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Wissenschaftliche Erzählungen von Charles Howard Hinton

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 10

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Charles Howard Hintons Wissenschaftliche Erzählungen, der zehnte Band der von J. L. Borges herausgegebenen Bibliothek von Babel, ist sehr ungewöhnlich zu rezensieren, da es sich bei drei Texten zwar um Fiktionen, jedoch nicht um Geschichten mit Figuren und Plot handelt: Die Einleitung, Eine flache Welt und Was ist die vierte Dimension? sind Gedankenexperimente mit Essay-Charakter. Der vierte Text, Der König von Persien, nimmt zwar etwa zwei Drittel der Seiten in Anspruch und dominiert damit den Band deutlich, verwendet außerdem Figuren und Plot – es scheint sich zunächst um ein Kunstmärchen im Stile der Geschichten von Tausendundeine Nacht zu handeln – doch sehr bald wird klar, dass es sich hier um eine soziologische Parabel handelt. Der Titel des Bandes ist daher gut gewählt: Es sind wissenschaftliche Erzählungen.

 

Die Geschichten im Einzelnen sind:

Einleitung (8 S.): Dieser Text führt in einige der Überlegungen bezüglich einer Welt mit nur zwei räumlichen Dimensionen ein. Hinton veranschaulicht das Gedankenexperiment folgendermaßen: Man stelle sich einen Tisch vor; die Platte hat zwei Dimensionen. Darauf lege man eine Scheibe aus Papier; dieses ist die Welt. An die Kante der Papierscheibe stelle man nun eine Figur aus Papier; dieses ist ein Bewohner der Welt. Für ihn gibt es nur zwei Richtungen: Vorwärts und rückwärts ist klar. Zum Mittelpunkt der Scheibe hin ist unten und vom Mittelpunkt weg ist oben.

Eine flache Welt (32 S.): In diesem Essay werden die Vorüberlegungen der Einleitung zum Leben im zweidimensionalen Raum aufgegriffen und weiterentwickelt. Dabei werden Fragen behandelt, wie die Bewohner der Scheibenwelt, an einander vorbei gelangen, wie ihre Häuser aussehen (die nicht auf beiden Seiten gleichzeitig geöffnete Türen haben können) und wie ihre Wagen konstruiert sind (die ohne Achsen auskommen müssen). Es wird die eigenartige Physiognomie der Männer und Frauen, sowie sich daraus ableitendes soziales Verhalten beachtet und in einem Appendix sogar auf die veränderten Gesetze der Kräfte im Raum eingegangen; zahlreiche Diagramme veranschaulichen die Überlegungen.

Man fragt sich unwillkürlich wie ernst Hinton diese Überlegungen waren – wenn er sich eine Sage ausdenkt oder erklärt, dass Väter ihren Söhnen nur dann ins Gesicht schauen können, wenn sie diese auf den Kopf stellen, dann ist die Grenze zum trockenen Humor weit überschritten, auch wenn der wissenschaftliche Tonfall konsequent durchgehalten wird.

Was ist die vierte Dimension? (2 S.): Unter diesem Titel veröffentlichte Hinton einen höchst einflussreichen Artikel, in dem er die Zeit als vierte Dimension zu etablieren versuchte – Albert Einstein folgt ihm hierin. Der vorliegende Band enthält jedoch nur die einleitenden und ausblickenden Worte – um den meisten Nutzen aus den Wissenschaften zu ziehen, müssten diese im Einklang stehen; dann folgt eine kleine, aber sprachlich hübsche Parabel auf konkretes und abstraktes Denken.

Der König von Persien (97 S.): Auf der Reise durch sein Reich wird der König von Persien von seinen Begleitern getrennt und gelangt in ein weitläufiges Tal. Aufgrund seltsamer Umstände erleiden die Bewohner ebensoviel Leid wie Lust bei jeglicher Handlung – und verweilen daher in Lethargie. Da trifft der König auf den Demiurgen des Tals. Dieser zeigt dem König, wie man einen Teil des Schmerzes übernehmen kann, so dass die Taten für die Bewohner angenehm werden. Damit erhält der König große Macht über die Bewohner des Tals, denn instinktiv führen sie die angenehmen Tätigkeiten aus, die ja vom König als lustvolle eingerichtet werden. Nach und nach richtet dieser einen komplizierten Plan ein, der eine Gesellschaft formt, wie sie – mehr oder minder – seinen Vorstellungen entspricht. Er selbst kann jedoch keinen Kontakt zu den Bewohnern aufnehmen und vereinsamt immer mehr.

