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Zwei Engel der Nacht herausgegeben von Jörg Weigand

Anthologie

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

»Irreführung!«, schreit es spätestens nach Beendigung der ersten Geschichte OHNE geflügelten Himmelsboten. Was im Grunde richtig, aber auch wiederum falsch ist. Denn nicht jeder versteht unter einem Engel zwangsläufig einen göttlichen Abgesandten. Die exzellent ausgesuchte Riege der Teilnehmer über weite Strecken ebenso wenig. Und, ganz ehrlich: es ist doch gerade die Vielfalt, die einer Anthologie erst die richtigen Geschmack und den passenden Drive verleiht, oder?

 

Altmeister Wolfgang Hohlbein zählt dabei übrigens zu den wenigen Autoren, die sich relativ präzise an die Vorgabe gehalten haben. Seine Eröffnungsgeschichte, Engel der Nacht handelt vom Dialog des im Sterben begriffenen Monsignore Gerber, der kurz vor seinem Ableben besagte Unterredung mit einem Engel sucht – und eine schockierende Wahrheit erfahren muss …

Hohlbeins Beitrag ist wirklich gelungen, und kann durch seine fast schon als intim anmutende Atmosphäre sowie nicht zuletzt ob der konsequent-überraschenden Wendung ausnahmslos punkten.

 

Große Schuhe also, in welche die gleichermaßen sympathische und umtriebige Autorin Uschi Zietsch respektive ihr Beitrag Mein ist die Nacht zu treten hat. Dem Titel mag ein reißerischer Hauch anhaften – die Geschichte selbst ist es nicht. Stattdessen hat die gebürtige Münchnerin eine Erzählung verfasst, der in derselben Weise berührt und aufwühlt. Ihre Thematik – Kindesmissbrauch – mag ziemlich harter Tobak sein, ist aber dennoch ein Subjekt, vor dem niemand die Augen verschließen darf. Auch nicht in der Phantastik. Kinder brauchen Schutzengel – auch menschliche. Ein unglaublich starker Beitrag.

 

In Nachtwanderung des gebürtigen Bremers Jan Osterloh geht es danach etwas entspannter zu. Mittelpunkt ist dabei der entnervte Lehrer Hans Günther Groot, der gemeinsam mit Kollegium und Schülern eine Nachtwanderung durch die Eifel angetreten hat – sehr zum eigenen Missfallen, wohlgemerkt. Bis er auf ein Waldmännchen stößt, das Groot um einen ganz speziellen Gefallen bittet …

»Nachtwanderung« ist durchaus routiniert und kurzweilig, fällt aber im Vergleich mit dem Vorgänger schon fühlbar ab. Dennoch: schlecht ist anders.

 

Elisabeths letzte Reise von Karla Weigand nähert sich daraufhin wieder etwas handfester der thematischen Vorgabe. Die Konfrontation mit dem Thema »Tod« und der Frage nach dem danach mutet bisweilen ein wenig verspielt, ja verträumt an; allerdings ist es genau diese Form der Prosa, welche die Geschichte so lesenswert macht und ihr einen Teil der Schwere raubt. Manchmal kann das vermeintliche Ende eben doch ein Anfang sein …

 

Jörg Kastner, der eigentlich mehr für seine phantastischen Romane bekannt ist, denn für futuristische Dystophien, hat mit Verboten genau solch eine Geschichte abgeliefert. Die Versatzstücke mögen ganz klar von Bradbury und George Orwell abstammen, die Botschaft bleibt dennoch wichtig und gewichtig: Stichwort Bücher und Zensur.

 

Danach bittet uns die vorwiegend als Journalistin in Erscheinung getretene Autorin Katja Göddemeier zum Rendezvous am See. Auch dieser Titel erscheint ein wenig irreführend, da es hier anstelle von verspielter Romantik eine ernsthafte und sorgsam verfasste Geschichte über Trauer und Verlust zu entdecken gibt. Feinfühlig, anmutig und melancholisch.

 

Leider fällt die bislang stets nach oben gerichtete Kurve mit der Story Sasquatch von Frank G. Gerigk deutlich ab. Die Titelgebende, von Rache getriebene legendäre Bestie, welche nach einem Gangster-Quartett trachtet wirkt einfach fehl am Platz und ist bisweilen zu wirr, um unterhaltsam zu sein. Fraglos der schwächste Beitrag.

 

Danach obliegt es Rainer Schorm, diese Scharte wieder auszuwetzen. Tineidae heißt seine Geschichte, nicht aber deren »Heldin«. Diese entpuppt sich nämlich als Femme Fatale, welche die männlichen Bewunderer scharenweise ins Licht lockt wie Motten – und mit ähnlich fatalen Konsequenzen. Eine weitere stimmige, temporeiche Geschichte aus Schorms Feder – davon könnte es gerne mehr geben!

