiener Flittchen – Uschi Zietsch
  • Trance-Fusion – Michael Wittmann
  • Weihnachtslos – Regina Lysonek

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.11.2006, zuletzt aktualisiert: 02.11.2018 16:20