Der Schauplatz ist ein Tal im persischen Reich vermutlich des Mittelalters – die Antike ist als Handlungszeit aber auch denkbar. Von einem historischen Roman ist der Gebrauch des Setting aber weit entfernt, da es bloß als Kulisse für die Parabeln dient, die Hinton erzählen will. Da menschliches Handeln thematisiert wird, welches extrem von der Umwelt des Ortes abhängig ist, ist es jedoch eher eine sonderbare Form des Milieus als des Ambientes.

Die Figuren sind bloße Stichwortgeber – sie tragen nicht einmal Namen. Da ist der König, der das Tal nach seinen Vorstellungen gestalten will, der Demiurg, der dem König die Macht dazu verlieh, und der Schüler, der den Plan des Königs durchschaut und ihm Helfen will. Einen differenzierten Charakter haben sie nicht, sie haben kaum genügend Eigenschaften um sie als Archetypen zu begreifen.

Ebenso sieht es mit dem Plot aus. Dieser ist nun am ehesten als Mischung aus Verschwörungsgeschichte und Dynastic Fantasy zu beschreiben – ein Secret Master formt über Generationen hinweg die Gesellschaft nach seinen Wünschen. Doch wie schon beim Setting und den Figuren dient der Plot nur dazu, die Parabeln zusammenzuhalten.

Es sind drei Parabeln, die hier verknüpft werden. Da wird zunächst als grundlegende Motivation für menschliches Handeln festgestellt, dass der Handelnde hierin einen Vorteil für sich sieht – nach Hinton ist der Mensch im Kern ein egoistisches Wesen. Die zweite Parabel führt gesellschaftlich Entwicklungen auf dieses nach persönlichen Vorteil ausgerichtete Verhalten zurück und versucht aufzuzeigen, warum Gesellschaftsmodelle, in denen große Teile der Bevölkerung für sich keinen Vorteil sehen, nicht auf lange Zeit bestehen können. Die dritte Parabel befasst sich dann mit dem Wesen Gottes und geht die Frage an, wie ein guter Gott böse Dinge geschehen lassen kann. Hier wird Hintons Interesse an Theosophie widergespiegelt; dieses ist meiner Ansicht nach die interessanteste Parabel.

Die Parabeln sind nicht als wissenschaftliche Erklärung zu nehmen – die Realität ist natürlich wesentlich komplexer als die Fiktionen – aber sie geben durchaus bedenkenswerte Anregungen.

Selbstverständlich gibt es auch hier einen längeren Exkurs, in dem detailliert erläutert wird, wie viele Schmerz-Einheiten pro Handlung verwendet werden und wie die Gefühlsintensität im Laufe der Zeit abnehmen muss, damit höher Tätigkeiten auf den basalen etabliert werden können.

Erzähltechnisch ist das Werk nicht sonderlich auffällig; die Perspektive ist zwar auktorial, wirkt aber aufgrund des lakonischen Tonfalls objektiv. Der Handlungsaufbau ist zwangsläufig episodisch und progressiv. Der Stil erinnert zwar anfangs an ein Kunstmärchen, nimmt im Laufe der Geschichte jedoch einen nüchterneren Ton an.

 

Fazit:

Der Band Wissenschaftliche Erzählungen ist zweifellos nichts für Leser, denen an spannenden Plots oder differenzierten Figuren gelegen ist. Wer jedoch Utopien mag und ungewöhnliche Gedankenanstöße sucht, wird in diesen bizarren Weltenentwürfen fündig werden. J. L. Borges hat mit den Essays und Parabeln Ch. H. Hintons die Bibliothek von Babel wiederum um einen neuen und sehr ungewöhnlichen Aspekt erweitert.

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Wissenschaftliche Erzählungen

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 10

Autor: Charles Howard Hinton

Edition Büchergilde; Juli 2007

Hardcover, 151 Seiten

ISBN-10: 3940111104

ISBN-13: 978-3940111104

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 11.07.2007, zuletzt aktualisiert: 02.11.2018 16:20