 

Nach Wolfgang Hohlbein stellt Gisbert Haefs das zweite, hervorstechende literarische »Schwergewicht« dieser Anthologie dar. Logisch also, dass man auch hier entsprechend viel erwarten darf. Die Nacht gestalten entführt uns in die Vergangenheit; orientalischer Touch inklusive. Am Lagerfeuer in der Wüste wird über Dämonen palavert und wir lernen, dass besagte Kreaturen auch schon vor 2000 Jahren ungehobelte Zeitgenossen waren. Eine – für meinen Geschmack – etwas zähflüssige Erzählung ohne besondere Momente. Guter Durchschnitt, mehr nicht.

 

Jörg Weigands Der Gesang der schwarzen Kiefern macht es daraufhin nur bedingt besser. Schade, denn die Grundidee ist wirklich originell.

 

Da weiß Manfred Borchards Bericht an keine Akademie schon eher zu überzeugen, obwohl besagte Darlegung bisweilen an eine persönliche Reflexion des phantastischen Elements in der Literatur erinnert. Trotzdem ein einwandfreier, origineller Beitrag.

 

Den Preis für die wildeste Erzählung darf sich ohne Wenn und Aber Helmut Ehls abholen kommen. In Sieben von neuen Glocken nehmen wir am wilden, ungezügelten, verrückten Leben einer Muse teil; ein Trip, der von Anfang bis Ende Laune macht – nicht zuletzt dank zahlreicher, offensichtlicher Genre-Referenzen.

 

Monika Niehaus kreuzt in Diesseits von Eden sehr gekonnt Phantastik mit Science Fiction. Ihre Protagonistin ist im Sterben begriffen, allerdings gibt es noch einen Ausweg, der viel, sehr viel von ihr verlangt …

Ein weiteres Highlight; gekonnt, routiniert und kurzweilig.

 

Attribute, die man auch Von Menschen und Wölfen von Markus Kastenholz attestieren kann. Wenngleich der Titel im Grunde alles über die Natur seiner Geschichte aussagt und die Thematik nüchtern betrachtet ein alter Hut zu sein vermag, so poliert der Autor das anscheinend hässliche Entlein auf und präsentiert einen wunderhübschen Schwan. Fraglos ein weiterer Höhepunkt des Bandes.

 

Zum Abschluss gibt es nochmals einen Engel der Nacht – oder handelt es sich um einen Schreibfehler? Tut es nicht. Corinna Kastners Abschlusserzählung hat den gleichen Titel wie die erste Story von Wolfgang Hohlbein, was wohl nun auch den Namen der Anthologie erklären dürfte. Zum Schluss serviert uns die Autorin abermals eine vermeintliche Rachegeschichte – diesmal steht ein hartherziger Fabrikbesitzer im Fokus – samt überraschender Wendung. Die nächste großartige Geschichte und ein mehr als würdiger Abschluss.

 

Fazit:

Trotz einiger, im Grunde marginaler Schwächen, stellt »Zwei Engel der Nacht« eine wahrlich mustergültige Phantastik-Anthologie dar, deren weit reichendes Spektrum gleichermaßen spannend, abwechslungsreich und erfrischend ist. Das mitunter auch sperrige Szenen und brisante Thematiken aufgegriffen werden, lässt das Buch nur interessanter werden. Abgerundet wird der mehr als empfehlenswerte Band zudem von Rainer Schorms passendem Cover und den ausnahmslos gelungen Innenillustrationen aus der Feder von Andrä Martyna. Sehr zu empfehlen!

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Eure Meinung:

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Buch:

Zwei Engel der Nacht
Herausgeber: Jörg Weigand
Fabylon-Verlag, 18. Februar 2011
Taschenbuch, 256 Seiten
Cover: Rainer Schorm
Illustrationen: Andrä Martyna

ISBN-10: 3927071331
ISBN-13: 978-3927071339

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Wolfgang Hohlbein: Engel der Nacht
  • Uschi Zietsch: Mein ist die Nacht
  • Jan Osterloh: Nachtwanderung
  • Karla Weigand: Elisabeths letzte Reise
  • Jörg Kastner: Verboten
  • Katja Göddemeyer: Rendezvous am See
  • Frank G. Gerigk: Sasquatch
  • Rainer Schorm: Tineidae
  • Gisbert Haefs: Die Nacht gestalten
  • Jörg Weigand: Der Gesang der schwarzen Kiefern
  • Manfred Borchard: Bericht an keine Akademie
  • Helmut Ehls: Sieben von neun Glocken
  • Monika Niehaus: Diesseits von Eden
  • Markus Kastenholz: Von Menschen und Wölfen
  • Corinna Kastner: Engel der Nacht

Weitere Infos:


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Erstellt: 15.10.2011, zuletzt aktualisiert: 14.06.2021 16:02